Es sind seltene magische, großartige Momente, wenn ein paar Leute um einen Tisch herum sitzen und die Worte fliegen, aus den Beispielen schält sich die eine oder andere Gesetzmäßigkeit, es wird verworfen und neu überlegt und vielleicht mit etwas Glück steht für alle eine neue Erkenntis am Ende der Diskussion oder zumindest ein paar Fragen, die sich lohnen, zu einem späteren Zeitpunkt weiterbehandelt zu werden; und dabei war es nur bedingt magisch und zufällig, das Sokratische Gespräch.

Gespräche um der Gespräche willen

Menschen sprechen ja oft miteinander um zu sprechen. Worüber ist dabei fast zweitrangig. Daran ist ja nix Schlechtes. Es ist nur gut, das immer mal wieder ins Bewusstsein zu rufen. Dissens ausblenden, Gemeinsamkeiten schaffen, Zeit miteinander verbringen – das eigentlich Gesagte spielt da eher die rolle eines untermalenden Akkords.

Aber dann gibt es diese epischen Momente, da ergibt sich eine Diskussion, ein gemeinsames Ringen um  eine Definition, ein Florett der Argumente und der Logik, einer der Momente, wo einen ein Gespräch weiterbringen, eine gefestigte Meinung ändern, Fenster zu einem anderen Horizont öffnet. Das sind dann Momente, in denen das Essen, das vor einem steht, trotz Hunger nicht weniger wird, weil der Hunger auf das Gespräch viel größer ist. Blöd nur, wenn dann entweder das “Recht haben wollen”, das “seid doch alle friedlich” oder die Berufung auf irgendwelche Autoritäten in den schönen Prozess hineindätscht.

Sofern die Anwesenden das Sokratische Gespräch als Methode kennen, dann stehen die Chancen ganz gut, dass die Diskussion mit einem handfesten Ergebnis beendet werden kann.

An Anfang war… die Sokratische Methode

Viele werden sie zumindest vom Hörensagen kennen, die so genannte Sokratische Methode, die Platon vorschlägt, um im Zuge eines Gesprächs einem Begriff, einem Vorschlag oder einem Argument auf den Leibe zu rücken.

Wofür eignet sich die Sokratische Methode?

Sie eignet sich für alles, das mit Hilfe der Reflexion über Erfahrungen der Gesprächsteilnehmer erörtert werden kann. Wichtig sind also, dass Erfahrungen zu einem Thema vorliegen.

Wie ist das Vorgehen?

  • Zunächst wird eine Frage gestellt, die geklärt werden, ein Begriff bestimmt, der definiert werden oder eine These formuliert, die überprüft werden soll.
  • Dann gilt es, nach Beispielen aus der Erfahrung zu suchen. Aus diesen ist das Gemeinsame auszufällen, die Definition gewissermaßen.
  • Weitere Rahmenfakten zur Definition werden gesammelt, die später als Prämissen genutzt werden können; dieser Schritt ist sicherlich der “virtuoseste”, am meisten an Können und Erfahrung geknüpfte Schritt.
  • Die Vereinbarkeit dieser Thesen mit den Rahmenfakten wird untersucht bzw. gezielt auf Widersprüche zur Definition getestet. Dies hat Platon Widerlegung (Elenchos) genannt.
  • Dabei kann es gut passieren, dass die ursprüngliche These verworfen oder modifiziert werden muss, wofür Sokrates den Begriff “Hebammenkunst” (Mäeutik) gebraucht: das Kind ist gewissermaßen das gegenüber allen Widersprüchen gefeite Ergebnis einer schwierigen Geburt.
  • Manchmal allerdings fällt die Geburt auch aus, d.h. es wird klar, dass es (zumindest zum aktuellen Zeitpunkt) keine Lösung geben kann (Weglosigkeit, Aporie).

Beispiel:

Begriff / These

1. Eine Erkältung, was ist das eigentlich?

Beispiele, Definitionsversuche, Gemeinsamkeiten

2. Das ist, wenn's einem schlecht geht und die Nase läuft.
5. Wenn es einem also körperlich schlecht geht und die Nase zugeschwollen ist und läuft, über mehrere Tage hinweg, das ist dann eine Erkältung.
8. Dann noch anfügen: "wenn eine Allergie ausgeschlossen werden kann"

Rahmenfakten, Prämissen, Widersprüche, Widerlegung

3. Als sich die Freundin meines Bruders von ihm getrennt hat, da ging's ihm schlecht und er hat Taschentücher gebraucht, weil auch seine Nase lief. Hatte er da eine Erkältung?
6. Oh ja, das kenn ich, wenn im Frühling immer die ganzen Pollen in der Luft sind.
9., 10., ...

Hebammenkunst oder Weglosigkeit

4. Stimmt, nein, das ist noch zu ungenau. Es muss jemandem körperlich schlecht gehen.
7. Ui, stimmt, das wäre ja Heuschnupfen. Wir müssen als Auslöser Allergien ausschließen.

Methode mit Gefälle

Warum empfindet man bei der Sokratischen Methode leicht eine gewisse Aggression gegen denjenigen, der fragt? Die Beispiele von Schülern des Stromberg-Gymnasiums zeigen es noch besser. Zwar bedanken sie sich artig dafür, dass ihnen der feine Herr Sokrates mit seinen Argumenten die Schweinehaxe oder die neue Handtasche gallig gemacht hat bzw. ist der Ärger noch größer, weil der feine Herr Sokrates ja gar nichts gesagt hat, diesbezüglich. Er hat einen selbst dazu gebracht, die unerwünschte Antwort zu geben. Aber auf die nächste Party würden sie den Herren vermutlich nicht einladen.

Es gibt eine Art hierarchisches Gefälle, das Wort der “Hebammenkunst” zeigt es ja schon. Auf der einen Seite der oder die Gebärende alias Lernende und auf der anderen Seite die Hebamme alias der hinterfragende Wissende (oder eben Wissende, dass er nichts weiß), der dem Argument bzw. dem Kinde zur Geburt verhilft.

Das Sokratische Gespräch

Nicht zuletzt deshalb ist es so erfreulich, dass der deutsche Philosoph Leonard Nelson eine modifizierte Form für Gruppendiskussionen entworfen hat, bei denen alle Beteiligten bezüglich des Themas auf einer Höhe sind und der Diskussionsleiter eher die Rolle eines unbeteiligten Moderators einnimmt, der darauf achtet, dass es schön Sokratisch zu geht und die untenstehenden Regeln eingehalten werden. Das wiederum heißt, dass man im Notfall – zumal im privaten Bereich –  den Moderator bei genügender Routine der Teilnehmer auch weglassen kann, sofern alle ein bisschen Moderator spielen und darauf achten, dass das Gespräch nicht versandet.

Schematischer Ablauf

  1. Gemeinsam wird das Gesprächsthema festgelegt, z.B. “Ist alles Private politisch?”
  2. Die Teilnehmer berichten passende Erfahrungen zum Thema. Wichtig ist, dass diese Erfahrungen konkret, einfach, alltäglich und begrenzt sind, damit alle sie nachvollziehen können.
  3. Aus diesen Erfahrungen wird eine ausgewählt. Ziel der Runde ist es nun, das Beispiel wirklich zu “durchdringen”. Es stehen Klärungen an, Wort- und Begriffsdefinitionen.
  4. Nun werden die Urteile herausgearbeitet, die der Beispiel-Situation unterliegen, zudem Prinzipien, Überzeugungen, Werte.
    (Bei handfesteren Themen, z.B. “Wie funktioniert ein Kühlschrank eigentlich”, können das natürlich auch Rahmenfakten, Beobachtungen, Überlegungen sein, etc.)
  5. Erst jetzt wird der Schritt ins Abstrakte vollzogen, es werden Fragen der Allgemeingültigkeit gestellt. Entscheidende Gedanken, die sich in dieser Phase ergeben, werden am besten für alle sichtbar notiert.
  6. Dann kann auf weitere Erfahrungen eingegangen werden und der Prozess kann sich wiederholen. Die abstrakten Gedanken werden dabei ggf. modifiziert und angereichert.
  7. Am Ende steht entweder ein Konsens in der Ausgangsfrage oder in Teilfragen (kein Konsens, der dadurch zustande kommt, dass manche nur aus Bequemlichkeit zustimmen) oder es ist deutlich geworden, an welcher Stelle bzw.  an welchen Fragen sich Ansichten widersprechen.

Prinzipien, an die sich alle halten sollten (→Moderator)

  • Selber denken statt auf dem Handy zu recherchieren oder auf Autoritäten zu verweisen
  • Miteinander denken statt gegeneinander. Es ist wichtig, dass alle “mitgenommen” werden, dass immer klar ist, an welchem Punkt sich das Gespräch gerade befindet und dass auf das genaue Verstehen aller Teilnehmer Wert gelegt wird.
  • Konkret statt abstrakt denken und selbst im Abstrakten muss der Bezug zum Konkreten immer auf der Hand liegen
  • Wahrheitsorientiert denken (“was ist es denn nun?”) statt Meinungen auszutauschen. Es geht um das Erstreben eines Konsenses aus innerer Überzeugung.

Dabei auch die Kardinaltugenden in einem Diskurs nicht vergessen:

  • Argumentationsdisziplin (beim Thema bleiben, auf Argumente eingehen, nicht persönlich werden)
  • Geduld
  • Selbstkritik üben, wo es geboten ist
  • kritische Toleranz, d.h. die Standpunkte des anderen tolerieren und doch  eine Prüfung einfordern (Widerspruch?)
  • und vielleicht am wichtigsten Freundlichkeit trotz Ernst in der Sache

Meta-Gespräch

Es kann hilfreich sein, an geeigneten Punkten zu unterbrechen und bei Bedarf ein Meta-Gespräch einzuleiten. Bedarf ist bereits ausreichend, wenn auch nur ein Teilnehmer dies wünscht.

Das Meta-Gespräch dient der Retrospektive auf das eigentliche Gespräch und hilft dabei, Spannungen zu klären, methodische Vorschläge zu machen, Ärger und Irritationen aus dem Weg zu räumen.

Selbst wenn das Gespräch von niemandem gefordert wird, sollte es doch – zumal bei ernsten institutionellen Gesprächen –  im Zeitplan fest vorgesehen sein.

 

PS: Viele der hier aufgeführten Infos kommen übrigens von einem Artikel der philosophisch-politischen Akademie.

PPS: Abschließende Notiz an mich selbst
Das Sokratische Gespräch hat auch eine Menge mit der myLobby-Idee im Roadmovie-Artikel zu tun.