g20k - Dilettanten gesucht

dilettarsi, ital. = sich erfreuen, herumbasteln

Mein Baum; Tony GuytonTreehouse PointIssaquah, Washington https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Mein Baum – Entwicklungsaufgaben III

Plot: Ayodele nimmt eine futuristische Dusche und muss sich noch noch um seinen Baum kümmern.
Exkurse: Idee global – Umsetzung lokal, Body-Server, futuristische Botanik

weiterlesen

Virtuelle Realität? Vincent van Gogh: Sternennacht, Public Domain

Virtuelle Realität – Entwicklungsaufgaben II

Plot: Ayodele erwacht nach einem seltsamen Traum und und beginnt seinen Tag. Dabei streift er gedanklich immer wieder das Thema „Virtuelle Realität“.
Exkurse: Drogen, Kybernetik, Wirtschaft und Umgang mit Flüchtlingen früher und heute.

weiterlesen

Universität Leipzig, allerdings Physikvorlesung statt Integration; Bundesarchiv, Bild 183-1988-0107-006 / CC-BY-SA 3.0

Integration – Entwicklungsaufgaben I

Plot: Eine Vorlesung zum Thema „Integration“, eine triviale Begebenheit, und doch ist da irgend etwas komisch, bemerkenswert, seltsam.  Ein Dejavu?


Ein kleines Vorlesungsminütchen für den Prof…

Der gleißend helle Lichtstrahl, den der Overheadprojektor an die Wand wirft, wird zur Hälfte von den schwarzen Buchstaben verschluckt, die der vorherige Dozent auf die Folie gekrakelt hat. Nun gesellt sich die Überschrift für die jetzige Vorlesung dazu.

„Die Entwicklungsaufgaben von Havighurst unter besonderer Anwendung auf Menschen mit unterbrochenen Biografien und / oder Migrationstraumata nach Anna Gram und Asmus Pitalik“

Ich brauch nen Kaffee!

Leise und dadurch umso eindrücklicher beginnt der Professor zu sprechen: „Herrschaften, ich bin mir bewusst, dass eine große Anzahl von Idealisten und Weltverbesserern unter Ihnen in den Reihen sitzen. Vielen mag das, was ich ihnen gleich über Integration erzähle, unmenschlich erscheinen. ‚Er denkt nur an Steuergelder!‘, werden Sie sagen. ‚Er vergisst die Menschen! Er vergisst das Ikigai!‘, werden Sie die Nase verächtlich rümpfen.

Ich weiss, dass diese Vorlesung nur sehr schlecht in den aktuellen ‚Verwirkliche-Dich-Selbst‘-Mainstream passt. Aber wenn Sie nur Ihre eigene Meinung hören wollten, dann müssten Sie ja nicht so früh aufstehen.“ Schwer zu sagen, ob das ein trockenes Husten oder ein trockenes Lachen war.

„Jedenfalls möche ich Ihnen schon im Voraus zu bedenken geben, dass Religion oder Nation die Menschen spalten, während die gemeinsame Gier nach Profit die Menschen verbindet. Es kommt nicht von ungefährt, dass beliebte Handelsplätze auch sehr oft kulturelle Schmelztiegel sind.“ Er hält inne und mustert still zwei Studentinnen, die sich in einer der vorderen Sitzreihen leise, aber lebhaft unterhalten.

„Die beiden Kommilitoninnen in der dritten Reihe. Ja, Sie meine ich. Bitte verlassen Sie den Saal. Ich lege keinen Wert auf Ihre Anwesenheit!“. Stoisch lässt er seinen Blick so lange auf den beiden ruhen, bis diese schon beinahe fluchtartig den Vorlesungssaal verlassen haben.

Nun setzt er wieder an: „Ich werde Ihnen in Folgendem zunächst die Präzisierungen aufzählen, mit der Anna Gram und Asmus Pitalik die altehrwürdigen Entwicklungsaufgaben von Havighurst mit Hinblick auf Menschen mit gebrochen verlaufenden Biografien ergänzt haben“.

„Erstens wäre das die Überwindung von Traumata und Integration in bestehende Norm- und Wertstrukturen. Zweitens folgt die Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Drittens schließlich folgt ‚Familie und soziale Teilhabe‘.“

Eingliederung in den Arbeitsmarkt

Zufrieden legt er ein Blatt seines Manuskripts auf die Seite und blickt von seinem Gekrakel auf. „Sie wissen ja, dass immer noch ein Großteil der Wähler dem konservativen Milieu entspringt.  Angehörigen dieses Milieus hatten und haben schon immer, Verlust- und Abstiegsängste. Das sagt ja schon das Wort ‚konservativ‘, lateinisch konservare, schlagen Sie das nach!

Jedenfalls kann man die Verlustängste nur dadurch lindern – nicht nehmen, nein, nehmen kann man Ihnen diese Ängste fast gar nicht. Lindern kann man die Ängste aber, indem man den Wähler möglichst oft mit Statistiken konfrontiert, die dokumentieren, wie viel der werte Wähler durch die neuen Bedingungen gewinnt und – vor allem – dass er nichts verliert.
Es muss betont werden, wie sehr die Zugewanderten unsere Steuer-Situation entlasten und zum Staatswohl beitragen. Insofern ist dieser zweite Punkt in der Liste eigentlich der wichtigste.“

Traumata-Bekämpfung und Integration

Zufrieden lauscht der Redner dem nicht vorhandenen Echo auf seine Worte hinterher. „Der erste Punkt ist gewissermaßen die ‚conditio sine qua non‘. Für die Erstsemester und andere, die der schönen lateinischen Sprache nicht mächtig sind:“, er grinst abschätzig ins Auditorium, „Damit ist gemeint, dass es ohne Integration und die Bewältigung von Traumata nicht geht.

Wenn jemand die Sprache noch nicht kann oder an Depression und Schlaflosigkeit leidet, dann kann sich derjenige nun mal nicht auf das Zuschneiden von Werkstücken konzentrieren.  Somit ist es nur schwerlich bis gar nicht möglich, eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu erreichen. Aber denken Sie daran. Das Ziel der Heilung ist die Zuführung zum Arbeitsmarkt. Es geht keineswegs um eine Reflexion über Selbstverwirklichung oder ähnliche Fisematenten.“ Gelassen führt der Redner ein Glas Wasser an den Mund, um mit einem kräftigen Zug den sich ankündigenden Frosch im Hals hinunterzuspülen.

Familie und soziale Teilhabe

„Der dritte Schritt, dazu brauche ich vermutlich nicht all zu viel zu sagen: je mehr das Interesse auf das Wohlbefinden von Familie und Freunden gerichtet ist, desto windschlüpfriger verhält sich der Mensch zu seinen Vorgesetzten. Das kommt dann wiederum der Wirtschaft sehr gelegen.

Es sei denn natürlich, man befindet sich in einem Berufsbild, in dem der Karrierismus allein schon die nötige Stromlinienform mit sich bringt, Consulting, zum Beispiel. ‚Up or out‘ und solche Späße. Aber das dürfte für die hier besprochene Klientel eher von minderer Bedeutung sein.“

… eine Ewigkeit für die Zuhörerschaft!

Ha! Jetzt müsste sich eigentlich gleich wieder mein Sitznachbar zu mir umdrehen. Schon spüre ich, wie sein Wollpulli meinen Ellbogen berührt und es zischelt mir sehr warm und feucht ins Ohr „Nicht aufmucken, sich ausbeuten lassen und vor lauter Programm und Tamtam die wirklich wichtigen Themen vergessen!“

Ich wende mich ihm zu und nicke – auch um etwas Distanz zur Feuchtigkeitsquelle zu bekommen. Mein Blick wandert hinüber zum rechten Zugang des Hörsaals, denn dort müsste jetzt eigentlich gleich…

Schon geht die Tür erst einen Spalt, dann einen Kopf breit auf, dann noch ein Stück und vorsichtig schiebt sich eine junge blonde Dame mit Schal und dicker Regenjacke hindurch. Dann ein Schritt, zwei, drei Schritte, vier und mit jedem Schritt wächst die Verunsicherung in den Gesichtszügen.

Sie sieht so zerbrechlich aus, wie sie dort in ihrem Daunen-Panzer steht. Die Wangen sind sichtbar von der Kälte gerötet, die Augenbrauen entschlossen zusammengekniffenen. Ihr Blick wandert hin zum Professor, dann zur Tafel und schließlich zu den ersten Reihen der Zuschauertribüne.

Auf den Absätzen ihrer hellbraunen Stiefel macht sie eine 180 Grad-Wendung zurück zur Tür – spät genug, um doch noch die überraschten Blicke des Professors auf sich zu ziehen. Aber sie ist doch noch rechtzeitig genug, um seinen berüchtigten Schlagfertigkeitsradar zu unterlaufen. Schulterzuckend wendet er sich wieder mit sonorer Stimme der Overhead-Folie zu.

Kreditvertrag statt Weltverbesserungsagenda

„Bläuen Sie es Ihrer späteren Kundschaft ein, egal ob es sich um Arbeitslose, schwer erziehbare Jugendliche oder Menschen ‚in statu migrandi‘ handelt. Es geht erst mal darum, das Machbare zu erreichen.  Ein Job, ein Partner, eine Familie, Freunde – das ist doch schon mal viel wert! Und wenn erst mal der Kreditvertrag für die nächsten zwanzig Jahre unterschrieben, das Häuschen erstanden und das Baby auf dem Ultraschall erkennbar ist, dann hat es sich mit weltbewegenden Träumen sowieso erledigt.

Das wiederum garantiert in der Summe ein geordnetes Wirtschaftsleben und eine stabile Regierung. Wenn diese wiederum in aller Ruhe und in maximaler Einigkeit regiert, dann ist das Ziel erreicht. Alles andere birgt nur die Gefahr für kolossale Enttäuschung. Das kostet Geld statt eben solches in die Taschen des Staates zu spülen. Dank diesen Geldes – und unserer großzügigen Uni-Sponsoren aus der Privatwirtschaft – sitzen Sie heute hier und dürfen mir zuhören.“ Er grinst breit.

„Sollte auch unter Ihnen übrigens noch der eine oder andere einer romantischen linken Weltverbesserungsagenda folgen, rate ich Ihnen das Gleiche. Denken Sie nicht so viel nach, schon gar nicht darüber wie etwas sein sollte und könnte. Das macht nur Kopfschmerzen. Falls Sie nach Revolution dürsten: denken Sie über Kinder nach! Gründen Sie eine Familie! Da haben Sie bald ganz andere Gedanken!“

Flucht

Den letzten Halbsatz habe ich schon gar nicht mehr gehört, da ich nun schon die ganze Zeit in Richtung des nunmehr linken Hörsaal-Zugangs luge. Dort öffnet sich mit einem leisen Klick, der mitten in eine kurze Sprechpause des Professors fällt, die linke Hörsaal-Tür. Weiblich, dicke Jacke, blond und innerhalb kürzester Zeit rot leuchtende Wangen – da ist sie wieder! Ein Schritt, zwei, drei Schritte – keine vier.

Folgernd aus den etwa zweihundert nach links wandernden Augenpaaren hat sich wohl auch der Professor logisch erschlossen, was gerade geschieht. Dennoch hält er immer noch, den Kopf nach vorne gewandt, sein Auditorium fest im Blick.

Nun aber, greift er genau den richtigen Moment an der Spitze des Spannungsbogens ab wie eine reife Pflaume. „Andere Tür…“, setzt er an und wendet den Kopf spöttisch lächelnd der verloren wirkenden  Studentin zu, „… aber immer noch der selbe Raum und die selbe Vorlesung, meine Liebe!“

Das Tosen des Gelächters von zweihundert Personen wallt auf. Die Welle wogt, ohne  zu brechen, während das Mädchen mit riesigen Augen langsam umherschaut. Dabei formt sie mit dem Mund zwei Worte, die wegen des Lärms nicht hörbar sind. Wobei, vielleicht wären sie selbst bei leeren Rängen nicht hörbar gewesen.

Dann endlich stolpert sie rückwärts in Richtung Tür. Sie greift mit einer Verrenkung nach der Türklinke, ohne die Bedrohung auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Nun endlich wendet sie sich der Tür zu, lehnt sich nach hinten als gelte es, eine Lokomotive zu ziehen. Die Flüchtende strauchelt fast, als der anfangs schwergängige Mechanismus nachgibt und verschwindet schließlich in Windeseile durch die Öffnung.

Fortsetzung: Virtuelle Realität

Erstmals veröffentlicht am 26. Okt 2015 @ 02:05

Die Zukunft mag alte Wallpaper; Paul Hoi, Zhangjiajie National Forest, published under Creative Commons, Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)

Zukunft – Entwicklungsaufgaben XXI

Exkurse: Was bringt die Zukunft der Zukunft?
Plot: Die träumende Kati wird durch eine neue Wissenschaftsdisziplin verletzt – und wieder geheilt.

Wichtiger Hinweis:
Im Gegensatz zu den anderen Texten auf dieser Seite, die unter Creative Commons-Lizenz stehen, sind für diesen Beitrag explizit alle Rechte vorbehalten.

Vorspann

Dicht vor mir klettert das Mädchen etwa dreieinhalb Meter schräg nach hinten oben und duckt sich schließlich, ohne dass ich erkennen könnte, warum. Erst als ich aufrücke, sehe ich dass die Luft vor mir genau an einem Punkt zu pulsieren scheint wie ein Herz, das immer wieder kontrahiert und sich ausdehnt.

Die Unbekannte gestikuliert mir, dass sie bis drei zählen wird und wir dann beide in Richtung pulsierender Punkt greifen sollen. Ich nicke und schon geht es los: Eins, zwei, …!

Kein Traum von einem Büro.
Nur ein Traumbüro

Ich schließe die Augen zum Blinzeln und als ich sie wieder öffne, eine tausendstel Sekunde später, sehe ich etwas völlig anderes. Ich bin an einem völlig anderen Ort; alles innerhalb eines einzigen Wimpernschlages. Der Körper – ok, der Traumkörper – befindet sich noch in exakt der gleichen Bewegung, aber diese Bewegung findet plötzlich an einem völlig neuen Ort statt. Du drückst den Knopf auf der Waschmaschine und plötzlich drückst du den roten Knopf in einer Abschuss-Zentrale für Atomraketen. Ok, ich dramatisiere. Aber genau so fühlt sich die Irritation, die Unsicherheit in  meinen Fingerspitzen an.

Wir stehen leicht gebeugt an einem elegant geschwungenen weißen Schreibtisch und berühren mit unseren Handflächen die Aura einer schwarzen Kugel, die schwerelos über einem runden Sockel schwebt. „Wo sind wir?“, frage ich die doofste aller Fragen, die man in einem Traum nur fragen kann.

„Wir sind in einem Traum, dessen Träumende ich bin. Ich bin Eva!“, lächelt das Mädchen, das sich jetzt wieder entspannt hinstellt.

Auch ich lasse die Kugel Kugel sein und schaue mich um. Der etwa drei mal drei Meter große und hohe Büroraum, in dem wir uns befinden, wirkt ebenso übersichtlich wie elegant. Ein sehr bequem aussehender Schreibtischstuhl ist unter den nierenförmigen Tisch gerückt. Seltsame geschwungene Gerätschaften aus weißer Keramik oder sehr stabil wirkendem Plastik sind in einer Halterung. Über unseren Köpfen schweben weitere Kugeln, in allen Farben des Regenbogens. Ich folge ihrer Flugbahn, bewege mich dabei an den Rand des Raums und mit etwas Abstand erkenne ich das Muster. Die schwarze Kugel auf dem Tisch bildet gewissermaßen die Spitze einer kegelförmigen Spirale, die sich um die eigene Achse dreht. Vom Sockel – oder irgend etwas anderem? – scheint eine Art Kraftfeld auszugehen, das die Kugeln an ihrer Position hält.

Debiles Grinsen

Erst jetzt, da ich meinen Blick zurück auf Eva schweifen lasse, fällt mir ihr seltsamer Gesichtsausdruck auf, mit dem sie mich wohl schon eine ganze Zeit lang ansieht: Debiles Grinsen, das beschreibt es am besten. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass es funktioniert hat! Ich muss Dir ein paar Fragen stellen.“ Sie nimmt eins der weißen Geräte und berührt die schwebende Kugel damit. „Ok, jetzt sind unsere Gespräche für mich auch im Wachzustand später abrufbar. Wie heißt Du? Wo genau wohnst Du? Wie heißt der oder die Vorsitzende der UNO und die Vorsitzenden von Europa, Asiatischem Bund und der mittelöstlichen Föderation?“

Mit einem Stirnrunzeln beantworte ich alle Fragen. Wo kommt denn eigentlich dieser Kopfschmerz her? Ich hatte doch noch nie im Traum Kopfschmerzen? Und was sind das eigentlich für komische Wände, die dieser Raum hat? Vage reflektieren die dunklen Scheiben einige Lichtreflexe im Raum.

Eva bemerkt meine Blicke. „Soll ich die Sonne aufgehen lassen? Ich wollte es eigentlich dunkel lassen, damit wir uns besser aufs Gespräch konzentrieren können. Aber eigentlich will ich Dir doch ein paar Sachen zeigen!“

„Sonne?“, frage ich irritiert. „Mein Traum, meine Sonne!“, grinst Eva. Was bleibt einem anderes übrig, als neugierig zu antworten: „Ok, nur zu! Mach uns nen Sonnenaufgang!“

Draußen, noch kaum wahrnehmbar, weicht das alles absorbierende Schwarz einem dunklen Satinblau. Dort wo es vor und unter uns nun langsam in ein Azurblau übergeht, zeichnen sich die Konturen von teils kantigen, teils runden Strukturen ab. Wie detailliert dieser Traum ist! Meine Träume sonst sind irgendwie viel stumpfer und eindimensionaler, grobpixeliger, holzschnittartiger.

Jetzt ist die Stelle bereits deutlich bestimmbar, an der wir in Kürze das erste Fleckchen Sonne sehen werden. Meerblau, das ist inzwischen der hellste aller Blautöne, die an den Rändern wieder in Azur, Satin und schließlich die tiefblaue Nacht übergehen. Unser Sichtbereich dreht sich unaufhaltsam diesem hellsten Punkt entgegen. Unaufhaltsam wird es heller.

Traumtelepathie 644

„Unaufhaltsam?“, fragt mich Eva spöttisch und ruft theatralisch „Stop!“ Der Farbverlauf friert augenblicklich ein.

„Du hast mich doch sicherlich nicht hierhergeholt, um mich mit Tricks zu beeindrucken, oder? Apropos, warum hast du mich eigentlich hierhergeholt?“

Eva kichert. „Sorry, ich erklär‘ Dir gleich alles! Wollen wir uns noch kurz das Spektakel weiter anschauen? Leider gelingt mir die Musikuntermalung nicht so gut wie anderen, die auf diesem Gebiet unterwegs sind. Deshalb hab ich sie lieber mal weggelassen. Bevor du noch mehr Kopfschmerzen bekommst. Bereit?“

„Woher weißt du denn, dass mein Kopf sich grad anfühlt, als würden mir bald die Augen aus der Kalotte treten? Und wie kann es sein, dass du gerade das Wort ‚unaufhaltsam‘ benutzt hast, an das ich wenige Sekunden vorher gedacht hab? Kannst du meine Gedanken lesen?“

„Wir sind in meinem Traum“, erklärt Eva. „Klar hab ich bei dir den kompletten lesenden Zugriff! Aber hab keine Angst. Ich nütze das nicht aus. Versprochen! Weiter?“

Etwas widerwillig nicke ich. Als ob jemand den „Play“-Knopf gedrückt hätte, gehen die Farbverschiebungen weiter. Die ehemals schwarzen schroff-glatten Strukturen um uns herum sind nun besser erkennbar. Die mehrere Kubikkilometer großen Körper bestehen anscheinend aus zwei Komponenten: einer schroffen harten und einer geschwungen weicheren. Es sieht ganz so aus, als wäre Evas Büro selbst auf einer Art ‚Asteroid‘ erbaut. Dieses schwebt inmitten anderer Inseln, schroffen Felsblöcken, die oben bewachsen sind mit Wald, Wiesen und Büschen.

Morgenstimmung (Allegretto pastorale)

„Eva“, beginne ich in vorwurfsvollem Ton, „du willst mir doch nicht etwa sagen, dass du in Deinen Träumen die in der Luft treibenden Inseln aus einem der ersten großen 3D-Filme nachkonstruierst? Verwandelst du dich jetzt gleich in einen Avatar? Das ist einer der abgedroschensten Bildschirmschoner, die es gibt. Fehlt nur noch der sich ins Leere ergießende…“

Just in diesem Moment – ich weiß nicht, ob meine Gedanken schon wieder schamlos gelesen wurden – dreht sich die vor uns treibende Insel etwas und gibt den Blick auf den besagten Wasserfall frei.

Gespielt verlegen zieht Eva den Kopf ein. „Oooops, sorry!“ Nun sind auch die felsstrukturen und gewaltigen Wurzeln im unteren Teil der Inseln erkennbar, während ich nun auf der Oberseite zwischen teils fast dschungelartigem Baumbewuchs auch kleine Behausungen wie die unsrige erkennen kann.

„Es ist eine Art kollektiver Traum“, erklärt Eva. Wir träumen gewissermaßen in Schichten, so dass diese kollektive Welt immer in mindestens einem unserer Köpfe existiert. Aber jetzt jetzt jetzt!“

Die Blautöne werden von einem satten Orange an die Ränder gedrängt. Langsam, Millimeter für Millimeter, schiebt sich der Feuerball der Sonne in unseren Sichtbereich. Sooo schade, dass es jetzt keine Musik gibt! Der Gedanke, dass Eva diese Kritik wohl ebenfalls wahrnehmen wird, erfüllt mich mit einer gewissen Genugtuung. Sei’s drum. Es ist sprichwörtlich traumhaft, wie all diese Inseln, teils unter, teils über uns vom warmen Licht zum Glühen gebracht werden.

Sturzbäche am Zhangjiajie

Sind das feine Regensprenkler, die die Fensterscheiben jetzt benetzen? Es sind keine Wolken am Himmel erkennbar. Nein, es sind Tropfen, kurze Zeit später Sturzbäche, die auf’s Dach prasseln und an den Seiten herunterlaufen. Was um Himmels Willen ist denn jetzt los? Das auf dem Dach aufschlagende Wasser tost, dass es einem Angst werden könnte. Hatte ich meine dröhnenden Kopfschmerzen erwähnt? Wie in der Waschanlage vereinzeln sich jetzt die nassen Schlieren wieder zu einzelnen Tropfen, die allmählich wieder die Sicht freigeben.

„Was war das denn?“

Eva kringelt sich vor Lachen. „Siehst du deinen Lieblingswasserfall noch? Nicht? Dann denk mal drüber nach!“

Relativ dicht rechts über uns fallen mir einige Wurzeln ins Auge, die eine Art Doppelkreuz formen. Die waren mir vorhin schon ins Auge gefallen! Ah, wir haben uns gerade unterhalb des Wasserfalls hindurch bewegt. Fast hätte ich mir mit der Hand flach auf die Stirn geschlagen. Kurz genieße ich noch das Panorama, dann werd ich unruhig.

Theta

„So, jetzt lass mal bitte die Spezialeffekte stecken. Unterhalten wir uns. Ich kenne niemanden, der in Träumen auch nur ansatzweise so etwas machen könnte. Also wer bist du? Und was willst du von mir?“

„Du hast die wichtigste Frage vergessen“, kontert Eva, „nämlich wann ich bin.“

„Wann?“ Sie hat mich schon wieder dabei erwischt, wie meine Gesichtszüge entgleiten.

„Ein kleiner Teil unserer Träume ist zeitlos. Das wissen wir jetzt seit etwa 250 Jahren.“

„Aha, wir wissen das schon so lange? Wie kommt’s denn, dass ich nicht weiß, dass wir das schon so lange wissen?“, reagiere ich ungehalten.

„Ruhig, Brauner. Wir, nicht ihr! Ich versuchs gar nicht erst zu erklären. Du hältst vermutlich Quantenmechanik für ein extrem schwieriges und kompliziertes Thema, oder?“

Ich nicke. „Siehste. Wenn Du das schon als schwierig erachtest, dann brauch ich damit gar nicht erst anfangen. Jedenfalls gelingt uns durch die Zeitlosigkeit der Träume genau das, was in der Realwelt nicht möglich wäre. Wir suchen nach jemandem, der die Theta-Bedingungen erfüllt, aus einer anderen Zeit, konstruieren einen Brückenpunkt und über die Sychronisationskante wird schließlich die Zeitebene gewechselt. Eigentlich trivial, zumindest der letzte Schritt.“

„Theta-Bedingungen?“, frage ich vorsichtig nach.

„Danke, dass Du fragst!“, freut sich Eva. „Vor knapp achthundert Jahren sind bei den ersten Menschen Effekte eingetreten, die wir die Theta-Wende nennen. Historiker und Evolutionsbiologen sind sich noch uneins, was genau diese sehr abrupte erneute Art von „Kambrischer Explosion“ herbeigeführt hat. Jedenfalls ging der Effekt diesmal nicht in die Breite, sondern in die Tiefe. Innerhalb von nur etwa vierzig Generationen kam es zu relativ dramatischen Umbildungen. Diese betrafen allerdings weniger den Körper an sich. Die Veränderungen spielten sich relativ unbemerkt in einzelnen Gehirnregionen ab.

Glühende Gürtelwindungen

Man macht gleich eine ganze Reihe von dramatischen Entwicklungen für diese Veränderungen verantwortlich, die sich hauptsächlich rund um den Gyrus Cinguli abspielen: die dramatischen Änderungen an der Lebensrealität durch die Digitalisierung und die darauffolgende Automatisierung, die Blüte des Kapitalismus, bzw. vor allem des sinnorientierten Postkapitalismus. Die Zunahme von Menschen, die weniger rassistisch denken und sich zu größeren internationalen Verbänden zugehörig fühlen ist sicherlich auch ein Faktor. Und dann ist da noch das Stichwort „Dorf 2.0“. Während auf dem Land nach wie vor das Dorf 1.0 überwiegt, wo Leute zusammenleben, weil man nun halt mal da ist, ist es in der Stadt anders. Dort leben Menschen plötzlich wieder freiwillig in größeren sozialen Verbänden zusammen – nun aber auf Basis ähnlicher Überzeugungen und mit individuellen Rückzugsräumen, zudem frei von ideologischen Gängelungen, aber mit einer Vielzahl gemeinsamer Projekte.

Jedenfalls ist ein Resultat dieser Veränderung, dass Menschen tatsächlich in der Lage sind, eine mentale Verknüpfung zu anderen herzustellen. Zunächst geschah das häufig unbewusst. Dadurch aber, dass die Meditation aus der esoterischen Ecke geholt, verstärkt wissenschaftlich untersucht und dank technischer und pharmakologischer Hilfsmittel in großen Schritten vorangetrieben wurde, konnten die Verknüpfungen dann auch bald ganz bewusst und willentlich stattfinden. Du bist das erste Exemplar Deiner Generation, die wir auf diese Weise über die Zeit hin ‚berühren‘ können. Bei deinen Vorfahren ist das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fast ausgeschlossen. Genau deshalb freu ich mich wie ein Schneekönig, dass es ausgerechnet mir gelungen ist, dich zu ‚holen‘.“

Wann!!!

Das Pochen in meinem Kopf nimmt etwas an Intensität zu. „Wann?“, dränge ich. Der Rest ist mir im Moment völlig egal.

„Wenn ich die historischen Quellen richtig gewälzt habe und Deine Angaben von vorhin stimmen, dann dürfte es etwa sechshundert Jahre her sein, dass du ins Bett gegangen bist, von meiner Perspektive aus gesehen. Und während Du, wie gesagt, noch ganz normal in Deinem Bett liegst, liege ich in meinem Arbeits-Schlafsessel im Labor unserer Ansiedlung.“

„Ansiedlung?“, hake ich nach. Das klingt wie ‚Marskolonie‘. „Nein, die Marskolonie hat damit nix zu tun. Woher weisst du… ach, ein Schuss ins Blaue. Getroffen! Aber es ist ganz langweilig. Unsere ‚Kolonie‘ befindet sich auf dem Gelände der früheren Lestén-Universität.

Dem ist es übrigens auch geschuldet, dass ich Kontakt mit Dir aufnehmen konnte. Bei Dir gibt es eine intensive Assoziation zwischen den lesténschen Vorlesungssälen und dem Kindergarten. Durch das Verschmelzen beider Räume war es mir möglich, die Koordinaten für den Brückenpunkt erreichbar zu machen. Mit dieser Kugel hier bringe ich dank der räumlichen Koordinate deinen Gyrus Cinguli in eine neuronale Gleichläufigkeit mit meinem. Dadurch kann ich in einer ersten Stufe in Deinen Traum gelangen und in einer zweiten Stufe dich dann in meinen Traum ziehen.“

Verletzungen

Falls du dich – was alles andere als sicher ist – an diesen Traum erinnerst, überbring bitte Ayo die Entschuldigung für den Feedback-Loop, den ich verbrochen hab. Wenn die Sychronisationskante nicht sauber gelegt ist, dann kann das leider schon mal vorkommen. Bei Hugo wiederum hoffe ich, dass er die einstürzende Tribüne gut überstanden hat. Und bei Dir werd ich mich wohl gleich für mehrere Tage Krankenhaus entschuldigen müssen!“

„Der Kopfschmerz?“, frage ich beunruhigt.

„Ja, leider. Ich bin schon mit dem Auflösungsgrad runtergegangen bis zum Gehtnichtmehr, aber ich fürchte, die Auflösung ist für dein Gehirn trotzdem noch zu hoch. Das ist als wolltest Du einen 3D-Film hochauflösend auf einem antiken 386’er Computer abzuspielen versuchen.“

„Danke, sehr freundlich!“, zicke ich zurück. „Einen Pentium hättest du mir schon zubilligen können!“

Traumtelepathie 777

„Details!“, grinst Eva. „Auf jeden Fall werden keine bleibenden Schäden bleiben! Ich werd ein Engramm bei dir niederlegen, mit dem dich die Ärzte schnell wieder auf den Dampfer bringen werden. Du wirst schon sehen!“

„Engramm? Ich dachte, du sagtest lesender Zugriff?“, protestiere ich.

„Hey, ich bin vorsichtig, ok?“, geht Eva in die Verteidigung.

„‚Ich bin vorsichtig!‘, sagte der Vergewaltiger. ‚Und jetzt entspann dich, Bitch!'“. An Evas Gesichtszügen sehe ich, dass mein Pfeil sein Ziel nicht verfehlt hat.

„Sorry, ich muss immer ein bisschen aufpassen, die Subjekte auf meinem Objektträger als denkende fühlende Wesen zu behandeln. Richard hat mich schon mehrfach deshalb gerügt. Ich fürchte, ich lern das nie. Aber ich bin gut!“, fügt sie trotzig hinten an.

„Darfst Du mir eigentlich diese ganzen Sachen verraten? Ich meine, bei all den Zeitparadoxa… man kennt das ja.“ Leise füge ich noch ein „aus Filmen und Computerspielen“ hinten an.

Spassbremsen

„Jetzt liest Du aber meine Gedanken!“, grinst Eva. „Also es ist so. Die erste Traumverknüpfung zwischen zwei Personen im gleichen Raum haben wir vor etwa 100 Jahren hinbekommen. Vor 30 Jahren waren wir dann so weit, dass die Personen irgendwo auf der Erde sein können.  Vor fünf Jahren schließlich gab es dann erste Belege, dass an den wüsten Spekulationen tatsächlich etwas dran sein könnte und man tatsächlich die Verbindung auch über die Zeit hinweg knüpfen kann.

Fazit: seit rund einem Jahr nehmen wir nun schon Kontakt in die Vergangenheit auf und in rund einer Woche wird es ein Gesetzt geben, dass ich ein Gerät, das ich zum Verknüpfen von Träumen benötige, nur noch zusammen mit meinem langweiligen Kollegen benutzen darf, der sicherstellen wird, dass keine Infos zur Gegenwart in die Vergangenheit gelangen – und dass ich Dich gebührend behandle. Da trifft es sich gut, dass ich heute noch einen Akt des Ungehorsams begehen kann.“ Schon wieder sitzt der Schalk im Nacken.

„So so, jetzt werd ich ohne mein Wissen entführt, im Traum verletzt, bin Mitwisser und Nutznießer quasikrimineller Machenschaften und als Belohnung für diese Strapazen wird mir ein fast tausend Jahre alter 3D-Bildschirmschoner vorgeführt?“, versuche ich die Initiative unseres Wortgefechts wieder auf meiner Seite zu ziehen.

Her mit dem Kaffeesatz

„Wir können uns noch gern ein bisschen über mich lustig machen. Natürlich könntest Du mir in den letzten fünf Minuten auch noch weltbewegende Fragen stellen“. Der saß.

Ich halte inne. In meinen Schläfen pocht und pulsiert der Schmerz. Wie eine Woge nimmt er an Intensität zu, um dann schlagartig wieder abzuebben. „Gut, dann frag ich mal ganz allgemein. Was macht ihr so in der Zukunft?“

„Frag mich spezieller!“

„Cyborgs ?“

„Yupp!“

„Androiden?“

„Klärchen!“

„Bio-Engineering?“

„Wie die Sau!“

„Ewiges Leben? Replikatoren? Beamen? Planeten jenseits des Sonnensystems besuchen?“

„Jepp“. Eva gähnt theatralisch.

„Ja, aber das weitaus spannendste hast Du vergessen“, provoziert sie meine Gehirnwindungen.

„Traumforschung?“

„Weit mehr als das!“

„Erklär!“

Lehrplan der Zukunft

„Mit fünf beherrscht heute jedes Kind die Fähigkeit des Klarträumens und kultiviert sie bis ans Lebensende. Wir reflektieren über unser eigenes Denken und Fühlen in Träumen und beeinflussen es dadurch maßgeblich. Aber du hast die andere Seite der Münze vergessen: die Meditation. Etwa ein Drittel ihrer Schulzeit verbringen die meisten Kinder heute mit Meditation. Wir sind in der Lage, jedes bißchen senorische Information unseres Körpers direkt abzufragen und auszuwerten. Das, was früher nur Fakire konnten, sind heute die Aufnahme-Bedingungen für die Einschulung.

Dabei war der wichtigste Schritt, die Meditation von Esoterik und Religion zu befreien und in Einklang mit der Wissenschaft zu bringen. Wir machen doch nichts anderes, als unsere Aufmerksamkeit dem Inneren und nicht dem Äußeren zuzuwenden. Vielleicht treiben wir ein bisschen mehr, statt nur gezielt vorzugehen, aber am Ende steht auch eine Erkenntnis, selbst wenn sie emotionaler Natur ist.

Wir benutzen 3D-Brillen und vieles mehr, was uns hilft, um bestimmte Bewusstseinszustände zu erreichen.

Eine Hightech-Prothese, wie primitiv!

Als Ergebnis erspüren wir heute Konstellationen in unserem Inneren, für die wir früher immens teure Kernspin-Tomographen benötigt hätten. Wir unterstützen das Immunsystem und viele andere Körperfunktionen, indem wir meditativ Schützenhilfe leisten und Bahnungseffekte ermöglichen. Wir schütten Kraft unserer Gedanken Hormone aus und stimulieren sogar das Wachstum neuen Gewebes.

Klar gibt es trotzdem noch verschiedenste Einsatz-Szenarien für Mikro-Roboter. Aber einem Großteil der Leute ist klar, was der elegantere Weg ist. Niemand ist auf Dauer gerne von Pharmakologie und elektro-mechanischen Bauteilen abhängig! Das ist doch primitiv, an Leuten herumzusägen und Körperteile auszutauschen.“

„Körperteile austauschen – „, denke ich laut. „Meinen Kopf würde ich auch gerne austauschen! Oder wenigstens die Vornamen der zwei muskulösen Kerle mit der Schlagbohrmaschine kennen, die anscheinend gerade meine Schläfenlappen durchbohren“.

„Gesetz hin oder her“, macht Eva weiter, „in ein paar Wochen werden zwei Kollegen von mir nochmal vorbeischauen, um meine Methodik zu validieren. Danach kann ich dann meine Doktorarbeit abgeben. Ich werd den Kollegen sagen, dass sie sich sehr kurz fassen sollen, ok?“

Heilmittel

Völlig bedröppelt nicke ich, auch wenn ich eigentlich spüre, dass mir das gar nicht so recht ist. Aber wer will schon einer wegweisenden wissenschaftlichen Arbeit im Wege stehen, die in rund 600 Jahren veröffentlicht werden wird!“

„Gut, dann pflanze ich jetzt noch schnell das Gedächtnis-Engramm für Deine Ärzte ein und dann schick ich dich zurück, ok?“

Noch während ich zögerlich nicke, verliere ich das Bewußtsein.

Von ferne sehr gedämpft dringen Stimmen an mein Ohr: „Schnell kommt, sie bewegt sich, sie ist aufgewacht!“ Zuerst verschwommen durch schmale Schlitze, dann immer deutlicher sehe ich, wie sich ein ganzes Träubel von Menschen um mich herum versammelt hat.

Wie ein stammelnder Schauspieler auf der Theaterbühne, der endlich die erlösenden Worte der Souffleuse versteht, formen meine Lippen deutlich vernehmbar die Worte: Sauerkrautsaft mit Lakritz!“

Finis

 

 

Wichtiger Hinweis:
Im Gegensatz zu den anderen Texten auf dieser Seite, die unter Creative Commons-Lizenz stehen, sind für diesen Text explizit alle Rechte vorbehalten.

 

Bild-Quellennachweis:
Paul Hoi, Zhangjiajie National Forest, published under Creative Commons, Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)

Sonnengeflecht, bzw. Solar Plexus; fotografiert von Qasim Zafar, aus dem "Handbuch der Anatomie des Menschen";1841 (Leipzig), Professor Dr. Carl Ernest Bock, Public Domain

Sonnengeflecht – Entwicklungsaufgaben XX

Exkurse: Meditation fernab der esoterischen Ecke
Plot: Kati geht in den ‚Tempel‘, beschließt zusammen mit Ayo den Abend und trifft schließlich das Mädchen, das zuvor bereits Ayo und Hugo begegnet ist.

Vorspann

Es geht mir schlagartig besser, als ich Hugo sofort auf dem Rückzug sehe. Nichts desto trotz sprudelt es weiter aus mir heraus: „Ich bin jedenfalls froh, dass ich schon früh in dem Bewusstsein groß geworden bin, dass ich mir meine Familie selbst auswähle und dass ich ganz viele Eltern hab. Manchmal bist du wirklich ein taktloser Schuft!“ Ui, das war jetzt vielleicht ein bisschen zu schrill. Aber die Botschaft ist angekommen. Kleinlaut hat Hugo seinen Blick in Richtung Boden gewendet als wolle er schauen, ob schon Gurken reif sind.

„Schluss jetzt mit der Führung! Ich muss jetzt schauen, wo Ayo ist!“

Doch Mars und Venus

Au weia, Hugo ist mir nach knapp zehn Stunden wirklich auf die Nerven gegangen! Anfangs finde ich seine Art, viele interessante Fragen zu stellen, immer sehr herausfordernd, aber irgendwann beginnt es, mir auf die Nerven zu gehen. Gut, könnte sein, dass heute sein Hinweis auf seine intakten familiären Verhältnisse das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es ist einfach ein offenes Thema, ein wunder Punkt, an den ich nicht gerne erinnert werde. Und Hugo weiß das auch – theoretisch. Männer! Warum ist er so unsensibel? Er scheint die tiefe Überzeugung zu haben, Wörter könnten gar nicht verletzen, wenn sie aus der besten Überzeugung heraus ausgesprochen werden. Wie doof kann Mann sein?

Ich muss endlich Ayo finden! Mist, das nächste unvollständige X-Chromosom! Ich kichere.

Tollkühne Männer an ihren hängenden Seilen

Als ich auf der Rückseite der Eiche angekommen bin, sehe ich Ayo endlich. An zwei Karabinern abgesichert, sägt er gerade in sechs Metern Höhe an einem Ast. Geschlechtsrollenstereotypen können auch schön anzusehen sein! Aber Spaß bei Seite. Für einen Archibiologen ist die Benutzung der Säge, noch dazu an einem solchen Kaventsmann von einem Ast eine drastische Maßnahme. Entsprechend ist auch sein Gesichtsausdruck, als würde er im zweiten Weltkrieg Gliedmaßen amputieren. Schnell haben wir uns über die Datenbrillen ausgetauscht. Er braucht noch knapp zwei Stunden. Mist. Auf das Herbstfest und den damit verbundenen Trubel in den oberen Stockwerken habe ich keine Lust. Gut, dass die Party in etwa anderthalb Stunden für heute vorüber ist. Insofern ist es eigentlich gar nicht schlecht, dass Ayo noch etwas Zeit benötigt. Dann ist es ruhig auf meinem geliebten siebten Stockwerk und wir müssen nicht noch raus zu Ayo in den Wald fahren. Hoffentlich!

Coworking-Space

Normalerweise wäre ich jetzt im zehnten Stock, im Sky-Cafe, einem riesiger Coworking-Space mit Astronauten-Food– und Kaffee/Tee-Flatrate. An vielen Stellen dort sind die drei Meter Raumhöhe doppelt nutzbar. Bei vielen Plätzen kann man zudem wählen, ob man entweder ein tolles Panorama oder Abschottung und Ruhe genießen möchte. Eine schlaue, wabenartige Raumplanung macht es möglich.

Das Café ist aber heute natürlich komplett für den Publikumsverkehr blockiert. Warum denk ich schon wieder in Richtung Aktivität nach, zumal geistiger? Davon gab’s doch mal wirklich genug heute! Der Keller! Der ‚Tempel‘, wie er bei uns genannt wird. Ich bin doch sicher nicht die einzige, die vor dem ganzen Gewusel hier flieht?!

Elegant schlängle ich mich auf Nebenwegen an der Schlange von Besuchern vorbei, welche die Stufen nach oben erklimmen, die Vorfreude auf viele kleine und große Überraschungen in den Augen tragend. Über einen nicht all zu offensichtlich angebrachten Knopf öffne ich im Erdgeschoss die Bodenluke, die sich wieder mit leisem Surren über mir schließt, während ich die Stiege hinunterlaufe.

Das Sonnengeflecht spüren

Im stark gedämpften Licht gehe ich durch die schwere Tür rechts. Links, sind die ganzen Aufbewahrungsräume. Langweilig! Vorsichtig öffne ich die Brandschutz-Schleuse zum Notfall-Keller und die Stille reichert sich an mit allerlei sphärischen Tönen. Schnell ziehe ich meine Schuhe aus, nicke einer lieben Nachbarin freundlich zu und nehme mir eine Decke und ein Kissen. Zielsicher suche ich mir die größte Lücke zwischen den Anwesenden und lasse mich so geräuschlos wie nur möglich nieder. Danke, liebe Knie, für das deutlich vernehmbare Knacken! Über die Datenbrille verbinde ich mich mit dem lokalen Server. Ah, noch eine viertel Stunde bis zum nächsten Wechsel. Genau richtig zum Ankommen. Ich wähle die Option, dass ich über meinen Chip eine leichte Neurostimulation wünsche und dann nehme ich meine Lieblingsgrundhaltung ein. Schneider statt Lotus, aber mit Kissen.

Ich liebe es wenn mein Kopf leer und meine Glieder schwer werden. Dann erfahre ich wieder, warum der Solar Plexus übersetzt „das Sonnengeflecht“ heißt. Magisch, wenn man förmlich spüren kann, wie die Bauchdecke warm wird. Ich liebe den zeitlosen Zustand, in mich hineinzuhorchen, ohne zu erwarten, dass ich etwas höre. Ich liebe es, langsam durch meinen Körper zu reisen und zu spüren wie ich spüre. Als Kind wäre es die Höchststrafe für mich gewesen, eine dreiviertel Stunde einfach nur dazusitzen und wirklich rein gar nichts zu tun. Jetzt ist es das Beste, was ich mir nach einem langen Tag wie heute vorstellen kann.

Zu Hause im Tiny House

Stunden später habe ich den Holzofen angemacht und liege mit Ayo im oberen Liegebereich meiner minimalistischen Behausung. Durchs Fenster tanzen die Lichter der Lampions, die zum Anlass des Herbstfestes die ganze Nacht hindurch brennen. Ab und zu hört man noch die Wortfetzen einiger etwas zu laut sprechender Betrunkener.

Ayo ist immer noch niedergeschlagen: „So ein blöder sturer Ast! Sowas hab ich selten erlebt. Seit fünf Wochen versuchen wir mit allen Mitteln, das Ding davon zu überzeugen, dass es seinen Druck gegen die Decke nicht verstärkt. Vergebens! Gestern dann haben die Vibrationsmessungen gezeigt, dass wir nicht mehr länger warten dürfen. Da hilft es dann nur noch die Elektroden und Pulsoren abzubauen und raus mit der Säge! Ich hoffe mal, dass es uns die Eiche dank Kauterisation nicht all zu übel nimmt. Und ich hoffe, sie ist nicht so stur, ihren Fehler zu wiederholen! Aber lass uns von was anderem als diesem blöden Baum sprechen. Wie wars bei Dir?“

Als ob ich auf meinen Einsatz gewartet hätte, platz aus mir ein „Blöder Hugo!“ heraus. „Der hat sich einfach still und heimlich ohne eine Nachricht aus dem Staub gemacht. Und alles nur, weil ich ihn ein bisschen angegangen bin, völlig zurecht übrigens!“ Ayo lacht. „Was?“, frage ich ein bisschen wütend. „Warum lachst du?“

Ayo versucht mit einer Demutsgeste das heraufziehende Unwetter abzuwehren. „Bin gespannt auf Hugos Version morgen. Er zieht sich halt gern aus der Affäre, ohne großes Aufhebens zu machen.
Man, bin ich müde. Lass uns schlafen. Ich hoffe, mich sucht nicht gleich wieder dieser bescheuerte Traum mit dem Mädchen im Hörsaal heim! Das nervt!“

Der Traum

„Hugo hat heute Nachmittag auch von so einem komischen Traum erzählt. Es macht ja fast den Eindruck, als sei er dort dem gleichen Mädchen begegnet. Ist ja echt komisch, dass ihr von der gleichen Dame heimgesucht werdet! Muss ich da vielleicht etwas wissen?“, versuche ich Ayo aufzuziehen. „Mist, jetzt hast du unser Geheimnis durchschaut!“, grinst er. Aus dem schnellen Gutenachtkuss wird dann doch die ausführliche Variante. Wenig später fällt nicht nur Ayo in ein schnelles, tiefes Koma. Auch ich überschreite schnell die Grenze zwischen Wachen und Schlafen, während ich meinem Sonnengeflecht nachspüre.

Ich zucke. Für einen Moment habe ich den Eindruck den Halt zu verlieren, fasse hinter mich. Sitze ich? Es fühlt sich immer noch so an als würde ich gleiten, fallen. Meine Fingernägel klammern sich in die rauhe rissige Borke. Meine Beine drücken gegen das Holz. Alles gut. Bin ich wieder eingeschlafen? Vögel zwitschern. Ich öffne die Augen. Grün. Sehr grün ist es um mich herum. In abenteuerlichen Windungen verjüngen sich starke knorrige Äste bis sie sich, viele Meter entfernt, in iner letzten Verzweigung von Blättern verlieren. Die Astgabel, in der ich sitze, hat fast die Qualitäten eines ergonomischen Sessels. Wieder spüre ich die rauhe warme Borke.

Gleißende Dunkelheit

Meine Blicke folgen nun einem diagonal nach oben von mir weg mäandernden Ast bis hin zur Decke des Raumes. Dort, wo der Ast anstößt, abknickt und zum Stützpfeiler wird, hängt eine Box an der Decke. Kindergarten. Klar! Allein, der Rest der Räumlichkeit passt nicht. Der Blick nach unten zeigt, dass der Stamm des Baumes einem Geröllfeld entspringt. Aus den bröseligen Betonklumpen, staken rostige Finger aus Metall.

Der Blick zu den beiden Seiten ist irritierend. Der Baum hat mindestens drei der Zwischendecken durchstoßen, die wie Zuschauertribünen schräg nach oben verlaufen. Dort, wo das Licht kaum hinzukriechen vermag, sind die Ränge noch intakt, reißen dann aber an der Stelle, wo es heller wird, einfach ab. So werden die schroffen Parzellen in durchflutetes Hell und mysteriöses Dunkel geteilt. Das Sonnenlicht gelangt durch die über weite Teile im mittleren Bereich kollabierte Frontmauer. Lestén. Aber eher das Lestén aus Hugos Träumen, bzw. noch ein paar hundert Jahre später.

Cherchez la femme

Ich lehne mich gerade wieder gemütlich zurück, da klappt an der Box, die an der Decke hängt, die Tür nach außen. Langsam wird etwas aus der Tür geschoben, das ich endlich als aufrecht stehenden Zylinder erkenne, auf den ein Teppich aufgewickelt ist. Dieser kippt jetzt nach vorn und – mit einem Hauch von Magie – wickelt sich der Teppich ab, Meter für Meter, den Ast hinunter direkt bis kurz vor meine Füße. Jetzt steckt ein Mädchen den Kopf durch die Tür, grinst und winkt mir zu. Mit dem großen Zeh testet sie die Stabilität des Teppichs, der – fast wie ein fliegender Teppich – nicht lapprig herunterhängt, sondern flach und stabil liegt, als sei er auf Asphalt ausgerollt. Nun setzt sie die ganze Fußfläche auf und kommt mir entgegengetippelt.

Während sie mich erwartungsvoll anschaut, frage ich: „Du bist das blonde Mädchen aus Hugos und Ayos Traum, oder?“ Etwas entschuldigend grinst sie, nickt und zieht die Schultern hoch. Dann beginnt sie, sich umzuschauen, als sei irgend etwas zwischen den Ästen versteckt. Endlich zeigen ihre Gesichtszüge, dass sie fündig geworden ist. Aufgeregt klettert sie halb um den Stamm herum, nicht ohne mir vorher mit dem Zeigefinger zu signalisieren, dass ich ihr folgen soll. Meine Neugier wächst ins Unermessliche.

Dicht vor mir klettert das Mädchen etwa dreieinhalb Meter schräg nach hinten oben und duckt sich schließlich, ohne dass ich erkennen könnte, warum. Erst als ich aufrücke, sehe ich dass die Luft vor mir genau an einem Punkt zu pulsieren scheint wie ein Herz, das immer wieder kontrahiert und sich ausdehnt.

Die Unbekannte gestikuliert mir, dass sie bis drei zählen wird und wir dann beide in Richtung Kugel greifen sollen. Ich nicke und schon geht es los: Eins, zwei, …!

Kinder

Kindergarten im Kinder-Garten – Entwicklungsaufgaben IXX

Exkurse: Wie könnte in Zukunft Kindererziehung aussehen? Hängen alle nur noch am Computer?
Plot: Kati zeigt Hugo mal einen ganz anderen Garten für Kinder


Vorspann

Hugo, der sich schon wieder die Datenbrille aufgesetzt hat, wird plötzlich hibbelig. „Warte, Kati, ich geh gleich mit! Dein Freund wartet auf uns im Kindergarten!“
Was hat Ayo denn bei uns im Kindergarten verloren? Dann aber fallen mir wieder die Probleme ein, von denen unser Archibotaniker neulich gesprochen hat. Der Baum wächst nicht so wie er soll!

Die Mitte

Auf dem Weg die Treppe runter, hat es bereits sehr gedämpft gepoltert und gekiekst. Mit dem Entriegeln und Öffnen der Tür ein paar Schritte weiter ziehen wir das Dumpfe zur Seite wie ein Vorhang. Aber nicht nur den Ohren bieten sich jetzt auch Tönen im mittleren Spektrum, auch die Augen schauen dorthin: genau in die Mitte des für jeden Besucher überraschend großen Raumes. Dort breitet ein riesiger stämmiger Busch seine knorrigen Arme zu einer Krone aus, dessen Äste und Zweige wie ein Kelch die Decke oben in sechs Metern Höhe zu tragen scheinen. Der mittlere etwa einen halben Meter breite Strunk geht über eine Öffnung ins nächste Stockwerk über und verästelt dort vermutlich erneut.

Busch? Wir sind im ersten Stock! Das ist kein Busch, das ist ein Baum, nur dass wir die ersten 3,50m des Stamms nicht sehen. Die Mitte des Waldscrapers, das ist eine große stattliche Eiche. Das ist die viel gerühmte Archibotanik!

Rein oder raus?

Es macht mir Spaß, diese Gedanken aus Hugos Gesicht abzulesen. Dann aber wandert mein Blick durch die Baumkrone, in der Hoffnung, dort irgendwo bereits Ayo zu erspähen. Aber der ist nicht zu sehen.

Auf der nach Süden gewandten Stirnseite des quadratischen 20x20m-Raumes begrenzt eine dunkle, etwas spiegelnde Fläche den Raum. Das Tolle an polarisiertem Glas ist, dass es auf Wunsch das volle Spektrum des Sonnenlichts durchlassen kann. Per Knopfdruck lässt es sich aber auch so weit abdunkeln, dass kaum Licht durchkommt.

Wir erkennen die farbigen Lampions draußen und mit etwas Phantasie kann man erahnen, dass sich dort auf den verbliebenen 3 Metern bis zum Rand der Plattform gerade die Besucherhorden des Herbstfestes artig aufgereiht zu einer Schlange vorbeiquetschen. Immer wieder berühren Hände die Glasfläche. Da freuen sich die Fensterputzer am Montag.

Wie ein Hufeisen, das sich zur Glasfront hin öffnet, sind die Wände des Raumes mit einer luftigen Holzkonstruktion verkleidet, die hoch bis zur Decke reicht. Große Teile der imposanten Konstruktion sind mit bunten Natur-Ornamenten verziert. Wie Balkone sind große Teile des Baus zur Raummitte hin offen und leiten den Blick geheimnisvoll ins Halbdunkel.

Organisch

Ein bisschen wie in der Sagrada Familia in Barcelona wachsen an mehreren Stellen die Trägersäulen der Plattform in den Raum, verschmelzen aber in ihrer Natürlichkeit mit der Eiche und verschwinden in der Decke. Zwischen den Trägern und dem Baum sind zum Teil Netze gespannt; solche, an denen man gut klettern kann und solche, die einen elastisch auffangen, wenn man fällt. Zwei bei den Kindern offenbar sehr beliebte Baumhäuser verschmelzen fast mit der Eiche wie Vogelnester. Weitere „Nester“ mit zwei mal zwei Metern Fläche sind direkt an der Decke aufgehängt, gestützt von den Ästen des Baums und mit ihm über Seilkonstruktionen begehbar verbunden.

Beeindruckt sehen wir dabei zu wie an die zwanzig Kinder in diesem System aus Baumhäusern, Ästen und Netzen herumtollen, teils kühn kletternd oder geruhsam in einer Astgabel das Treiben beobachtend. Aus dem Holz-Aufbau dringt von einer Richtung leise Gitarren-Musik. Irgendwo über uns – die Konstruktion spart die Tür gewissermaßen aus – findet gerade eine Kissenschlacht mit viel Rennen und Kieksen statt.

Gefahr

Hugo wendet sich mir mit besorgtem Gesichtsausdruck zu: „Ist das nicht alles irrsinnig gefährlich?“

Ich lache: „Nein, der Baum und das Klettern in den Netzen gehört für viele ja schon mit drei oder vier Jahren zum alltäglichen Spiel. Was glaubst du, wie geschickt Kinder werden, wenn sie nur genug Zeit in diesem Alter mit der Ausbildung ihres Gleichgewichtssinns und ihrer Hand-Auge-Koordination verbringen. Klar rutscht man mal ab oder ganz selten gibt es sogar einen Sturz in eins der Netze, aber das Notfallsystem ist so gut, dass da so gut wie nie etwas ernstes passiert. Und Kratzer und aufgeschlagene Knie, vielleicht sogar ein gebrochener Arm, gehören einfach dazu. Die wichtigste Unfallprävention ist ohnehin, dass die Kinder, auch die eher grobmotorisch veranlagten, früh das Fallen lernen und dass sie einfach viel Zeit mit solchen Übungen verbringen. Du solltest die mal im Frühling sehen, wenn die Gruppe ins Waldstück ganz in der Nähe des Turms zieht. Wie die Äffchen!“

An der Holzkonstruktion rechts und links blinkt jetzt eine blaue Lampe und ein paar Sekunden später kommt noch eine rote dazu. „Hui, jetzt gibts Action!“, schießt es mir durch den Kopf. Ich mache mit meinem Arm eine diagonale Bewegung, um Hugo auf die gebündelten Lichtstrahlen aufmerksam zu machen, die jetzt – rot und blau – den Raum irgendwo von der Decke und vom Baumstamm in der Mitte aus durchkreuzen.

Zumindest einer der beiden roten Signal-Strahlen bleibt an der rechten Außenseite der Holzkonstruktion als Markierung kleben. Der andere wird leider auf halbem Wege durch einen Ast verdeckt. Beide blauen Strahlen hingegen haben freie Bahn und sind auf ein Mädchen gerichtet, das erschrocken mitten im Kletternetz auf etwa vier Metern höhe einfriert.

Kinder-Alarm

Lisa, die heute Aufsicht hat, lässt die Gruppe, mit der sie sich gerade noch unter dem Baum beschäftigt hat, allein weitermachen. Schnell eilt sie in Richtung des etwa zehn Zentimeter durchmessenden roten Lichtkegels. Auf halber Strecke erscheint Carlos ganz in der Nähe der Markierung auf dem „Balkon“ und gestikuliert Entwarnung. „Alles gut! Andi und Esh haben sich in in die Haare bekommen. Und als sich Esh versucht hat, Luft zu verschaffen, ist Andi mit seinem Kinn in ihren Ellbogen ‚reingelaufen‘. Der hat kurz Sterne gesehen. Aber ist schon wieder gut. Wir kriegen das hin.“ Lisa macht einen harten Schwenk und zielt wieder in Richtung Mitte. „Noemi, ich bin gleich bei Dir. Bitte bleib, wo Du bist!“ Das Mädchen verharrt im Lichtstrahl – vermutlich auch ganz ohne Anweisungen.

Unter dem Baum angekommen, schimpft Lisa: „Wie kommst Du denn auf die Idee, da alleine hochzuklettern? Du weißt doch, dass Du das noch nicht darfst! Die zweite Ebene ist noch nix für Dich alleine. Jetzt bitte sei nochmal mutig und komm zum Stamm in der Mitte.“

Noemi, noch immer verunsichert von Scheinwerfer und Anweisungen, bewegt sich langsam in Richtung der Leiter am Baumstamm. Dann, als ob sie ein Gedanke durchfahren hätte, hält sie ganz plötzlich in der Bewegung inne. Sie setzt sich ins Netz, lässt die Beinchen durch die Löcher baumeln und verschränkt trotzig die Arme. „Ich will nicht!“, quietscht sie trotzig.

„Noemi, wenn ich jetzt da raufklettern muss, dann dauert es ganz arg lange bist du wieder da hoch darfst. Aber wenn du jetzt brav und mutig bist, dann darfst du da schon in zwei Stunden wieder hoch, sobald Dein Papa da ist – und Robby!“

Robby

„Robby“, erkläre ich Hugo, mit der Hand weiter nach hinten weisend, „ist eine Art Aufpass-Roboter, der Kindern bis in fünf Metern Höhe Hilfestellungen geben und sie absichern kann. Leider gibt es nur einen davon! Er ist das Ergebnis eines mehrmonatigen Workshops mit einem D-Haus in der Nähe, die sich auf Robotik und die Antizipation von Bewegungen spezialisiert haben.“ Halb vom Baum verdeckt, kann man mit etwas Mühe einen giraffenartigen Roboter erspähen, der einem der Kinder anscheinend gerade beim Runterklettern behilflich ist.

„Na komm, sei nicht stur!“, beschwört Lisa Noemi weiter. „Kletter doch hier unten noch ein bisschen!“ Lisa schaut unsicher in Richtung Mohammed, der gerade an den unteren Ästen und ein paar damit verbundenen Metallstangen herumturnt. Jetzt schaut auch Lisa hinüber zu Mohammed und grinst ihm aufmunternd zu: „Du zeigst ihr noch ein paar Tricks, oder, Mohammed?“

Als dieser lächelt nickt, kann man förmlich zuschauen, wie in riesigen Kinderaugen der Widerstand schwindet. Schnell ist Noemi wieder auf allen Vieren und zielsicher unterwegs in Richtung Leiter. Über drei Etappen geht es nach unten zum Boden.

Der Club der roten Lichter

„Nur zur Sicherheit“, fragt Hugo, „rot bedeutet Schlägerei und blau bedeutet was?“

„Rot bedeutet“, hole ich Luft, „dass eine der Körperfunktionen der Kinder in einem kritischen Bereich ist. Das kann beispielsweise einen plötzlich stark beschleunigten Herzschlag oder eine plötzliche Änderung in der Sauerstoff-Sättigung des Blutes sein. Über Jahre haben sie die Werte so eingestellt, dass es immer weniger falsche Alarme gibt und trotzdem keine kritische Situation übersehen wird.

Blau bedeutet ‚Access-Violation‘. Der ganze Raum in Länge, Breite und Höhe ist in verschiedene Sektoren aufgeteilt. Auch die Hilfsmittel am Baum und in den Netzen staffeln sich von ’sehr junger Anfänger‘ bis ‚erfahrener Kletterer‘. Noemi hat noch keine Zulassung für die zweite Ebene. Deshalb ist der Alarm angesprungen, als sie dort lokalisiert wurde.

Die sehr klettererfahrenen Kinder haben ihre Clubs oben an der Decke in sechs Metern Höhe.“ Ich weise auf die beiden Kästen hin, die an der Decke aufgehängt sind. Rundherum haben die Äste der Eiche sich an der Decke entlanggeschlungen und stärken dadurch die Statik der Plattform. Für den Notfall ist auch ein Zugang von oben möglich. „Weißt Du was das beste ist?“ Hugo schaut mich schulterzuckend an. „Die lernen dort oben ‚heimlich‘ lesen, schreiben und rechnen, denn Klettern, das ist ja für sie inzwischen ‚vor allem was für kleine Kinder‘. Seit wir die Kästen dort oben eingerichtet haben, können wir die Hälfte der Schüler schon ein halbes Jahr früher aus den ZIEL-Klassen in die ersten Projekte entlassen.“

Jugendweihen

Hugo kratzt sich gedankenverloren im Brustbereich, wo bei den meisten Menschen heute der subkutane Chip implantiert ist. „Was beschäftigt Dich?“, frage ich amüsiert und vermute: „Es hat auf jeden Fall etwas mit dem Chip zu tun.“

„Wie weißt Du jetzt das schon wieder?“ Aber schon im Fragen wird er sich seiner Hand gewahr und nickt wissend. „Bei euch ist es auch fünf, acht, sechzehn, oder?“

Kurz muss ich überlegen, aber da ich ja weiß, dass Hugo gerade über den Chip nachgedacht hat, kann ich die Zahlenreihe schnell entschlüsseln: „Jepp! Im Alter von fünf Jahren, sobald die Kinder in die ZIEL-Gruppe kommen, werden die Alarm-Schwellen des Chips ein ganzes Stück hochgesetzt, um zu zeigen dass sie jetzt schon für sich selber verantwortlich sind und sich aufeinander verlassen sollen, statt sich auf den Chip zu verlassen.

Im Alter von acht oder neun Jahren haben die meisten dann die ZIEL-Klassen überstanden und ihr erstes längeres Praxis-Projekt der ersten Impuls-Gruppe hinter sich. Da gibts dann eine große Feier, im Rahmen derer sie zum ersten Mal selbst in einigen Bereichen Zugang zu ihrem Chip bekommen. Erste Geldfunktionen, etc., Du weißt schon.

Wenn dann mit sechzehn Jahren die Pflicht-Impulsgruppen beendet sind, dann kommt die Feier zur Volljährigkeit mit dem Vollzugriff.

Auch für Erwachsene

Während wir reden schauen wir fasziniert dem Treiben zu. Vor allem rund um die Baumhäuschen ist ständig ein beeindruckendes Gewusel. Auf den Trägern und in den Netzen befinden sich dagegen nur vereinzelt Kinder.

„Weil du vorhin davon gesprochen hast, dass die Kinder heimlich das Lesen lernen – 3D-Brille oder Tablet?“, fragt Hugo.

„Beides“, antworte ich, „und vor allem auch das gute alte altmodische Papier! Wir haben da oben noch echte Papierausgaben, schön in Kunstleder gebunden. In diesem Herbst oder Winter will ich mich selbst mal in einen der Würfel da oben setzen und mit Blick aus dem riesigen Fenster lesen. Viel behaglicher geht eigentlich gar nicht. Aber natürlich hat auch jede Box drei Anschlüsse für die 3D-Brillen, wo dann alle Angebote vom zentralen Server genutzt werden können.“

„Benutzen viele Erwachsene den Raum hier?“, fragt Hugo etwas verdutzt. Naja, vor allem abends oder nachts kommen schon einige hier her. Etliche Erwachsene haben noch ihre Lieblingsplätze irgendwo oben im Baum oder in der Räuberhöhle. Ein Großteil der Seele dieses Ortes steckt hier drin, glaub ich.“

Die größte Räuberhöhle der Welt

Mit Blick auf die seitliche Holzkonstruktion wird Hugo plötzlich hibbelig. „Jetzt weiß ich, an was mich das erinnert! Ich hab neulich ein Modell von einer mittelalterlichen Stadtbefestigung gesehen. Und die hatten auf ihren Maueranlagen einen hölzernen Aufsatz und das sah fast genau so aus wie das hier. Wehrgänge!“

„Manche sagen auch, es sähe aus wie 300 Beichtstühle über- und nebeneinander!“, erwidere ich. Hugo schaut irritiert zurück. „Beichtstühle?“

Ich kichere. „Ach vergiss es. Religionsgeschichte. Das ist schon lang nur noch für ein paar wenige Menschen relevant. Möge Gott ihrer Seele gnädig sein!“ Hugo verzieht irritiert das Gesicht.

„Jedenfalls kommt dieses seltsame Aussehen daher, dass das einerseits eine riesige Räuberhöhle für Kinder sein soll und gleichzeitig die Erwachsenen die Möglichkeit haben müssen, jeden Ort in kürzester Zeit zu erreichen und alles von außen möglichst effizient reinigen zu können.

Die ganze Konstruktion ist genau wie der Raum sechseinhalb Meter hoch und nimmt an jeder der Wände zwei Meter ein. Davon sind siebzig Zentimeter für die Erwachsenen. Das ist der Teil, der aussieht wie ein Wehrgang. Dahinter ist dann ein 1,70m tiefer Bereich für die Kids. Hier vorne zur Tür hin darf es gern etwas lauter zugehen, während weiter hinten alle dazu angehalten sind, etwas leiser zu sein.“

Während Hugo nickend das Gesagte noch sacken lässt, hake ich schon wieder ein: „Hui, das Wichtigste hätt ich fast vergessen: während der Bereich für die Erwachsenen je ‚Stockwerk‘ zwei Meter hoch ist, sind die Stockwerke des hinteren Teils für die Kinder fünfzig Zentimeter niedriger, so dass im zweiten Stock für Erwachsene der zweite und dritte Stock für die Kinder zusammenlaufen. Diese ganze Konstruktion hier war dreißig Jahre lang die größte Räuberhöhle der Welt!“

Wie Könige

Lisa hat sich längst schon wieder mit ein paar Kindern unter den Baum gesetzt liest ihnen etwas vor. Ich fasse Hugos Hand am Ärmel und ziehe ihn in Richtung Lisa. „Komm!“ Nach ein paar Metern haben wir den bunten weichen gummierten Untergrund aus wiederverwertetem Altplastik hinter uns gelassen und gehen jetzt über die noch weichere Rasenfläche. Das Grün wir immer wieder von kleinen Blumeninseln unterbrochen. Weiter hinten habe ich auch schon optisch etwas weniger ansprechende Gemüsebeete gesehen.

Ein paar Kinder spielen auf dem Rasen fangen und umtribbeln dabei sorgfältig die Beete. Schließlich haben sie das selbst alles mitangepflanzt.

Lisa hält inne und schaut uns neugierig entgegen. „Das ist Hugo!“, rufe ich. Darf ich ihn mal durch die Räuberhöhle führen?“ Lisa kramt kurz in ihrer Hosentasche und wirft uns geschickt einen Chip zu. Noch bevor ich den Chip fange, spüren Hugo und ich ein kurzes Vibrieren in der Brust. Die Zugangsrechte sind übertragen. Ich werfe den Chip gleich wieder zurück.

Während es für die Kids in ihren Bereichen der Räuberhöhle ein System aus kurzen Leitern, Gängen und Rutschen gibt, können sich die Erwachsenen – nach der Freischaltung – wesentlich schneller und direkter bewegen. Unser Chip aktiviert alle Mechanismen in unserer Umgebung, um beispielsweise Luken öffnen zu können.

Es ist fast schon majestätisch zu beobachten, wie sich allein auf unsere Annäherung hin die in die Holzoberfläche eingelassene Leiter-Sprossen nach außen fahren und sich aus der gerade noch glatten hölzernen Wand ein Leiterprofil erhebt. Schnell klettern wir ins zweite von drei Erwachsenen-Stockwerke hinauf und können auf einen Knopfdruck hin das Sicherheitsgeländer nach innen klappen.

Hugo ist komplett aus dem Häuschen, als er die teils mit bunten Kissen ausgepolsterten Abteile sieht, von denen manche zusätzlich durch aufgespannte Tücher einen noch höhlenhafteren Charakter bekommen.

Zwang und Freude

„Oh Gott, so etwas habe ich mir als Kind immer gewünscht! Aber wie hält man das eigentlich alles sauber?“

„Hoch lebe Mr. Zwanghaft!“, kichere ich. „Aber eigentlich eine gute Frage. Siehst du da hinten am Fenster das kleine Fahrzeug? Mit der Hebebühne kommst du hier überall hin. Meist ziehen wir das ganze als Spiel auf, an dem die Kids beteiligt sind. Da sind dann ratz-fatz alle Kissen im Nachbarabteil und schon ist alles mit dem ‚Heiß und feucht‘ porentief saubergemacht. Dazu machen die Mikrobiologen hier zur Kontrolle regelmäßig Abstriche. Da kann es eigentlich gar nicht unhygienisch werden.“

Mit großen Augen schlurft Hugo von Abteil zu Abteil. Vorne an der Tür ist auf einem größeren Areal gerade eine Schlacht im Gange. Zehn Kinder sind mit großen Nerf-Guns bewaffnet und verschießen Schaumstoff-Pfeile. Wir werden Zeugen einer Schlacht mit rasanten Verfolgungsjagden. Rauf auf den Kissenberg zwischen die Stockwerke, hindurch durch den schmalen Durchang und wieder bäuchlings die Rutsche runter, nicht ohne – ganz James Bond – im Hinabschlittern ein paar Schüsse abzugeben. Dann hinein ins Bällebad, das allerdings von oben unter Beschuss genommen wird. Die Koalitionen ändern sich minütlich. Nur die Kids schaffen es, den Überblick zu behalten

Relaxed

Weiter hinten geht es ruhiger zu. In einem Abteil wird unter Anleitung mit Holz gebastelt. Ein paar Mädchen spielen ein Brettspiel. Ein Junge sitzt ganz hinten allein an der Glasfront und zeichnet etwas.

Dank der Freischaltung können wir oben in der Decke eine Luke öffnen und klettern hoch in den dritten Stock. Ich signalisiere Hugo, dass er jetzt besonders leise sein soll. Hier sind die Schlafkojen der Kinder untergebracht, aber auch einige Erwachsene kommen ab und zu hier her, um sich eine Runde aufs Ohr zu legen. Der Zauber dieses Ortes ist einfach zu groß, als dass ihm viele widerstehen könnten.

Flüsternd mache ich Hugo darauf aufmerksam, dass der hier verwendete Stoff spezielle physikalische Eigenschaften hat und dadurch den Schall besonders gut schluckt. Dadurch ist es nicht so schlimm, wenn an anderen Stellen gelärmt wird. Zudem sorgt das Belüftungssystem absichtlich für eine ganz spezielle Art des weißen Rauschens, was wiederum ein schnelles Einschlafen begünstigt.

Leise schieben wir einen der Vorhänge behutsam zur Seite. Ich muss an mich halten, um nicht loszukichern, weil wir im diagonal verlaufenden ‚Slot‘, wie wir es nennen, den notdürftig abgeschminkten Mundjoo erkennen. Selig lächelnd schnarcht er leise und wenn er aufwacht wird er den Sternenhimmel sehen – auch wenn der nur fluoreszierend mit kleinen Aufklebern an der niedrigen Decke angebracht ist.

Notdurft

„Und wenn man mal dringend muss?“, fragt Hugo, fast sicher, mich endlich mit einer Frage in die Enge getrieben zu haben.

„Das geht sprichwörtlich schnell wie die Feuerwehr“, antworte ich. Ich zeige auf eine Stelle, des „Wehrgang-Geländers“, die mit einem Vorhang abgehangen ist. „Wir sehen uns unten!“ rufe ich Hugo zu, greife mit beiden Händen die Metallstange über dem Vorhang und, um es mit Hugos späteren Worten zu sagen, ‚verschwinde hinter schwarzem Filz!‘.

Als sich nach einer halben Ewigkeit auch endlich Hugo aus der Ausgangsöffnung der Rutschbahn gequält hat, weise ich mit einem „Tataaa“ zur Tür, die sich gleich neben uns in der Holzkonstruktion befindet. „Zwei Waschräume für Erwachsene und zehn für die Kinder. Weiter vorne sind noch Waschbecken, bei denen sich die Kleinen abends waschen und die Zähne putzen können.“

Selbstgewählte Familie

„Die Kinder leben hier ganz?“ Hugo ist sichtlich bestürzt. Naja, ist vielleicht auch kein Wunder. Sein ‚Hobbit-Hügel‘ wird eher von traditionellen Familien bewohnt. Da ist das kein all zu großes Thema.

„Also“, setze ich an, „natürlich leben die aller wenigsten Kinder hier die ganze Zeit über. Aber wenn sie wollten, dann könnten sie. Es gibt drei Mal am Tag Mahlzeiten, es sind immer Lehr- und Aufsichtspersonen hier und meistens sind es sogar wesentlich mehr als die Minimalbesetzung vorschreibt. Auch von den Jugendlichen kommen viele hier her und beschäftigen sich mit den Kleinen. Mehrere Impulsgruppen erproben didaktische Konzepte oder beschäftigen sich mit den Anforderungen, die es mit sich bringt, auf Kinder aufzupassen. Voraussetzung, dass die Kinder länger hier bleiben dürfen, ist lediglich, dass sie nicht mehr nachts einnässen.

Viele Eltern kommen lieber jeden zweiten oder dritten Tag für mehrere Stunden hier her und kümmern sich nicht nur um ihr Kind, sondern zudem um viele andere Kinder auch. Dafür genießen sie es, wenn sie zu Hause „sturmfreie Bude“ haben, länger arbeiten oder etwas unternehmen können. Das gleiche gilt natürlich umso mehr für Alleinerziehende.

Erziehungsberechtigte

Und dann sind da noch einige Kinder, die sind Vollwaisen. Oft leben die Eltern sogar noch, aber sie wollen halt leider oder glücklicher Weise nichts mehr von ihren Kindern wissen, z.B. weil sie mit sich selbst schon genug Probleme haben. Das fällt aber gar nicht auf, weil sich oft schon andere Personen des Turms bei ihnen als Erziehungsberechtigte eingetragen haben. Zum Glück ist es ja schon sehr lange so, dass sich jeder als Erziehungsberechtigter für ein Kind eintragen lassen kann, sofern das Kind und die anderen Erziehungsberechtigten zustimmen.

Wir sind eine große Familie hier, aber vor allem sind wir je nach Projekt und Aktivität kleine, fest zusammenhaltende Gruppen in wechselnden Konstellationen. Kann sein, dass da auch ‚klassische Mutter-Vater-Kind-Konstellationen‘ vorkommen. Aber das ist inzwischen eher die Ausnahme als die Regel.“

„Bin ich froh, dass ich aus einer langweiligen altmodischen klassischen Familie stamme“, rutscht es Hugo heraus. Ich spüre, wie mir die Zornesröte ins Gesicht schießt. „Das ist gemein, so etwas zu sagen! Du weißt genau, dass es oft nicht leicht für mich ist, weil ich meine Eltern so früh verloren hab! Man ja keine Wahl als Kind, ob man eine Familie möchte und welche!“
Es geht mir schlagartig besser, als ich Hugo sofort auf dem Rückzug sehe. Nichts desto trotz sprudelt es weiter aus mir heraus: „Ich bin jedenfalls froh, dass ich schon früh in dem Bewusstsein groß geworden bin, dass ich mir meine Familie selbst auswähle und dass ich ganz viele Eltern hab. Manchmal bist du wirklich ein taktloser Schuft!“ Ui, das war jetzt vielleicht ein bisschen zu schrill. Aber die Botschaft ist angekommen. Kleinlaut hat Hugo seinen Blick in Richtung Boden gewendet als wolle er schauen, ob schon Gurken reif sind.

„Schluss jetzt mit der Führung! Ich muss jetzt schauen, wo Ayo ist!“

Fortsetzung: Sonnengeflecht

Die Freiheit der Kraniche? ; Peter Morgan: Traditional Chinese music played by aging Naxi musicians. Photo taken in Lijiang, Yunnan province, China. Shared under Creative Commons Attribution 2.0 Generic

Der Fluch der Freiheit – Entwicklungsaufgaben XVIII

Exkurse: Autonomie, Freiheit und der Übergang von einer machtzentrierten zu einer werte- und interessenzentrierten Gesellschaft
Plot:
Hugo und Kati bekommen von Tian eine geballte Prise Dilettantismus und finden heraus, was Narben mit Bauchnäbeln zu tun haben.

weiterlesen

Widerstand ist schwierig, wenn der Angriff überraschend aus der Luft erfolgt; Dirk Vorderstraße: Abseilen aus SEK-Hubschrauber (Eurocopter EC 155 Dauphin), published under cc-by-2.0.

Pazifistischer Widerstand 4.0 – Entwicklungsaufgaben XVII

Exkurse: Welche Mittel zum Widerstand gibt es im Pazifismus? Wie würde g20k in einem autoritären Staat aussehen? Wie bemalt man in kürzester Zeit eine Häuserfront?

weiterlesen

Edward Scissorhands by Squiddy Johnson, fotografiert von MsSaraKelly; Shared under Creative Commons BY 2.0; Bildung, zumal die von heute, kann einen ganz schön trübe dreinschauen lassen

Bildung am ZIEL – Entwicklungsaufgaben XVI

Exkurse: Bildung als Kombination einer „Basis-Ausbildung“ und lebenslang vielen verschiedenen Impulsen, wieder etwas Neues kennenzulernen; positive Automatisierung
Plot:
Bei einem Spaziergang über den Herbstmarkt rückt Hugo unfreiwillig ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

weiterlesen

Eine Teslaspule (hier nicht Nicola Tesla) erzeugt mehrere 10.000 Volt Spannung. Eine in ein Kettenhemd gekleidete Person überträgt diese Spannung in Richtung eines metallenen Käfigs. Durch den Effekt des Faraday'schen Käfigs bleiben alle unverletzt. Licensed by Roadbrothers under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Nikola und Nicola Tesla – Entwicklungsaufgaben XV

Plot: Nicola Tesla hat in diesem Jahr zusammen mit anderen die Mode auf dem Herbstfest zelebriert.
Exkurse: Warum sind Spieltrieb und Begeisterung einerseits und Geld verdienen andererseits kein Widerspruch?

weiterlesen

Seite 1 von 8

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén