Astronautenkost …

… an diesem Beispiel möchte ich praktisch werden. Wie könnten Menschen ähnlich dem Schleimpilz Dictyostelium zusammenarbeiten? Wie könnten sich zusammenarbeitende Dilettanten in Gruppen zusammenfinden? Ist ja schließlich blöd, den Status Quo zu kritieren, ohne eine Alternative zu liefern.

  • Soylent (die Pioniere),
  • Bertrand (heimisch und bio, schrotiger),
  • Veetal (heimisch),
  • Joylent (Soylent für den europäischen Markt, aus den Niederlanden),
  • Mana (mit Öl-Komponente, Tschechien) oder
  • Huel (England)

Die Firmen hinter den oben aufgezählten Marken transformieren pflanzliche Rohstoffe wie Soja in wasserlösliches Pulver oder in ein ansprechendes Öl, so dass sich Portionen in einem Shaker leicht zubereiten lassen.
Mittelfristig entwickelt sich diese Ernährungsweise vielleicht zu einem neuen Lifestyle-Trend. Langfristig werden die Hersteller, die übrig bleiben, einen Unterschied schaffen zwischen “seinen Hunger stillen” und “etwas mit Genuss oder in Gemeinschaft mit anderen essen”:

Das “Hunger stillen”,  soll möglichst günstig sein und Zeit sparen, keine Arbeit machen und sich trotzdem gut anfühlen – gesund und ethisch einwandfrei nämlich. Das “Genuss-Essen” kann gern teurer sein, Zeit in Anspruch nehmen und im Zweifel sind ethische und gesundheitliche Aspekte nicht ganz so wichtig.

Heute hab ich meine erste Lieferung bekommen

Wenn aus der Dusche nicht nur Wasser sprudelt

Als ich nach den ersten 400 Kalorien Portionen abends in der Dusche stand, ging mal wieder das Gedanken-Kino los. Könnte ein Business-Konzept funktionieren, das darauf basiert, dass

  • mobile Food-Stationen 400er-Shots an Passanten verkaufen?
  • diese Shots durch frische Frucht-Pürees verfeinert werden können?
  • die Food-Stationen nicht als exklusive Vertreter von einer Marke auftreten, sondern mehrere Hersteller anbieten?
  • den Herstellern die Auswertung der Einkaufsvorlieben der Kundschaft und deren Verbesserungsvorschläge verkauft wird?
  • die Verkäufer darin geschult sind, wo genau die Schwerpunkte und Unterschiede in der Zusammensetzung bei den Anbietern liegen?
  • einzelne Tagesrationen verkauft werden, was die Hersteller mangels Rentabilität normalerweise nicht tun.?
  • Automaten z.B. an Firmen oder Gemeinden verkauft werden, die aus Pulver (, ggf. Öl) und Wasser Mahlzeiten verschiedener Anbieter zubereiten und ausgeben können?

Überall für 2 Euro eine vollwertige Mahlzeit. Klingt beinahe wie Star Trek und ist eigentlich ein netter Slogan, oder?

Astronautenkost als Lebensinhalt – wirklich?

Aber dann brach wieder mal das Gruseln über mich herein. Was außer dieser initialen Idee würde mir davon wirklich Spaß machen? Würde ich mit meinem persönlichen Vermögen das Risiko dafür übernehmen, dass es auch klappt? Das Design für die Food-Stationen, würde mir das Spaß machen? Würde ich mich selbst gern auf die Straße stellen, um Shots zu verkaufen? Würde ich Akquise-Gespräche oder Verhandlungen führen wollen? Oder noch schlimmer: die ganzen Aufgaben, die in der Verwaltung anfallen?

Vor allem: würde ich das die nächsten fünf oder zehn Jahre lang zwölf oder sechzehn Stunden pro Tag machen wollen, bis der Rubel rollt? Würde ich nach fünf Jahren, wenn der Trend abebbt und konsolidiert, eine neue Idee haben, um das Geschäft am Laufen zu halten? Und danach wieder? Würde ich wollen, dass auf meinem Grabstein steht: “Andi Lettt – seine Verdienste für die Verbreitung von Astronautenkost sind gar nicht hoch genug einzuschätzen.” Mit dem Gedanken an die kleine goldene Plakette, die meinen Grabstein als Geschenk der ‘Vereinigung zur Vermarktung von Astronautenkost’ überkommt mich ein neuerliches Erschauern.

Die Dictylostelierung einer Idee

Anders herum gefragt: unter welchen Bedingungen würde ich eine solche Idee anpacken? Wie würde eine solche Idee “dictyostelisch” ablaufen?

Kurzkonzept “Stationäre Vertriebsstellen für Astronautenkost”

Ich würde ein Kurzkonzept zur Idee schreiben, vermutlich über eine Web-App für Geschäftsideen. Solange die Idee weder in der Umsetzung noch im Archiv ist, würde sie über Ticker laufen und je nach Anzahl der Likes weiter oben oder unten auf einer Webseite mit Projektideen stehen.

Prüfung und Anreicherung des Konzepts

Viele Dilettanten  würden nach dem Dotmocracy-Prinzip prüfen, ob das Konzept mit der ethischen Ausrichtung von g20k übereinstimmt und ob es eine rein kommerzielle Idee ist oder rein ideell oder ob eine Mischform angebracht wäre. Zudem würden Dilettanten die Idee mit weiteren Vorschlägen anreichern, kritische Fragen stellen, Argumente für oder wider die Idee liefern. Schon diese Phase könnte den Tod für die Idee bedeuten oder sie könnte aus einer durchschnittlichen Idee eine richtig gute machen.

Mitstreiter gesucht

Zusammen mit dem obigen Schritt würden Dilettanten signalisieren, ob und mit welchem Zeit-Budget sie sich bis zum Prototypen oder operativ auch später bei der Durchführung beteiligen würden. D-Häuser nehmen bei lokalen Treffen ausgewählte Konzepte auf die Tagesordnung und stellen sie vor, um bestimmte Ideen zu pushen.

Verteiltes Arbeiten?

Trifft die Idee an verschiedenen Orten auf Anklang, dann entscheiden die Beteiligten, ob die Teams “gegeneinander” laufen oder ob alle Interessierten das Projekt gemeinschaftlich realisieren. Trotz Wettbewerbs tauschen Dilettanten Best Practices aus, sonst  hätten sie den Namen nicht verdient. Allen Beteiligten ist schließlich klar, dass es vor allem darum geht, der Idee an sich zu einer Existenz zu verhelfen.

Die gleiche Idee in verschiedenen Ländern?

Auch Gruppen in verschiedenen Ländern sollten eher das Modell “Fairer Wettbewerb” wählen, schon aufgrund rechtlicher Unterschiede und der Notwenigkeit, im Marketing unterschiedliche Strategien anzuwenden. Aber auch hier gilt:

Wenn man als Entrepreneur Best Practices außerhalb des Unternehmens teilt, dann zieht die Konkurrenz höchstwahrscheinlich frech und ohne Danke zu sagen an einem vorbei. Für Dilettanten gilt das zum Glück nicht.  Aber wie wäre es mit einem Austausch-Programm?

Die Unterstützer

Die einzelnen Gruppen können bereits bei g20k etablierte Strukturen bei der Umsetzung um Unterstützung bitten. Das Orga-Consulting hilft bei organisatorischen und juristischen Meilensteinen, z.B. bei der Erstellung eines Business-Plans. Der IT-Service ist bei der Erstellung einer Webseite behilflich. Prototypen für eine Food-Station könnten in der Holz- und Metallwerkstatt eines D-Hauses gezimmert werden.

Agile Master und Kuratoren

Wenn Projekte Mittel aus g20k-Töpfen bekommen, dann bekommen sie einen Agile Master und bekommen eine Gruppe von Kuratoren zugeordnet. Der Agile Master ist dafür verantwortlich, dass das Team ins Arbeiten kommt und operative Hindernisse beseitigt werden. Die Kuratoren sind dafür verantwortlich, die Operativen möglichst frühzeitig daran zu erinnern, von einem toten Pferd abzusteigen. Auch wenn Projekte kein Sponsoring bekommen, haben sie Anspruch auf ein Kuratorium.

Die Startup-Kapitäne

Nehmen wir an, für das Projekt fänden sich unter den Dilettanten zwei Betriebswirtschaftler und ein Designer, die das Konzept zum Leben erwecken wollen. Zusammen mit den Unterstützern hätten sie schon eine ganze Menge Vorbereitungen getroffen. Sie hätten Verhandlungen geführt, Infrastruktur hergestellt und bei den Herstellern der Astronauten-Kost Ware geordert. Sie hätten sich zudem um Tools gekümmert, um den Verwaltungsaufwand so klein wie möglich zu halten.

Und die Nicht-Dilettanten

Irgendwann bedarf es dann keiner großen Experimente mehr, sondern einfach nur kontinuierlicher Verbesserung und viel sich wiederholender Arbeit. Dann kommen diejenigen ins Spiel, auf die nicht zuletzt im Ikigai-Artikel hingewiesen wurde: jene, die mitmachen wollen, nicht weil es ihnen Spaß macht oder weil sie sich damit selbstverwirklichen, sondern weil sie einfach Geld benötigen. Die für die Arbeit notwendige Qualifikation müssen sie natürlich auch mitbringen.

In diesen Positionen ist es dann auch egal, ob es Dilettanten oder Nicht-Dilettanten sind, d.h. hier werden dann auch “ganz normale” Leute arbeiten. Allerdings werden sie natürlich so behandelt, wie auch Dilettanten behandelt werden wollen, wodurch es dann doch wieder keine “normale” Arbeit ist. Dazu können sie sich sicher sein, dass mit Überschüssen nicht der Porsche und die Yacht oder der nächste große Merger bezahlt werden, sondern dass diese Überschüsse in weitere Projekte fließen werden.

Leerlauf und neue Ideen

Ziel der Kapitäne wird es sein, sich nach erfolgreicher Umsetzung wieder zurückzuziehen, um ihre Zeit neuen Ideen und Projekten zu widmen. Möglicherweise wird man also sogar eine Geschäftsführung einstellen, die lediglich die Aufgabe hat, den bisherigen Kurs weiterzuverfolgen bis von dilettantischer Seite ein neuer Kurs beschlossen wird.

Automatisierungsspezialisten werden versuchen, immer mehr den menschlichen Faktor zu automatisieren, so dass die Food-Stations bald ein breit gestreutes Automaten-Netz sind und nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Manpower benötigt wird, um die Automaten zu befüllen und zu warten. Allein dafür wird es wieder eine Hand voll Projekte geben müssen.

Irgendwann kommt vielleicht ein Konzept in die Diskussion, das den Verkauf von Keksen aus Insekten-Protein vorschlägt. Hier könnte dann die bereits etablierte Idee genutzt werden, um ein neues Produkt an den Start zu bringen, das in den gleichen Automaten verkauft werden kann.

Das Ende des Zyklus

Mag sein, dass es irgendwann einfach hoffnungslos veraltet ist, irgend etwas von Automaten auf der Straße zu verkaufen. Dann heißt es, frühzeitig auf die Bremse zu treten und den Sterbe-Prozess einzuleiten. Bewährte Lohn-Arbeitskräfte werden Stück für Stück auf andere Projekte verteilt, Infrastruktur (Automaten, etc.) zu Geld gemacht und weiter geht’s mit den nächsten Projekten. Diese konnten ja nicht zuletzt dadurch entstehen, dass die vorherigen Projekte so erfolgreich waren.

So eine dictylostelierte Geschäftsidee…

Unter diesen Bedingungen würde meine Motivation vermutlich immerhin ausreichen, um das initiale Konzept zu erstellen. Falls das Projekt realisiert wird, würde ich mich als Kurator bewerben, der berät, mitverfolgt, mitträgt. Vermutlich wäre ich zudem im IT-Service tätig und würde das Projekt-Team bezüglich Webseite und Shop unterstützen.


Exkurse

Unterstützer-Gruppen, wie soll das funktionieren?

Sämtliche Gruppen von Unterstützern vom Bio-Labor über den IT-Service bis zur Metallwerkstatt werden als “mitwirkende Dienste” konzeptioniert, d.h. die Hilfe wird immer zusammen mit jemandem aus dem Projektteam geleistet, der im Normalfall dabei eine ganze Menge lernt.

Ziel ist, dass alle diese Gruppierungen z.B. den Status eine gGmbH erreichen, so dass sie als eigene juristische Person auftreten können, auch wenn sie sich dem Werte-Framework eines g20k anschließen.

Für alle Stationen gibt es ein Aufwandsentschädigungsmodell, das hauptsächlich auf eine Gewinnbeteiligung hinausläuft, da die Projekte normalerweise am Anfang noch nicht all zu viel abwerfen werden. Dieses “Futures”-Konzept ist noch detailliert auszuarbeiten.

Dilettanten hätten also zwei Arten von Aktivitäten zur Auswahl. Entweder geht es darum, dass man eine bestimmte Sache besonders gut und besonders gerne tut. In diesem Fall kann man seine Skills zur Unterstützung für die verschiedensten konkreten Projekte einsetzen. Oder man hat besonderen Elan für eine (oder mehrere) bestimmte Projektideen, dann ist das der Fokus. Oder man wirkt gleichzeitig bei Projekten mit, bringt sich aber auch als Unterstützer ein, so dass man das beste aus beiden Welten hat.

Kindergeburtstag! Habt ihr schon mal ans knallharte Geldverdienen gedacht?

g20k geht initial davon aus, dass alle Beteiligten entweder arbeitstätig sind oder von staatlichen Hilfssysteme auf Trab gehalten werden. D.h. Projekte können zunächst mangels vorhandener Mittel nur langsamer oder gar nicht umgesetzt werden. Letzteres betrifft Projekte mit erhöhtem Kapitalbedarf.

Mit Geldern, die Projekt-Gruppen erwirtschaften, werden gedeckt

  • zunächst die Kosten für Infrastruktur, sofern kosten anfallen. Diese Kosten müssen gedeckelt sein.
  • die Kosten für den Arbeitsaufwand (=> Lohn). Diese Kosten müssen gedeckelt sein.
  • die Kosten für Unterstützer.

Mit Geldern, die Unterstützer-Gruppen erwirtschaften, werden gedeckt

  • zunächst die Kosten für Infrastruktur. Diese Kosten müssen gedeckelt sein.
  • die Kosten für den Arbeitsaufwand (=> Lohn). Diese Kosten müssen gedeckelt sein.
  • Infrastruktur-Fonds der Unterstützergruppe, mit Hilfe derer z.B. zusätzliche Maschinen erworben werden können.

Darüber hinausgehende Einnahmen

Darüber hinausgehende Einnahmen fließen in die allgemeinen Töpfe, aus denen z.B. ein Bedingungsloses Grundeinkommen ausgeschüttet wird.  Auch die Mitgliederversammlung kann Projekte mit Geldern aus solchen überschüssigen Mitteln ausstatten.

Futures

Sofern Unterstützer nicht ausbezahlt werden können, erwerben sie Futures, d.h. einen Prozentsatz zukünftiger Projekt-Gewinne.