Ich versteh nur Üldlaulupidu!

Alle fünf Jahre kommen die Esten seit Mitte des 19.Jahrhunderts auf dem Üldlaulupidu zusammen. Mit hunderten Chören feiern sie sich und ihre Traditionen.

Was wäre der nächste Schritt? Geht so etwas auch weltweit? Warum nicht! Müsste halt nur genug Menschen geben, die in so einer weltweiten Menschheitsfeier einen Sinn sähen… Dilettanten und Insulaner vielleicht?

Tausende Menschen aus vielen Ländern wählen über’s Netz Chor-Stücke der verschiedensten Musik-Stile aus. Sie bereiten sich in hunderten kleiner Chöre und Bands über mehrere Monate vor. Und schließlich treffen sie sich, drei Tage lang, an dem Ort, an dem die Esten bereits diese Tradition betreiben!

Aber hier wird nicht ein Land, hier wird der Mensch an sich gefeiert! Grund gibt es genug, seine kulturellen, seine sozialen, seine wissenschaftlichen und technischen Leistungen zum Beispiel. Hier wird gefeiert, dass die Menschheit schon viel geschafft hat: Pokemon Go, in weiße Folie eingepackte Parlamentsgebäude und Eigelb aus der Tube, zum Beispiel. Ein oder zwei Dinge zu erledigen gibt es natürlich auch noch, auch darüber kann man mal sprechen. Und es geht um Gemeinsamkeiten, gemeinsame Melodien und Texte zum  Beispiel.

In 10 oder 15 Jahren möchte ich auf dem Weg zum Flughafen von Talinn im Bus sitzen. So schnell vorbei ging es, das Üld-Üldlaulupidu! Aus dem Fenster möchte ich schauen und meinen Gedanken nachhängen…

Imagine there’s no something

Unglaublich, wie viele tolle Menschen aller möglichen Länder ich während der Vorbereitung des Üld-Üldlaulupidu und dann hier kennengelernt habe. Wie viele interessante Gespräche über Kunst, Technik, das Leben, das Universum, alles mögliche habe ich geführt? Es stimmt wirklich. Nicht Nationalität, Ethnie oder Religion trennen Menschen voneinander. Es ist ein enger Horizont, der die Realitäten des anderen nicht kennt oder nicht kennenlernen will, der uns trennt. Und nirgends weitet sich so ein Horizont leichter als wenn man gut gelaunt an jeder Ecke etwas anderes interessantes sieht oder hört. Oder wenn ein völlig fremdartiger Fremder die gleiche Melodie singt.

Musik aus der Vulva? Lava? Was?

Unglaublich, mit welch beeindruckender Akustik die Sängerbühne ‘Laululava’ die Lieder zu den Zuhörern getragen hat! Der Star Wars-Chor mit dem nicht ganz ernst zu nehmendem Text… oder diese krasse dänische Komposition! Was für ein tolles, einendes Gefühl es ist, zusammen all diese großartig als Chorsatz arrangierten alten und neuen Stücke zu singen, von Beethoven zum iranischen Volkslied zum extra für diesen Anlass komponierten modernen Chorwerk, das zusammen mit  weiteren für dieses Jahr von der Internet-Community ausgewählt wurde…

Alllter Eeeeeste, war das ne Party!

Unglaublich, wie gastfreundlich die Esten waren! Wie offen sie dafür waren, das Sängerfest Üldlaulupidu auf eine Welt-Perspektive zu übertragen und damit auch die Tradition zu ehren, die das Sängerfest für Estland historisch hat! Der Applaus hängt mir immer noch in den Ohren, als wir zur Eröffnung „Mu isamaa on minu arm“  sangen. Diese inoffizielle Hymne ist beim traditionellen Fest das Lied zum Abschluss. Und abends und nachts hat man die Lieder noch in allen möglichen Musikstilen aus den Kneipen und auf kleinen spontanen Konzerten gehört.

Immer nur Konzertsaal, Religion oder Spaß oder was?

Unglaublich, wie viele Chöre sich über die letzten Jahre gegründet haben, in Firmen, in Gemeinden und Städten, aus Jugendgruppen, Unis und Vereinen heraus. Auch viele bereits bestehende Chöre und Musikgruppen haben sich angeschlossen. Die Chorsätze und Einstudierhilfen wurden tausendfach heruntergeladen und viele Chor- und Bandleiter konnten vermittelt werden.
Endlich hat sich mal gezeigt, dass Musik nicht nur im religiösen Kontext erhaben sein kann, sondern dass sich mit ihr auch prima alles feiern lässt, auf das der Mensch wirklich stolz sein kann: Solidarität, Toleranz und Offenheit, fähig Konflikte friedlich auszutragen und vieles mehr. Und mit nur ein paar Taktschlägen und Instrumenten mehr wird die Musik vom Gänsehautverschaffer zum Party-Anheizer. Der Rhythmus wird zum Kommunikationsbrückenbauer, Eisbrecher, Weltkultur-Feiermedium. Der gemeinsam in einer unbekannten Sprache gesungene Text wird Ausdruck von Gemeinsamkeit, die es sogar schafft, die Zukunft zart rosa einzufärben.

Projekte statt Einzelkämpfer – selbst in Paderborn

Unglaublich, wie viele tolle Projekte ich auf dem Platz rund um die Zuschauerränge kennengelernt habe. Kleine und große, lokale, nationale und weltumspannende Projekte zeigen allen Beteiligten und Zuschauern, dass etwas vorwärts geht und dass wir keine Einzelkämpfer sind. Wie viele Ideen und Konzepte habe ich gesehen, sowohl technische, als auch organisatorische, wissenschaftliche oder soziale, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Es gibt Hoffnung, dass in dieser manchmal grau, kalt und feindlich wirkenden Welt doch etwas vorwärts geht. Toll auch zu sehen, dass eine Idee, die in südafrikanischen Slums weiterhilft, auch mit etwas Abwandlung neue Impulse in Paderborn setzen kann. Schade einerseits, weil man bei so vielen Aktivitäten beteiligt sein möchte. Aber auch großartig, weil so auch der letzte vermeintlich “Abgehängte” etwas finden kann, was ihm Spaß macht. Und kaum kommt Spaß auf, zieht es einen zurück von der Passivität in die Aktivität.

Anderer Ort, gleiche Richtung, selber Treffpunkt…

Unglaublich, wie gut es geklappt hat, die Grundidee umzusetzen, nämlich nicht “etwas wegzunehmen” oder “etwas mies zu machen”, sondern Alternativen zu bieten. Es ist mühsamer, aber dafür läuft es am Ende umso besser, wenn man nicht gegen tausend Sachen, sondern für tausend Sachen ist.
Hilfreich war zudem, über viele kleine Ideen, Konzepte, Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren, die sich vor Ort jeder anschauen kann, mitgestalten kann, mit-diskutieren kann. Es geht darum, von der Realität auszugehen und da mag jedes Land oder jede Stadt ihre eigene Realität haben. Und von dieser Realität aus geht es darum, Schritt für Schritt nach vorn zu gehen. Das kann in Riad etwas ganz anderes bedeuten wie in Luckenwalde. Aber die Richtung ist die gleiche.

Bildung, Wissenschaft, Kunst, Technik, Bildu’… nee, das hatten wir schon!

Unglaublich, wie gut es geklappt hat zu zeigen, wie wichtig das Fördern von Neugier für Bildung ist – praktisch, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Wie viele Diskussionsrunden und Aktionen gab es, die z.B. Geistes- und Naturwissenschaften miteinander konfrontiert haben. In wie vielen Projekten flossen Kunst und Technik zu einem mehr als interessanten Ergebnis zusammen! “Exakt” vs “Intuition”? Pustekuchen! Warum soll man solche Pole bilden, warum sich für eins von beiden entscheiden? Beides natürlich! Man kann doch exakt in der Messung und Erhebung und leidenschaftlich bei der Interpretation sein oder in der freundschaftlichen Rivalität um die bessere Lösung?!
Lustig auch, über den großen Campingplatz zu schlendern: hier sind Drohnen mit kaltem Bier unterwegs, dort spielen Androiden Fußball, auf einer dreidimensionalen Fläche erwachen gerade mit einer Spezialtechnik die Sonnenblumen von Van Gogh zum Leben. Kann ein Campingplatz bunter und abwechslungsreicher sein?

Wirtschaft, ja, die fehlte gerade noch!

Unglaublich, wie gut es auch geklappt hat, Wirtschaft und Industrie auf dem Üldlaulupidu einzubinden. Wir konnten ihnen die Gelegenheit bieten, nachhaltige zukunftsweisende Lösungen vorzustellen. Es hat funktioniert zu zeigen, dass natürlich auch die Wirtschaft eine wichtige Funktion hat. Jetzt vielleicht nicht, wenn es darum geht, Trinkwasser bereitzustellen oder Krankenhäuser zu betreiben. Aber es gibt ja noch genügend andere Bereiche, die jetzt nicht so eng mit dem Gemeinwohl verknüpft sind. WLAN auf einer Veranstaltung wie der unseren bereitzustellen, zum Beispiel.
Und die, die hier singen und zuhören, sind ja auch ein nicht zu vernachlässigender Markt. Sie mögen jetzt nicht die leichtesten Kunden sein, zugegeben. Für die meisten unserer Firmen-Partner war der kritische Kontakt am Ende auch ein Wettbewerbsvorteil, da die Produktion nachhaltiger, umweltverträglicher und die Arbeit menschenwürdiger wurde als bei anderen Unternehmen und sich das auf die lange Sicht ausgezahlt hat.

Sponsorenverträge jenseits vom Filz

Unglaublich, dass es über ein Sponsoren-System geklappt hat, für viele von weiter her anreisende Teilnehmer die Fahrtkosten zu übernehmen. So viele hätten sonst gar nicht erst kommen können.
Es hat sogar funktioniert, die Verträge für Üld-Üldlaulupidu transparent auf der Webseite zu diskutierten, auch wenn uns Jahrzehnte lang vorher immer wieder eingetrichtert wurde, dass Transparenz der Tod jedes guten Vertrages sei. Mega anstrengend das alles, aber es kamen auch so viele gute Argumente in die Diskussion. Am Ende hatten wir ein überraschend einheitliches Verständnis.

Money, money, money

Unglaublich, wie durch dieses ganze Unterfangen die Rolle des Geldes zum Ausdruck kommt. Es ist  Mittel, Entlohnung, Gegenwert, Luxus, aber nicht das Ziel. Nicht nur diese Veranstaltung hat gezeigt, dass Leute gerade ohne Zwang und Druck Höchstleistungen vollbringen, weil es weit wichtigere und sinnvollere Motivationsgründe gibt. Es bleibt zu hoffen, dass Regierungen das immer öfter erkennen und sich ernsthaft über das bedingungslose Grundeinkommen oder ähnliche Finanzmodelle Gedanken machen.

Heut hat noch gar keiner über das Internet geredet!

Unglaublich, wie gut die Koordination via Web funktioniert hat. Wir konnten alle Üldlaulupidu-Angelegenheiten in autonomen Kleingruppen organisieren und via Liquid Democracy über das Programm und vieles andere demokratisch abstimmen. Mit Methoden, die sonst vor allem in der agilen Softwareentwicklung angewandt werden, haben wir Aufgaben erfasst, verteilt und erfüllt, ohne dass es eines Chefs oder einer übergeordneten Koordination bedurft hätte.
Wir haben via Web Crowdfunding für Initiativen und Projekte bereitgestellt, auf speziell dafür gebauten Webapplikationen das Pro und Contra für Ideen und Konzepte diskutiert, die besten Chorsätze und Demo-Videos ausgewählt.

Übermorgen bin ich wieder an meinem Arbeitsplatz und ich hoffe, ich störe meine Kollegen nicht zu sehr mit diesem bescheuerten Lächeln, wenn ich daran denke, dass ich mit 20.000 Menschen von überall auf der Welt 10 Lieder in den unterschiedlichsten Sprachen gemeinsam habe – und viel mehr als das. Wir sehen uns spätestens in 5 Jahren wieder!