Exkurse: Bildung als Kombination einer „Basis-Ausbildung“ und lebenslang vielen verschiedenen Impulsen, wieder etwas Neues kennenzulernen; positive Automatisierung
Plot:
Bei einem Spaziergang über den Herbstmarkt rückt Hugo unfreiwillig ins Zentrum der Aufmerksamkeit.


Vorspann

„Aber ist das nicht zugig? Durch die vielen Öffnungen an den Seiten, da strömt doch der feuchte kalte Herbstwind durch jede Ritze?“ Ich lache. „Ob das so ist, wirst du schon in einigen Minuten selbst prüfen können!“ Mit diesen Worten parkt unser Pod innerhalb des Turmgeländes in seinen freien Park-Slot ein.

Eine erdgeschossige Stimmung

„Wer braucht denn Filz, bitteschön?“

Es war sehr unterhaltsam, den Stimmungsumschwung in Hugos Gesicht zu beobachten. Wir waren vom Pod ausgestiegen und nach ein paar Metern von einem Dorfbewohner nach einem prüfenden Blick auf Hugos Eintrittskarte durch die Absperrung gelassen worden. Dort, mitten im Getümmel angekommen, setzte Hugo den typisch männlichen ‚Ich hasse Märkte‘-Gesichtsausdruck auf.

„Warum kaufen Leute Tünnef aus Filz?“, fragte er genervt. Er war etwas unaufmerksam in zwei Damen hineingerempelt, die unvermittelt stehengeblieben waren. Genau gesagt war er unbeholfen gegen den Rücken einer stämmigeren Dame gedotzt, die den Impuls wiederum auf ihre Begleiterin übertrug. Dabei waren beide gerade so sehr damit beschäftigt gewesen, ihr Bewegungsmoment in Richtung des Fingers zu ändern, mit dem sie aufgeregt auf besagte Filz-Deckchen, Filz-Pantöffelchen und Filz-Abdeckungen wiesen. Nach einem kurzen empörten „Ja, können Sie nicht aufpassen?“ und einer skeptischen Musterung wendeten die Damen sich ganz schnell wieder dem Tand zu und straften einen zurückschnaubenden Hugo mit ihrer korpulenten kalten Schulter.

Wenn doch nur Karl Marx das gewusst hätte

Schnell lenkte ich uns behutsam in Richtung einer der Werkshallen, um Hugos Laune wieder etwas aufzuhellen. Das gelang auch angesichts der Fertigungsstrecke, welche die Mädels und Jungs fast wie eine antike „Carrera-Rennbahn“ aufgebaut hatten. Nur noch an wenigen Stellen mussten ein paar Leute Lücken in der Fertigung schließen. Der Rest lief völlig automatisch.

„Wow, das ist ja wie bei Lestén, nur mit Stoff statt mit Essen! Warum ist jetzt nochmal schnell das eine gut und das andere schlecht?“ meinte Hugo, mich provozieren zu können.
Ich grinste. „Weil im Falle Lestén nur der Konzern etwas von den Gewinnen hat und in diesem Falle wir alle etwas davon haben, du Dummi! Was Du hier siehst, ist eine der Lösungen, wie sie dem alten Marx nicht besser hätten einfallen können. Die Mitarbeiter, ja, die halbe Umgebung ist Eigentümer der Produktionsmittel und das alles ganz ohne Revolution und militärisch geführte Staatsbetriebe mit 15.000 Mitarbeitern und Plansoll-Erfüllung.“

Das ausgebeutete Proletariat

„Und die sechs Typen, die hier im Akkord an den Produktionsstrecken stehen?“, warf Hugo betont besorgt dreinschauend ein. Ich fand seine Empathie gegenüber dem ausgebeutete Proletariat geradezu belustigend rührend.

„Maria, Mohammad und Hannes sind eigentlich Wissenschafler, die bei uns an Projekten arbeiten. Maria und Mohammad machen viel im Bereich Bildung. Hannes‘ Projekt ist einfach noch lang nicht soweit, als dass er dort schon etwas verdienen könnte. Hier machen sie eine entspannte Fünf-Stunden-Schicht und bessern dadurch drastisch ihr Grundeinkommen auf. Und José mit den beiden anderen, da hinten, der ist einer der Konstrukteure der Produktionsstrecke. Der verdient hier drin am meisten, kennt er sich doch bis ins Detail mit den meisten Maschinen und Produktionsstrecken hier aus. ‚Seine Babies‘, wie José manchmal sagt.

Gerade bildet er übrigens zwei andere Werkzeugmacher von einem anderen D-Dorf aus. Sie sind gerade dabei, endlich die letzten Lücken in der Strecke maschinell zu schließen. In solchen Fällen arbeiten sie ein paar Tage in dieser Position, um Daten zu sammeln, verschiedene Varianten auszuprobieren und Entwürfe zu skizzieren. Dann machen sie sich ans Werk. Oft führt das auch dazu, dass ganze Streckenteile zusammen mit den Kollegen neu gemacht werden müssen. Es fällt einem eben oft erst später auf, dass ein Teilprozess bislang ‚das Pferd von hinten aufzäumt‘.“

Tit for tat

„Müssen die vom anderen D-Dorf eigentlich etwas dafür zahlen, dass sie hier die Bildung und das praktische Training als Werkzeugmacher bekommen?“ fragt Hugo.

„Nicht im engeren Sinne. Einerseits sind die zwei ja nicht irgendwer von irgendeinem Konzern, sondern es ist gewissermaßen ‚von Dilettanten für Dilettanten‘. Aber natürlich ist Josés Zeit und Lust begrenzt und entsprechend wird da schon verhandelt, wie lange die anderen ihm denn helfen würden ungefähr und ob man im Ausgleich eine bestimmte Anzahl von Ausbildungsplätzen bei der anderen Lokalität bekommt. Wenn es keinen waren- oder dientleistungsbezogenen Austausch gibt, dann fließen manchmal auch Geldmittel. Wir versuchen aber immer genau die Arten des Austauschs zu wählen, die auch die Beziehungen untereinander vertiefen, die Projekte gegenseitig beflügeln oder die Anzahl der Kontakte erhöhen. Es soll ja auch Spaß machen.

Aber jetzt komm mal schnell weiter!“, rief ich. „Wir haben doch die Hauptsache noch vor uns!“

Stimmung, nun deutlich überflächlich

Nun, als wir gemütlich im halb offenen ersten Stock herumschlendern, hat sich Hugos Blick tatsächlich sichtlich aufgehellt. Mission erfolgreich!

„Du hattest Recht!“ grinst Hugo begeistert. Die Architektur ist wirklich so, dass es in den Korridoren und Öffnungen nicht all zu zugig ist. Schätze, der ganze Wind zieht über uns durch?“
Ich nicke zustimmend. „Frag mich nicht, wie sie das hinbekommen. Bei Physik bin ich leider raus. Aber da kannst Du ja später Ayo fragen!“

Wir haben uns in einen sich behäbig fortbewegenden Besucherstrom eingeklinkt. In sehr gemütlichem Tempo bewegen wir uns durch das romantisch illuminierte halboffene Gebäude in einer wohl definierten Bahn. An den Säulen und Wänden ist es zu dieser Jahreszeit vor allem der wuchernde Wein, der dem Beton eine angenehme natürliche Stimmung verleiht. Vielleicht ist es aber auch der bohème Flair der vielen kleinen, teils miteinander verbundenen Tiny Houses, der für die spezielle magische Atmosphäre verantwortlich ist.

Juhu, es gibt für die Bildung ein ZIEL

Als wir an einem Gastronomie-Bereich vorbeilaufen, in dem ein paar Kinder gerade dabei sind, Stullen mit Biozwiebelmett zu schmieren, fragt Hugo unvermittelt mit Blick auf die Kinderhände im Hackfleisch: „Sag mal, habt ihr hier eigentlich ein ZIEL?“

Es dauerte eine ganze Zeit lang, bis ich begriff, was er meinte. Kinder, Kinderarbeit, komisch… ah, Schule? Ausbildung? Bildung? ZIEL! Das war die Abkürzung für ein „zertifizietes Insitut zum Erwerb von Lerngrundlagen“. Früher hätte man Grundschule gesagt, wobei das eigentlich ein schlechter Vergleich ist. Ein ZIEL ist schließlich dafür da, Schülern verschiedenen Alters und verschiedener Hintergründe Lesen, Schreiben und Grundzüge wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und künstlerischen Denkens beizubringen. Verschiedenen Alters deshalb, weil man im Zuge der große Flüchtlingsbewegungen gemerkt hat, dass es ganz gut funktioniert, wenn man bei den Klienten gar nicht so sehr zwischen 60jährigen Mutties, 20jährigen jungen Männern und 5 oder 6jährigen Kindern trennen sollte, wenn es um diese Basisfertigkeiten geht. Manchmal wenn es passt, sind gemischte Gruppen für alle Beteiligten von Vorteil.

Das Wichtigste bei diesen neuen Ansätzen zur Bildung ist, dass jeder für sich seine Motivationspunkte und Ziele sucht und findet, warum er z.B. Schreiben und Rechnen lernen will. Dabei gelten weniger Gründe wie „ich will einen Job finden“, sondern eher:“Ich will die Bücher lesen können, die mein Bruder immer liest!“ oder „Ich will schnell Sachen wegen meines Taschengelds ausrechnen können.“ Inzwischen sind die Methoden so ausgereift, dass die meisten innerhalb eines halben Jahres hochmotiviert das ZIEL verlassen können. Richtig heiß sind sie dann darauf, das frisch erworbene Grundhandwerkszeug auf allerlei Dinge zu beziehen, die sie interessieren oder neugierig machen.

Schulpflicht mal anders

„Klar haben wir ein ZIEL“, antworte ich. „Dazu haben wir rund dreißig bis vierzig Impuls-Gruppen!“ grinse ich stolz. Noch breiter wird das Grinsen als ich merke, dass Hugo regelrecht sprachlos ist. „Wow, das heisst ja, dass die meisten Kids und Jugendlichen theoretisch gar nicht das Dorf verlassen müssten für ihre Basis-Lernzeit? Krass!“ Basis-Lernzeit, das ist die Zeitspanne, während der jedes Kind und jeder Jugendlicher verpflichtend alle viertel Jahre an 2-3 Impulsen teilnehmen muss. Impulse sind wiederum Aktivitäten und Kurse in den Bereichen „Wissen“, „Wirtschaft“, „Kultur&Sport“ und „Mensch und Umwelt“. Eine staatliche Agentur sammelt alle Impuls-Module zur Bildung und bietet sie auf einer Internetseite zur Auswahl an. Zudem erfasst sie die Anmeldungen und prüft, dass jeder seinen Verpflichtungen zur Bildung nachkommt, zumindest bis ins Jugendalter. Zwar haben wir die klassische Schule gesellschaftlich längst hinter uns, aber die Schulpflicht gilt natürlich immer noch.

Allerdings belegen viele ihr Leben lang immer wieder Impuls-Angebote. Dadurch kann es dann schon vorkommen, dass eine Gruppe aus einer 80-jährigen, einem 30-jährigen, 3 Jugendlichen und 2 Kindern für 3 Monate zusammen unter Anleitung ein Café managen, Waren bestellen, Buchführung erledigen, Mahlzeiten vorbereiten, Werbung machen, und vieles mehr.

Zwischen „Edward mit den Scherenhänden“ und „Imperator Ming“

Gerade laufen wir an einem Stand, bzw. einem für das Herbstfest leicht umfunktionierten Tiny House vorbei, aus dem es heraus lecker nach frisch gebackenem Teig riecht. Die Besitzer haben den kleinen Terrassen-Vorsprung erweitert und dort einen Verkaufstresen angebracht. Hugo nimmt sich ein Tütchen Cranberry-Quark-Keulchen für ein paar Euro mit, während ich eine Sorte mit Zimt und Kardamom probiere.

Belustigt stelle ich fest, dass sich eine unserer Attraktionen des heutigen Tages heimlich an meinen Begleiter herangepirscht hat. Es ist „Mundjoo“, ein Komponist und Schauspieler mit tollen langen Haaren, der heute die männliche Variante des Tesla-Outfits trägt. Er sieht ein bisschen aus wie die elektrische Variante von „Edward mit den Scherenhänden“. Die Stromquelle ist flach im Rückenteil des Jackettes eingearbeitet, das fast wie ein Smoking aussieht. Das „fast“ ist im abnehmbaren Feature des Anzugs begründet: einem opulenten abnehmbaren Kragen, der wie die Zuhause-rum-Variante des Imperator-Ming-Kragens aus Flash Gordon aussieht.

Spannend

Während Hugos Aufmerksamkeit ein klein wenig mir, aber vor allem den leckeren Quark-Kügelchen gilt, aktiviert Mundjoo hinter Hugo stehend seinen Mini-Generator. Dabei wirft er mir ein verschwörerisches Augenzwinkern zu. Nun wirbt er bei den Umherstehenden mit einer Geste für Aufmerksameit und führt seine Handfläche mit der Gestik eines Zauberers bis auf fünf Zentimeter langsam an Hugos Hals heran. Dieser – erstaunlich genug – ist immer noch nichtsahnend wie ein Lamm. Es dauert erstaunlich lange bis er das Bitzeln der Spannung zu bemerken scheint und irritiert von seinem Dessert aufblickt. Er leckt sich die Finger ab – fast gemütlich –  und kratzt sich. Jetzt bemerkt er, dass da etwas oder jemand ist und fährt erschrocken herum. Sein entsetzter Blick trifft die noch viel entsetzteren weiten, erschrocken aufgerissenen Augen einer blass geschminkten Fratze, deren Haare dank des Generators rund um den Kopf zu Berge stehen. Auch Hugos Haare stehen empor. Ich kichere.

Das was jetzt kommt vorausahnend, fange ich geistesgegenwärtig Hugos Tüte mit Quarkbällchen auf. Der Verkäufer am Tiny House bewahrt Hugo mit einem beherzten Griff davor, vor Schreck zurück über den Stand zu stürzen und gegen die Wand zu taumeln. Rings um uns herum gluckst, kichert und lacht es verhalten.

Mit den allmählich wieder herabsinkenden Haaren verzieht sich Mundjoos Gesicht jetzt zu einem warmen Lächeln. Hugo ist immer noch der Adrenalinschub anzusehen, als sich sein Gegenüber mit einem entschuldigenden Knicks kurz verbeugt und dann zum Abschied kurz den Kopf neigt. Von den Umstehenden gibt es Szenen-Applaus.

Escape-Pod

Schnell hake ich mich bei meinem bedröppelt dreinschauenden Gefährten ein und ziehe ihn in Richtung zum Außengeländer, um ihn von der ungeliebten Aufmerksamkeit zu befreien. Daran, wie er meine Hand und meinen Arm fest umklammert, erkenne ich, wie hilfreich mein empathisches Verhalten ist. Oder ist dann doch wieder mehr dahinter? Ich muss mich grinsend an die wirksame Mund-zu-Mund-Beantmung erinnern.

„Dürft ihr das überhaupt?“, bricht es aus ihm heraus, als der Schreck allmählich weicht und sich stattdessen Wut einstellt.

„Kannst Du Dich dran erinnern, dass Du bei der Registrierung für dein Ticket gefragt worden bist, ob Du Probleme mit dem Herz oder dem Kreislauf hast oder sensibel bist für elektrische Spannungen?“ versuche ich ihn zu beschwichtigen.

Hugo überlegt. „Ja, da war was. Aber warum das ganze?“ „Wenn du ‚ja‘ gesagt hättest, dann hättest Du ein rotes Ticket bekommen. Und mit einem roten Ticket hätte Dir der Wachmann beim Durchlassen durch die Absperrung einen roten Kreis-Aufkleber hinten auf die Jacke geklebt. Und mit diesem Aufkleber hätte Mundjoo gewusst, dass er mit Dir den Schabernack nicht treiben darf.“ „Ach so, ja.“, nickt Hugo, immer noch grummelig.

„Willst Du gar nicht wissen, welche Impuls-Kurse wir anbieten?“ frage ich, um meine Begleitung wieder auf andere Gedanken zu bringen. Ich schieße los, als er mir mit einem schnellen Seitenblick und dem Versuch eines Grinsens zunickt.

Impulse

„Zum einen – das hast du sicher erwartet – gibt es natürlich einiges mit Stoff- und Kleidungsbezug: nähen, sticken, stricken von und mit verschiedenen Materialien und Techniken. Druck- und Färbetechniken kommen dazu sowie ‚Stonewashing‘ und andere Verfahren, die wieder zu einer Abnützung führen.

Unser Theater-Fundus bietet ‚Kleidung im Wandel der Jahrhunderte‘, im Zuge dessen mehr als zwanzig Kostüme analysiert und anprobiert werden. Zudem werden beispielsweise Fehler bei den Requisiten in Filmen, Programmen und Büchern besprochen und Effekte von Gesellschaftsströmungen auf die Kleidung und von Kleidung auf Gesellschaftsströmungen untersucht.
Drei Mal waren wir schon für den „Preis für die Bildung des Jahres“ nominiert und ein Mal haben wir ihn sogar schon abgeräumt. Damals ging es wohl ums alte Ägypten.

Refurbishing

Beliebt sind auch die Kurspraktika in unserer Refurbishing-Werkstatt. Du weißt vielleicht, dass wir aus dem ganzen weiten Umkreis alles mögliche an Sperrmüll, Elektrogeräten und anderem Schrott kostenlos abholen und in riesige Lager einlagern.“ Ich zeige unten auf eine jetzt von Straßenbeleuchtung trübe beleuchtete große Hallenkonstruktion. „Aus diesen bedient sich dann unter anderem unsere Refurbishing-Werkstatt, die gebrauchte und kaputte Gegenstände entweder wieder herrichtet, pimpt oder sogar aus dem einen etwas ganz anderes macht. Wenn du also Lust am Basteln hast, egal ob es Holzarbeiten oder Elektronik betrifft, wirst du dort im Schlaraffenland sein und in einem halben Jahr so viel lernen wie sonst im ganzen Leben nicht mehr. Zudem wird ein kaputter Laseraufdruck-Toaster kein Ärgernis, sondern eine Herausforderung für dich sein!

„Meine Arbeit fängt da an, wo sich andere Leute vor Verzweiflung die Haare raufen“

Vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll, aber dafür umso nützlicher sind die die Kurspraktika in unserer Reiningungs- und Instandsetzungs-Verleih-Station (REINVEST). Du weißt ja, dass unser Turm auch als „Exzentriker-Turm“ bekannt geworden ist. Das liegt ganz einfach daran, dass sich viele von uns, wenn sie unterwegs oder auf Reisen sind, Kostüme unterschiedlicher Stilrichtungen ausleihen.

Irgendwann hatten wir einen so großen Fundus an Anschauungsstücken und gebrauchten sehr edlen Klamotten, dass wir begannen, daraus einen Verleih samt Reinigung und Änderungsschneiderei aufzubauen. Auch Arbeits- und Spezialklamotten sind dabei, die man sonst nur ein Mal alle fünf Jahre anziehen würde. Sogar die unterschiedlichsten Taucheranzüge kannst du dort ausleihen.

Die Abwicklung selbst übernehmen wieder Leute mit Fünf-Stunden-Schichten und zu einem kleinen Teil Impuls-Praktikanten, die dabei alles Notwendige an Chemie zur Reinigung der unterschiedlichsten Textilien lernen. Auch alle Kniffe der Änderungsschneiderei lernst du dort kennen. Diese ermöglichen es, die meisten der Stücke mit einer nicht für möglich gehaltenen Bandbreite an Größen zu tragen.“

„Und das rechnet sich?“ fragt Hugo erstaunt.

Erst der Spaß, viel später das Geld

„Anfangs natürlich nicht. Anfangs war es einfach nur eine verrückte Idee, die die Bewohner kultiviert und ausgebaut haben, weil sie für sie nützlich war und ihnen Spaß gemacht hat. Viele tolle Stücke wurden dann auch gespendet, egal ob Anzüge, Krawatten oder Angler-Klamotten um bis zu einem Meter in ein Gewässer hineinspazieren zu können. Stück für Stück wurde auch das wieder automatisiert, so dass die notwendige Arbeit auf ein Minimum beschränkt werden kann. Das alte automatische Roboter-Lager aus unserer hochprofitablen Klamotten-Export-Lagerhalle haben wir bei der Installation der nächsten technologischen Generation einfach in die REINVEST-Halle eingebaut und über eine weitere ‚Spielzeugeisenbahn-Strecke‘ mit dem Turm verbunden. Jetzt kommen die Leute sogar von relativ weit her, um sich einen Smoking oder einen Anzug zum Stahlschmelzen auszuleihen. Ein Geologe und Fotograf hat das neulich beispielsweise gemacht, um sein neues Vulkan-Spektakel in den Kasten zu bekommen.“

Inzwischen lehnen wir, Lampions über uns, am Außengeländer. Unsere Blicke schweifen über’s Tal hinüber zur zerfransten Höhenlinie der Hügelkette. Dunkel hebt sie sich gegen das vom Mondschein milchig erhellten Firmament ab und verleiht der Szenerie eine geheimnisvolle, fast mystische Atmosphäre. Leise dringen zu uns von weiter oben die Töne von Streichern, Bläsern und schließlich einem Chor zu uns herunter. Auf der dritten Ebene hat das Vorabendkonzert angefangen.

Wieder einmal genieße ich es in vollen Zügen, in Hugos irritiertem Blick und seiner in Falten gelegten Stirn seine Gedanken lesen zu können:
„Ui, war das gerade eine Setar? Die Melodie kenn ich – aber der Text ist doch chinesisch? Oder japanisch?“

Fortsetzung folgt: Pazifistischer Widerstand 4.0