Plot: Ein Coitus Interruptus führt den Protagonisten zum erlösenden Showdown. Und was ist mit Dick Lorent?

Hinweis: Diese Episode ist Bestandteil zweier Erzählungen – die Blog-Erzählform macht’s möglich! Entsprechend möchte ich die Inhalte nicht kopieren, sondern markiere bei Bedarf an den Überschriften, auf welche der zwei Rahmenhandlungen sich der Abschnitt bezieht. D.h. alle, die gerade der Erzählung “Grandhotel California” folgen, sollten die Abschnitte mit “Entwicklungsaufgaben” auslassen – und umgekehrt.

Vorspann

“Und schau Dir ihre geschmückten Höhlen an! Sehen sie nicht wie ein Hort des Wohlbehaltenseins aus im Vergleich zu deiner kärglichen Behausung? Sie laden dich ein Rast zu machen. Sie laden dich ein, Kinder in die Welt zu setzen. Zum Bleiben laden sie dich ein. Sie lassen deine wilden Ideale verblassen und tauschen sie ein gegen einen Schutzraum der Geborgenheit.

Die Weibchen, sie laufen zur Hochform auf, wenn sie organisieren, mit der Dorfgemeinschaft im Gespräch bleiben, Beziehungen knüpfen und durch Kooperation das tägliche Leben erleichtern. Stets sind sie eifrig auf guten Ruf und Status bedacht, eisern das Familien-Regiment in der Hand.”

In der Hormon-Nebelwolke der Fortpflanzung

Vor lauter Begeisterung muss Mr. Eddy jetzt innehalten und sich die Lippen lecken. Fast macht es den Eindruck, als wolle er nach einer langen Wanderung zum entscheidenden Gipfelsturm ansetzen. “Und wenn sich dann Männchen und Weibchen treffen und alles passt, dann sprüht auf beiden Seiten der Hormon-Nebel. Dann schießt das Oxytocin durch die Adern! Dann sind zwei Wesen, die doch so unterschiedlich ticken, dank gemeinsamem Endorphin-Trips wie ein Herz und eine Seele. Alle Diskrepanzen verblassen, es gibt nur Gemeinsamkeiten und Sehnsucht. Ja, Sehnsucht, dieses schöne Gefühl wie das des Rauchers, wenn der innere Nikotin-Tank leer läuft und die Belohnung darin besteht, dass der Mangel dann endlich mit einem beherzten Zug von der Zigarette wieder gestillt ist.

Mit ein bisschen Glück hält dieser Zustand dann an bis die Paarung erfolgreich vollzogen und der Nachwuchs auf dem Weg ist. Während bei ihr aber der Nebel schon bald wieder nachlässt, hält bei ihm der Hormon-Nebel seine Wirkung länger aufrecht. Schließlich muss er auf seine Rolle als werdender Vater vorbereitet werden, statt vorschnell das nächste willige Weibchen zu suchen. Auf ihrer Seite ist dagegen ein kritisches ungetrübtes Gespür nötig.” Abschätzig würgt er heraus: “‘Intuition… wie SIE es nennen würde!“

Lynch Time

Das Ball-Orchester verstummt. Erst diese Stille weitet mir den Raum, setzt ihn in einen größeren Kontext als unser Bar-Kammerspiel.  Die gerade noch Tanzenden, nicht viel mehr als unscharfe Statisten, gehen zurück zu ihren Tischen. Ein Filmprojektor wirft ein noch kaum erkennbares Bild auf den in sauberen Falten herabhängenden Vorhang der Bühne an der Stirnseite. Altes Zelluloid in altem Vorführgerät. Eine Kino-Leinwand schiebt sich langsam aus einem Deckenkasten nach unten und verhilft den zuckenden Bildern zu partieller Schärfe.

[Grandhotel California]
Aus dem flackernden Dunkel lösen sich die von Kerzenlicht beleuchteten Silhouetten zweier nackter Leiber, die sich, eng ineinander verschlungen, dem Höhepunkt nähern. Entspringen dem Rücken der Dame Flügel aus schwarzem Gefieder? Der Körper von ihm ist gleichermaßen muskelgestählt und von Narben geschunden. Die Kamera fokussiert auf ihre Gesichter.  Zärtlich streicht sie ihm eine graue Strähne aus dem Gesicht.

[Entwicklungsaufgaben]
Aus dem flackernden Dunkel lösen sich die von Autoscheinwerfern grell beleuchteten Silhouetten zweier nackter Leiber, die sich, eng ineinander verschlungen, dem Höhepunkt nähern. Die Kamera fokussiert auf ihre Gesichter.  Zärtlich streicht sie ihm eine Strähne aus dem Gesicht.

Während er sich mit ihr zum Maximum der Gefühle emporschwingt, wiederholt er immer lauter werdend „Ich will dich! Ich will dich! Ich will dich!“.

Sie bäumt sich auf, zuckt, zittert und beugt sich nach unten ganz nah neben sein rechtes Ohr und während ihre Hand mit seinen Haaren spielt, flüstert sie ihm leise, aber für die Kamera deutlich vernehmbar zu:

“Du wirst mich niemals bekommen!“

Ich starre fassungslos auf die Leinwand und es fühlt sich an als würden riesige Mengen von Spielzeug auf mich herabregnen. Immer wieder wiederholt sich die Szene.

“Du wirst mich niemals bekommen!”

“Du wirst mich niemals bekommen!“

Zu viel

Mr. Eddy steht jetzt neben mir und legt mir grinsend den Arm über die Schulter während ich immer noch wie vom Blitz getroffen auf das Bild starre. Warum nur fühle ich mich mit dem Darsteller so verbunden? Es tut fast körperlich weh, dieser Sturz von knapp unter dem Gipfel bis mitten hinunter in die Talsohle.

Langsam wird Mr. Eddys anfänglich mitfühlende Geste fester, unangenehmer, sprichwörtlich atemberaubender. Ich gebe  dem Druck nach und lande schließlich unentrinnbar in seinem Schwitzkasten, weiterhin in Richtung Leinwand glotzend.

„So etwas lässt du dir sagen?“ grunzt Mr. Eddy während sein dick beringter Finger auf den Coitus Interruptus zeigt. „So etwas lässt du mit dir machen?“

Das Bild wird heller und heller, gleißend hell, bis aus der Mitte heraus ein schwarz-brauner Punkt immer größer wird, auffasert und sich nach außen frisst. Zelluloid reißt, der Projektor rattert noch kurz im Leerlauf und erstirbt. Es ist nun mucksmäuschenstill still. Der Saal liegt im Dunkeln.

Die letzte Verwandlung

Widerlich warm steigt mir der Duft von Mottenkugeln in die Nase. Ein Klacken und schon tauchen wir in einem gleißend hellen Lichtkegel, der wohl von einem der Spot-Scheinwerfer des Saals kommt. Der Tresen, die Bar, die Gäste, das Orchester, alles liegt verborgen in dunkelstem Schwarz, während um uns im grellen Licht die Staubflöckchen tanzen.

Mit einer wohl völlig unerwarteten ruckartigen Bewegung beende ich meine schlaffe Passivität und schlüpfe mit äußerster Kraftanstrengung aus Mr. Eddys Griff.  Meine Faust trifft sein Kinn mit voller Wucht und knackendem Geräusch. Wie ein mit Pudding gefüllter Ballon wabbelt das Gesicht des alten Mannes nach hinten. Doch es dauert nicht lange bis er, zwei Schritte getaumelt, auf mich zuhält, mich im Lauf nach hinten umwirft und mir dabei  erneut seine kräftigen Hände um den Hals schlingt. Mit vor Wut geiferndem offenem Mund liegt er auf mir und drückt zu.

Mein Kehlkopf  wird diesem Druck nicht mehr lange standhalten und die Luft gelangt nur noch in einem dünnen pfeifenden Rinnsal in meine Bronchien. Als sei das alles egal,  bemerkt mein unterversorgtes Gehirn amüsiert, dass es noch nie solche grimassenhaft angespannten Gesichtszüge wie bei meinem Gegenüber gesehen hat. Meine Arme sind von seinen Knien arretiert. Mein Hirn braucht Sauerstoff, dringend!

Finale [Grandhotel California]

Ich besinne mich, dass es noch das kleine Messer gibt, das sich in einer zusätzlichen Naht am rechten Ärmel befindet! Meine Finger bekommen den Schaft zu greifen, der wenige bleibende Freiraum reicht, um die Klinge oberflächlich in Mr. Eddys Oberschenkel zu versenken und sie dabei leicht zu drehen. Wie gewünscht löst sich mit seinem quiekenden Schrei der Druck der Knie etwas, mein Arm befreit sich mit einem Ruck aus der Gefangenschaft, fährt nach oben und mit einem satten Ratsch teilt die Klinge das Doppelkinn. Das Quieken erlischt zu einem Gurgeln wahrend sich eine Blutfontäne über meine Rüstung und meinen Wams ergießt. Ein zietschender, in ein Gurgeln übergehender Laut füllt den Saal während Dick Lorent verzweifelt einzuatmen versucht.

Der Scheinwerfer geht aus, das röchelnde Fiepen bleibt. Als das Licht wieder angeht, drängt sich allerdings die Vermutung auf, dass das Geräusch nicht von einem Sterbenden, sondern vom unregelmäßig torkelnde Decken-Ventilator über mir herrühren könnte.

Finale [Entwicklungsaufgaben]

Habe ich Unterstützer im Saal? Die spitze meines Zeigefingers erspürt plötzlich in aller Begrenztheit ihres Bewegungsradius etwas Kaltes. Stahl! Wie wohlig wird es mir, als sich die messerscharfe Klinge des Skalpells beim Betasten in meinen Finger gräbt, fast ohne auf Widerstand zu stoßen. Ich greife um, bekomme einen Teil des Griffs zu spüren – genug Freiraum, um den Stahl oberflächlich in Mr. Eddys Oberschenkel zu versenken und ihn dabei leicht zu drehen. Wie gewünscht löst sich mit seinem quiekenden Schrei der Druck der Knie etwas, mein Arm befreit sich mit einem Ruck aus der Gefangenschaft, fährt nach oben und mit einem satten Ratsch teilt die Klinge das Doppelkinn. Das Quieken erlischt zu einem Gurgeln wahrend sich eine Blutfontäne über mich ergießt. Ein zietschender, in ein Gurgeln übergehender Laut füllt den Saal während Dick Lorent verzweifelt einzuatmen versucht. Der Scheinwerfer geht aus, das röchelnde Fiepen bleibt.

“Hugo, Hugo, wer auch immer es ist, du hast es ihm gegeben. Beruhige Dich!”, höre ich jetzt Max’ Stimme. Es ist längst dunkel geworden. Das Fiepen kommt von Ayo herüber, der sich nicht mehr einkriegt vor Lachen. Auf ein kurzes Luftschnappen hin folgen jeweils ein paar fiepende Geräusche, die kaum als Lachen einzuordnen sind.

Aber immerhin – Dick Lorent ist tot.

[Entwicklungsaufgaben]
Fortsetzung: XXX