Ein Dilettantenhaus oder D-Haus… das ist, wenn 20 Singles und / oder Pärchen zusammenwohnen und sie statt 20 Küchen und 20 Stereo-Anlagen und 20 super-großen Fernsehern nur zwei oder drei brauchen und sich von dem übriggebliebenen Geld ein großes Büro samt gemütlichen Sitzecken und geiler Kaffeemaschine kaufen und Labors / Werkstätten zu allen möglichen Bereichen einrichten.


Neulich, kurz nach der Tiefschlaf-Phase, laufe ich im Traum durch eine winterliche Straße. Die Häuser dicht gedrängt, die Dächer graue Spitzen gegen den blau-schwarzen Nachthimmel, der nasskalte Wind zugig, die Geschäfte dunkel, Freundlichkeit nur zu erwarten von Pfarrern, Kellnern und Prostituierten, lehne ich mich gegen frostige Böen.

Ein Block weiter. Warmes Licht fällt auf die Straße; ein Café? In der Tasche nur ein paar Kröten übrig. Zumindest einen Blick ins Schaufenster werfen!
Eine Bar, Leute auf Sofas, doch ein Café! Viele, die an Pulten und schmalen Tischen mit Notebooks arbeiten, teils auch in 2er und 3er-Gruppen – Hipster auch noch!
Im hinteren Bereich ein Tisch mit Stühlen vor einer Leinwand, die Zuschauer scheinen mit Nadel und Faden zu versuchen, das Gezeigte nachzumachen.

An der Tür neben den großen Fenstern hängt ein Schild:

“Dilettant? Komm rein!”

Ich wundere mich über die Beleidigung auf dem Schild. Da fällt mir ein, dass das Wort ja eigentlich ganz positiv ist, wenn man seinen italienisch-lateinischen Ursprung bedenkt. “dilettare”, etwas mögen, etwas mit Begeisterung betreiben… vielleicht ist ja das gemeint. Der Barista, der mir aus dem Inneren entgegenschaut, nickt mir ermutigend zu. Einen letzten Zweifel abschüttelnd drücke ich die Klinke nieder.

“Hi! Du siehst durchgefroren aus. Setz dich mit an die Bar und trink nen Kaffee!”
“Kein Geld leider!”
“Kein Prob, der geht aufs Haus!”
“Ah… danke. Dann nehm ich einen!”

Mist, wo bin ich da hingeraten? Eine Sekte? Ich versuche, meine Anspannung hinunterschlucken. Kurze Zeit später weiß ich, dass es sich hier nicht um einen Kaffee-verschenkenden Ende-der-Welt-ist-nah-Verein geht. Eine besondere Art von “Generationen-Riesen-WG”, das trifft es besser!

Warum eigentlich nicht gleich mit der Eigentumswohnung anfangen?

Timo, der Barista, ist mit knappen 30 Jahren schon Besitzer einer 25qm Eigentumswohnung. Das geht, weil hier keine Miete gezahlt wird, sondern der Anspruch auf eine bestimmte Anzahl von Quadratmetern angespart wird. Dabei ist er schon drei Mal umgezogen – aber da er von Haus zu Haus seinen Anspruch mitnehmen kann, je nach lokalen Preisen können es ggf mehr oder weniger Quadtatmeter sein, ist da in ein paar Jahren schon einiges bei rumgekommen.
“25qm sind nicht viel, aber da ich mein Zimmer vor allem zum Ausspannen und Schlafen brauche, ist das schon gar nicht schlecht!”

“Und kochen, arbeiten, essen, fernsehen?”, frage ich, woraufhin mir Timo zuwinkt, nicht bevor er einer Dame am Notebook zuflüstert, bitte die Bar im Blick zu behalten. Die Tour beginnt und führt vorbei an den Notebook-Arbeitern, die hier, wie ich erfahre, teils an kommerziellen, teils an gemeinnützigen Projekten arbeiten, teils aber einfach nur für sich oder die Uni etwas ausprobieren, allein oder virtuell bzw real mit anderen zusammen.

Öfters mal ne Generationsbrücke schlagen

An der Leinwand gibt es eine zusammengewürfelte Gruppe, die versuchen, verschiedene Sticktechniken zu erlernen und dafür Youtube-Videos heranziehen. Auffällig ist, dass in Mitten der jungen Leute auch zwei ältere Damen in den 70ern sitzen.

Im hinteren Bereich des Erdgeschosses wird klar warum, denn es gibt zum Hinterhof hin zwei seniorengerechte Wohnungen.

Oder Obdachlosen einen Neustart ermöglichen

Als ich frage, warum die Toiletten für das große Bar-Video-Arbeitszimmer auch eine Dusche haben, werd ich dazu eingeladen, einen Blick in das sehr einfach zu reinigende kleine Zimmer für “Notfälle” zu werfen. “Dadurch, dass wir für alles gerüstet sind, kann hier auch mal einer angetrunken kommen und stinken wie eine Haubitze. Erst mal den Rausch ausschlafen, dann am nächsten Morgen raus aus den Klamotten, rein in die Dusche, ab mit dem Bart und ran mit den frischen Klamotten. Wir wollen uns das Helfen auch so leicht wie möglich machen. Deshalb sind wir da gut organisiert.”

Ein produktiver Spielplatz für Erwachsene

“Woher kommt denn das Gewummer aus dem Keller?”, erkundige ich mich bei Timo, der mir signalisiert, noch einen Moment Geduld zu haben. Wir steigen zu einem kleinen Musik-Studio hinunter, wo gerade vor einer kleinen Zuhörergruppe etwas im Bereich von Latin-Jazz-Electro performt oder geprobt wird. Daneben ist eine große Werkstatt für Holz- und Metallverarbeitung, in der noch einige -genau so gut abgeschirmt wie im Studio – an ihren Werkstücken arbeiten.
Während wir uns nun nach oben arbeiten, kommen wir vorbei an einem Übungsraum,  in dem ein Theaterstück geprobt wird, an Räumen für Video-Bearbeitung, einem Raum, in dem Taucher-Anzüge hängen,  an solchen für technische Basteleien, an einem Näh-Raum und weiteren Übungsräumen, mal eher für Unterricht, Zusammenarbeit oder freie Fläche hin optimiert.
Dazwischen immer wieder geräumige Küchen,  eine Bibliothek mit Billard-Tisch und immer wieder Wohnungen, mal mit einem, zwei oder drei Zimmern.
Schließlich im “6.Stock” auf dem Dach angekommen, stehen da drei dick in Kleidung verpackte Herren an einem recht kompliziert aussehenden Fernrohr, im Bemühen eine Aufnahme vom Jupiter und seinen Monden zu bekommen.
Die gut vertäuten planenbedeckten rechteckigen Flächen und Kisten sind urbane Gartenbeete und ein Bienenstock.

Im kleinen Haus hinter dem Haus auf dem großen Hinterhof zeigt mir Timo noch stolz von außen das DIY-Chemie und Bio-Labor. “Obwohl viele Geräte und Materialien gespendet sind, hat das hier trotzdem noch ne Stange Geld gekostet. Nicht zuletzt die Zertifizierung war recht aufwändig, auch weil von offizieller Seite niemand damit rechnet, dass ‘Freizeit-Chemiker’ ein Labor eröffnen wollen könnten, mit dem Ziel, dass neben Weiterbildung und Kunst vielleicht auch mal der eine oder andere Prototyp herauskommen könnte. Rein können wir jetzt allerdings nicht, da grad keiner der autorisierten Chemiker vor Ort ist.”

Ach mennooo…

Mir brummt der Schädel vor lauter Möglichkeiten. Als ich mich an der Hauswand anlehne, streift meine Hand über borstigen Stoff wie den in meinem Zimmer, der sich immer so anfühlt, wenn mein Arm am Rand der Matratze vorbei nach unten baumelt. Mitleidig schaut mich Timo an: “Ja, du träumst leider gerade. Is langsam mal Zeit aufzuwachen!”