Plot: Ayodele legt eine Bakterien-Stichprobe für eine Studie an, die im Earthship-Labor ausgewertet werden soll.
Exkurse: Mikrobiom, Vermarktung wissenschaftlicher Ideen, zukünftige Bildung und Arbeit


Vorspann

Mein Blick streift über die Rinde am Stamm unterhalb des Astes, an dem ich meine Wäscheleine befestige. „Dass ich das nicht früher gesehen hab!“, entfährt es mir. Ich habe eine ideale, nämlich gut geschützte, verwachsene Stelle entdeckt, um die Stichprobe des Mikrobiom-Projekts zu vergrößern! Ein paar Minuten hab ich noch, bis ich zu Hugo aufbrechen muss.

Schnell klettere ich die hölzerne Wendeltreppe nach oben, mit der ich wieder im Schlaf- und Arbeitszimmer ankomme. Auf den ersten Blick finde ich das Feuerzeug. Aber wo ist die Impföse? Das ist ein Instrument zum Aufnehmen und Verteilen von Bakterien. Jetzt brauch ich noch ein paar Platten. Gemeint sind Petrischalen mit einem Agar-Gel, um darauf die Bakterienkulturen des Baums anzusiedeln. Ah, gut dass ich zudem den Faserschreiber sehe, um die Probe gleich zu beschriften. Alles das verstaue ich in den Taschen meiner Hoodie und tänzle gut gelaunt die Treppe wieder hinab.

Wieder an der betreffenden Stelle angekommen, zücke ich die Impföse. Ich desinfiziere den gebogenen dicken metallenen Draht ganz vorne, der nach etwa zehn Zentimetern in den hölzernen Griff versenkt ist. Dank des Plasma-Feuerzeugs färbt sich die Öse vorne dank mehrerer tausend Grad in Sekundenbruchteilen goldgelb. Inzwischen dürfte auch noch der letzte Keim ins Gasförmige übergegangen sein!

Die Schlacht des dritten Bakterien-Batallions

Jetzt drücke ich die nun keimfreie Öse zum Abkühlen an den Rand des Bereichs, von dem ich Bakterien aufnehmen möchte. Ein winziges Rauchwölkchen steigt auf. Schnell drücke ich die Öse bei wiederholtem Drehen auf das Holz, damit die Abkühlung schneller geht. Berühren darf ich ja sonst nichts damit, um nicht die Probe zu verunreinigen. Als ich schließlich sicher bin, dass sich die Temperatur wieder normalisiert hat, wische ich mit der Öse in die verwachsene Vertiefung hinein. Mit der anderen Hand öffne ich eine der Petri-Schalen und streiche das gebogene Metall auf der Agar-Platte ab. Diesen Vorgang wiederhole ich noch zwei Mal. Anschließend markiere ich die Stelle mit einem Faserschreiber, beschrifte die Probe und schieße noch ein Foto von der Stelle am Baum, um die Messung abschließend zu dokumentieren.

Warum das Ganze? Wenn man z.B. an Türklinken, Telefonhörern, Wasserhähnen, etc. Proben nimmt, sagen wir, in der Wohnung zu Hause und in einem fremden Hotelzimmer, dann würde sich eine ziemlich unterschiedliche Zusammensetzung von Bakterien an diesen Orten zeigen. Der Ort hat ein charakteristisches Mikrobiom. Wenn man nun aber Menschen aus der Wohnung dieses Hotelzimmer beziehen, dann hätten sich an beiden Orten bereits nach ein bis zwei Tagen die Zusammensetzung der Bakterien nahezu angeglichen. Die eigenen Bakterien hätten sich im Hotelzimmer ausgebreitet und hätten die vorhergehenden Bewohner fast vollständig verdrängt.

Dilettanten im Wald

Wenn sich nun zwei Menschen kennenlernen oder gar in eine gemeinsame Wohnung ziehen, dann ist die Schlacht unausweichlich. Gemeint ist die Schlacht zweier Keim-Armeen, aus der am Ende eine relativ stabile gemeinsame Gruppe von Keimen hervorgeht, welche die übrigen Keime verdrängt hat.

Vor etwa zwanzig Jahren hat eine Gruppe von naturbegeisterten Biologen das Dilettanten-Dorf im Wald konzipiert und nach langen Kämpfen gegen die Landesregierung und die Behörden durchgesetzt. Schon von Anfang an waren sie an der Frage interessiert, was genau passiert, wenn der Mensch – trotz aller Vorsicht – in diesen Lebensraum, dieses Biotop, eindringt. Wie wird sich das Mikrobiom der Menschen ändern? Vor allem aber: nimmt auch das Mikrobiom der Bäume an der Schlacht teil?

Bezüglich des Zusammenlebens mit Hunden weiß man schon lange, dass sich das veränderte Mikrobiom auf den Menschen sehr positiv auswirkt, was z.B. die Verhinderung von Allergien betrifft. Aber wie sieht das mit Bäumen aus?

So wurde eine Datenbank geschaffen, in die über die Zeit hinweg die Zusammensetzung von Mikrobiomen unter bestimmten Konstellationen eingetragen wurde. Baum ohne Mensch, Mensch ohne Baum, Baum mit Mensch, Mensch mit Mensch ohne Baum, Mensch mit Mensch mit Baum.

Spaß und Arbeit im Earthship

Kati, meine Freundin, zum Beispiel: Im Dienste der Wissenschaft hatte ich sie gebeten, dass wir uns erst nach zwei Wochen bei mir in der Wohnung treffen. Ich hab die feine Frau Historikerin nie gefragt, wie seltsam ihr das eigentlich vorgekommen ist, damals. Fast ein Wunder eigentlich, dass sie es sogar zugelassen hat, in diesen zwei Wochen ein paar Hautabstriche bei ihr machen zu dürfen. Statt mich bzw. uns für Freaks zu halten, war sie selbst gespannt darauf zu sehen, wie sich ihr und mein Mikrobiom  verändern. Und ich hatte nicht zu viel versprochen. Die Änderungen fielen dramatisch aus.

Für solche und ähnliche Forschungsprojekte hatte unser D(ilettanten)-Dorf zunächst für längere Zeit die Labore der relativ weit entfernten Uni mitbenutzt. Aber die bürokratischen Hürden der Zusammenarbeit, die Organisation des Transports der Proben per Drohne, etc. war dabei ziemlich nervtötend. Vor zwei Jahren dann konnten wir endlich im Walddorf unser eigenes Biolabor eröffnen. Als Bauform haben wir, eng mit den Behörden abgestimmt, ein so genanntes Earthship gewählt. So nennt man Häuser eines bestimmten Baustils, die meist halb in die Erde eingelassen sind und deren Ziel es ist, weitestgehend autark von ihrer Umwelt zu sein, was die Wasser-, Wärme-, und Energieversorgung betrifft. Die Gelder hatte unser D-Dorf durch eigene Einlagen, aus Projekteinnahmen, aber auch aus der Forschungsförderung gesammelt. Dank Crowd-Funding hat es sogar für einen DNA-Sequenzer gereicht. Damit können wir Abschnitte des Erbguts näher untersuchen und z.B. bei Züchtungen feststellen, was sich genau im Genom der Pflanzen oder Tiere geändert hat.

Zwischen Q und Doc Brown

Ich komme mir immer noch wie ein verrückter Wissenschaftler aus einem James Bond-Film vor, wenn ich das Earthship betrete. Man sieht es nur von einem bestimmten Winkel aus, sonst wirkt es einfach wie ein Hügel an einer Lichtung. Nur von der Südseite ist die Fensterfront zu sehen. Unser Labor hat nun schon seit mehreren Jahren erfolgreich den Betrieb aufgenommen und ist dank vielseitiger Unterstützung weiter gewachsen. Inzwischen haben wir sogar schon ein Paar mal den Spieß umgedreht und die Uni schickt uns jetzt auszuwertende Labor-Proben, wenn mal zu viel Stress ist.

Es klingt vielleicht pathetisch. Fließbänder und Aufgabenteilung mögen früher einmal viele Aufgaben effektiver gemacht haben und Preise gesenkt haben. Nichts desto trotz hat diese Aufteilung von ursprünglich Sinnvollem in zusammenhangslose Stücke den Arbeitern und der Gesellschaft als Ganzes schweren Schaden zugefügt, indem das Gefühl für den Sinn und das große Ganze verloren gegangen sind. Spaß und Sinn kamen in vielen Fällen erst zurück, als das Maximum der Effektivität erreicht worden war, indem die Aufgabe einem Roboter, einer Maschine, übergeben worden ist. Was bleibt, ist menschliche Kreativität, die sich nun ganz woanders Bahn brechen und sich nützlich machen kann. Und selbst das Streben nach Profitmaximierung kann es nicht mit dilettantischer Leidenschaft aufnehmen. Erstaunlich, wie sehr der Humunculus Oekonomikus die Gehirnwindungen der Ökonomen zersetzt hat, dass viele das immer noch für eine relativ neuzeitliche Erkenntnis halten.

Risiko

Ein etwas trivialeres, aber umso spaßigeres Ergebnis unserer Forschung ist eine Variante des „Risiko“-Gesellschaftsspiels für Bakterien, in die auch unsere Forschungsergebnisse einfließen. Kati und Hugo haben am 3D-Drucker nach Skizzen von mir kleine Bakterien-Figuren designt, die jetzt auf einem Spielfeld aufeinander losgelassen werden können. Jeder Mitspieler hat seine Zielkarte („Breite dich in der gesamten Wohnung aus!“ oder „Sammle zehn gleiche Bakterien am Mund und an der Nase der gleichen Person, um eine Krankheit auszulösen“) und muss versuchen, dieses Ziel zu erreichen. Risiko eben.
Die ersten hundert Prototypen haben wir handsigniert noch selbst hergestellt. Dann wurde es uns zu stressig und zeitaufwändig, so dass wir die Lizenz an einen Spieleverlag übergeben haben, der das Ganze jetzt weiterbetreibt und uns am Gewinn beteiligt.

Wie schafft ihr das nur?

Würde jemand aus der Vergangenheit hierher in diese Zeit reisen, dann wäre seine erste Frage vermutlich:“Wie schafft ihr das, diese Hunderte von Projekten, Gemeinschaftsunternehmungen und Studien? Und alles ganz ohne Chef!“
Ich grinse, rücke mir die Brille nach vorne und versuche Hugos Gesichtsausdruck zu imitieren wenn er über etwas nachdenkt: „Nun, der wichtigste Faktor dürften wohl die tiefgreifenden Reformen im Bildungssystem sein!“, imitiere ich mehr schlecht als recht Hugos Stimme.

„Hugo, wie soll das denn jemand verstehen?“, höre ich gedanklich Kati einwenden. Und schon würde sie dozierend eingreifen; Girlsplaining, gewissermaßen.

Bildung: Auf dem Abenteuerspielplatz ‚Welt‘ zu spielen lernen

„Bildung deshalb, weil das Bildungssystem heute nicht mehr darauf ausgerichtet ist, Kinder mit viel Auswendiglernen auf eine Reihe mehr oder minder langweiliger und sinnbefreiter, aber einträglicher Jobs vorzubereiten. Stattdessen rüsten wir die Kids mit etwas Grundwerkzeug aus und schon werfen wir sie hinein in dieses Leben, das ein spannender herrlich schöner und schön-komplizierter Abenteuerspielplatz ist,  mit einer Herausforderung für jeden Geschmack. Dabei begleiten wir sie natürlich, helfen, die Antworten auf Fragen zu finden, geben Hintergrund- und Kontext-Wissen weiter. Und wir zeigen den Kids, dass die Herausforderungen des Lebens im Team viel besser und mit viel mehr Spaß zu lösen sind.

Die größte Strecke legen die Kinder dabei in den (hoffentlich D-)Dörfern zurück, in denen sie groß werden. Selbst in der früher anonymen Stadt wohnen viele wieder in dörflichen Verbänden zusammen. Das tun sie allerdings freiwillig und meist mit einem gehörigen Satz an gemeinsamen Werten und Vorstellungen. Keiner wird beim Explorieren seiner Persönlichkeit allein gelassen und wir unterstützen uns beim Finden des „Ikigai“. Mit diesem japanischen Wort wird der Grund bezeichnet, der einen am Morgen hilft, aus dem Bett zu kommen, sei es ein bestimmtes Thema, eine Tätigkeit, die Lust an der Fürsorge für andere oder das Entdecken neuer Länder und Horizonte.

Reich wie ein Kanalreiniger

Und wenn dann einer doch einfach mal ne Stange Geld verdienen will, um sich einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen, dann tut er gewöhnlich das, was keiner so wirklich tun will. Nicht ohne Grund heißt es heute: „So reich wie ein Kanalreiniger“. Wenn man erst mal durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen verhindert hat, dass Menschen durch Existenzängste zu Tätigkeiten erpresst werden können, dann erfüllen sich auch plötzlich die Vorhersagen der Ökonomen:

Arbeit, die keiner machen will, ist am meisten wert – oder sie wird halt automatisiert.

Zufrieden schaue ich auf die drei beschrifteten, aufeinandergestellten Petri-Schalen. Wieder ein Datenpunkt im Datenmeer geschafft. Die Datensammelei ist schon mühsam. Andererseits ist die Neugier umso größer, wenn man dann in die Daten-Schatztruhe schaut, um zu sehen, ob drin ist, was man zuvor als Hypothese formuliert hat. Das Formulieren neuer oder weiterführender Hypothesen auf Basis der Daten ist dann ebenso spannend. Mist, ich wollte doch Kati…

Fortsetzung: (Un?)Appetitliches

Erstmals veröffentlicht am 08.12.2015, 19:14 Uhr