g20k - Dilettanten gesucht

dilettarsi, ital. = sich erfreuen, herumbasteln

Das Kloster "La Sacra di San Michele" im Schnee, Elio Pallard, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Reif fürs Kloster!

Ich glaub, ich geh ins Kloster, in eins, in dem „Lude et labora!“ (lat. „Spiele und arbeite!“) statt „ora et labora“(lat. „Bete und arbeite!“) gilt. Hm, gibt es nicht? Dann wird’s vielleicht Zeit… Vielleicht hätte Herr Hüther ja Lust, der Prior zu werden?

Alter Wein in neuen Schläuchen? Jawoll, ja 🙂

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PHP Logo

PHP, du bist komisch o.O

Du ziehst den Hammer [aus dem PHP-Handwerkskasten] heraus, aber voller Bestürzung stellst du fest, dass bei diesem Exemplar beide Enden spitz zulaufen. Trotzdem irgendwie brauchbar, denkst du. Man kann die Nägel ja auch in die Wand schlagen, indem man das Ding seitlich hält.

Aus: https://eev.ee/blog/2012/04/09/php-a-fractal-of-bad-design/

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Die Wut der Vergessenen ist wie die sichtbare Spitze eines Eisbergs (http://creativesocialworker.tumblr.com/)

Die Vergessenen

Die Vergessenen. Wir haben sie unter uns. Viele von uns haben vielleicht den Kontakt zu ihnen verloren mit dem Wechsel aufs Gymnasium oder später. In manchen Dörfern geben sie den Ton an.  Aber die Hecke ist hoch und in die Dorfkneipe muss man ja nicht. Beim Bäcker hören wir Gesprächsfetzen und wenden uns schnell zum Gehen. Bei Facebook haben wir noch die letzten von ihnen nach einem zu rechtslastigen Post aus dem Freundeskreis geworfen. Problem gelöst. An der BILD erkennt man sie nicht mehr, denn sie lassen sich heute von der YouTube- und Facebook-Blase „informieren“.

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wetten dass?

Wetten dass

Schade, dass „die Geschichte“ keine Wetten annimmt. Dabei ist es eins der spannendsten Dinge, hinsichtlich der Zukunft Wetten abzuschließen! Ich hoffe mal, dass bei der unten stehenden Wette nicht zu sehr der Wunsch der Vater des Gedanken ist. Wettet jemand dagegen?

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Mr. Eddy aus Lost Highway, von David Lynch

Mr. Eddy – ein bemerkenswertes Selbstgespräch VI

Vorspann

Für einen Moment scheint Dick Lorent den Faden verloren zu haben. „Und schau Dir ihre geschmückten Höhlen an! Sehen sie nicht wie ein Hort des Wohlbehaltenseins aus im Vergleich zu deiner kärglichen Behausung? Sie laden dich ein Rast zu machen. Sie laden dich ein, Kinder in die Welt zu setzen. Zum Bleiben laden sie dich ein. Sie lassen deine wilden Ideale verblassen und tauschen sie ein gegen einen Schutzraum der Geborgenheit.

Die Weibchen, sie laufen zur Hochform auf, wenn sie organisieren, mit der Dorfgemeinschaft im Gespräch bleiben, Beziehungen knüpfen und durch Kooperation das tägliche Leben erleichtern. Stets sind sie eifrig auf guten Ruf und Status bedacht, eisern das Familien-Regiment in der Hand.“

In der Hormon-Nebelwolke der Fortpflanzung

Vor lauter Begeisterung muss Mr. Eddy jetzt innehalten und sich die Lippen lecken. Fast macht es den Eindruck, als wolle er nach einer langen Wanderung zum entscheidenden Gipfelsturm ansetzen. „Und wenn sich dann Männchen und Weibchen treffen und alles passt, dann sprüht auf beiden Seiten der Hormon-Nebel. Dann schießt das Oxytocin durch die Adern! Dann sind zwei Wesen, die doch so unterschiedlich ticken, dank gemeinsamem Endorphin-Trips wie ein Herz und eine Seele. Alle Diskrepanzen verblassen, es gibt nur Gemeinsamkeiten und Sehnsucht. Ja, Sehnsucht, dieses schöne Gefühl wie das des Rauchers, wenn der innere Nikotin-Tank leer läuft und die Belohnung darin besteht, dass der Mangel dann endlich mit einem beherzten Zug von der Zigarette wieder gestillt ist.

Mit ein bisschen Glück hält dieser Zustand dann an bis die Paarung erfolgreich vollzogen und der Nachwuchs auf dem Weg ist. Während bei ihr aber der Nebel schon bald wieder nachlässt, hält bei ihm der Hormon-Nebel seine Wirkung länger aufrecht. Schließlich muss er auf seine Rolle als werdender Vater vorbereitet werden, statt vorschnell das nächste willige Weibchen zu suchen. Auf ihrer Seite ist dagegen ein kritisches ungetrübtes Gespür nötig.“ Abschätzig würgt er heraus: „‚Intuition… wie SIE es nennen würde!“

Lynch Time

Das Ball-Orchester verstummt. Erst diese Stille weitet mir den Raum, setzt ihn in einen größeren Kontext als unser Bar-Kammerspiel.  Die gerade noch Tanzenden, nicht viel mehr als unscharfe Statisten, gehen zurück zu ihren Tischen. Ein Filmprojektor wirft ein noch kaum erkennbares Bild auf den in sauberen Falten herabhängenden Vorhang der Bühne an der Stirnseite. Altes Zelluloid in altem Vorführgerät. Eine Kino-Leinwand schiebt sich langsam aus einem Deckenkasten nach unten und verhilft den zuckenden Bildern zu partieller Schärfe.

Aus dem flackernden Dunkel lösen sich die von Kerzenlicht beleuchteten Silhouetten zweier nackter Leiber, die sich, eng ineinander verschlungen, dem Höhepunkt nähern. Die Kamera fokussiert auf ihre Gesichter. Entspringen dem Rücken der Dame Flügel aus schwarzem Gefieder? Der Körper von ihm ist gleichermaßen muskelgestählt und von Narben geschunden. Zärtlich streicht ihm das weibliche Wesen eine graue Strähne aus dem Gesicht.

Während er sich mit ihr zum Maximum der Gefühle emporschwingt, wiederholt er immer lauter werdend „Ich will dich! Ich will dich! Ich will dich!“.

Sie bäumt sich auf, zuckt, zittert und beugt sich nach unten ganz nah neben sein rechtes Ohr und während ihre Hand mit seinen Haaren spielt, flüstert sie ihm leise, aber für die Kamera deutlich vernehmbar zu:

„Du wirst mich niemals bekommen!“

Ich starre fassungslos auf die Leinwand und es fühlt sich an als würden riesige Mengen von Spielzeug auf mich herabregnen. Immer wieder wiederholt sich die Szene.

„Du wirst mich niemals bekommen!“

„Du wirst mich niemals bekommen!“

Zu viel

Mr. Eddy steht jetzt neben mir und legt mir grinsend den Arm über die Schulter während ich immer noch wie vom Blitz getroffen auf das Bild starre. Warum nur fühle ich mich mit dem Darsteller so verbunden?

Langsam wird Mr. Eddys anfänglich mitfühlende Geste fester, unangenehmer, sprichwörtlich atemberaubender. Ich gebe  dem Druck nach und lande schließlich unentrinnbar in seinem Schwitzkasten, weiterhin in Richtung Leinwand glotzend.

„So etwas lässt du dir sagen?“ grunzt Mr. Eddy während sein dick beringter Finger auf den Coitus Interruptus zeigt. „So etwas lässt du mit dir machen?“

Das Bild wird heller und heller, gleißend hell, bis aus der Mitte heraus ein schwarz-brauner Punkt immer größer wird, auffasert und sich nach außen frisst. Zelluloid reißt, der Projektor rattert noch kurz im Leerlauf und erstirbt. Es ist nun mucksmäuschenstill still. Der Saal liegt im Dunkeln.

Die letzte Verwandlung

Widerlich warm weht mir der Kukident-Atem in die Nase. Dank Dunkelheit und Stille erscheint der Geruch noch intensiver als vorhin.

Ein Klacken und schon tauchen wir in einem gleißend hellen Lichtkegel, der wohl von einem der Spot-Scheinwerfer des Saals kommt. Der Tresen, die Bar, die Gäste, das Orchester, alles liegt verborgen in dunkelstem Schwarz, während um uns im grellen Licht die Staubflöckchen tanzen.

Mit einer wohl völlig unerwarteten ruckartigen Bewegung beende ich meine schlaffe Passivität und schlüpfe mit äußerster Kraftanstrengung aus Mr. Eddys Griff.  Meine Faust trifft sein Kinn mit voller Wucht und knackendem Geräusch. Während des Schlags stelle ich erstaunt fest, dass ich Armschienen trage. Wie ein mit Pudding gefüllter Ballon wabbelt das Gesicht des alten Mannes nach hinten. Doch es dauert nicht lange bis er, zwei Schritte getaumelt, auf mich zuhält, mich im Lauf nach hinten umwirft und mir dabei  erneut seine kräftigen Hände um den Hals schlingt. Mit vor Wut geiferndem offenem Mund liegt er auf mir und drückt zu.

Mein Kehlkopf  wird diesem Druck nicht mehr lange standhalten und die Luft gelangt nur noch in einem dünnen pfeifenden Rinnsal in meine Bronchien. Als sei das alles egal,  bemerkt mein unterversorgtes Gehirn amüsiert, dass es noch nie solche grimassenhaft angespannten Gesichtszüge wie bei meinem Gegenüber gesehen hat.

Befreiungsschlag

Meine Arme sind von seinen Knien arretiert. Die Lederrüstung nützt mir in dieser Position auch nichts. Die auf den Rücken gebundenen Langschwerter sind schon im normalen Kampf äußerst unpraktisch. Hier im Liegen nützen sie mir gar nichts, außer das sie das Ganze noch unbequemer machen. Mein Hirn braucht Sauerstoff, dringend!

Ich besinne mich, dass es noch das kleine Messer gibt, das sich in einer zusätzlichen Naht am rechten Ärmel befindet! Meine Finger bekommen den Schaft zu greifen, der wenige bleibende Freiraum reicht, um die Klinge oberflächlich in Mr. Eddys Oberschenkel zu versenken und sie dabei leicht zu drehen. Wie gewünscht löst sich mit seinem quiekenden Schrei der Druck der Knie etwas, mein Arm befreit sich mit einem Ruck aus der Gefangenschaft, fährt nach oben und mit einem satten Ratsch teilt die Klinge das Doppelkinn. Das Quieken erlischt zu einem Gurgeln wahrend sich eine Blutfontäne über meine Rüstung und meinen Wams ergießt. Ein zietschender, in ein Gurgeln übergehender Laut füllt den Saal während Dick Lorent verzweifelt einzuatmen versucht.

Der Scheinwerfer geht aus, das röchelnde Fiepen bleibt. Als das Licht wieder angeht, drängt sich allerdings die Vermutung auf, dass das Geräusch nicht von einem Sterbenden, sondern vom unregelmäßig torkelnde Decken-Ventilator über mir herrühren könnte.

 

Spatzen bei der Fortpflanzung

Fortpflanzung – ein bemerkenswertes Selbstgespräch V

Vorspann

„Biologistisch nennst du mich also… Schau dich doch bitte mal an! Was meinst DU denn, worum es geht? Kultur, Bildung, Fortschritt, Wissenschaft, platonische Liebe und Freundschaft?“ fragt er mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck, den er immer weniger aufrecht erhalten kann, je mehr ich abwägend seitlich mit dem Kopf wippe. Als das Wippen unter spöttischen Blicken schließlich in ein zögerliches Nicken übergeht, prustet mein Gegenüber heraus, steigert sich in schallendes, geradezu hysterisches Gelächter und verschwindet, sich die Knie haltend vor Lachen hinter dem Tresen. Kurze Zeit später taucht er wieder auf wie ein U-Boot, mit immer noch puterrotem Gesicht. Mit seinem Einstecktuch wischt er sich die Tränen aus den Augen.

Mündliche Prüfung

„Aaalso“, setzt er an, „die Grundfaktoren der Evolution?“

„Fortpflanzung“, seufze ich und füge gähnend an: „Mutation und Selektion“. Kreisförmige Bewegungen mit der Hand signalisieren mir, dass ich noch weitermachen soll. „Dadurch, dass sich bei der Fortpflanzung Genome miteinander vermischen und es auch zu Mutationen, d.h. Veränderungen bei einzelnen Genen kommt, entstehen neue Merkmale und Merkmalskombinationen. Durch die natürliche Auslese, die Selektion, setzen sich Exemplare mit hilfreicheren Merkmalen durch, während solche mit weniger hilfreichen oder gar hinderlichen Merkmalen zurückstecken müssen.

„Oh, das gibt ein Fleißbienchen ins Klassenbuch! Und was verstehen wir unter der K-Strategie? Der Kandidat ist kurz davor, so viele Waschmaschinen zu gewinnen wie er tragen kann.“

Meinen Ärger hinunterschluckend antworte ich trotzig: „Bei der r-Strategie“, feixend rolle ich das ‚r‘, „wird eine große Anzahl von Nachkommen je ‚Wurf‘ gezeugt. Schnell überlebensfähige Junge benötigen nur eine kurze Zeit elterlicher Fürsorge. Entsprechend lose sind oft die Bindungen zwischen Männlein und Weiblein. Beispiele hierfür sind Kleinkrebse, Bienen, Sperlinge oder Mäuse. Die Strategie ist besonders geeignet, Areale zu ‚erobern‘, in denen noch wenige Artgenossen leben.“

Der Herr Klassenlehrer zieht die linke Augenbraue hoch. „Schade, dass ich eigentlich nach der K-Strategie gefragt habe…“ In ein wohlwollendes Lächeln übergehend fügt er an:“Immerhin war das schon mal sehr vielversprechend!“ Mit einer rotierenden Geste seiner Hand deutet er an, ich solle weitermachen.

Die K-Strategie

„Die K-Strategie, das kommt von ‚K wie Kapazitätsgrenze‘,  wiederum zeichnet sich im Gegenteil dadurch aus, dass nur wenige Nachkommen je Wurf geboren werden. Oft genau deshalb, weil das Areal bereits an eine Kapazitätsgrenze an Artgenossen stößt.  Entsprechend viel Zeit wird investiert, bis ein Junges ohne elterliche Fürsorge für sich allein existiert. Wegen des erhöhten Aufwandes sieht diese Strategie vor, das Männchen an der Aufzucht zu beteiligen. Dies gilt z.B. für Bären, Biber, Wale, Primaten und den Menschen insgesamt.“

„Brav heruntergebetet, wie ein Pennäler an der Tafel! Und wie bei Selbigen hat man den Eindruck, das habe jetzt mal so gar nichts mit dir zu tun, sondern beziehe sich auf eine in Westeros lebende Nattern-Art. Mannomann!“ Er schlägt mit der Faust nicht all zu fest auf den Tresen.
„Evolution, das bezieht sich doch auch darauf, wie wir unsere Partner auswählen, wie viele Kinder wir in die Welt setzen oder wie leicht Beziehungen auseinanderbrechen. Eine moderne Gesellschaft ist ja auch nur ein ‚Biotop‘. Eins, bei dem es vielleicht gar nicht mehr so wichtig ist, ob der Vater sich beteiligt. Die Mutter kommt ja zur Not auch ohne ihn aus. Oder es muss nicht immer der gleiche Kerl sein.
Fasziniert es dich denn gar nicht, wie unsere Fortpflanzungsmechanismen auf die Umwelt reagieren, unsere Vorlieben sich verändern, ja, wie sogar so etwas wie die Menopause daraus entsteht?“

Rückbau!

„Was haben denn jetzt ausgerechnet die Wechseljahre damit zu tun?“

„Es ist ein Rätsel der Evolutionsbiologie, warum die menschlichen Weibchen im Gegensatz zu den allermeisten Säugetier-Weibchen ab einem bestimmten Alter um die Fünfzig aufhören, reproduktionsfähig zu sein. Aber vielleicht ist die Antwort ja ganz einfach. Die Menopause ist wohl schlichtweg deshalb entstanden, weil sich die Kerle ab einem bestimmten Alter nicht mehr für die Damen interessieren! Da ist es egal, ob noch so teure Klunker am welken Dekolleté hängen! Und wenn ein Merkmal für die Fortpflanzung unerheblich ist, dann ist es halt zum Rückbau freigegeben!“

Während er mir weiter durchdringend in die Augen schaut, legt er den Kopf schief, es knackt. In seinem Gesicht, seinem ganzen Kopf, seiner ganzen Person samt Kleidung findet eine Metamorphose statt. Aus dem schmalen Barkeeper wird ein alter, stattlicher Mann mit einem vollen Gesicht, buschigen Augenbrauen und hoher gekräuselter Stirn. Sein bräunlich-graues Haar ist schütter, seine Wangen faltig. Der dicke Ring am Finger und der schwarze Anzug unterstreichen sein Charisma.

Mr. Eddy

Seine Gesichtszüge werden ernst. Während er sich zu mir herüber beugt, greift er mit beiden Händen nach meinem Hals und zieht mich kräftig in seine Richtung. Ich rutsche vom Barhocker herunter. Aber durch seinen Zug geht es gleich wieder nach oben und vorne über dem Tresen. Nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt, schaue ich direkt in rötlich unterlaufene Augen. Er ist es, Dick Lorent, Mr. Eddy. Ein Mensch, dem Dominanz und Brutalität aus jeder Pore quillt.

„Von der Grünpflanze bis übers Bakterium bis hin zu dir: es dreht sich alles hier um die Fortpflanzung. Jedes organische Wesen hier auf Erden nimmt am großen Wettbewerb teil, sein Genom in die nächste Generation zu tragen.“

Unsere Gesichter berühren sich jetzt fast. „Und wenn es nicht klappt?“, frage ich unsicher.

„Dann winselst und heulst du wie ein krepierender Wolf, wenn dein riesiger Schrank mal wieder aufspringt und sich sein Inhalt wie eine Lawine ergießt oder wenn uns deine pathetische verschrobene Vorstellung von Beziehung mal wieder den Satz ‚Du bist wie ein Bruder für mich!‘ einbringt!“

Mit einem verächtlichen Ruck gibt Mr. Eddy meinen Hals frei und lässt mich wieder hinter der Theke auf den Fußboden gleiten.

„Der Schlüssel zu allem ist der Geruch. Der steigt beiden besonders dann angenehm in die Nase, wenn ihre zwei Immunsysteme unterschiedlich genug sind und sich deshalb besonders gut ergänzen. Zwei, die sich gut riechen können, das bedeutet, dass die Immunsysteme gut zusammenpassen und das wiederum bedeutet: Die Nachkommen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit im Wettstreit mit Bakterien, Viren und Pilzen robuster und weniger anfällig sein.“

Mir dreht sich der Magen um, weil mir Dick Lorents von Moschus übertünchter Altherrenduft und sein schaler Kukident-Atem immer noch in der Nase klebt.

Vorspiegelung falscher und unnützer Tatsachen

„Aber nicht nur der Geruch ist wichtig, damit die Partnerwahl und schließlich die Fortpflanzung gelingt“, fährt Mr. Eddy fort. Das Männchen schaut natürlich zudem auf ein gebärfreudiges Becken, gut durchblutete Lippen – euer Lippenstift leistet da hervorragende Dienste – und große Brüste, die den Nachwuchs mit Silikon säugen können.“ Grinsend imitiert er das Saugen an einer riesigen Brust.

„Das Weibchen wiederum achtet darauf, dass sie da ein wahlweise muskulöses, charismatisches, dominantes, mächtiges Alpha-Tier vor sich hat. Oder… “ – jetzt werden seine Blicke mitleidig bis verächtlich – „…doch wenigstens ein anständiges Omega-Tierchen, das zwar gegen die anderen Männchen keine Chance hat, aber sich kümmert und fürsorglich ist. Deshalb verdingen sich die männlichen Jungtiere in der Weltgeschichte, lichten sich auf Instagram in Schluchten und Felswänden ab, blasen ihre Muskeln auf. Sie treiben ihre Karriere voran, machen mit Bohai auf sich aufmerksam, lieben die Macht und nehmen Entbehrung auf sich. Sie machen spektakuläre Erfindungen und berauschen die Kultur-Konsumenten mit hinreißenden Opern und Romanen, und das meist in jungen Jahren Anfang der Zwanziger auf ihrem Leistungsgipfel.“

Natürliche Pickup-Artistinnen …

Mit vor lauter Koketterie zur Fratze verzogenen Gesichtszügen setzt er süßlich fort: „Und wenn das Pavian-Weibchen dann recht beeindruckt ist, und es als Zeichen des Einverständnisses seinen rot-geschwollenen Pavian-Hintern hebt, dann möchte ich das Männchen sehen, das dann lang überlegt!

Hach, die Weibchen, sie haben uns Männer schon in der Hand – wenn da die physische Überlegenheit nicht wäre. Die Unterdrückung der Frauen ist ja keine Erfindung des Patriarchats. Schau sie dir an, die Affen – oder die Pinguine, wenn Dir das lieber ist: Harems, Prostitution, Vergewaltigung, Frauenraub – die schlechtesten Eigenschaften des Menschen sind da bereits in vollster Blüte.

Umso mehr, muss ich freimütig zugeben, hab ich riesengroßen Respekt vor den dominanten Kratzbürsten, auch wenn ich lieber die hilfsbedürftigen Häschen mag. Im letzten Jahrhundert haben die Frauen das geschafft, was in den 100.000 Jahren zuvor nie erreicht wurde. Sie haben sich durchgesetzt und daran erinnert, dass der Fluss zwar in eine Richtung fließt. Der Kanu-Fahrer darin kann aber durchaus gegen die Strömung anpaddeln, wenn die Technik stimmt.

… und ihr (jämmerliches?) männliches Pendant

Wenn die Damen aber tief in sich reinhören – ich weiß, das gefällt ihnen nicht – dann können sie noch so oft beschwören, dass sie den staubsaugenden abwaschenden Softie dem Macho vorziehen. Die Realität zeigt halt in vielen Fällen doch etwas ganz anderes. Wehe wenn der richtige Zampano daherkommt, der gleichermaßen zuhört und dominant ist, charmant ist und sich andererseits rar macht, weil er da ja noch die Welt retten muss. Wenn sich die Welt um sie dreht, dann doch nicht und dann doch wieder. Dann schmelzen sie dahin, auch wenn sie’s so vielleicht nicht zugeben würden.“

Für einen Moment scheint Dick Lorent den Faden verloren zu haben. „Und schau Dir ihre geschmückten Höhlen an! Sehen sie nicht wie ein Hort des Wohlbehaltenseins aus im Vergleich zu deiner kärglichen Behausung? Sie laden dich ein Rast zu machen. Sie laden dich ein, Kinder in die Welt zu setzen. Zum Bleiben laden sie dich ein. Sie lassen deine wilden Ideale verblassen und tauschen sie ein gegen einen Schutzraum der Geborgenheit.

Fortsetzung: Mr. Eddy

Ist es biologistisch, wenn man bei eigentümlichen Verhaltensweisen immer mal wieder an den Alltag des Homo Erectus denkt?

Biologistisch? – Ein bemerkenswertes Selbstgespräch IV

Vorspann

Ich will erneut einen kräftigen Zug auf diese ganze Seelenschau nehmen, da fällt mir auf, dass sich mein Kiefer ganz anders anfühlt. Als ich aufblicke, schaut aus dem verspiegelten Glas der Bar ein Urzeit-Mensch zurück. Dunkelhäutig, nackt, mit haariger Brust. Wie ein Nymphen-Sittich, der beim Blick in den Spiegel nicht sicher ist, ob es tatsächlich er selbst ist, den er da vor sich hat, wende ich den Kopf und schneide Grimassen. Der vermenschlichte Affe auf der anderen Seite tut das Gleiche.

Vitamin D – Sammler

Der Barkeeper reißt mich aus meinen Beobachtungen. „Die Haare auf Rücken und Brust ist eine heutige Erscheinung ja immer noch nicht losgeworden. Immerhin ist der feine Herr inzwischen nobel weiß und nicht mehr so dunkel wie damals. Der Teint eines Käsekuchens ist aber auch bitter nötig, um aus den mageren nördlichen Sonnenstrahlen ein bisschen mehr Vitamin D herauszupressen. Hach, es ist schon schwer, wenn man von seiner 200.000 Jahre alten Wiege im tiefsten Süden Afrikas so weit entfernt ist!“

Mit immer noch hilflos entsetztem Gesichtsausdruck schaue ich auf meinen drahtigen dunkelhäutigen behaarten Körper hinab.

„Oh, der feinen Großhirnrinde des Herrn wäre vermutlich ein Smoking mit Stehkragenhemd und Fliege lieber gewesen. Sie schämt sich ihrer kärglichen Herkunft. Ach Gottchen!“

Fassungslos glotze ich den Barkeeper an.

Dessen Stimmung schlägt innerhalb von Sekunden von launig-ironisch ins Jähzornige um. „Jetzt halt nicht Maulaffen feil!“ gurgelt er, während er sich in Drohgebärde mit beiden Armen auf dem Tresen abstützt.

„Du wolltest dich doch mit mir unterhalten!“

„Du wolltest doch mit dem Teil von dir sprechen, der sich deiner Kontrolle weitgehend entzieht! Wolltest du nicht? Ha, das werde ich wohl besser wissen als du!

Die vielen Entscheidungen wolltest du besser verstehen, die ich die ganze Zeit für dich treffe. Warum sind dir manche Leute sympathisch und andere nicht? Weshalb hast du manchmal wahnsinnig Lust auf Erbsen? Aus welchem Grund kannst du deinen Blick nicht von dem Hintern abwenden, der schwungvoll deinen Weg kreuzt? Warum sitzt du gerne am Wasser? Wie kann es sein, dass Dir Frauen oft gleichzeitig unheimlich sind, unheimlich fremd dazu und doch üben sie eine unheimliche Anziehung auf dich aus?

Du schaust oft nur als Zaungast zu, wenn ich, dein Limbisches System, zu Beschlüssen gelange, noch bevor du überhaupt realisierst, dass es etwas zu entscheiden gibt! Im Nachgang erklärst du Dir die Entscheidungen dann mit Hilfe dieser neumodischen Großhirnrinde, die du dir in Form von Muscheln, Fisch, Steaks, Innereien in deiner Stammesgeschichte angefressen hast.“ Verächtlich verzieht er das Gesicht. „Dabei haben deine schönen schlüssigen Argumente oft genug nichts mit den eigentlichen Gründen zu tun.“

Wie beiläufig hat mein Archicortex-Gesprächspartner während der letzten Sätze eine Reihe kleiner Objekte auf dem Tresen aufgebaut.

Ertrunken im Verhaltensstrom

„Bist du dir eigentlich darüber im Klaren, dass du dich auf einem Fluss befindest, in dem es leicht ist, mit der Strömung zu schwimmen? Dagegen zu halten, ist deutlich schwieriger!“
Mit einer fließenden Bewegung holt der Barkeeper nun eine große Kristallkaraffe randvoll mit Wasser hinter dem Tresen hervor. Mit breitem wahnsinnigen Grinsen senkt er den Ausguss, so dass sich das Wasser in vollem Strahl spritzend auf die Theke ergießt. Welle und Strömung bringen die vielen kleinen Gegenstände der Reihe nach zu Fall und spülen sie in Richtung Fußboden. Mein Whisky-Glas widersteht der Flut. Ich selbst allerdings springe, den Barhocker umreißend, weg, als sei das Wasser flüssige Lava.

„Was soll das denn jetzt weder?“

„Die Strömung, das sind sowohl die vielen kleinen Erlebnisse, die uns in Kindheit und Jugend prägen als auch das genetische Erbe der tausend Generationen vor uns bis in die Serengeti und den Süden Afrikas, die wir heute noch mit uns herumschleppen. Und wenn du in diesem tiefen Gewässer herumstocherst und es aufwühlst, dann beklag dich bitte hinterher nicht, dass die Krake erwacht und dich hineinzieht!

Mit aufgerissenen Augen und halb offenem Mund sitze ich da und mache meinem Ruf als Frühmensch alle Ehre.

Chefsessel-Primaten

Mein Alter Ego setzt seinen Sermon nach kurzem Absetzen mit immer noch steigendem Temperament fort: „In der Tat ist der Herr im Kern noch ein schnöder, dem Affen entwachsener Steppen-Bewohner. Sein Tagewerk ist es, den Antilopen hinterherzuhetzen und er träumt davon, mal einen Löwen zu erlegen. Klar, sitzt er heute auf Polstersesseln und jagt statt Zebras in Plastik und Aluminium eingeschweißte Beutetiere. Die Umgebung hat sich geändert, aber der unstillbarer Hunger nach Zucker, Fett und Proteinen in rauen Mengen ist seitdem nicht kleiner geworden. Man weiß ja nie, wann’s mal wieder so einen Festbraten gibt.

So toll wie ihr euch die Fettreserven anfresst, so wahnwitzig werdet ihr sie dann auch wieder los! Kommt ihr euch nicht dabei komisch vor,  ziellos einfach nur in der Gegend herumzurennen, um in der Gegend herumzurennen? Ich mir schon. Und deshalb rebelliere ich! Kommt euch dieses Herumgelaufe nicht in etwa so komisch vor wie mit der Wand Italienisch zu sprechen, um zu sprechen oder auf Gummi herumzukauen, um zu kauen? Ein zu erlegendes Mammut, ein zu pflegender Garten oder die Flucht vor einem Säbelzahntiger, das ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Stattdessen gafft ihr auf eure überdimensionale Uhr, die euch zeigt, wie viele Kalorien ihr schon verbrannt habt.

Ich aber lege gekonnt den vor Nährwert nur so strotzenden Burger in Fettpölsterchen an, um für die Eiszeit vorzusorgen. Und was macht ihr? Ihr erwärmt das Klima! Egal, der Effekt ist der gleiche. Du weißt ja, wenn du als letzter der Kerle am Leben bleibst, dann bist du ein Fortpflanzungs-Perpetuum-Mobile!“

Bei diesen Worten macht er blöde grinsend unzweideutige Gesten und sieht damit aus wie ein wandelnder Altherren-Witz. Immerhin räuspert er sich dann aber doch und flüstert ein „Tschuldigung!“

„Jetzt sei doch nicht so schnöde biologistisch!“, murre ich tadelnd.

Biologistisch

„Biologistisch nennst du mich also… Schau dich doch bitte mal an! Was meinst DU denn, worum es geht? Kultur, Bildung, Fortschritt, Wissenschaft, platonische Liebe und Freundschaft?“ fragt er mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck, den er immer weniger aufrecht erhalten kann, je mehr ich abwägend seitlich mit dem Kopf wippe. Als das Wippen unter spöttischen Blicken schließlich in ein zögerliches Nicken übergeht, prustet mein Gegenüber heraus, steigert sich in schallendes, geradezu hysterisches Gelächter und verschwindet, sich die Knie haltend vor Lachen hinter dem Tresen. Kurze Zeit später taucht er wieder auf wie ein U-Boot, mit immer noch puterrotem Gesicht. Mit seinem Einstecktuch wischt er sich die Tränen aus den Augen.

Fortsetzung: Fortpflanzung

Neurotrophin-3, Neuronenwachstum stimulierendes Protein, das vermehrt produziert wird, wenn man verliebt ist.

Verliebt – Ein bemerkenswertes Selbstgespräch III

Vorspann

„Passt dem feinen Herrn die Atmosphäre hier unten nicht?“
Tatsächlich war es mir in diesem Kellerloch ein bisschen zu feucht und zu kühl geworden.

Und ehe ich zu einem „Joah…“ ansetzen kann, finde ich mich in einem viktorianischen Ballsaal wieder, genau genommen: dem Ballsaal aus Stanley Kubricks Overlook-Hotel. Der Barkeeper in rotem Tuxedo, bleich und mit von Pomade glänzendem schwarzem Haar, jetzt fast menschlich, grinst mich an: „Ich hab mir auch mal was Bequemeres angezogen“.

Mr. Eddy

Wir stehen bzw. sitzen dies- und jenseits des Tresens einer Bar, die einen Teil der Querseite des Ballsaals schmückt. Erlesene Getränke auf kunstvoll verarbeitetem edlen Holz. Vor mir liegt eine Art Zettel aus einem seltsam vergilbten Papier auf dem Tresen. Neugierig betrachtet mich mein Gegenüber, während ich den knappen Satz darauf studiere. Es sind nur ein paar wenige Wörter, mit Tusche und Feder geschrieben, von einer leicht krakeligen männlich wirkenden Handschrift. „Dick Lorent ist tot!“
„Was steht darauf?“ fragt mein Gesprächspartner neugierig. „Hier steht, dass Dick Lorent tot sein soll – wer auch immer das ist.“
Mein Gegenüber legt etwas übertrieben die Stirn in Falten. „Mr. Eddy tot? Neeein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

Einen Schluck aus dem riesigen Whisky-Glas vor mir nehmend, stelle ich verwundert fest, dass nicht das Glas riesig, sondern meine Hände schrecklich klein geraten sind. Ein Blick an mir herunter bestätigt die Beobachtung. Ich bin wieder ein etwa 12jähriger Junge. Damit wäre dann auch geklärt, warum sich dieser Barhocker so verdammt ungemütlich anfühlt, zumal wenn man versucht, den Tresen zu erreichen.

Eine geheime Unabhängigkeitserklärung

„Schau mal da rüber!“ Ich folge der Richtung des Fingers, der  am weißen Hemdsärmel vorbei im roten Smoking verschwindet. Er zeigt auf einen großen in einen üppigen Barock-Rahmen eingefassten Spiegel neben der Bar. Bin das da im Spiegel ich? Ich damals? Türkis-blau gestreifter Motiv-Pullover – passt! Dünnrandige blau-schwarz-türkise Metall-Brille – passt auch! Der kleine Junge stapelt bunte Bälle und Spielzeug vorsichtig jonglierend in einem großen Schrank. Der im Spiegel sichtbare moosgrüne flauschiger Fußboden und die orange-bunte Blümchen-Tapete ergeben eine harmonische Geschmacksverirrung, die erst Ende der 80er allmählich als solche erkannt werden wird.

„Papa war grad böse mit ihm! Er hat mal wieder geschimpft. Der Junge solle nicht so viel spielen und mehr für die Schule machen. Sonst fiele beim nächsten Test wieder nur eine Zwei ab. Der Junge hat dieses ständige Kritisieren und Nörgeln und Kontrollieren satt. Viel lieber würde er mal ein Lob hören und dass jemand stolz auf ihn ist. Deshalb hat er soeben eine ebenso schwergewichtige wie folgenschwere Entscheidung getroffen:
Ab jetzt wird nur noch er selbst entscheiden, ob er etwas gut oder schlecht gemacht hat. Er wird sich selbst loben, sich selbst Spiel-Pausen gönnen und sich selbst zur Arbeit knüppeln. An diesem Tag ist der kleine Junge unabhängig geworden, vielleicht sogar ein bisschen zu unuabhängig.“

Der kleine Kerl hat inzwischen die Schranktür halb geschlossen und bugsiert durch den schmalen Spalt der Tür auch noch die letzten herumliegenden Sachen, zuletzt auf einem Hocker stehend.
Schließlich schließt er die Türen mit viel Kraft, lockert mit der Hand durch den Spalt greifend hier und da ein Spielzeug, das sich verkeilt hat und schafft es schließlich, den Schrank zu schließen.
Stolz, entschlossen und trotzig verschränkt er die Arme vor dem Oberkörper. Geschafft!

Verliebt

„Ui, schau mal wie süß!“ quiekt der Barkeeper. Der Junge ist ein paar Jahre älter, 15 oder 16 vielleicht. „Bahnt sich da gerade die erste Beziehung an? Schau, wie putzig sie reden! Und jetzt geht er rüber zu seinem Schrank, seinem Allerheiligsten. Guck wie angestrengt er mit dem Fuß die Schranktür blockiert, um seiner Freundin eins seiner wertvollen Spielzeuge zu zeigen. Fast wären ein paar dabei wieder herausgefallen.“

Mit gekünstelt erschrockenem Gesicht flötet er: „Oh, oh, die werden doch nicht etwa…? Ach nee… die reden bloß. Und jetzt gleich… niiiieeedlich… Schaaade,  wieder kein Kuss!“

Nun betritt ein anderer kleiner Junge die Szene. Er verbrüdert sich mit unserem kleinen Protagonisten.

„Ein bester Freund!“, nickt er mir anerkennend zu. „Ich glaub ja fast, die sind beide verliebt und wären beide gern mit dem Mädchen zusammen. Goldig! Da sollte doch, na, na…?“

Natürlich wird auch dem Jungen mit aller Vorsicht ein Spielzeug aus dem  überfrachteten Schrank gereicht. Irgendwie erwecken die Türen  beim Verschließen den Eindruck, als würden sich bereits bei einem kleinen Fehler Berge von Spielsachen einen Weg in die Freiheit bahnen.

Mach mir den Herbert Zimmermann

„Bravo!“ setzt mein Gegenüber unter meinen pikierten Blicken gekünstelt fort und klatscht exaltiert mit den Händen.„Na…naaa… neeeein! Hast du das gesehen? Hast du DAS gesehen? Hach, wie ist doch das Leben ironisch, manchmal!“

Innerlich brodelnd aber äußerlich betont gelangweilt stütze ich das Kinn in die Hand. So folge ich angesäuert von der Belustigung meines Gesprächspartners der Szene. Sie ist mir noch gut im Gedächtnis, auch wenn sie mir hier nicht so dargeboten wird wie ich sie in Erinnerung habe, sondern viel überspitzter in einer grotesken Metapher.

Auf diese Weise aus ganz unterschiedlichen Gründen bewegt, folgen wir dem Schauspiel. Wir werden Zeuge, wie sich gerade eben nicht der Protagonist, sondern sein bester Freund dem Mädchen annähert. Eine tätliche Neckerei von links, ein  auf Tuchfühlung gehendes Zurücknecken von rechts und jetzt, da schon der Körperkontakt hergestellt ist, tritt der wahre Grund der Annäherung zu Tage. Frontaler Angriff von rechts – abgewehrt! Aus dem Hintergrund müsste sich jetzt ein Arm um die Hüfte legen. Augen schließen sich. Kuuuuusss! Kuuuusssss! Kuuuuuuusss! Die Zeit scheint stillzustehen. Und als die Uhren wieder ihre Zeiger weiterbewegen, heißt es: „Aus, aus, aus, der erste und wichtigste Schritt ist gemacht!“ Beide verlassen die Szene Arm in Arm. Unsere noch mit der Schranktür beschäftigter Hauptfigur strauchelt, stürzt. Es tost, kracht, klirrt, dotzt und rumpelt.

Refraktärzeit

Mein Gegenüber zückt eine Polaroid-Kamera und schießt johlend einen Schnappschuss, den er mir wedelnd mit den Worten „Für’s Familien-Album!“ herüberreicht. Auf dem langsam Konturen gewinnenden Bild ist der Junge bis über die Nase in einem Berg von Spielsachen begraben und schaut bedröppelt in unsere Richtung.

Nun beginnt er wieder mühsam, Stück für Stück die Sachen in den Schrank zu räumen. Schnell erreicht er wieder einen Zustand, der angestrengtes Bemessen und Jonglieren erfordert.

„Ich schätze, inzwischen schafft er das schneller, oder?“ raunt mir der Barkeeper vielwissend zu. „Aber ich verwette das Trinkgeld des heutigen Abends, dass er zwischenzeitlich immer noch nicht auf die Idee gekommen ist, in diesen Schrank endlich mal vernünftige Fächer einzuziehen.“

Wie ein Weihnachtsbaum

Gelangweilt folge ich dem immer noch anhaltenden Schauspiel. Der Junge ist inzwischen zu einem jungen Mann geworden. Unterbrochen von kurzen Einräum- und langen aufgeräumten Zeiten kommen immer wieder mal Mädchen vorbei. Immer wieder landet entweder nur er oder es landen beide unter dem Berg von Spielsachen.

„Schau nicht so essigsauer!“ tönt es von der Bar herüber. „Dank dieser weitreichenden Entscheidung des kleinen Jungen und dank der Probleme, die er mit seinem Spielzeugschrank hat, hat er schon im frühen Alter Bands und Chöre geleitet, die dort aktiven ältern Damen mit früher Reife verzaubert, Studentengruppen geführt und steht wie ein Weihnachtsbaum da, geschmückt mit vielen Fähigkeiten, Kenntnissen, geschulten Talenten und zum Beruf gemachten Hobbies… keine schlechte Bilanz oder?“

Mit einem Ruck will ich mich vom sysiphusesken Schauspiel abwenden. Der letzte Satz des Barkeepers hat mich ein bisschen besänftigt, auch wenn er sicher ironisch gemeint war.

In Dir ist eine Welt!

Doch im Abwenden sehe ich, wie eine wunderschöne Frau mit lockerem Kopftuch die Szene betritt. Mit ihren großen traurigen Augen wirft sie kurz einen Blick aufs Spielzeug, das schon wieder aus dem Schrank herauszuquellen droht.

„In Dir ist eine Welt!“
„Aber es ist nicht Deine Welt“, murmle ich leise und ein bisschen wehmütig.
„Ich hab dich trotzdem sehr lieb! Du musst den Schrank gar nicht ganz aufmachen.“
„Aber ich will mit Dir doch über jedes Spielzeug sprechen! Ich will neue Spielzeuge mit Dir erfinden! Ich will Spielzeuge mit Dir tauschen!‘
„Du wirst sehen. Wir können uns auch ohne das sehr lieb haben. Vielleicht können wir uns gerade deshalb so lieb haben!“

Sobald diese Worte gesprochen sind, verschwindet das Bild im Spiegel.

Ich will erneut einen kräftigen Zug auf diese ganze Seelenschau nehmen, da fällt mir auf, dass sich mein Kiefer ganz anders anfühlt. Als ich aufblicke, schaut aus dem verspiegelten Glas der Bar ein Urzeit-Mensch zurück. Dunkelhäutig, nackt, mit haariger Brust. Wie ein Nymphen-Sittich, der beim Blick in den Spiegel nicht sicher ist, ob es tatsächlich er selbst ist, den er da vor sich hat, wende ich den Kopf und schneide Grimassen. Der vermenschlichte Affe auf der anderen Seite tut das Gleiche.

Fortsetzung: Biologistisch?

Bild des mechanischen Drachen Long Ma von LeMachine, Nantes

Ich will Drachen bauen… aber nicht nur!

Wäre es nicht großartig, in einer Gesellschaft zu leben, wo es völlig normal ist, solche Dinge wie mechanische Feuer spuckende Drachen zu schaffen, ohne sie mit einem „Sponsored by“ versehen zu müssen?

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Gehirn, insbesondere Großhirn und Limbisches System

Hypodingsbums – Ein bemerkenswertes Selbstgespräch II

Vorspann

Vor meinen Augen beginnt es regenbbogenfarben zu schillern. Meine Knie werden weich und während ich nach hinten taumle und falle, spüre ich die meinen Fall etwas bremsenden stützenden Hände der Rezeptionistin. Nachdem ich etwas Sandsack-ähnlich auf dem Boden aufgesessen bin, haucht sie mir mit dämonischem Lächeln ein „have a wonderful time“ ins Ohr.

Hypodingsbums

„Hoppla, jetzt hättest du dich fast auf mich draufgesetzt!“, protestiert eine leicht quäkende Stimme neben mir. Durch die Hustenattacke muss mir schwindelig geworden sein. Mein Gesäß schmerzt ein wenig.

„Erst walzt er mich fast platt und dann ignoriert mich dieser Idiot auch noch!“, quäkt es weiter.

Ich schaue mich um, orientiere mich und bin verwundert. Ich befinde mich im gleichen Raum, aber es ist als hätte mir jemand einen wabernden Filter vor die Pupillen geschoben, der zu allen natürlichen Farben ein psychedelisches Pendant findet. War zuvor der Raum in ein sanftes türkises Licht getaucht, so hat er nun eine deutlich orange-gelbliche Färbung. Die zuvor satt-grünen Gräser, Moose und Farne erstrahlen nun leuchtend-rot und Pfützen und Schlick wabern in dunkel-violetten Tönen mit pinken Reflexionen.

„Hey, Schwachkopf, ich rede mit dir! Das ist doch echt nicht zu fassen!“

Nun gelingt es mir endlich lokalisieren, wer mich da sprichwörtlich schief von der Seite anquatscht. In einem verschlungenen Gekröse-Haufen gelingt es mir, eine zu den Schallwellen passende Bewegung auszumachen. Erstaunt stelle ich fest, das neongrün-blaues Gekröse weit weniger abstoßend und ekelig wirkt als normales rosanes oder gar grün-gelblich-gräuliches Gewebe. Vorsichtig greife ich in den organischen Schmodder. Wie eine in Fäden verhedderte Marionette befördere ich ein absonderliches – nennen wir es ‚Wesen‘ – zutage. Wesen trifft es ebenso gut, wie man in einer Wolkenformation einen Drachen oder Hasen erkennt. Hier die Augen, da ein zusammengezogener Mund. Dieser kleine Dorn die Nase. Gesichter-Erkennung ist schon eine absonderliche Fähigkeit des Geistes!

Vorsichtig entwirre ich das Bündel, umfasse die glipschig weiche Struktur am hinteren Teil des „Kopfes“ mit der einen und stütze den „Hals“ behutsam mit der anderen Hand. Das dabei nun ertönende Stöhnen und Grunzen lässt dann nachträglich doch noch ein bisschen Ekel aufkommen.

„Aaah, endlich! Jaaaa, gut! Weiter!“

Ich hebe die Kreatur an und lasse die endlos vielen Ausfaserungen nach unten fallen, wie Spaghetti an einer Nudelzange. Nun entworren,  lege ich das Gekröse zwischen meinen Knien ab, mit dem, was ich für die Front-Seite halte, nach vorn. Dieses Etwas erinnert mich auf eigentümliche Weise  an meine Biopsychologie-Vorlesung an der Uni.

„Soooo hättest du dir mich nicht vorgestellt, was?“

„Wer bist du überhaupt?“
„Da hat er wieder gepennt in der Veranstaltung und selbst die farbigen Abbildungen im Birbaumer hat er sich nur mit halber Aufmerksamkeit angesehen! Jämmerlich!“

Nun geht mir ein Licht auf:

  • die großen hellbraunen Glupschaugen mit den großen imaginierten Pupillen – der Thalamus
  • die fleischigen Augenbrauen-Wülste drum herum: Pallidum und Globus Pallidus
  • die sich in der Mitte nach vorne biegenden Röhrchen mit rundem Knubbel am Ende: Fornix und Mamillarkörper
  • der kugelige Dorn, der dazwischen nach vorne ragt: Bulbus Olfactorius
  • der Teil, in den ich mir den kleinen Mund hineinimaginiere und der das seltsame Gesicht nach unten hin abschließt: die Pons
  • die sich nach vorn herausstülpenden… hm… „Bäckchen“: die Hippocampi mit der Amygdala als vorderen Teil;
  • das kleine Säckchen, das mittig unterhalb der Augen zu sehen ist: die HypophyseLimbisches System
  • die dicke gekräuselte weiche Struktur hinten: das Cerebellum alias Kleinhirn und schließlich
  • die vielen Fasern und der deutlich erkennbare etwas stärkere mittlere Strang – Rückenmark die zwölf Hirn-Nerven, Spinal-Nerven und Spinal-Ganglien.

Krass!

Gleichzeitig wird mir bewusst, dass sich mein Kopf plötzlich um einiges leichter anfühlt – geradezu halb leer. „Du bist…“

„Jawohl, ich bin Dein limbisches System!“

Warum schneidet mir dieses blöde Gekröse dauernd das Wort ab? „Klatschen kann ich grad nicht“, grunzt es mir entgegen. „Mann, hat das lange gedauert, aber besser spät als nie, ne?“ Der von mir imaginierte Mund verzieht sich zu einem gequälten Grinsen.

„Mögen mir die Götter gnädig sein!“, flüstere ich zu mir selbst, „ich beherberge ein glupschiges Etwas, das mit der Stimme von Waldorf spricht, einem der beiden alten Herren auf dem Balkon in der Muppet Show!“

„Und was soll dieses ganze Theater hier jetzt?“, frage ich.

„Das fragst du mich? Ich bin doch Deine Halluzination!“

Wieder Stille. „Passt dem feinen Herrn die Atmosphäre hier unten nicht?“
Tatsächlich war es mir ein bisschen zu feucht und zu kühl in diesem Kellerloch geworden.

Und ehe ich zu einem „Joah…“ ansetzen kann, finde ich mich in einem viktorianischen Ballsaal wieder, genau genommen: dem Ballsaal aus Stanley Kubricks Overlook-Hotel. Der Bar-Keeper in perfekt gebügeltem Smoking, jetzt fast menschlich, grinst mich an: „Ich hab mir auch mal was Bequemeres angezogen“.

Fortsetzung folgt : Verliebt

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