Während meines Psychologie-Studiums ging es relativ lange um das Thema Persönlichkeit und Persönlichkeitstheorien. Das hier dominierende Modell ist das der Big Five. Die Persönlichkeit jedes Menschen lässt sich, wie die Ergebnisse aus mehreren tausend (meist “westlichen”, d.h. europäischen oder amerikanischen) Studien zeigen, ziemlich gut mit fünf Beurteilungsdimensionen charakterisieren. Das klingt zunächst beeindruckend, aber es ist doch ein relativ unscharfes Bild, das sich daraus für den einzelnen ergibt.

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Wir sind also alle mehr oder minder offen für Erfahrungen, gewissenhaft, extravertiert, sozial verträglich und neurotisch. Allerdings…

  • Warum klingen diese Dimensionen meist so, als sei eine Ausprägung “wünschenswerter” als die andere? Ist das nur ein fromm dahergesagter Satz aus der Kindheit, dass jeder Mensch schon irgendwie so passt wie er ist?
  • Was mache ich damit, wenn ich Fragen rund um das Thema “Neues” beantworte und am Ende – Überraschung – herausfinde, dass ich mehr oder weniger offen für Neues bin? Wo ist der Tiefgang? Was sagt das über mich?
  • Warum wirken die Dimensionen meist irgendwie platt und trivial? Kann es damit zu tun haben, dass sie dadurch entstanden sind, dass 18.000 Begriffe aus dem Wörterbuch mit einem statistischen Verfahren in möglichst unabhängige Wort-Wolken aufgeteilt wurden, die dann schließlich die Dimensionen ergeben?
  • Ok, wir wissen jetzt, dass Millionen Menschen meist mit mittiger Tendenz mal mehr oder weniger gewissenhaft sind. Aber was sagt uns das über die Welt? Was sagt es uns über Politik?

Wischiwaschi… irgendwie…das alles. Wo bleibt der Kontrast?

Kontrastverstärkung

Kontrastverstärkung ist ein wichtiger Prozess in unserer Wahrnehmung. Oft gewinnen Wahrnehmungen erst dann an Wichtigkeit, wenn wir es schaffen, ineinander verfließende Strukturen so aufzulösen, dass sich Konturen abgrenzen lassen und ein Bild entsteht. Der Ausspruch “Red nicht so ein Wischiwaschi. Zieh lieber mal eine klare Kante!” belegt das sprachlich. Die Aufnahmen der Firma MITOS, in denen der Kontrast innerhalb eines Samenkorns verschärft wird, zeigen es bildlich.

(C) MITOS GmbH, Spezialist für Röntgenanalyse, Kontrastverstärkung(C) MITOS GmbH, Spezialist für Röntgenanalyse, Kontrastverstärkung

Kaum wird der Kontrast verstärkt, schon fallen vielleicht Zusammenhänge ins Auge, die vorher nicht sichtbar waren.

Kontrastverstärkung… Was hat C.G. Jung damit zu tun?

Etwa zehn bis zwanzig Jahre vor der Entstehung der Big5-Theorie in den 1930er Jahren hat sich bereits der schweizer Psychiater Carl Gustav Jung mit dem Thema Persönlichkeit beschäftigt. Auf den Theorien Jungs basierend haben in den Vereinigten Staaten Katharine Briggs und Isabel Myers während des zweiten Weltkriegs das Thema weiterentwickelt, während in den 1970er Jahren auf Basis Jungs im sowjetischen Raum die Sozionik entstanden ist.

Man kann Jung und denen, die auf Basis seiner Theorien weitergearbeitet haben sicherlich vieles vorwerfen:

  • dass sie weit jenseits des Belegbaren über das Ziel hinausgeschossen sind. Nicht zuletzt die Blüten der Sozionik sind schon beinahe grotesk.
  • dass sie irrsinnig komplexe Zusammenhänge postulieren, die in den meisten Fällen einer ernsthaften wissenschaftlichen Falsifikation nicht gewachsen sind. Allein die Funktionsableitungen, die sich aus Jung und dem MBTI ergeben, erinnern in ihrer (dazu in zahlreichen Studien falsifizierten) Komplexität eher an Raketenwissenschaften.
  • dass sowohl für die amerikanischen Verfechter als auch die russischen eine Falsifikation auch gar nicht mehr wünschenswert ist, weil sie mit dem bestehenden Modell viel zu gut Geld verdienen. (siehe z.B. MBTI / Abschnitt “CPP”).

Aber, nichts desto trotz gibt es eine Reihe wichtiger Errungenschaften, die dieser Strang der etwas exotischeren Persönlichkeitspsychologie mit sich bringt.

Errungenschaften – Wo bleibt die Kontrastverstärkung?

Daaaa ist sie…

Kontrastverstärkung

Statt sich mit vielen Graustufen zu beschäftigen, zwingen die aus der Jungschen Tradition heraus entstandenen Verfahren dazu, sich jeweils einer Seite einer Dimension zuzuordnen, also zu entscheiden, ob man beispielsweise eher introvertiert oder eher extravertiert ist.

Diese Entscheidungen werden für alle vier Dimensionen getroffen und die Kombination von vier hoch zwei Entscheidungsmöglichkeit ergibt 16 mögliche Typen, die sich – etwas seltsam – aus jeweils vier Buchstaben zusammensetzen, die in den Bezeichnungen der Dimensionen vorkommen, z.B. ENFJ, INTP, ESTP, etc.

Sicherlich, das kann auch schiefgehen, sollte der Wert tatsächlich genau in der Mitte verlaufen. Andererseits ist das doch auch kein Problem. Dann kann man ja die Beschreibung zweier Typen, z.B. ENFJ und ENFP heranziehen und findet vielleicht auf diesem Wege heraus, dass man beides ist oder warum man vielleicht doch eher auf der einen Seite als auf der anderen lokalisiert ist.

Auf jenden Fall lösen sich durch die Typisierung aus einem Meer von Kombinationen plötzlich deutlich wahrnehmbare Strukturen heraus: Kommen die zwei Kollegen vielleicht deshalb nicht klar, weil da ein idealistischer Mediator ungebremst auf einen Verwalter trifft? Oder fühlt sich der Konsul von der Logikerin nicht wertgeschätzt? Vielleicht kann auch der strukturierte Architekt mit dem sprunghaften Entrepreneur nichts so recht anfangen.

Gerade noch konnte man die Situation nur mit “der ist komisch!” beschreiben und schon lässt es sich in Worte fassen, all die unterschiedlichen Denkweisen, Bedürfnisse, Vorlieben und Problemzonen.

Positiver Ansatz

Ziel des Jungschen Ansatzes ist es zu unterstreichen, dass jede Kombination von Persönlichkeitsausprägungen per se erst mal positiv ist bzw. sein kann. Wenn sich ein Mensch “normal” entwickelt, dann ist die eine Persönlichkeit nicht besser als die andere, sondern sie ist nur anders. Der eine hat mit seiner Persönlichkeit eher das Zeug zum Front-Sänger einer Band, der andere eher zum Buchhalter. Ist dieser Ansatz zu naiv? Woher denn!? Nach 200.000 Jahren menschlicher Evolution wird man ja wohl annehmen können, dass alle heute vorhandenen Ausprägungen von Persönlichkeit einen Beitrag zur Entwicklung der Spezies leisten, oder?

Aufladen der Dimensionen mit konzeptioneller Bedeutung

Ja, vermutlich gehen die Jungschen “Funktionen” an vielen Punkten an der Realität vorbei. Insgesamt ermuntert Jung aber dazu, wieder theoriegeleitet vorzugehen. Wenn unsere Persönlichkeit auf vier bzw. fünf Dimensionen reduziert werden kann, was liegt diesen zugrunde? Warum sind wir “introvertiert”? Liegt es an Reizschwellen? Daran, dass der Kopf sein eigenes Kino-Programm bereitzustellen in der Lage ist? Was bedeutet die Big Five’sche Gewissenhaftigkeit? Hat es nicht vielleicht mit Konzepten wie dem “Satisficer” und dem dem “Maximizer” zu tun (Herbert A. Simon)? Was steckt dahinter, wenn man danach strebt, den Sack möglichst früh oder möglichst spät zuzumachen?

Theorien “höherer struktureller Ordnung”

Nehmen wir an, ein Psychologe wolle die Gründe untersuchen, warum eine Familie zerrüttet ist. Würden wir es für einen befriedigenden Ansatz halten, wenn dieser Psychologe die einzelnen Worte untersuchen würde, die sich die Beteiligten an den Kopf werfen? Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Ergebnisse sehr trivialer Natur wären. “Die Familie ist zerrüttet, weil Personen andere Personen mit negativ konnotierten Wörtern bewerfen.”

Wenn man nun in Phrasen und noch weiter in einzelne Themen und Narrative überginge, dann würde schon eher ein Schuh draus. Gruppe A empfindet es als Bedrohung, dass Individuum B ein bestimmtes Verhalten zeigt und reagiert mit Vorwürfen, was Gruppe C als Affront begreift, weil sie das Verhalten von B, wie dieser selbst, ganz anders einschätzt. So wird da schon eher etwas daraus. Systeme werden erst dann spannend, wenn man sich von den Grundbausteinen entfernt und zu Zusammenhängen höherer Ordnung gelangt. Das wird dann oft als Selbstorganisation beschrieben. (Siehe z.B. auch Jürgen Kriz, Systemtheorie für Psychotherapeuten, Psychologen und Mediziner, 1999, UTB).

Die Sogwirkung, welche die aus der Jungschen Sichtweise resultierenden Ansätze entfalten können, hängen wohl nicht zuletzt mit diesen Aussagen zusammen, die aus der höheren struktuellen Ordnung heraus getroffen werden. Nicht zuletzt viele introvertierte Menschen geraten förmlich aus dem Häuschen, wenn sie Denkweisen und Zusammenhänge, Reaktionen und Verhaltensweisen bei den Typbeschreibungen beschrieben sehen, die – weit riskanter als ein lapidarer Barnum-Effekt – ins Schwarze treffen.

Selbst wenn einzelne dieser Meta-Prozesse empirisch nicht haltbar sein sollten, sind sie doch eine scharfe Aufforderung an die psychologische Forschungsgemeinde, griffige Theorien und Konzepte zu liefern und zu falsifizieren, interdisziplinär zu arbeiten, Erklärwert beizusteuern und Prognosen zu wagen, statt einfach nur Wörter aus Wörterbüchern statistisch zu aggregieren und von “geringen, aber signifikanten Korrelationen” zwischen Bla und Blubb zu sprechen.

Synthese aus biederem Big Five vs. empirisch jämmerlichen Jung bzw. mauem MBTI

Verschiedene Autoren legen dar, dass es nicht nur viele Gemeinsamkeiten zwischen Big Five und den Jungschen Ansätzen gibt. Firmen wie NERIS Analytics Limited bauen ihr Geschäftsmodell sogar auf der Fusion beider Ansätze auf. Im deutschsprachigen Bereich widmet sich Lars Lorber dem Thema sehr fundiert.

In der Summe zeigt sich, dass es zu sehr lohnenden Ergebnissen kommt, wenn man die Fundiertheit und Relevanz eines Big Five-Ansatzes mit den Zielen und Anliegen der anderen Verfahren kreuzt, ohne deren konzeptionellen Irrläufer zu übernehmen.

Spannende Frage ist, ob sich diese Fusion auch zurück auf den Forschungsbetrieb auswirkt oder ob sie im Boulevard hängen bleibt. Sind Forschungsarbeiten zu Persönlichkeitsthemen auch weiter geprägt durch Wolken von Adjektiven oder gelingt es, auf ein theoretisch belastbares Mark vorzustoßen?

Es dürfte eine der Grundanforderungen von vielen Menschen an die wissenschaftliche Psychologie sein, zu belastbaren nicht-trivialen Aussagen über die eigene Persönlichkeit zu gelangen. Wer bin ich? Warum bin ich so? Was bedeutet das und was mache ich am besten damit? Hilfe, mein Kind ist ganz anders als ich? Wer passt zu mir als Freund? Und als Partner? Warum sind so viele nicht so idealistisch wie ich? Weshalb kann ich nicht nachvollziehen, was in manchen Menschen vorgeht? Warum bringt mich mein Arbeitskollege zur Weißglut?

Es wäre schade, wenn man es nur Trash-Zeitschriften überlassen würde, Antworten auf diese Fragen zu geben.

Apropos…doch vielleicht noch Lust auf einen Persönlichkeitstest? Probieren Sie doch mal den hier…eine gute Mischung aus der Theorie der Big5 und den Prinzipien der anderen Theorien. .