g20k - Dilettanten gesucht

dilettarsi, ital. = sich erfreuen, herumbasteln

Noch ein Blog - Dunkler Himmel über Berliner Weihnachtsmarkt (Schloss Charlottenburg), Kazuyanagae, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Coming-out: Hilfe, noch ein Blog!

Lange war es mir ein Rätsel, warum Leute sich die Mühe machen, Artikel für ein Blog zu schreiben. Was könnte ich schon irgendjemandem mitteilen wollen. Der feine Herr Schriftsteller!

Geronnene Gedanken

Relativ unerwartet vor ein paar Jahren fühlt es sich plötzlich so an, als hätte jemand über bis dato lose dahinfließende Lebenserfahrungs-Proteinketten Zitronensaft gekippt. Plötzlich gerinnt das, was vorher wenig fassbar und nicht aufschreibenswert erschien zu strukturierten Ideen und aufschreibbaren Geschichten und Essays. Zudem entwickeln diese geradezu Druck in den Gehirnwindungen. Die Unruhe lässt erst dann nach, wenn diese Ideen endlich das Gehirn in Artikel-Form über die Hände verlassen können. Sicher sind auch ein paar schlecht verdauliche Gluten-Artikel unter den geronnenen Gedanken dabei. Aber immerhin geht es kein einziges Mal darum, was für mich immer der absolute Abturner in Sachen “Blog” und “Blog-Artikel” war: die Frage, was ich zum Frühstück gegessen habe. Oh Gott, doch! Ein Mal geht es darum. Uff, aber nicht direkt.

Der Leser kann mich der Leser mal?

Das Seltsame ist: so richtig wichtig ist es mir gar nicht, ob das jemand liest. Ich würde auch ewig so weiterschreiben, wenn nicht. Das soll nicht heißen, dass ich nicht bemüht wäre, Tiefschürfendes mit Unterhaltsamen zu mischen und auch den Spannungsbogen immer mal wieder zu beachten. Und natürlich ist jedes Lob ebenso Balsam für meine Seele wie jede Kritik den Füllstand meines Kompetenz-Tanks etwas verringert.

Klar ist mir daran gelegen, dass die Beiträge – theoretisch – vielen gefallen könnten. Aber ganz praktisch ist es mir in etwa so wichtig wie… wie… ja wie der Umstand, dass an dem mir gegenüberliegenden Tisch des Cafés der ehemalige Pirat und jetzige SPDler Christopher Lauer sitzt… ein kleines bisschen wichtig. Nicht wirklich sehr wichtig.

Unbehagen

Sicher, die plötzliche Logorrhoe (psychiatrisch, in etwa “Verbaldurchfall”) hat sicher auch damit zu tun, dass die berufliche und private Situation soweit gesettelt sind, dass der Kopf wieder Zeit hat, über andere Dinge nachzudenken.

Es wird aber auch daran liegen, dass der eigene Rosamunde Pilcher-Lebensfilm von beruflicher Stabiltität und zweisamen Glück untermalt ist von einer Stephen King’schen Streicher-Musik. Ich meine diese drohende dissonante Musik, die sagt: “Alles ist in Ordnung und doch ist überhaupt nichts in Ordnung!”

Nun ist es eine Sache, ob man denkt, dass vieles komisch ist und man irgendwie ein bißchen aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Mimimimi halt. Damit kann man schön auf kleiner Flamme gemächlich ein Selbstmitleids-Blog füllen.

Allein,

  • wir leben in Zeiten, in denen neokonservative Karikaturen zu US-Präsidenten gewählt werden.
  • Einem Zehntel der Deutschen gehört mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens.
  • Im Nahen Osten verwerten und verscherbeln die reichen Länder der Welt ihre alten Waffen und testen neue.
  • Und selbst der, an dem all das spurlos vorbeigeganen ist, bekommt etwas vom Wahnsinn mit, wenn die geschlossene Abteilung der Weltanschauungspsychiatrie zum inversen Kreuzzug aufbricht und “die westliche Welt” terrorisiert.

Beschleunigung

Man könnte meinen, es sei nicht nur ein Lastwagen, gelenkt durch die Hand eines monströsen, verirrten und verblendeten Menschen, in einen Berliner Weihnachtsmarkt oder eine Fußgängerzone in Nizza gerast. Es scheint, als habe in den letzten Jahrzehnten und vielleicht Jahrhunderten die ganze Menschheitsgeschichte auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt, um dann ganz viele um- und mit sich zu reißen und hoffentlich nicht erst über den Scherben der Menschlichkeit zum Stehen zu kommen.

Übertreibe ich? Früher war doch auch schon vieles schlecht! Ja klar, so richtig dolle war’s noch nie. Aber gerade heute, gerade im Technik-Zeitalter, wo man zumindest den Eindruck hat, dass es immerhin schon einige Aufgeklärte, Gutmenschen, Differenzierer, Brückenbauer und Erklärer gibt, gibt es trotzdem noch genügend andere, bei denen man bezweifelt ob, da so etwas wie lernen stattfindet oder je stattfinden wird.

Beispiele?
  • Es reicht nicht, dass es auch nach 200.000 Jahren noch archaische Konflikte zwischen Ethnien und Religionen gibt.
  • Die Konflikte werden auch noch angefacht von alten und neuen Weltmächten, die zynisch um einen Tisch herum stehen und RISIKO spielen. Dass das Spielfeld dabei regelmäßig in Flammen steht, scheint wenig zu interessieren. Wieder und wieder.
  • Hedge Fonds und Politik träumen von grenzenlosem Handel, der nicht durch “böse Staaten” beeinträchtigt wird, während
  • das Präkariat von gestern dem Präkariat von heute die Butter auf dem Brot nicht gönnt.
  • Hämorrhoiden und Lebenskrisen werden zu Business Opportunities und
  • aus dem Verkauf von sauberem Wasser und der Versorgung von Kranken machen wir Profit Center.
  • Social Media Armeen, in denen wir alle irgendwo mitlaufen, greifen ein ins Geschehen und
  • Der, der bei alledem gewinnt, ist die Bank.
  • Maschinen tragen wir in unserer Hosentasche, mit denen man eine Raumfähre auf dem Mond landen könnte. Allerdings benutzen wir sie dazu, ein pseudo-perfektes Selfie-Leben auf Instagram zu dokumentieren.
  • Wir lassen den Zitronesäurezyklus sinnlos auswendig lernen. Dabei sollten wir uns überlegen, wie wir Neugier, langfristiges Interesse und Respekt für das Leben und seine Prozesse wecken könnten.
  • Bis ins Unkenntliche verzerrte Begriffsfetzen aus der String-Theorie verwenden wir, um Globuli und “energetisiertes Wasser” zu vermarkten und teilen Zitate, in denen Einstein davor warnt, alles zu glauben, was im Internet steht.

Es ist nicht nur der Terror

Es sind nicht nur die echten Terror-LKWs, die schmerzliche Breschen in die Leben von Menschen und Familien schlagen.

Die galoppierende wirtschaftliche und technische Entwicklung ist es, dazu die Globalisierung, die mit Höchstgeschwindigkeit durch unsere engen Dachkammern brettert und dabei miserable Bildungssysteme, eine dünne Kulturschicht, die Reste von Aberglauben und Religiosität und ganz viel “früher war alles besser” mit sich reißt und einen breiten Graben von Bitterkeit, Ratlosigkeit, Erschöpfung und “jeder ist sich selbst am nächsten” bei vielen Menschen zurücklässt.

Das Schlimme: nirgendwo in der offiziellen Politik höre ich Alternativen zu dieser Ideologie der Nicht-Ideologien und Ideenlosigkeiten. Nirgendwo wird in nennenswertem Umfang an alternativen Sichtweisen gebaut. Im besten Falle schauen wir nach Norden zu “den Skandinavischen Ländern” und lassen dort ausprobieren, was man dann – ganz vielleicht – auch mal bei uns in 50 Jahren versuchen könnte.

Blog? NSA, Alta!

Jetzt könnte man natürlich unsicher werden und fragen: “Is ja ganz schön, was du hier alles an netten Gedankenspielen und Skizzen und Ideen von Dir preisgibst. Aber bist Du Dir klar drüber, dass das theoretisch jeder über Dich in Erfahrung bringen kann? Und was ist mit zukünftigen Arbeitgebern? Was ist mit NSA und BND? Was ist mit all den anderen,denen das missfallen oder die das ausnutzen könnten?

Es war irgendwann kurz vor dem Einschlafen, als mir einfiel, dass mein Blog so anonym ist wie der Weihnachtsmann-Darsteller in meiner Kindheit. Gar nicht, nämlich! “Mama, der Mann mit der komischen Maske fotografiert immer bei uns in der Kirche!”
Ein einfaches Nachschlagen bei DENIC.de und schon heißt es: “Karl Ranseyer, das erfolgloseste Phantom aller Zeiten, hat sich auch bei seinem Blog immer sehr bemüht, anonym zu bleiben!”

Aber sehen wir mal ab von meinen Provider-bezogenen Anonymisierungs-Fertigkeiten! Ich trage mein Herz und meine Überzeugungen ja auch im realen Leben oft genug auf der Zunge. Nicht zuletzt das mit dem Arbeitgeber hab ich mir auch nen Moment lang überlegt. Andererseits: will ich mit jemandem zusammenarbeiten, der meine Ansichten so bescheuert findet, dass er mit mir nicht zusammenarbeiten wollen würde? Ergibt eigentlich keinen Sinn. Wenn das aber ohnehin schon so ist, dann kann ich doch gleich die Gelegenheit nutzen und diesen Umstand zu einer USP in eigener Sache machen!

Die guten alten Zeiten

Viele, die mich schon sehr lange kennen, werden beim Lesen der Artikel belustigt zur Kenntnis nehmen, dass mich “das Religiöse” immer noch verfolgt. Sie werden lachen, wenn sie sehen, wie ich versuche, der Musik wieder etwas Erhabenes, vielleicht sogar Pathetisches abzugewinnen oder zurückzugeben.

Freunden aus meiner Berliner Frühzeit ringt es vielleicht ein Lächeln ab, wie sehr mich diese WG in der Reichenberger geprägt hat. Manchmal häng ich dieser Zeit schon sehr nach.

Ich entschuldige mich schon mal für punktuell vorkommendes “autobiografisches Fremdschämen” (hier kein Link). Ich hoffe, mit steigendem Alter hab ich “den Böhmermann” raus. So würd ich die Kunst beschreiben, den Pathos so hinter Ironie und Sarkasmus zu verstecken, dass es nicht mehr zu Fremdscham kommt.

Tipp: Anonyme Kommentare sind (noch) möglich

Ich sag also schon mal danke, falls ihr euch die Mühe macht, in meine – wie manche unken, “verkopften” – Artikel einzutauchen. Ich freu mich insbesondere über eure Shares und Likes, allein schon deshalb, weil sie die naheliegendste Möglichkeit auf Facebook sind, andere Gleich- und Ähnlichgesinnte zu finden, und das ist der eigentliche Sinn dieses Blogs.

Insbesondere freue ich mich über Kritik und lebhafte Diskussionen an möglichst vielen Stellen. Und lasst es mich bitte ruhig wissen, wenn irgendwo die gähnende Langeweile oder Irritation ausbricht. Gerne auch über einen anonymen Kommentar auf der Blog-Seite. Ich muss die sowieso vorher freischalten. 😉


Bildquelle: dpa

Vorheriger Beitrag

Iiiiih, Ideologie!

Nächster Beitrag

Hannah , Hektor und Hadia – drei gute Seelen

Schreibe einen Kommentar

zwei × drei =

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén