Was können wir lernen von Menschen "aus Glas", von Zerbrechlichen? Von denen, die normalerweise den Ellbogen der so genannten "Leistungsgesellschaft" ins Gesicht bekommen? Was brechen wir uns ab, wenn wir versuchen, eine Gesellschaft genau so zu gestalten, dass auch diese Menschen ganz vorne mit dabei sein können? 
Jeder kennt vermutlich einen Dampfplauderer und Heißluftproduzenten, der überall die Aufmerksamkeit erregt, wenn er den Raum betritt. Haben wir schon mal geprüft, ob es auch das Gegenteil gibt, einen Leisen, vielleicht Zerbrechlichen, der ungeahnte Facetten sichtbar machen kann, wenn er erst mal die Möglichkeit dazu bekommt?


“Der vernünftige Mensch paßt sich der Welt an;
der unvernünftige besteht auf dem Versuch, die Welt sich anzupassen.
Deshalb hängt aller Fortschritt von unvernünftigen Menschen ab.

George Bernhard Shaw

Die Vernünftigen, das Plastik

Es gibt Menschen, die sind ideal auf die gängigen Lebens- und Leistungsmodelle eingestellt. Ein flexibles einfaches Werte-Set, genügend Sorge um die Außenwahrnehmung, nicht zu viel politisches Interesse oder wenn, dann im politischen Mainstream, nicht zu viel über sich und die Welt reflektierend und Zukunftspläne,  die sich hauptsächlich auf familiäre und materielle Belange beziehen. Sie sind im Sinne des Shaw-Zitats die Vernünftigen: biegsam, robust, auf die meisten Eventualitäten eingestellt, bereit, das Spiel nach den Regeln zu spielen und das Maximum aus jeder Gelegenheit rauszuholen.

Die Unvernünftigen, die Steine

Dann haben wir die Unvernünftigen: sie haben sich selbst ein Wertesystem und darauf abgestimmte Ziele erarbeitet, durch zu viel Lebenserfahrung, zu viel nachdenken, zu viel lesen haben sie eine feste Vorstellung entwickelt, wie die Welt sein sollte und wie genau nicht.
Nun kommt es darauf an, ob der Wind bereits in diese Richtung weht, dabei ist gerade zu drehen oder genau aus der entgegengesetzten Richtung kommt.
Entsprechend haben wir im ersten Falle einen erfolgreichen Meinungsführer oder einen “Fisch im Wasser”, im zweiten Falle einen vielleicht erfolgreichen Revolutionär und im dritten Falle jemanden, der gut aufpassen muss, dass er sich an seinen Idealen nicht aufreibt, im Zynismus ein Trostpflaster findet, Mitstreiter sucht und Wege findet, sich mit der andersartigen Welt zu arrangieren, z.B. indem er sich weitgehend aus ihr zurückzieht.

Ich glaube, dass man sich um keine der zwei von Shaw genannten Fraktionen wirklich Gedanken machen muss. Sicherlich – die zweite Gruppe hat es meist schwerer als die erste, würde aber – außer in kurzen Momenten der Schwäche dennoch nicht mit der ersten Gruppe tauschen wollen. Mag sein, dass aus der zweiten Fraktion einige Harry Hallers ihrem Leben irgendwann ein freiwilliges steppenwölfisches Ende setzen, aber für viele von dieser Gruppe ist  das ein legitimer Ausweg. Um das Zitat des “Project Semicolon”  zweckzuentfremden: “Manchmal setzt der Autor ein Semikolon und schreibt weiter und manchmal  entscheidet er, dass der Satz nun ein Ende haben soll.”

Die Zerbrechlichen, das Glas

Ich möchte diesen Artikel einer dritten Kategorie widmen, die im Zitat nicht vorkommen, so wie Menschen diesen Typs oft einfach “nicht vorkommen”, den Menschen aus Glas, den Zerbrechlichen.
Vielleicht ist diese Gruppe gar keine dritte Gruppe, sondern fasst diejenigen aus den obigen Gruppen zusammen, die an ihrer Umwelt einfach gescheitert sind und zu lange in diesem Scheitern alleine gelassen wurden. Zu dieser Gruppe gehören vermutlich viele Suchtkranke, die sich aufgegeben haben und am Kiosk um 12 Uhr Mittags schon das dritte Bier haben, viele  Resignierte, für die das Aufstehen keinen Sinn hat, viele Langzeitarbeitslose und deren Kinder, die als Zukunftswunsch “Hartz IV” angeben, all die Depressiven, deren Umwelt nicht sieht, wie viel Mühe der Kampf mit dieser schwarzen Wolke täglich verschlingt, all die viel zu leicht Gekränkten und Ängstlichen.

Viel hat sich getan in Sachen Barrierefreiheit und Teilhabe in den letzten Jahrzehnten. Barrierefreiheit für die “gläsernen Menschen” heißt aber oft etwas ganz anderes: Es dauert lange zu begreifen, dass man sich Hilfe suchen muss. Es dauert noch viel länger, einen entsprechend spezialisierten Psychologen und / oder Neurologen und / oder Berater, Sozialarbieter oder Mentor zu finden, einen kämpferischen gut informierten Arzt, eine geeignete Suchtklinik;  es dauert länger, von der Warteliste bis zur Therapie zu gelangen und es dauert drei Mal so lange, bis man diesen Prozess so oft wiederholt hat bis man jemanden gefunden hat, von dem man glaubt, dass er einem wirklich helfen kann und der dann auch wirklich hilft. Viele geben dann irgendwo in diesem Prozess bereits auf.
Dann kommt die Frage der Gängelung. Fordern und fördern! Re-Integration in den Arbeitsmarkt. “Nein, mein Ziel ist es nicht in erster Linie, dem Staat nicht mehr auf der Tasche zu liegen, sondern mein Ziel ist es, wieder einen Spaß und einen Sinn in diesem Leben zu finden und meine Probleme dadurch zu überwinden!”, würden viele Betroffene vermutlich schreien.
Damit ist man dann auch schon mitten in der großen Frage, was man jetzt eigentlich nochmal genau vom Leben wollte, was Spaß machen könnte und wo man wieder neu ansetzen könnte. Und in diesem Bereich muss man dann etwas finden, wo die Zugangsstufen so niedrig sind, dass es Stück für Stück wieder gelingt, Kontakte zu schließen, konstruktiv Kritik zu üben und zu empfangen, miteinander zu arbeiten, das Gefühl der Nutzlosigkeit zu überwinden, Selbstbewußtsein zu entwickeln, die Angst hinter sich zu lassen – riesige Mühlsteine, die da zur Seite geschoben werden müssen.
Und dann kommen Prüfungen, dann kommen Abschluss-Arbeiten und Praktika, dann kommen Bewertungen, empfundene Ungerechtigkeiten, Rauigkeiten – Dinge, die Plastik und Stein oft gar nicht wirklich auffallen würden. Bei den gläsernen Menschen aber klirrt und vibriert es, die Oberfläche spannt sich und es droht wieder etwas zu zerbrechen.

Gemeinwohl- statt Gewinnmaximierung

Ich glaube, jede Gruppe von Menschen, von der WG übers Dorf bis zum Staat tut gut daran, ihr Bildungs-, Berufsausbildungssystem und ihre Unternehmen genau an solchen Menschen, den Zerbrechlichen, auszurichten. Ich habe noch niemanden getroffen, der sich über flache Stufen aufgeregt hat. Im Zweifel nimmt man einfach zwei oder drei auf einmal. Wichtige Voraussetzung dafür aber wäre, den Wettbewerb um die Existenz, um Gewinn, um Erfolg und um Karriere, um bestes Aussehen und vielleicht sogar die überlegene Moral oder den bestgebildeten Nachwuchs beiseite zu lassen und sich der Frage zu widmen, was eigentlich für das Allgemeinwohl, das größte Wohl aller, am hilfreichsten wäre. Was würde zum größten Spaß, zum größten Fortschritt, zur besten Chancen-Gleichheit führen? Wie kommen wir dahin, dass es keinem mehr schlecht geht und vor allem: was machen wir mit diesem Wohlstand? Was kommt danach? Wie nutzen wir die erkämpften Freiräume und Möglichkeiten?

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wäre schon mal ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Sollen die anderen doch ruhig “Wachstum, Ellbogen und Konkurrenzdruck” spielen, solange niemand bei diesem Spiel unbedingt mitspielen muss.
“D(ilettanten)-Häuser”, also vielstöckige Häuser (mit vielen Bewohnern), in denen überzeugte Dilettanten verschiedenster Disziplinen unter Einhaltung aller dafür notwendigen Vorschriften gemeinsam vom Tonstudio bis hin zum Do-it-yourself-Bio-Lab an Projekten arbeiten, Wissen weitergeben, spannende Dinge realisieren, egal ob diese gemeinnützig sind oder nicht, wäre eine andere Maßnahme, zu der ich noch mehr schreiben werde. Theater? Sound-Engineering? Arbeiten mit Holz und Metall? Erst Metall und dann mit am Prototypen-Fahrzeug bauen? Warum nicht?!

Ich weiß nicht, ob ich grenzenlos naiv bin, aber ich glaube, dass jenseits dieser Leistungsdruck-Gesellschaft Leistungen entstehen könnten, von denen eine Leistungsdruck-Gesellschaft nicht mal träumt – aber eben auf freiwilliger Basis, ohne Existenz- und Bewährungsdruck im Rücken und mit einem Menschenbild, das nicht dem Outperformer huldigt, sondern davon überzeugt ist, dass jeder Mensch unter den richtigen Bedingungen über sich hinauswachsen kann.

Ich glaube, viele dieser “Zerbrechlichen” könnten Prismen von beachtlicher Strahlkraft sein. Ich hoffe, dass sie es – im Moment noch trotz der Gesellschaft um sie herum – und bald genau wegen dieser Gesellschaft schaffen, “den Satz nicht zu beenden, sondern ihn weiterzuschreiben”:

“A semicolon represents a sentence the author could have ended, but chose not to.
The sentence is your life and the author is you.”
Project Semicolon