Plot: Durch und durch biologistisch, dieser Barkeeper! Der Protagonist versucht dagegenzuhalten. Mit Kultur… und Wissenschaft und… und mit Freundschaft!

Vorspann

Ich will erneut einen kräftigen Zug auf diese ganze Seelenschau nehmen, da fällt mir auf, dass sich mein Kiefer ganz anders anfühlt. Als ich aufblicke, schaut aus dem verspiegelten Glas der Bar ein Urzeit-Mensch zurück. Dunkelhäutig, nackt, mit haariger Brust. Wie ein Nymphen-Sittich, der beim Blick in den Spiegel nicht sicher ist, ob es tatsächlich er selbst ist, den er da vor sich hat, wende ich den Kopf und schneide Grimassen. Der vermenschlichte Affe auf der anderen Seite tut das Gleiche.

Vitamin D – Sammler

Der Barkeeper reißt mich aus meinen Beobachtungen. „Die Haare auf Rücken und Brust ist eine heutige Erscheinung ja immer noch nicht losgeworden. Immerhin ist der feine Herr inzwischen nobel weiß und nicht mehr so dunkel wie damals. Der Teint eines Käsekuchens ist aber auch bitter nötig, um aus den mageren nördlichen Sonnenstrahlen ein bisschen mehr Vitamin D herauszupressen. Hach, es ist schon schwer, wenn man von seiner 200.000 Jahre alten Wiege im tiefen Süden Afrikas so weit entfernt ist!”

Mit immer noch hilflos entsetztem Gesichtsausdruck schaue ich auf meinen drahtigen dunkelhäutigen behaarten Körper hinab.

„Oh, der feinen Großhirnrinde des Herrn wäre vermutlich ein Smoking mit Stehkragenhemd und Fliege lieber gewesen. Sie schämt sich ihrer kärglichen Herkunft. Ach Gottchen!”

Fassungslos glotze ich den Barkeeper an.

Dessen Stimmung schlägt innerhalb von Sekunden von launig-ironisch ins Jähzornige um. „Jetzt halt nicht Maulaffen feil!“ gurgelt er, während er sich in Drohgebärde mit beiden Armen auf dem Tresen abstützt.

„Du wolltest dich doch mit mir unterhalten!”

“Du wolltest doch mit dem Teil von dir sprechen, der sich deiner Kontrolle weitgehend entzieht! Wolltest du nicht? Ha, das werde ich wohl besser wissen als du!

Die vielen Entscheidungen wolltest du besser verstehen, die ich die ganze Zeit für dich treffe. Warum sind dir manche Leute sympathisch und andere nicht? Weshalb hast du manchmal wahnsinnig Lust auf Erbsen? Aus welchem Grund kannst du deinen Blick nicht von dem Hintern abwenden, der schwungvoll deinen Weg kreuzt? Warum sitzt du gerne am Wasser? Wie kann es sein, dass Dir Frauen oft gleichzeitig unheimlich sind, unheimlich fremd dazu und doch üben sie eine unheimliche Anziehung auf dich aus?

Du schaust oft nur als Zaungast zu, wenn ich, dein Limbisches System, zu Beschlüssen gelange, noch bevor du überhaupt realisierst, dass es etwas zu entscheiden gibt! Im Nachgang erklärst du Dir die Entscheidungen dann mit Hilfe dieser neumodischen Großhirnrinde, die du dir in Form von Muscheln, Fisch, Steaks, Innereien in deiner Stammesgeschichte angefressen hast.” Verächtlich verzieht er das Gesicht. “Dabei haben deine schönen schlüssigen Argumente oft genug nichts mit den eigentlichen Gründen zu tun.”

Wie beiläufig hat mein Archicortex-Gesprächspartner während der letzten Sätze eine Reihe kleiner Objekte auf dem Tresen aufgebaut.

Ertrunken im Verhaltensstrom

“Bist du dir eigentlich darüber im Klaren, dass du dich auf einem Fluss befindest, in dem es leicht ist, mit der Strömung zu schwimmen? Dagegen zu halten, ist deutlich schwieriger!”
Mit einer fließenden Bewegung holt der Barkeeper nun eine große Kristallkaraffe randvoll mit Wasser hinter dem Tresen hervor. Mit breitem wahnsinnigen Grinsen senkt er den Ausguss, so dass sich das Wasser in vollem Strahl spritzend auf die Theke ergießt. Welle und Strömung bringen die vielen kleinen Gegenstände der Reihe nach zu Fall und spülen sie in Richtung Fußboden. Mein Whisky-Glas widersteht der Flut. Ich selbst allerdings springe, den Barhocker umreißend, weg, als sei das Wasser flüssige Lava.

“Was soll das denn jetzt weder?”

“Die Strömung, das sind sowohl die vielen kleinen Erlebnisse, die uns in Kindheit und Jugend prägen als auch das genetische Erbe der tausend Generationen vor uns bis in die Serengeti und den Süden Afrikas, die wir heute noch mit uns herumschleppen. Und wenn du in diesem tiefen Gewässer herumstocherst und es aufwühlst, dann beklag dich bitte hinterher nicht, dass die Krake erwacht und dich hineinzieht!

Mit aufgerissenen Augen und halb offenem Mund sitze ich da und mache meinem Ruf als Frühmensch alle Ehre.

Chefsessel-Primaten

Mein Alter Ego setzt seinen Sermon nach kurzem Absetzen mit immer noch steigendem Temperament fort: „In der Tat ist der Herr im Kern noch ein schnöder, dem Affen entwachsener Steppen-Bewohner. Sein Tagewerk ist es, den Antilopen hinterherzuhetzen und er träumt davon, mal einen Löwen zu erlegen. Klar, sitzt er heute auf Polstersesseln und jagt statt Zebras in Plastik und Aluminium eingeschweißte Beutetiere. Die Umgebung hat sich geändert, aber der unstillbarer Hunger nach Zucker, Fett und Proteinen in rauen Mengen ist seitdem nicht kleiner geworden. Man weiß ja nie, wann’s mal wieder so einen Festbraten gibt.

So toll wie ihr euch die Fettreserven anfresst, so wahnwitzig werdet ihr sie dann auch wieder los! Kommt ihr euch nicht dabei komisch vor,  ziellos einfach nur in der Gegend herumzurennen, um in der Gegend herumzurennen? Ich mir schon. Und deshalb rebelliere ich! Kommt euch dieses Herumgelaufe nicht in etwa so komisch vor wie mit der Wand Italienisch zu sprechen, um zu sprechen oder auf Gummi herumzukauen, um zu kauen? Ein zu erlegendes Mammut, ein zu pflegender Garten oder die Flucht vor einem Säbelzahntiger, das ist da schon ein ganz anderes Kaliber. Stattdessen gafft ihr auf eure überdimensionale Uhr, die euch zeigt, wie viele Kalorien ihr schon verbrannt habt.

Ich aber lege gekonnt den vor Nährwert nur so strotzenden Burger in Fettpölsterchen an, um für die Eiszeit vorzusorgen. Und was macht ihr? Ihr erwärmt das Klima! Egal, der Effekt ist der gleiche. Du weißt ja, wenn du als letzter der Kerle am Leben bleibst, dann bist du ein Fortpflanzungs-Perpetuum-Mobile!“

Bei diesen Worten macht er blöde grinsend unzweideutige Gesten und sieht damit aus wie ein wandelnder Altherren-Witz. Immerhin räuspert er sich dann aber doch und flüstert ein „Tschuldigung!“

„Jetzt sei doch nicht so schnöde biologistisch!“, murre ich tadelnd.

Biologistisch

„Biologistisch nennst du mich also… Schau dich doch bitte mal an! Was meinst DU denn, worum es geht? Kultur, Bildung, Fortschritt, Wissenschaft, platonische Liebe und Freundschaft?“ fragt er mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck, den er immer weniger aufrecht erhalten kann, je mehr ich abwägend seitlich mit dem Kopf wippe. Als das Wippen unter spöttischen Blicken schließlich in ein zögerliches Nicken übergeht, prustet mein Gegenüber heraus, steigert sich in schallendes, geradezu hysterisches Gelächter und verschwindet, sich die Knie haltend vor Lachen hinter dem Tresen. Kurze Zeit später taucht er wieder auf wie ein U-Boot, mit immer noch puterrotem Gesicht. Mit seinem Einstecktuch wischt er sich die Tränen aus den Augen.

Fortsetzung: Fortpflanzung