Von wegen Gretchenfrage! Ich bin kein Agnostiker. Mir reicht es nicht festzustellen, dass ich doch gar nicht wissen kann, ob es so etwas wie einen Gott gibt. Atheist bin ich. Ich habe entschieden, dass es für mich keinen Gott gibt. Ich habe mich entschieden, dass ich so leben will als gebe es keinen. Und selbst wenn es dann doch noch einen gäbe,  der sich hinter einer kosmischen Wolke versteckte, dann lebte ich doch lieber so als gäbe es keinen.

Nur die halbe Wahrheit

Aber das ist nur die halbe Wahrheit, nur eine Ausflucht. So klar ich die Gretchenfrage beantworte, so sehr verfolgt sie mich doch weiter.

Die Wahrheit ist: ich vermisse die Religion, ich verdanke ihr viel einerseits und ich hasse sie andererseits für die Lücken,  die der Ausstieg gerissen hat.

In meinem Falle war es evangelikale Variante des Protestantismus mit ihren Ausläufern bis ins Pfingstlerische hinein. Unser Pastor war nicht nur Oberhaupt einer „normalen landeskirchlichen Dorfgemeinde mit Frauenkreis und Kirchengemeinderat“. Er war zugleich auch der Initiator von an die zehn evangelikalen Hauskreisen, abendlichen Lobpreis-Gottesdiensten und evangelikalen Gemeindewochen und -freizeiten.

So kam es auch, dass der Konfirmanden-Unterricht und die Konfirmation gleichzeitig zweierlei waren.
Für die einen war es die notwendigerweise trotz aller Coolness zu ertragende Phase von ein paar Monaten, in denen man ein paar Dinge auswendig lernt. Dann muss man noch einen Festgottesdienst absolvieren, eine Unsumme von Geschenken einstreichen und das war es dann.
Für die anderen war es eine Phase der Vermittlung von notwendigem Wissen bis man schließlich bei der Konfirmation Jesus Christus als seinen Herren, Erlöser und besten Freund anerkennt. Danach wird man dann bei einer Gemeindefreizeit als vollwertiges Mitglied anerkannt.

Warum macht man bei so etwas mit?

Weil man – vermutlich mit der gleichen wissenschaftlichen Neugier wie heute – an einer Art Dimensionstor steht. „Wow, was wäre,  wenn es wirklich zu dieser Realität eine Meta-Ebene gäbe. Wäre das nicht krass, wenn dieses Leben nur eine Durchgangsstation wäre? Wie fühlt es sich an,  wenn einer allmächtig ist und man mit  ihm sprechen kann? Und dieses übernatürliche Wesen ist wirklich immer für mich da? Und es kennt alle meine lästigen Pubertätsprobleme?“
Bei genauerem Lesen der Bibel, nicht zuletzt des neuen Testaments, kam dann noch die Frage dazu. „Was, wenn all diese Briefe an die Korinther, die Epheser, etc. wirklich wahr sind? Wie kann es sein, dass Menschen in Zungen reden, Visionen haben oder andere heilen können? Was wenn wir all das verloren hätten,  einfach weil wir nicht mehr daran glauben? Vielleicht gibt es ja wirklich einen aktiven Gott, der eingreift, mit dem man wirklich in Kontakt treten kann?“

Gespräch mit einer guten Freundin:
„Wo warst du denn am Wochenende? Wir haben dich im Abendgottesdienst vermisst!“
„Du weißt doch, dass es mir mit meiner Scheidung gerade sehr schlecht geht. Ich bin am Wochenende zu Hause geblieben und hab viel in der Bibel gelesen und gebetet, um zu erfahren, was ich jetzt tun soll. Und dann, am dritten Tag hat er plötzlich mit mir gesprochen!“
„Was hat er gesagt?“
„Ja weiß ich nicht,  ich war so aus dem Häuschen,  ich musste sofort ne Freundin anrufen und ihr davon erzählen!“

Und warum steigt man dann wieder aus?

Halb steht man auf diesem wackeligen Boot des Glaubens, dem großen Freundeskreis. Es gibt die Hoffnung, dass die Metaphysik, von der man liest und von der man live miterlebt, dass sie manche einsaugt, auch ins eigene Leben fließt.

Und halb steht man im realen Leben, sieht das in sich kaum falsifizierbare religiöse System. Man lernt über die Evolution, den Kosmos, schaut Harald Lesch. Die anderen Religionen und deren Inhalte treten ins Bewußtsein und der Widerspruch wird sichtbar, dass all diese Götter nicht der gleiche Gott sein können. Außer natürlich, dieser Gott hätte eine interessante dissoziative Persönlichkeitsstörung. Man  bemerkt, dass das Festland und das Boot, auf denen man je mit einem Bein steht, zunehmend auseinandertreiben und man sich für eine Seite entscheiden muss, weil der Spagat zu schmerzen beginnt.

Und Was hat man davon? Welche Bedürfnisse werden erfüllt?
Eine metaphysische Rahmenstory und einen Sinn innerhalb dieses Rahmens

Es ist ein bisschen wie Tolkien, aber „in echt“. Es ist Pathos in Dosen, großen Dosen. Wir alle sind Teilnehmer dieses großen „Freier Wille“-Experiments zwischen Gott und Teufel und jeder Gläubige,  der über die Ziellinie kommt, ist ein Punkt für die Heimmannschaft. Nach dem Tod kommt ein ewiges Leben, das reinböngt wie ein ewiger Heroinrausch, samt Wiedersehen mit all den Lieben und Freunden, die es auch „geschafft haben“.
Zugegeben eine simple Storyline – aber gegenüber „Shit und Zufall happens“?!

Die Universallebensversicherung

Nicht zuletzt als Jugendlicher fand ich den Gedanken extrem beruhigend,  dass Gott einen Plan für mein Leben hat. Wenn ich mich an ihn halte, kann mir nix passieren. Selbst wenn ich die Klausur vergeige, von der Schule fliege, mich mit meinen Eltern zerstreite und in der Gosse lande, dann nur deshalb, weil ich genau da jemandem helfen soll.
Aus heutiger Sicht bin ich froh, die Klausur nicht vergeigt zu haben. Aber die unbekümmerte Art wie ich sie angegangen bin hat dem Ergbnis sicher nicht geschadet.

Eine weltweite In-Group

Mag sein, dass ich nach meiner religiösen Zeit einiges an Weisheit und Lebenserfahrung dazugewonnen habe. Das Venn-Diagramm meines Lebens ist auf jeden Fall unübersichtlicher geworden. Wie viele Menschen sind wie ich in der Schnittmenge der Evangelikal-Postreligiösen sprachlich und musikalisch talentierten Geistes- und Naturwissenschaftler mit einer politischen Vision zwischen grünem Sozialismus und grünem Kapitalismus, einer unvergänglichen Lust an IT und Programmieren und einem Faible für Fantasy Rollenspiel?
Das war in der religiösen Welt einfacher. Egal wo man einen Gläubigen traf: es hat keine 5 Minuten gedauert und schon kam es einem vor als würde man sich eine Ewigkeit kennen. Anderes Land, andere Sprache – aber die meisten Ansichten waren sehr ähnlich.  Das war ein wirklich großartiges Gefühl.

Und warum reißt das Aussteigen Lücken?

Man kann all die religiösen Illusionen einreißen und viel Befreiung dabei finden. Ich selbst, nicht Gott war gut in der Schule. Es bin ich selbst und nicht „Gott in mir“, der Klavier oder Gitarre spielt. Ich selbst kann organisieren und vor Leuten sprechen. Ich brauche auch nicht Gott als Grund, um mich meinem Umfeld gegenüber moralisch und pro-sozial zu verhalten. Schließlich fürchte ich auch nicht seine Strafe wenn ich mal Lust darauf habe, unfreundlich zu sein.
Aber so großartig auch die Einsicht ist, dass ein Flugzeug nicht abstürzt,  weil „Gott es zulässt“, sondern weil schlimme Dinge einfach passieren – und je schlechter die Wartung, desto größer die Wahrscheinlichkeit. Das Regime des Zufalls ist ein sehr kaltes Regime im Vergleich zu so einem religiösen Fantasy-Epos.

Nun würde man sich gegen diese Kälte gerne mit menschlicher Nähe wappnen, aber wie oben angerissen: was genau ist das Gemeinsame? Reicht es schon, dass man gut smalltalken kann, gemeinsame Hobbies hat? Bin ich zu einem schwerfälligen Lebensgedanken-Tanker geworden? Bin ich ein riesiges Schiff mit vielen Erfahrungs-Containern, das einerseits Probleme hat, sich mit den leichtgewichtigen Schnellbooten um sich herum auf einen gemeinsamen Kurs zu einigen? Mit Tankern ähnlicher Größe ist es aber auch kein Sonntagsspaziergang, einen gleichen Kurs zu finden!
Wo ist das Gemeinsame, wo ist der Sinn außerhalb der schieren Fortpflanzung und Aufzucht?  Wo ist das Framework? Und bin nur ich derjenige, dem das alles fehlt?

Ex-Religiöse aller Länder, vereinigt euch

Gibt es da draußen weitere Ex-Religiöse? Damit meine ich weniger die von Sekten Geschundenen. Ich will mir nicht mal ansatzweise anmaßen, meine Situation mit der ihren vergleichen zu wollen. Aber gibt es andere, die ebenso bewusst dazugestoßen sind wie sie Jahre später wieder ausgeschieden sind und doch merken, dass sie da etwas im Kern verändert hat, das sie nicht mehr loslässt?