Exkurse: Autonomie, Freiheit und der Übergang von einer machtzentrierten zu einer werte- und interessenzentrierten Gesellschaft
Plot:
Hugo und Kati bekommen von Tian eine geballte Prise Dilettantismus und finden heraus, was Narben mit Bauchnäbeln zu tun haben.


Vorspann

Inzwischen lehnen wir, Lampions über uns, am Außengeländer. Unsere Blicke schweifen über’s Tal hinüber zur zerfransten Höhenlinie der Hügelkette. Dunkel hebt sie sich gegen das vom Mondschein milchig erhellten Firmament ab und verleiht der Szenerie eine geheimnisvolle, fast mystische Atmosphäre. Leise dringen zu uns von weiter oben die Töne von Streichern, Bläsern und schließlich einem Chor zu uns herunter. Auf der dritten Ebene hat das Vorabendkonzert angefangen.

Wieder einmal genieße ich es in vollen Zügen, in Hugos irritiertem Blick und seiner in Falten gelegten Stirn seine Gedanken lesen zu können:
“Ui, war das gerade eine Setar? Die Melodie kenn ich – aber der Text ist doch chinesisch? Oder japanisch?”

Pentatonik

Wir stehen relativ weit vorn in einer Menschenmenge. Ein paar Instrumentalisten bedienen für meine Augen und Ohren fremdartige Zupfinstrumente. Dahinter steht eine Gruppe von knapp fünfzehn bunt zusammengewürfelten Chor-Sängern und -Sängerinnen: manche Asiaten, manche eher mittlerer Osten, einige Europäer, die mit begeisterten Mienen zur Sache gehen: es gilt schließlich, die Jasmin-Blume zu besingen, mit zwei Stücken aus zwei sehr unterschiedlichen geografischen und musikalischen Perspektiven.

Auch Hugo zu meiner Rechten ist begeistert, aber anscheinend nicht nur von der Musik. Er steht da und kratzt sich gedankenverloren am Hals, während sein Blick relativ starr an einen bestimmten Punkt im Chor eingerastet. In welchen Gedanken hat er sich wohl gerade wieder verloren? Seinen Blicken folgend werde ich auf Tian aufmerksam, einen der in der ganz in der Nähe von meinem Tiny House wohnenden Nachbarn. Von vielen wird er hier auch Homer genannt, wegen des relativ auffälligen Homer Simpson-Tattoos, das an seinem Hals zu sehen ist und von seinem Kragen schließlich verdeckt wird

Als sich unsere Blicke treffen, grüße ich ihn mit einem lächelnden Nicken. Im selben Moment muss ich kichern, da mir schlagartig klar wird, warum sich Hugo gedankenverloren am Hals kratzt. Scheint so, als mustere er das Tattoo. Ich gebe ihm einen leichten Knuff mit dem Ellbogen. “Du starrst”, flüstere ich. “Tue ich nicht!” kommt es patzig zurück. Ich tippe mir an den Hals und schaue ihn fragend an. Jetzt hellt sich seine Miene verstehend auf. Als wir wieder in Richtung Tian schauen, zeigt auch er kurz auf seinen Hals und macht dann grinsend eine “Ich komm dann zu euch wenn ich hier fertig bin”-Geste. Die Hymne auf die Jasmin-Blume gewinnt abermals an Kraft und findet schließlich ein harmonisches Ende.

Einer der Helden von Jiangsu

Nach kurzem Gewühl haben wir endlich zueinander gefunden. “Hugo, darf ich Dir Tian, einen der Helden von Jiangsu, vorstellen? Und Tian, das ist Hugo – auch ein Held.” Ich zögere. “Allerdings einer, der noch keine Gelegenheit hatte”, versuche ich mich zu retten, Hugos irritierten Blicken ausweichend. Ich beiße mir auf die Lippen. Das ist wieder einer dieser Sätze, die mich noch wochenlang im Schlaf verfolgen werden.

Ehe wir uns versehen, sind noch zwei weitere Bekannte in unserem Rund, die uns Tian vorstellt. Namen sind Schall und Rauch. Es sind zwei Chemiker aus Süddeutschland. “Hm, ok, ihr wollt vermutlich nochmal die lange Geschichte hören, wie ich zu meinem Spitznamen ‘Homer’ gekommen bin”, fragt Tian etwas erschöpft in die Runde. Während ich zustimmend nicke denke ich mir: “Krass. Der hat sich tatsächlich bewusst oder unbewusst über die letzten drei Stunden Leute zusammengesammelt, die ihm auf dem Hals gestarrt haben! Andererseits – wenn ich ein und die selbe Geschichte schon hundert Mal erzählt hätte, dann würd ich mir auch die Freiheit nehmen, erst mal ein paar Leute zu sammeln und meine Kräfte zu bündeln…”

“Da aus meinem Tiny House heraus gerade Wollmützen und Handschuhe verkauft werden, müssen wir wohl ein Mokon benutzen. mokon@waldscraper, mit k”, rufe ich Hugo zu. “Reservier uns einen. Du siehst dann schon. Ich besorge uns noch fünf Mal Minztee. Mit frischer Nana-Minze natürlich. In Ordnung?” Erst zögerliches, dann entschiedenes Nicken schlägt mir entgegen. Und schon bin ich verschwunden, nicht ohne mir noch schnell die Datenbrille aufzusetzen, um zu erfahren, in welchem der Mokons wir sind.

Im Mokon

Mokon, das ist übrigens ein mobiler Konferenzraum, wobei manche die Erklärung schöner finden, dass es sich um einen mobilen Kokon handelt. Jedenfalls haben wir zwanzig nicht mehr genutzten Tiny Houses entkernt und die sechs Quadratmeter mal drei Meter Höhe so umfunktioniert, dass man mit bis zu 12 Leuten bequem darin Platz findet, sei es in einer der urgemütlichen hochgelegenen oder höhlen-artigen Nischen oder in der Mitte mit den zwei Quasi-Sesseln am Tisch.

Richtig gemütlich sieht es aus, als ich zur Tür reinkomme. Tian steht noch am Ofen, in dem bereits ein paar Holzscheite prasseln. Gut, dass man sie zum Anheizen nur in einen Schacht legen und einen Knopf drücken muss. Hugo hat es sich auf zwei Metern Höhe über der Tür gemütlich gemacht. Die beiden Chemiker sitzen auf der anderen Seite oben, etwas tiefer, etwa auf 1,60m Höhe. Ich stelle das Tablett mit den dampfenden Tassen auf den kleinen Tisch in der Mitte, verteile die Pötte in alle Richtungen und lasse mich dann in einen der beiden Sessel fallen. Tian hat sich bereits im anderen Sessel niedergelassen.

“Na, dann lass mal hören! Was hat das mit dem Tattoo auf sich? Ich weiß auch nur grob aus den Nachrichten und vom Hörensagen von Jiangsu!” breche ich das Eis.

g20k bis es blutet

Als Tian gut eine halbe Stunde später seine Erzählung beendet hat, dauert es noch ein bisschen, bis sich unsere Münder wieder schließen. Diese g20k-Idee hatte im demokratie- und wohlstandsverwöhnten Europa seinen Anfang genommen. Einigen war klar, dass es spannend würde, das Konzept auf andere Länder zu übertragen, vor allem solche, in denen es keine oder keine so stabilen Demokratien gibt. Dass es jemandem aber solchen Einsatz abverlangen könnte, Dilettant zu sein, das war keinem von uns je so bewusst geworden wie gerade eben.

Als mir die Stille ein wenig zu lange dauert, rufe ich hoch zu Hugo: “Jetzt willst Du sicher den Bauchnabel sehen, Hugo, oder? Da wartest Du doch schon die ganze Zeit darauf!” Erwartungsfroh gluckse ich, als Hugo anfängt sich zu winden. “Warum soll mich Tians Bauchnabel interessieren?” Erschrocken starrt er Tian an, als dieser beginnt, sein T-Shirt abzulegen. Homer Simpsons Tattoo-Glupschaugen am Hals von Tian starren zurück.

Nicht nur Tian ist es jetzt halb – auch Homer ist bis auf ein Unterhöschen völlig nackt. Dort, unterhalb des Schlüsselbeins, wo der Bauchnabel des Homer-Tattoos ist, wölbt sich die Haut leicht nach außen. Unter den dicken Zeichenstrichen verbergen sich die Überreste der Einschuss-Narbe. Auch der Bauchansatz von Homer maskiert die Narbe eines Schnittes. “Hier konnte die Kugel schließlich ein dreiviertel Jahr später herausgeholt werden”, erklärt Tian. Wie bei einem lebenden Museumsexponat bewundern wir, einer nach dem anderen, die Narben ehrfurchtsvoll. “Wow, das hat bestimmt höllisch weh getan!”, murmle ich an Tian gewandt. “Oh ja, solche Schmerzen wünsch ich keinem!”, erwidert er mein Mitgefühl.

Umsturz

Nun stimmt auch Hugo ein: “Vier Jahre ist das erst her? Krass, dass ihr euch in Ost-Asien immer noch so verteidigen müsst!”

“Naja”, antwortet Tian, “immerhin haben wir dank der Medien das erwartete politische Erdbeben ausgelöst, das die konservativen und neoliberalen Kräfte innerhalb einer einzigen Wahlperiode in die Bedeutungslosigkeit katapultiert hat. Die Wahl vor drei Jahres haben – bislang völlig undenkbar – die Reformparteien für sich entschieden, bei denen wir einen großen Rückhalt genießen. Damit haben wir den Wandel nochmals beschleunigt, der auch ohne unser Zutun bereits enorme Fahrt aufgenommen hatte. Bei uns muss das ja alles viel schneller gehen als bei euch. Wir haben keine 200 Jahre Zeit.”

“200 Jahre?”, fragt einer der Chemiker. “Auf welche Zeitspanne berufst Du Dich da?”

“Euch ist das ja gar nicht so bewusst”, beginnt Tian. “Bei euch hat es ja erst mal hundertfünfzig Jahre gedauert, bis dank Sozialsystemen und schließlich dank Bedingungslosem Grundeinkommen der Einzelne so weit unabhängig war, dass eine ganze Reihe von schlechten Kompromissen nicht mehr nötig waren.”

Hugo runzelt die Stirn. “Schlechte Kompromisse? Wie zum Beispiel?”

Schlechte Kompromisse

“Mit Kompromiss meine ich viele Sachen. Ich meine, dass ein Kind den Berufswunsch der Eltern erfüllen muss. Oder dass es den Ehepartner akzeptiert, den die Eltern ausgesucht haben. Alles das geschieht natürlich, um den Schutz und die Unterstützung der Sippe nicht zu verlieren. Es geht darum, dass insbesondere Frauen bei ihren Partnern bleiben, weil sie Angst haben, als Alleinerziehende hilflos dazustehen. Oder aufs Studium zu verzichten, weil das dem Erstgeborenen vorbehalten ist! Es geht darum, dass man nicht gegen Missstände vorgeht, z.B. beim Arbeitgeber, weil man Angst um seinen Job hat oder dass man Prinzipien verrät, weil man dadurch wirtschaftliche Vorteile bekommt. Viele haben im letzten Jahrhundert die hohen Scheidungsraten beklagt, aber letztlich agieren zwei Partner halt einfach freier, wenn der Existenzdruck wegfällt. Zu ihrem Schaden ist es oft nicht.

Wenn diese Kompromisse nun aber dank wirtschaftlicher Absicherung langsam überflüssig werden, weil man alleine notfalls genau so gut klarkommt, dann könnte man ja erst mal meinen, es würde unter der breiten Masse Party-Stimmung ausbrechen. Machtkonstellationen haben sich schließlich aufgelöst, Ketten wurden gesprengt: Geschlechterrollen, Blutlinien, die Alternativlosigkeit der räumlichen Nähe oder Strukturen der politischen und finanziellen Macht.

Aber wo wären wir, wenn der Mensch erst mal das Positive und die Gestaltungsräume sähe. Der Mensch sieht den Verlust.”

Der Fluch der Freiheit

Während alle an seinen Worten hängen, setzt sich Tian kurz die Datenbrille auf. “Wie sagt Hermann Hesse im Steppenwolf so schön?” Eine dichterische Pause folgt, die auch schlicht der Zeit geschuldet sein könnte, die für die Datenverbindung benötigt wird. “Er erreichte sein Ziel, er wurde immer unabhängiger, niemand hatte ihm zu befehlen, nach niemandem hatte er sich zu richten, frei und allein bestimmte er über sein Tun und Lassen. Denn jeder starke Mensch erreicht unfehlbar das, was ein wirklicher Trieb ihn suchen heißt. Aber mitten in der erreichten Freiheit nahm Harry plötzlich wahr, dass seine Freiheit ein Tod war, dass er allein stand, dass die Welt ihn auf eine unheimliche Weise in Ruhe ließ, dass die Menschen ihn nichts mehr angingen, ja er selbst nicht, dass er in einer dünner und dünner werdenden Luft von Beziehungslosigkeit und Vereinsamung langsam erstickte.” Schweigen.

“Das ‘Ewige’ löst sich auf: die Ehe, die Hausgemeinschaft, die Familie, das Dorf und die Firma! Wie sollten da die Populisten wegbleiben? Sie riechen doch die Angst vor dem Verlust! Sie rufen zur Rettung des Vaterlands, der Sitten und der Moral auf. Die gute alte Zeit selbst soll gerettet werden. Wen kümmern gesprengte Fesseln, wenn das Weihnachtslied auf der Blockflöte und Bockwurst und Kartoffelsalat selbst gerettet werden müssen?”

Hoffnung

Erst nach und nach gelingt es den Progressiven wieder Hoffnung zu verbreiten und politisch Land zu gewinnen. Vielen wird klar, dass es viel interessanter ist, sich auf Basis von gemeinsamen Werten zusammenzufinden und manchmal”, Tian greift zu seinem T-Shirt und hält dessen Waschzettel mit dem Emblem des Waldscrapers in die Luft , “manchmal kommen zu den Werten sogar noch gemeinsame Interessen dazu. Und die, die wir gerade drei Tage lang uns selber mit dem Herbstfest feiern, merken, welche Kraft und welches Gemeinschaftsgefühl von dieser neuen Basis des Zusammenlebens ausgeht.”

Ein ziemlich treudoofes Lächeln macht sich in der Runde breit, während Tian wieder ansetzt:”In China hätten wir es nie für möglich gehalten, dass wir diese Entwicklung in dermaßen kurzer Zeit nachholen könnten. Aber vielleicht war es bei uns einfacher, weil wir ja gleich sehen konnten, dass wir nicht nur verlieren, sondern viel mehr gewinnen. Klar gab und gibt es auch bei uns viele viele Traditionalisten und Konservative, aber denen können wir genau zeigen, was wir gewinnen wollen.

China

Vor etwa 30 Jahren war bei uns die Partei, die Familie noch alles, das Dorf, die Sippe. Wenn Du Pech hast, dann wird der ganze Pulk von ein paar verbitterten alten Männern angeführt und damit ist dann jeder Rückschrittlichkeit bereits festgeschrieben. Dann aber hat sich die Alphabetisierung bezahlt gemacht, die selbst in den Sweatshops seit einem halben Jahrhundert vorangetrieben wird. Die Jugendlichen sind immer öfter in der Lage, mit ihren Smartphones die Zensur zu umgehen. Dadurch hat sich in den vergangenen zehn Jahren die Dilettanten-Idee wie ein Lauffeuer verbreitet. Eine wichtige Ikone dabei war genau dieser Waldscraper hier. Es gibt ein Video über ihn, das auf chinesisch nachvertont wurde. Das hat fast fünfhundert Millionen Klicks. Wenn Du jeden Tag 15 Stunden schuftest und dann siehst, wie bei euch Klamotten hergestellt werden, dann könnt ihr sicher verstehen: da ist kein Halten mehr.

Einige von uns haben Kontakt aufgenommen. Es gab Austauschprogramme. Viele von uns haben in wenigen Monaten und Jahren so viel gelernt wie andere im ganzen Leben nicht. Und wir haben, kritisch beäugt vom Distrikt, euren Turm einfach nachgebaut, auch dank eurer trickreichen finanziellen Unterstützung.

Der kleine Zeh

Wir standen vor der Frage, wie wir mit der Regierung und vor allem unserer Lokalregierung umgehen sollen und da fanden wir die Dilettanten-Regel ziemlich sinnfällig, die dazu auffordert, sich immer an die lokalen Gegebenheiten und Gesetze zu halten, aber mit dem kleinen Zeh ruhig immer mal wieder unsinnige Grenzen zu überschreiten und dadurch in Frage zu stellen. Genau das haben wir gemacht und schließlich das allseits bekannte Ergebnis erreicht, auch wenn dafür ein bisschen Blut fließen musste.” Tian fährt Homer liebevoll über den Bauch und bemerkt dabei anscheinend erst, dass er immer noch halb nackt unter seinen gebannten Zuhörern sitzt. Schnell sind seine Klamotten wieder übergezogen.

Die Tür vibriert, unsere Stunde ist vorbei und draußen warten vermutlich die Nächsten. Schnell kramen wir unsere sieben Sachen und die leeren Teegläser zusammen. Die Chemiker verabschieden sich. Hugo, der sich schon wieder die Datenbrille aufgesetzt hat, wird plötzlich hibbelig. “Warte, Kati, ich geh gleich mit! Dein Freund wartet auf uns im Kindergarten!”

Was hat Ayo denn bei uns im Kindergarten verloren? Dann aber fallen mir wieder die Probleme ein, von denen unser Archibotaniker neulich gesprochen hat. Der Baum wächst nicht so wie er soll!

Fortsetzung folgt.

Quellenverweis:
Peter Morgan: Traditional Chinese music played by aging Naxi musicians. Photo taken in Lijiang, Yunnan province, China. Shared under Creative Commons Attribution 2.0 Generic