Plot: Ayodele verdaut eine kleine Überraschung und erlebt schließlich “Agiles Manifest at its best”
Exkurse: Privatsphäre und Datenschutz, Zukunft der Arbeit, 3D-Personas

Vorspann

“Danke, geht so. Der Schädel brummt mir schon noch ein bisschen. Aber es wird gehen. Und…” Hugo zischt jetzt mehr als zu sprechen: “Nichts zu Kati oder irgend jemanden, was den gestrigen Abend betrifft! Kann ich auf Dich zählen?”
“Selbstredend, ist doch Ehrensache!”, antworte ich lachend. Kurz schaut er mich noch prüfend an und zieht mich mit einem “Komm!” dann in Richtung Hügelmitte, wo die anderen Workshop-Teilnehmer sitzen.

Die Kongress-Überraschung

Hugo! Ich wusste ja, dass er in etwa drei Stunden in einen Pod, also ein autonomes Auto, steigen würde, um sich mit Kati auf dem Weg zur Lestén-Universität zu treffen. Umso mehr fiel ich aus allen Wolken, als ich erfuhr, dass ich heute Teil eines Zehntausende-Personen-Kongresses sein würde! Er hatte es “einfach vergessen”, mir dieses kleine Detail mitzuteilen.

Nun darf man sich Kongresse keinesfalls vorstellen wie in früheren Zeiten: riesige Kongress-Zentren. Nur noch in den wenigsten Fällen mästen große Personalstäbe zu horrenden Gebühren die Teilnehmer in einer mehr oder minder gut ausgeklügelten Catering-Logistik, um sie zwischendurch in mehr oder weniger gelungene parallel laufende Massenveranstaltungen zu entlassen.

Geld her – oder Mitarbeit!

Es geht familiärer zu. Zunächst stellt sich die Frage, ob der Besucher an einem speziellen Bereich mitarbeitet. Meistens geht es um Freie Soft- oder Hardware eines bestimmten Anwendungsfelds. Wenn dem nicht so ist, dann ist er Teil der nicht so übergroßen Mehrheit, der eher daran gelegen ist, ganz allgemein viel mitzubekommen.

Als Mitgestalter checkt er in einem gemütlichen D-Haus oder -Dorf ein. Dort genießt er meist auch den Vorteil einer geringen bzw. gar keiner Eintrittsgebühr.

Bei deutlich höherem Eintritt liegt in den etwas größeren Etablissements der Schwerpunkt darauf, neue Methoden und Techniken vorgestellt zu bekommen und aktiv zu erproben oder alten Methoden und Techniken neues Leben einzuhauchen. Oft werden Kongresse so zu mehreren Seminar-Workshops in einem samt kleinen Schaufenstern, was es sonst noch so alles Neues und wiederentdecktes Altes gibt.

In diese Veranstaltungen kann man sich aber auch leicht virtuell einklinken, ohne dass man all zu viel verpasst. Bezüglich der wichtigsten Themen achten die Veranstalter darauf, dass sie dank so genannter Multiplikatoren an vielen Orten hands-on präsentiert und praktisch vermittelt werden.

Ziel ist es jedenfalls, möglichst viel direkte Interaktion in familiärer Atmosphäre zu ermöglichen samt vieler hilfreicher neuer Kontakte und dabei dennoch an allem teilnehmen zu können.

Semantische Netze am Hobbit-Hügel

In unserer Runde hier am Geothermie-Hügel geht es heute und morgen ums Wissen, bzw. vielmehr: um Wissensnetze. Genau genommen geht es darum, welche Verbesserungen vorzunehmen sind bzw. welche weiteren Anwendungsmöglichkeiten erschlossen werden sollen.

Im ganzen Café sind etwas über hundert Teilnehmer in vier Gruppen, welche die ersten vier Stunden des Tages mit Roadmap-Workshops verbringen werden. Hier und in den anderen Gruppen wird über das Gedeihen oder Verderben von neuen Features und Refactorings des Bestehenden beraten. Leidenschaftlich wird skizziert, debattiert und gebrainstormt. In unserer Gruppe geht es um die Weiterentwicklung der Berufsberatung des Wissensnetzwerks.

Über eine kollaborative Web-Platform haben die Teilnehmer bereits seit mehreren Monaten Ideen skizziert, Vorauswahlen getroffen, Pro- und Kontra-Argumente gesammelt und Prototypen diskuiert.

Heute schließlich geht es ums Eingemachte: Alles das, was virtuell nicht aufgearbeitet oder entschieden werden konnte, wird von Angesicht zu Angesicht diskutiert. Dann werden feierlich die letzten zwanzig Minuten zelebriert, in denen alle Beteiligten nochmal ihr Votum für an die fünfzig Beschlüsse überdenken können. Schließlich werden die Ergebnisse präsentiert und einer der Projektteilhaber, der am meisten auf Linie mit dem Ergebnis liegt, hält eine hoffentlich flammende Schlussrede. Denn auch wenn er keine besonderen Befugnisse bekommt: während der nächsten Etappe wird er doch gemäß des Leadership-Prinzips Primus inter Pares sein, weil er am meisten den getroffene Kurs verkörpert.

Meine Sitznachbarn: Gollum und Smeagol

Ein paar der Sitzplätze wurden durch schwarz-weiße Markierungen ersetzt. Wenn ich meine Datenbrille gleich aktiviere, dann werde ich dort Menschen mit den Köpfen von Tieren, Aliens oder Filmfiguren sitzen sehen. Datenschutz 4.0.

Winzige an den Extremitäten des Körpers implantierte Motion-Marker helfen dem Body-Server dabei, Bewegungen zu ermitteln. Der Gesichtsausdruck wird per Default relativ neutral gehalten, durch eine bestimmbare Kamera erfasst oder manuell überschrieben. Ausschlaggebend ist also allein das Bild von mir, das mein BodyServer sendet und nicht das, das eine Kamera von mir einfängt. Maximal erlaube ich es bestimmten fremden Geräten, z.B. eben Kameras, einzelne Aspekte zu interpretieren. Auch für meine Stimme gilt das. Auf Basis meiner echten Stimme wird eine Stimmlage für meine Persona gebastelt. Bereits kaum hörbares subvokales Sprechen kann auf diese Weise in der virtuellen Realität in einen ganz normalen Vortrag verwandelt werden.

Die echten Körper der Teilnehmer befinden sich entweder zu Hause im Sessel des Wohnzimmers oder sie sind in einer bequemen Nische an einem anderen Veranstaltungsort.

Datenschutz neu gedacht

Das Prinzip, welches das alte vor-digitale Konzept der Privatheit abgelöst hat, heißt “meine Daten gehören mir”. Grundgedanke ist, dass man alle persönlichen Daten auf einem eigenen persönlichen Server hält, dessen Zugang verschlüsselt ist. Persönliche Daten, Profildaten und Fotos, SocialMedia-Profile, Postings und Artikel, Bewerbungsunterlagen und Preislisten, selbst Kommentare sind dort gespeichert, wie z.B. Lebenslauf, einzelne wichtige Dokumente und der Standort im Verlauf. Das Wichtigste: Der Zugang zu allen Daten kann in mindestens vier Stufen gewährt werden: öffentlich, Freunde, privat, mit richterlichem Beschluss. Zusätzlich dazu gibt es noch eine “Käufer”-Lizenz, mit der Anbieter gegen eine bestimmte Gebühr eng umrissen auf Daten zugreifen und sie bei sich für eine Zeit lang zwischenspeichern können.

Es ist also völlig ok, gläsern zu sein, aber jeder sieht nur durch einen speziellen Winkel durch das Glas, kann dort nur ganz bestimmte Informationen sehen und in vielen Fällen müssen Unternehmen darum buhlen, auf Daten zugreifen zu dürfen und diese durch die Einblendung passgenauer Werbung zu Geld machen zu dürfen. Zudem lassen sich die Zeiten des Zwischenspeichers einstellen und wenn ich etwas bei mir auf den Server lösche, dann ist die Information auch weg, sobald die Zwischenspeicher auslaufen – es sei denn, natürlich, jemand hat sich die Mühe gemacht, meine Information vorher illegal zu kopieren.

Selfie oder 3D-Persona?

Meine Daten, damit ist natürlich auch mein optisches Äußeres gemeint – oder eben in den meisten Fällen eine von meinen 3D-Personas. Die meisten Menschen haben mindestens eine davon. Deren Verknüpfung mit dem Hauptprofil ist normalerweise unter richterlichem Beschluss zugangsgesichert. Dictyo, der Orang Utan, wurde 17:34 Uhr in einem Supermarkt gefilmt. Nicht ich! Viele kennen mich nur als sich am Bart zupfender Orang Utan, zumindest wenn es um das Behandeln kranker oder ungünstig wachsender Bäume geht.

Da wir die meiste Zeit hochfunktionale Bodyserver mit uns herumtragen, die ihre Energie zudem noch aus unserem eigenen Körper beziehen, ist so ein bisschen Rechenleistung gar kein Problem. Maschinen, biologisch angetrieben durch die Reduktion von ATP zu ADP, wer hätte das gedacht, bzw. vielmehr: wer eigentlich nicht?!

Eine Konsequenz davon: im Alltag sind Fotos verpönt, welche die reale Person und nicht die Persona zeigen, außer der Verfasser hat sie selbst gemacht oder in Auftrag gegeben. Natürlich kann man auch auf Nummer sicher gehen und den Bodyserver einfach zu Hause lassen. Damit ist man dann gewissermaßen inkognito unterwegs. Eine unbekannte Entität hat den Laden betreten. Das löst an einigen Plätzen einen stillen Alarm aus.

Aber warum sollte man bei voller Kontrolle über die Daten auf all die Vorzüge verzichten? Ein paar Aktivisten tun es aus Prinzip, was völlig in Ordnung ist, um auf Probleme hinzuweisen und mit alternativen Technologien zu experimentieren. Ein paar von den dümmeren Kriminellen tun es, weil sie nichts über Persona-Diebstahl wissen, mit dem man viel leichter an Geld kommen kann. Aber sonst?

Es geht los

Hugo stellt mich den Anwesenden erfreut als Ersatzmoderator vor und informiert mich bei der Gelegenheit beiläufig, dass noch fünfhundert andere Personen live der Veranstaltung folgen werden. Goethes Faust lässt sich mit der zeitgemäßen Babelfish-Technologie immer noch nicht fehlerfrei übersetzen, aber immerhin reicht es inzwischen, um sich im Alltag ohne all zu große Missverständnisse zu verstehen.

Während unseres allgemeinen Kennenlern-Smalltalks erscheinen dann auch die beiden virtuellen Teilnehmer, ganz klassisch nach Blacksad-Manier ein männlich im Stil der Roaring Twenties gekleideter Terrier und eine weiblich im Cyberpunk-Stil gekleidete Perserkatze.

Kontrollverlust und Profite aus Leidenschaft

Was nun folgt, ist ein täglich erlebtes Wunder, das noch vor zweihundert Jahren unvorstellbar gewesen wäre: teils Freunde, teils Fremde arbeiten zusammen produktiv und engagiert an einem Projekt, als ob die Vorgesetzten protokollierend und kontrollierend auf der anderen Seite eines Einwegspiegels sitzen und kontrollieren, ob alle brav sind und arbeiten. Nur dass dieser Spiegel und die dahinter sitzenden Vorgesetzten einfach nicht existieren.

Ein ganzes Set an Sichtweisen, Methoden und vereinbarten Organisationswerkzeugen hat an vielen Stellen den Platz von Hierarchien und Bürokratie eingenommen.

Essentiell für den Verzicht auf Dompteure und Hierarchien war zudem ein grundsätzlicher Gesinnungswandel:

Früher wurde über die Aufgabe des Profit-Erwirtschaftens ein kläglicher dünner Anstandsteppich an “Sinn und Inhalt” gebreitet. Der bekam dann schnell Risse, so dass an vielen Stellen schnell sichtbar wurde, dass es eben nicht “unsere Leidenschaft ist, Sie stets zuvorkommend mit der günstigsten Übernachtungsmöglichkeit zu versorgen”. Bullshit! Niemand hat eine solche Leidenschaft. Im Gegenteil: das Wort ‘Leidenschaft’ wird durch diese Art des Gebrauchs zu einer seelenlosen Worthülse.

Agiles Manifest

Heute stehen der Sinn und die Leidenschaft, das Dilettare, an erster Stelle. Manche Menschen begeistern sich beispielsweise für die Geschichte des Altertums. Entsprechend schaffen sie Orte, an denen Fundstücke aus dem Altertum zusammengetragen, kategorisiert, gehegt und gepflegt werden. Sie machen Wissen erlebbar, bauen Imitate, bieten an, in rekonstruierten Stätten zu übernachten. Ach ja, man kann auch noch jede Menge Geld auf diese Art und Weise verdienen!

Einer der vielen ersten Kristallisationspunkte dieses Umschwungs war eine Reihe von Zielsetzungen, die als “Agiles Manifest” bekannt geworden ist.  Es geht um Grundsätze und Prinzipien, die im Kern darauf abzielen, Bedürfnisse der abarbeitenden Entwickler und des Vertriebs bzw. des Kunden, der vom Arbeitsergebnis profitiert, aufeinander abzustimmen. Es geht um Empowerment, Selbstorganisation, Qualität und Innovation, mit dem Ziel maximal und möglichst auch kurzfristig auf Kundenwünsche eingehen zu können.

Zwölf Prinzipien beschreiben dabei die vier zusammenfassenden Grundsätze näher.

Marx … nein, es ist etwas anderes

Neben vielen anfänglich halbseidenen Umsetzungsversuchen gab es auch immer mehr erfolgreiche und in den extremsten Fällen kam es gewissermaßen zu “Marx differently reloaded”. Die Wissensarbeiter waren irgendwann so sehr bei der Sache, dass man eigentlich von vielen kleinen Startups unter einem Unternehmensdach sprechen musste, denen von zentralen Abteilungen wie Buchhaltung, Controlling, HR oder IT-Systeme zugearbeitet wurde . Dank Automatisierung kontrollieren solche Teams heute ganze Fertigungshallen. Meist gibt es Beteiligungskonzepte, welche die Mitglieder zu Teilhabern machen.

Marx hätte seine wahre Freude. Ausgerechnet die Automatisierung ist es, welche die Menschen wieder in den Mittelpunkt stellt. Der Überblick über die Produktionsabläufe ist auch wieder gegeben und die Operativen erarbeiten sich mit der Zeit einen Teil der Produktionsmittel. Dabei sind die allermeisten Angestellte – allerdings meist in einem ausgeklügelten Schichtplan nur für zwei oder drei Tage pro Woche.

Auch das Bedingungslose Grundeinkommen hat diese Entwicklungen beschleunigt. Seine Einführung war dank Blockchain-Kryptowährungen möglich geworden. Diese konnten zunächst komplementär zur herkömmlichen Währung eingeführt werden und haben so das Umsatteln erleichtert – komplexe Materie!

Dank erweiterter zeitlicher Spielräume haben viele die agilen Instrumente, die sie im Erwebsarbeitsumfeld kennengelernt haben, auch für private Projekte eingesetzt. So sind aus vielen Freie Software-Projekten, Initiativen und Vereinen Konstruktionen entstanden, die Widersprüchliches miteinander verbinden. Sinn und Geldverdienen, Gemein- und Eigennutz, Arbeit, Erkenntnisgewinn, Spaß und Profit – diese Gegensätze können bestens zusammenpassen.

The Web: dort wohnen, wo das Wissen zu Hause ist

Viele D-Häuser, D-Dörfer, D-Kliniken und D-Universitäten sind genau solche Konstrukte. Auch das oben beschriebene Museum für Altertumsgeschichte und viele ähnliche Orte wie z.B. Filmstudios gehören dazu.

Eine dieser Organisationen hält auch das Wissensnetzwerk  am Leben entwickelt es weiter. Unsere Gruppe hier ist gewissermaßen ein Ableger in der Diaspora. Etwa 800km entfernt gibt es ein D-Dorf mitten in der Großstadt in Form eines riesigen Netzes. Dort wohnen heute viele, die die Strukturen weitertreiben.

Ach ja, der Terrier und die Perserkatze haben sich genau von dort heute zugeschaltet.

Der Terrier nickt mir kurz freundlich zu und erhebt sich zum Grußwort. Die Vielschichtigkeit seiner lebhaften Mimik offenbart mir zweierlei. Der Kerl ist ein sehr unterhaltsamer Charakterkopf, zudem einer, der zu einem sehr wohlhabenden D-Dorf gehören muss. Denn die Technik, die Mimik und Gestalt erfasst und für die 3D-Persona umrechnet, ist vom Allerfeinsten.

Fortsetzung folgt


* Blacksad (Titelfoto) ist ein vom Carlsen-Verlag verlegter, wunderschön gezeichneter Noir-Comic von Juanjo Guarnido und Juan Díaz Canales