Wenn "Wirtschaft", "staatliche Organisation" und "der Einzelne" farbige Bausteine in einem Spiel wären, welche Gebäude würde es ergeben, würde man diese Klötze unterschiedlich aufstapeln?


Reif für die Insel

Ommmm… ich verlasse diesen Platz der Alternativlosigkeiten, an dem sich Arbeit wieder lohnen, aber keinen Spass machen oder Sinn haben muss, solange sie nur Penunze abwirft , diesen Platz, der kein Platz für Flüchtlinge ist, selbst wenn diese nur deshalb kommen, weil wir vorher unseren Teil beigetragen haben, dass ihre Heimat von Krieg und Hoffnungslosigkeit geprägt ist, diesen Platz, wo auch sonst so vieles so herrlich verrückt ist, weil es einfach nur wichtig ist, Karriere zu machen und dass die Kinder versorgt sind.

Ommmmm…und ich komme wieder auf die Insel, diesem kleinen Eiland mitten im dunklen Universum, diesem Ort, wo Menschen zusammenarbeiten, damit es möglichst allen gut geht und alle bestmöglich gebildet sind, damit möglichst viele möglichst viel Lust darauf haben, Energie in Wissenschaft, Bildung, Kultur und Technik zu stecken, weil uns genau das zu einem zufriedenen Leben, grünen Städten, intakter Natur und zu den Sternen bringt.

Baby-Welten

Und als ich so über den Strand der Insel laufen, fällt mir ein pausbäckiges kleines Kind auf, das im Schatten einer Palme drei Bausteine aufeinanderschlichtet. Auf dem dezent blauen steht „Wirtschaft“, auf dem bunten „der einzelne Bürger“ und auf dem gräulichen „Staat“.

„Als unterstes der Staat und dann die Leute und dann die Wirtschaft ganz oben auf!“, murmelt der Kleine als er die Klötze aufeinandersetzt. Und als das letzte Klötzchen sitzt, da wird der Sand ganz bunt. Der Kleine kiekst und lacht vor lauter bunten Menschen, die in bunten Autos bunte Produkte durch die Landschaft fahren. Und was für schöne feine Häuser überall. Und wenn eines einen Swimmingpool hat, dann, plopp, plopp, plopp, haben die anderen gleich auch einen. Der Kleine nimmt ein kleines Auto in die Hand und noch eins und noch eins: „Da sind ja viele grantig und gestresst und traurig!“ Enttäuscht patscht er mit der Hand auf den Boden mitten hinein in den von riesigen Maschinen geförderten Ölsand. „Ui, die machen die ganzen Bäume weg! Wow, ein großer Laster! Ooch, der See ist ganz grün und braun und stinkt!“
Schnell tauscht er das Klötzchen mit dem Staat eins weiter nach oben. Besser! Naja. Ein bisschen besser. „Der Staat muss ganz nach oben, ha ha!“. Und als er den grauen Stein nach oben gesetzt hat, tritt eine erstaunliche Veränderung ein. Alles wird langsamer, viel weniger aufgeregt – sind grad die Farben etwas blasser geworden? Die Autos sehen ja alle gleich aus! Blasmusik und Trommeln ertönen. Auch jetzt lacht der Kleine wieder, als sich in einem breiten Band eine Parade von vielen kleinen Figuren mit vielen Fahnen an ihm vorbeibewegt. Der Boden vibriert unter den Schritten vieler schwarzer Schuhe mit grünen Socken und grünen Hosen, Oberteilen und einem Menschen drin. Aber auch jetzt rauchen dicke schwarze Wolken aus den Schloten. Und – ein Blick in die Autos – „Ui, der dicke Mann mit der goldenen Partei-Nadel am Anzug grapscht der Frau an den Busen und das mag sie nicht, aber sie sagt trotzdem nichts!“
Der Kleine setzt den Menschen-Klotz ganz nach unten und die Wirtschaft eins höher. Es ändert sich nicht all zu viel. Die Fabriken sind größer geworden. Der kleine schaut durch die milchige obere Fensterzeile und meint dort viele nebeneinandersitzende Menschen an Tischen sehen zu können. Kleine Netze sind außen am Gebäude angebracht. Und immer mal wieder, huiiii, springt einer von den Menschen in die Netze. Manchmal auch daneben. „Komisches Spiel!“

Grundeinkommen –
so viele Fragen wie Bausteine

Ich laufe weiter und grüble weiter über die Bausteine und den Turm, den sie bilden, nach. Warum eigentlich nicht mal die einzelnen Menschen nach oben setzen – nicht deren gewählte Parteien oder  Verwaltung und nicht die Unternehmen, die sie gründen und die sich dann beide – die Verwaltung wie die Unternehmen „verselbständigen“? Und wieder einmal kommt mir das Bedingungslose Grundeinkommen in den Sinn, das vielleicht am ehesten das Pendent zu „den einzelnen Menschen ganz nach oben“ wäre. Ich muss kurz grinsen: Fast wie Bill Gates, nur dass man nicht direkt Millionen von Euro in die einem am sinnvollsten erscheinenden Projekte steckt, sondern halt „nur“ einen Teil seiner Zeit, aber immerhin hat man die Wahl und die Möglichkeit…

Mir fallen Errungenschaften wie, Drupal, WordPress, LibreOffice oder die ganze Wikipedia ein – ein kompletter Markt, der sehr vielen Menschen sehr viel Nutzen bringt, bei geringen und dazu meist freiwilligen Kosten.

Dann kommt mir die gerade wahnsinnig gehypte „Shareconomy“ in den Sinn und die Kritik, in der sie steht: nämlich Hunderte von Jahren von erkämpften Arbeitsrechten wieder durch die Hintertür rückgängig zu machen, indem jeder zu einem Kleinstunternehmer-Arbeitsnomaden wird, ohne Urlaubsanspruch, ohne Mindestlohn, immer im Takt des vibrierenden Mobiltelefons, auf dem gerade der nächste unterbezahlte Auftrag eintrudelt.
In Kombination mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen hingegen, wo jede zusätzliche Arbeit gewissermaßen zusätzlicher Luxus ist, sieht das schon wieder ganz anders aus. Wenn alles Notwendige bezahlt ist und ich mich immer noch 50 Stunden pro Woche schlecht bezahlen lasse, dann ist das mal eindeutig mein Problem – oder ich will mir einfach nen lang gehegten Wunsch erfüllen…

Das Interessante ist: mit einem BGE würde sich die Shareconomy geradezu selbst revolutionieren. Wie schnell gäbe es mit einem BGE zusätzlich zum klassischen unternehmerischen „Uber“ ein alternatives, das statt der satten 20% + Steuern nur 2% + Steuern nimmt, weil eben nur die technische Plattform  in Rechnung gestellt wird? Wie schnell gäbe es eine entsprechende Alternative zu eBay? Vielleicht hätten auch Peer-To-Peer-Netze wieder ein Revival, wo statt zentraler Server-Farmen einfach 1000e von Privatrechnern die Plattform darstellen… wie wäre ein Online-Shop, an dem fast niemand etwas machen muss, keine neuen Aktionen und Werbemaßnahmen? Funktioniert so etwas?

Aber auch in anderen Bereichen würde der eigentliche Nutzen gegenüber dem Profit in den Vordergrund treten. Ich frage mich, ob Project Ara, welches das Ziel hat, ein modulares Handy auf den Markt zu bringen, von dem einzelne Teile ausgetauscht werden können, auch in einer BGE-Gesellschaft so viel Zeit bis zur Marktreife benötigen würde – dürfte es für Unternehmen doch wesentlich profitabler sein, wenn zu Hause Schubladen voll mit alten Mobiltelefonen liegen. Oder Maschinen, die gut wart- und reparierbar sind – samt Bauplänen für Ersatzteile, die im 3D-Drucker nachgedruckt werden können.

Überhaupt – Handwerk und 3D-Drucker: am Rechner entwerfen und online zum Verkauf stellen oder andererseits online kaufen und bei einem lokalen Handwerker, der neben 3D-Druckern z.B. auch die klassichen Techniken beherrscht, in Auftrag geben.

Insgesamt würde ich Unkenrufenden, die das Ende des Wettbewerbs befürchteten, entgegenrufen, dass gerade durch ein BGE erst neue Formen des Wettebewerbs geschaffen würden:

Warum sollte eine Online-Firma selbst Tshirts  und Tassen bedrucken und dann um den halben Globus schicken? Warum nicht einfach ein schönes schlankes Hauptmodul, mit dem Motive verkauft werden, die für den Druck mit verschiedenen Techniken optimiert sind und an dieses Hauptmodul flanscht sich dann einfach eine endlose Anzahl lokaler Klein-Unternehmen an, bei denen diese Motive gedruckt werden. Aber dann würden ja andere den Profit machen! „So what!“, wäre die Antwort aus Perspektive des maximalen Nutzens.

Warum müssen Paketfirmen mit großen Autos direkt zu den Einzelhaushalten, wenn lokale – am besten noch mit Anhänger-Fahrrädern ausgestattete – Transporteure das genau so gut hinbekämen?

Oder soziale Netzwerke – wäre es nicht eine interessante Variante, wenn alle meine Daten, Texte und Fotos, vielleicht auch Lebensläufe, Anschreiben, etc. alle lokal auf meinem Rechner lägen und ich würde einzelnen Plattformen erlauben, darauf zuzugreifen? Und wenn eins der Unternehmen meine Privatsphäre nicht respektiert, dann entziehe ich ihm einfach den Zugriff.

Auch für Online-Marktplätze: warum nicht einfach einen Standard für eine Produkt-Beschreibung definieren und schon kann ich mein Produkt auf 10 Plattformen gleichzeitig anbieten oder mein Angebot zurückziehen?
Zudem: faire Marketplaces auch  ohne Amazon, mit einer OpenSource-Shopplattform in Hintergrund, die von den beteiligten Shops genossenschaftlich betrieben wird.

Hibbelig vor lauter Ideen

Ich bin unruhig geworden – auch unsicher, ob das alles so hinhaut, ob die Effekte die erwünschten wären, ob es zu den erhofften Zusammenschlüssen von Menschen käme, die – vornehmlich aus Spaß und weil sie gerne selbst so etwas benutzen würden – neue Konzepte in die Tat umsetzten und damit den alten unternehmerischen Playern den Schweiß auf die Stirn zaubern würden.

Mir fällt wieder das Kind ein – ich sehe mich schon wie ich ihm die Bausteine aus der Hand nehme und sie wie gerade durchdacht zusammensetze – „Staat unten, Wirtschaft in die Mitte, die Individuen an die Spitze“ – und dann gespannt in den Sand starre.

Aber das Kind ist verschwunden, nicht mehr zu sehen, von allen Seiten wird es hell, der Sand unter meinen Füßen löst sich in Luft auf und statt zu fallen merke ich, dass ich ja schon liege, im Schreibtischstuhl, die Füße auf dem Tisch, zurück in der Alternativlosigkeit.