Schon mal an sich reproduzierende Proteine, Schleimpilze oder Brachiosauren gedacht, während Gedanken zur Arbeitswelt durch den Kopf fliegen? Nein? Komisch, eigentlich. Dabei haben doch Existenzgründer so viel mit den Vorstufen von Proteinen zu tun. Konzerne lassen sich gut mit den größten und schwersten Pflanzenfressern vergleichen, die unsere Erde je beherbergt hat. Und dann gibt es noch die bewundernswerten Schleimpilze der Gattung Dictyostelium.

Die tausend Möglichkeiten, kein Unternehmen zu gründen

Das Miller-Experiment

1952 kam Stanley Loyd Miller auf die Idee, Gott zu spielen, im ganz Kleinen. Er füllte eine eigens dafür entworfene Apparatur mit all jenen Substanzen, die auf der Ur-Erde und in deren Atmosphäre vermutet wurden. Dann setzt er sie über den Zeitraum von einer Woche verschiedenen Quellen von Wärme und Funkenschlägen aus, ebenfalls just in der Dosierung, wie sie den Theorien zu dieser Zeit entsprachen. Die Frage war, wie viel mehr als die ursprünglichen Elemente er nach einer Woche aus der Apparatur holen würde. Würden es vielleicht sogar größere Aminosäure-Ketten sein? Wäre es vielleicht sogar denkbar, genau jenes Protein darin vorzufinden, das für die Vervielfältigung von Proteinen eine entscheidende Rolle spielt – die Ribonukleinsäure? (Nicht, dass er das wirklich zu hoffen gewagt hätte!) Dennoch, Miller war überrascht, dass er mit Anteilen von 1% und weniger doch verblüffend viele Aminosäuren, auch etwas komplexere, aus dem Experiment gewinnen konnte.Miller-Experiment

Seitdem wird der Versuch immer wieder in den verschiedensten Varianten wiederholt. Dies geschieht nicht zuletzt deshalb, weil einerseits immer besser erforscht ist, wie diese anfänglichen Bedingungen auf der Erde überhaupt waren. Zudem geht es darum, genau das Milieu herauszufinden, in dem das erste Leben entstanden sein könnte. Waren es Unterwasser-Vulkane? Tümpel? Lehm oder poröses Gestein in direkter Nähe zu einem Tümpel? Irgendwann hoffen die Wissenschaftler zeigen zu können, dass die Entstehung von komplexen Proteinen kein seltener Zufall war. Vielleicht sollte man es einen Regelfall unter ganz bestimmten nicht unüblichen Bedingungen nennen.

Existenzgründer-Aminosäuren

Auch der eine oder andere Existenzgründer wird sich wohl so vorkommen wie eine dieser Aminosäuren. Auch er weiß wie es ist, sich verzweifelt zu bemühen an den Punkt zu gelangen, an dem es heißt “Selbstläufer statt Plackerei”. Wie lange dauert es noch, bis es absehbar ist, dass sich die Anstrengungen auszahlen? Die ersten Jahre sind reich an Gefahren und Entbehrungen. Zuerst glaubt keiner an die Idee. In vielen Fällen ist sie ja auch tatsächlich Mist und bedarf einer Optimierung. Dann kommen die Finanzhaie, der Wettbewerb, die falschen Entscheidungen, zu durchquerende Durststrecken. Man spart sich vielleicht sogar die Krankenversicherung. Und dann vielleicht, nach einer unendlich langen Zeit, fängt es endlich an zu laufen. Der Erfolg stellt sich ein.

Angesichts dessen ist es völlig verständlich überzukompensieren, wenn nach langer Anstrengung endlich die Erlösung kommt und alle Zweifel weichen. Es ist kein Wunder, dass die Überzeugung da ist, dass jeder auch noch so pervers hohe Gewinn natürlich den Gründern zusteht. Sie sind es schließlich, die in die Idee investiert haben, als noch niemand sonst an die Idee geglaubt hat. Wer sich durch Trübsal, Wirrnis und Entbehrung erst mal bis zu diesem Punkt durchgeackert hat, der muss ja fast zwangsläufig der Meinung sein, dass ihm die Welt gefälligst zu Füßen liegen sollte.

Brachiosaurus-Firmen

Je besser die Idee, desto fetter die Jahre die jetzt kommen. Der größte Nostalgiker im Unternehmen kann inzwischen nicht mehr leugnen, dass die Start-Up-Phase zu einem Ende gekommen ist. Nur in den Köpfen der Gründer bleibt sie, inzwischen in warmen Pastelltönen, noch ein bisschen bestehen. Ansonsten wuchert die Anzahl der Mitarbeiter, Bereiche und Abteilungen, aber ebenso wächst auch die Schwerfälligkeit. Die Hierarchien werden steiler, die Meetings größer und die Regeln und Vorschriften umfangreicher. Irgendwann zieht das Unternehmen die ersten Kontroll-Freaks an. Diese errichten sogleich eine Zeiterfassung und machen sich mit dem Bau riesiger Excel-Planungsbögen ans Werk. Aber mit ein bisschen Glück reicht das ursprüngliche Geschäftsmodell, die ursprüngliche Idee noch aus, dass der Laden brummt. Welcher Moment wäre besser geeignet, sich endlich den Traum zu erfüllen und zu bauen statt zu mieten – schön repräsentativ mit viel Stahl und Glas?

Dann kommen die Jahre, in denen die ursprüngliche Idee zu bröckeln beginnt. Weitere frische Ideen sind meist auch nicht hinzugekommen. Und die Umwelt verändert sich, das Umfeld, die Bedingungen ändern sich immer schneller. Was lange funktioniert hat, funktioniert plötzlich nicht mehr.

BrachiosaurusSpätestens jetzt wird klar: hier steht ein riesiger, selbstgefälliger Dinosaurier, der zu schwerfällig ist, um sich unter den neuen Bedingungen neu auszurichten. Der riesige Leib will mit Tonnen von Grünzeug gefüllt werden, dass jetzt aber nicht mehr in der nötigen Menge wächst. Meteoriten schlagen ein und Vulkane brechen aus. Es ist Zeit zum Aussterben, Brachiosaurus!

Zwischen-Fazit

Muss das wirklich so sein, dass sich Gründer so abstrampeln bis die richtige Idee, die richtigen Partner, die richtigen Finanziers, die richtige Strategie und der richtige Standort gefunden sind, wie eine Miller-Versuchsanordnung, die sich nicht sicher sein kann, ob sich aus der Ursuppe genau unter diesen Bedingungen endlich das Erwartete zusammenbraut? Und wenn es doch funktioniert – muss es sein, dass sich die Hybris dann überschlägt? Ist es notwendig, dass die Firma zum Selbstzweck wird? “Wie meinen sie das, nach 50 Jahren Schmidthuber und Söhne soll alles vorbei sein? Ja klar, wir haben schon lang keine frischen Ideen mehr, aber deshalb können wir doch nicht einfach aufhören?!”

Dictyostelium, ein beneidenswerter Schleimpilz

Still liegen sie auf und im Boden herum, fressen und existieren so vor sich hin, schön vereinzelt und in Ruhe. Aber irgendwann sind die Nährstoffe aufgebraucht und dann geht er los der chemische Alarm. Und schon beginnt eine langsame Wanderung, immer in die Richtung, wo es noch mehr nach einem selbst riecht als bei einem selber. Endlich sind die nächsten Zellen gefunden, zu denen man sich gesellen kann. Zelle um Zelle schichtet sich zu einem unförmigen Klumpen übereinander bis sich der Klumpen schließlich zu einem Stil verjüngt, der nach oben wächst. Zelle um Zelle schiebt sich nach oben und bildet schließlich “weit” über dem Boden einen Knoten. Gerade noch konnte man noch ein Gewusel einzelner Zellen feststellen. Nun aber ist da nur noch ein einzelner wachsender Organismus, der sich in die Höhe schraubt. Auf dem zarten Stil bildet sich ein üppiger Fruchtkörper aus. Sporen reifen heran.Dictyostelium

Nun kommt auch noch Bewegung in der Sache. Auf einem plumpen Schleimfuß setzt sich das Gebilde in Bewegung, nur wenige Millimeter pro Stunde zurücklegend. Und doch ist es um ein Vielfaches schneller als es jede einzelne Zelle für sich gewesen wäre. Nach Tagen scheint endlich ein günstiger neuer Standort gefunden. Das Gebilde kommt zu einem Stillstand. Der Druck im Inneren steigt. Schließlich reißt sie, die kreisrunde feine Naht am Ende des Fruchtkörpers. Der Deckel gibt dem Druck nach. Tausende Sporen schießen wie ein kleiner Atompilz in die Luft und verteilen sich. Mit dem Auftreffen auf dem Boden kann dann – hoffentlich – wieder eine geregelte Nahrungsaufnahme beginnen.

Einzeln und doch zusammen

Ist Dictyostelium nicht die beste Lösung für die oben beschriebene Problemstellung gelungen? Solange es keine besondere Erfordernis gibt, können die einzelnen Zellen vereinzelt vor sich hindümpeln, wie es ihnen gefällt. Aber sobald es notwendig wird, können sich die Kleingrüppchen und Einzelgänger zu einem gemeinsamen Organismus zusammenfinden, der Merkmale aufweist und Dinge kann, welche die Einzelnen so in dieser Form nicht vermocht hätten. Und wenn die Situation es wieder erlaubt, dann “zerfällt” man wieder zu Einzel-Zellen, um bei der nächsten Problemstellung, die wieder ganz anders ist, sich zu einem neuen Gruppen-Organismus zusammenzufinden.

Eine Voraussetzung gibt es allerdings. Es ist der gemeinsame Bauplan der Zellen, der sie dazu in die Lage versetzt, z.B. so eine Fruchtkapsel auszubilden. Auch beim Menschen könnte sich in Analogie zu den genetischen Gemeinsamkeiten eine gemeinsame Ausrichtung und ein gemeinsames Set an Wertvorstellungen als sehr hilfreich erweisen. Das könnte das Schmiermittel und das Verbindungsmittel sein, um

  • hilfreich miteinander streiten und debattieren zu können,
  • vertrauensvoll gegenseitig in Vorleistung zu gehen und
  • zusammen Risiken beim Ausprobieren von Neuem zu übernehmen, ohne sich beim Scheitern zu zerfleischen.

Noch ein paar Vorteile des Ganzen zum Schluss

Die kommunikationsstärksten Gründer statt die besten Ideen

Oft werden nur die kommunikationsstärksten und finanziell geschicktesten Existenzgründer den Durchbruch schaffen. Schade eigentlich, wenn man bedenkt, wie viele tolle Nerd-Ideen es gegeben dürfte, die so erst viel später das Licht der Öffentlichkeit erblicken.
In einer dictyostelischen Umgebung wäre das hoffentlich anders. Da könnte der Nerd sogar im extremsten Falle gleich wieder zur nächsten Idee übergehen, während eine Schar ausgebuffter Betriebswirtschaftler, Werkzeugbauer, Automatisierer und Organisationskünstler dazu übergehen, die Vermarktungsgrundlagen für den Prototypen zu legen. Und den laufenden Betrieb decken dann Dilettanten und Nicht-Dilettanten ab, die gerade mehr Zeit als Geld haben und das ändern möchten.

Öfter mal die Taube auf dem Dach

Oft haben nur solche Ideen eine große Chance auf Verwirklichung, die schon sehr nahe an der aktuellen Entwicklung dran sind. Am kapitalistisch schlausten ist es ja ohnehin, eine bereits existierende Idee zu nehmen und sie zu replizieren, möglichst ohne die Fehler, die die Erfinder dabei gemacht haben.

Dadurch, dass in einer dictyostelischen Umgebung der Großteil der Gewinne in einen “Bedingungsloses Grundeinkommen”-Topf fließt, ist ein langer Atem für die Umsetzung einer relativ weit vom Aktuellen entfernten Idee wesentlich leichter möglich.

Tote Pferde

Ein alter Indianerspruch rät ja dazu, von toten Pferden möglichst schnell abzusteigen. Wenn Unternehmen eine bestimmte Größe erreicht haben, dann wird es oft schwer, lebendige Pferde von toten Pferden zu unterscheiden, nicht zuletzt weil man Führungspersonen nicht zu nahe treten will oder politische Konstellationen dazu zwingen, das Pferd immer noch als lebendiges Pferd zu behandeln, obwohl es schon riecht.
Eins der zentralen Merkmale einer dictyostelischen Umgebung ist es, an Sinn und Ziel ausgerichtet zu sein und nicht an persönlichen Befindlichkeiten und Utilitarismen. Entsprechend müsste es auch Gremien geben, die Projekttreibende bei Bedarf ab und zu daran erinnern zu prüfen, ob ihr Pferd noch lebt bzw. wie sie es schaffen können, von einem toten Pferd möglichst schnell abzusteigen.

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