Die heilige Kuh der Arbeit wird heute viel zu speziell gefasst. Im Extrem führt das zu zweierlei. Erstens werden Errungenschaften der Zivilisation (Automatisierung, Fortschritt, Fürsorge, Mitmenschlichkeit) zum Problem erhoben. Zum anderen bekommen problematische Seiten der an Kapital und Wachstum orientierten Arbeitswelt (Umweltverschmutzung, Sinnleere, Burnout) das Etikett der bitteren Pillen und des notwendigen Übels aufgedrückt.


Vorbemerkung

In diesem Artikel bewege ich mich auf einem Terrain, auf dem ich lediglich durch die Lektüre von ein paar Büchern, viel Zeitungs- und Blog-Lektüre sowie ein paar bescheidenen eigenen Gedanken bewandert bin.
Bitte nicht mit Kritik sparen, bitte. Auch nicht an wohlwollenden FacePalms, wenn ich sie verdiene.

Ein paar Beobachtungen:

  • Es ist rechtschaffene Arbeit, Zahnpasta mit Plastik-Partikeln zum Zahn-Weißen herzustellen, aber Meere und Flüsse von Plastik-Objekten und -Partikeln zu säubern? Wer soll das denn alles bezahlen?!
  • Es ist stressige, unterbezahlte, aber rechtschaffene Arbeit, alte oder behinderte oder anderweitig hilfsbedürftige Menschen “mit dem Allernötigsten und Elementarsten” zu versorgen, aber es ist keine Arbeit, sich wirklich um sie zu kümmern, Ihnen vorzulesen, mit ihnen mal raus zu gehen? Wer soll das denn alles bezahlen?!
  • Das Verbot von Glyphosphat als Unkrautvertilger als Lobbyist zu verhindern – das ist natürlich eine gut bezahlte, rechtschaffene Arbeit. Und das Gegenteil davon? Naja, wenn es denn ein paar Vereinshanseln gibt, die genügend Spendengelder zusammentragen, um eine hauptamtliche Lobbyisten-Tätigkeit damit zu finanzieren, dann springt da natürlich auch ein rechtschaffener Job raus. Ansonsten kann man ja am Samstag Nachmittag bei Regen vier Stunden auf dem Marktplatz stehen. Das ist Freizeit!
  • Das uralte immer wieder in neue Marketingschläuche gießen, dass man es doch noch wieder als Neuheit verkaufen kann – rechtschaffene Arbeit. An Prototypen arbeiten, die leider noch so so weit von der Realisierung entfernt sind, dass keine Quick Wins zu erwarten sind – leider Träumerei statt Arbeit.
  • Mädchen, die bei jeder Grünphase ein Transparent mit Radio-Werbung ausrollen, Menschen, die in Kostüm Schilder jonglieren, Mädchen, die in YouTube-Videos üppig Product-Placement betreiben und Teenies in den Kaufrausch stürzen – redliche Marketing-Arbeit.
  • Roboter bedrohen Jobs, herausragende technische Errungenschaften bringen also unser ebenso heiliges wie langweilig-automatisierbares Tagwerk in Gefahr, ja hackts denn?!

Eine Studie

Es gibt eine interessante Studie von der New Economics Foundation (Bericht, Studienzusammenfassung), einer nach eigenen Angaben unabhängigen Denkfabrik, deren Forscher über soziales und nachhaltiges Wirtschaften nachdenken. Sie haben bei einigen wenigen Berufen nachgerechnet, wie viel sie der Gesellschaft in Heller und Pfennig bringen im Vergleich zum Gehalt, das die Ausübenden erhalten. Die interessanten Ergebnisse:

  • Ein Spitzenbanker vernichtet mit jedem Pfund Verdienst 7 Pfund gesellschaftlichen Wohlstand.
  • Führungskräfte von Werbeagenturen vernichten  mit jedem Pfund Verdienst 11 Pfund gesellschaftlichen Wohlstand.
  • Ein Steuerberater vernichtet mit jedem Pfund Verdienst 47 Pfund gesellschaftlichen Wohlstand.
  • Ein Kinderbetreuer schafft je Pfund Verdienst mindestens 9 Pfund Mehrwert.
  • Reinigungskräfte schaffen je Pfund Verdienst mindestens 10 Pfund Mehrwert.
  • Müllmänner schaffen mit jedem Pfund Verdienst einen Mehrwert von 12 Pfund.

Zwischenfazit

Tut mir leid, ich finde die heutige Arbeitswelt und das, was die Gesellschaft oder die Politiker unter “Arbeit” verstehen, an vielen Stellen mehr als widersprüchlich, widersinnig und verwirrend. Und ich empfinde es als mehr als bigott, wenn ausgerechnet diejenigen als die schwer arbeitenden Wohlstandsförderer darstellen, die es – zumindest wenn man der britischen Studie glauben mag – beileibe nicht sind.

Was ist Arbeit? Notwendige, beinharte, echte Arbeit?

Stellen wir uns vor, unsere Welt wäre ein Dorf. In diesem Kontext wäre das Wort “Arbeit” klar. Arbeit ist erst mal alles, was dem Dorf zum Überleben (also noch nicht unbedingt zum “Pudelwohlfühlen”) hilft, also

  • das Beschaffen von Wasser, einfacher Nahrung und einfacher Kleidung, Elektrizität und Wärme
  • das Entsorgen von Müll und Abwässern.
  • das Bereitstellen und Instandhalten von Infrastruktur, Wohn- und Nutzraum
  • das Sichern des Dorfes vor etwaigen externen oder internen Feinden und deren Aufklärung.

Für diese Arbeit ist der Ernst, mit dem unsere Parteien dieses Wort in den Mittelpunkt stellen, durchaus angemessen. Wir hören schlichtweg auf zu existieren, wenn nicht genügend Menschen sich um diese notwendigen Dinge kümmern.

Aber schauen wir mal, wie viel Arbeit mit unseren aktuellen Stand der Technik hier notwendig ist:
Während ein Landwirt 1900 gerade mal 4 Personen hat ernähren können, kann er 2010 etwa 131 Personen versorgen.
Für die Versorgung mit den anderen Grundgütern dürfte ein noch viel größerer Schlüssel gelten, für Kleidung – selbst wenn sie ethisch vertretbar produziert ist – auch, für Wohn- und Nutzraum, wenn er erst mal da ist, sowieso und auch bei Müll und Abwässern ist dank Technologie nur noch wenig Zeit einer Person für die Entsorgung bei vielen Kunden notwendig.
Sicherheitstechnisch haben wir die komfortable Situation, dass eher viele Dörfer zusammen mit jeweils einer Person eine “gemeinsame Wachmannschaft” stellen – sie könnten es auf jeden Fall wenn sie wollten.

Wenn wir also mal grob vom Landwirt ausgehen und bei den anderen Bereichen noch eher mit einem günstigeren Verhältnis rechnen, reicht (sehr großzügig kalkuliert) ein Tag pro Monat je Bewohner aus, um das Überleben zu sichern. (*1)

Um das nochmal sehr langsam auszusprechen:
Rein was die Grundbedürfnisse angeht, könnte sich jeder Mensch nach einem Tag Arbeit 29 Tage lang spätrömisch dekadent  auf die faule Haut legen.

Neben dieser elementar notwendigen Arbeit (die wir auch weiterhin durch vernünftige Effektivitätszuwächse immer weiter reduzieren sollten) haben wir nun noch zwei weitere Arbeitsbereiche:

“Schönes und Hilfreiches”

Unter dem ersten Bereich “Schönes und Hilfreiches” würde ich folgendes subsumieren:

  • Dienstleistungen aller Art, incl. Finanzen und Versicherungen
  • “Luxus”-Güter, z.B. auch fein zubereitete Nahrungsmittel, Kleidung, etc.
  • Unterhaltungsgüter
  • Technik, Erstellung von Hilfsmitteln, Werkstoffen und Werkzeugen
  • “Rentable”, kommerzielle Kunst und Kultur

In diesen Sparten sind sich vermutlich die meisten einig, dass hier der Kapitalismus sein ideales Spielfeld gefunden hat. Freies Spiel der Kräfte, am besten nicht nur bei den Produkten und Dienstleistungen, sondern dank eines Bedingungslosen Grundeinkommens auch auf Seiten der Arbeitnehmer. Der arbeitet auch viel lieber, wenn den Eindruck hat, eine wirklich freie Entscheidung treffen zu können. Wirtschaftliche Kräfte, völlig unter sich, Angebot und Nachfrage.

Und die Politik? Die muss zwecks dieser Art von Arbeit nun gar nicht mehr moralisieren! Sie kann unterstützen und helfen, steuerlich, durch Subventionen. Sie kann Steuern vereinheitlichen, weil nun eigentlich jeder Dazuverdienst “über das Notwendigste hinaus geht”, für jeden.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde in diesem Bereich vermutlich einiges auf den Kopf stellen. Aus unattraktiven Bereichen würden sich Arbeitskräfte zurückziehen, vielleicht würden diese Bereiche von attraktiveren Unternehmen besetzt – oder sie würden einfach verwaisen. Gerade das Grundeinkommen würde aber auch für eine Reihe neuer Perspektiven, Ansätze und Organisationsformen sorgen. Diesen soll aber ein eigener Artikel gewidmet werden.

Über eine Maschinen- und Roboter-Steuer, die gar nicht all zu hoch sein sollte, könnte man dafür sorgen, dass die Früchte des Fortschritts auch wieder der breiten Masse zugute kommen.

Der zweite Bereich: “Forschung, Bildung und die große Kunst”

  • Forschen
  • Unterrichten,
  • Pädagogische Angebote
  • “Unrentable” Kunst und Kultur, weil zu wenige dafür zahlen oder zu viele bezahlt werden wollen (Theater, Oper, etc.)

Für diesen Bereich eröffnet sich – zumal mit Bedingungslosem Grundeinkommen – ein schier unerschöpfliches Reservoir an Arbeit, sei es, was das Aufbereiten und Vermitteln von Wissen betrifft, sei es was die Forschung und die Entwicklung technischer Prototypen und Anwendungsbereiche betrifft. Und es ist ein Bereich, in dem man fast automatisch in “das kann man doch nutzbar machen”-Projekte hineinläuft.

Ich will mir gar nicht vorstellen, was alles entstünde,  wenn nicht nur wie heute ein paar Studenten mal schnell irgend etwas machen würden, weil sie es für Prüfung X oder das Vorankommen bei Professor Y betreiben, sondern wenn das sogar ganz viele täten weil es tatsächlich “ihr Ding” ist, egal ob es darum geht, eine Gerätschaft oder ein Kinderbuch zum Thema “Das Auge” zu “bauen”.

Aber vermutlich müssten man bei den meisten erst mal wieder die abtrainierte Neugier wecken, den Entdeckerdrang, die Fragen, die Unzufriedenheit, die Lust daran, etwas selbst nachzuvollziehen, was vorher schon jemand anderes entdeckt hat, sich neues Wissen zu eigen machen, damit spielen, es testen, anwenden, etwas vorhersagen und scheitern – oder gewinnen.

Auch im kulturellen Pädagogik- und Bildungsbereich würde ein Bedingungsloses Grundeinkommen zu großen Aktivitätsschüben führen. Welch riesigen Hebel weisen solche Einrichtungen und Maßnahmen auf! Welche Potentiale bringt dieser Bereich mit, den späteren Lebensweg vieler Kinder und Jugendlicher grundlegend zu ändern.

Sicher, Leistung muss sich lohnen.

Vor allem wenn sie, wie oben beschrieben, die essentiellen, notwendigen Lebensbereiche betrifft.

Wenn dann noch ein Grundeinkommen dazukommt, dann steht es offen, sich zur Finanzierung alles Begehrten auf dem Markt der nun wirklich freien Kräfte zu verdingen.

Den Rest seiner Aktivitäten kann man getrost in die Bereiche stecken, die einem auf dem Sterbebett vermutlich auch als hinreichend wichtig erscheinen, um bei der Lebensbilanz eine Rolle zu spielen.


(1*) Für alle interessierten:
Die Rechnung, wie ich zu den obigen Kühnen Zahlen komme:

Nehmen wir an, ein Landwirt arbeitet 10 Stunden täglich 5 Tage die Woche, 4 Wochen pro Monat, d.h. 200 Stunden pro Monat
200 Stunden verteilt auf 132 (incl. Landwirt) Leute wären etwa 1,5h pro Person pro Monat. Wenn wir jetzt für die anderen Bereiche auch noch ne Stunde draufschlagen, wohlwissend dass es bei vielen eher noch ein wesentlich großzügigeres Verhältnis ist, dann lande ich beim beschriebenen einen Tag pro Person.