Krass, eine Schulklasse, die konzentriert lernt, von gelegentlichem Gelächter unterbrochen. Dabei hat der Lehrer bereits vor einer Stunde den Klassenraum verlassen.
Traumhaft, ein Team, das fokussiert und gemeinschaftlich daran arbeitet, eine Aufgabe zu erfüllen. Und die Stelle des Teamleiters ist vakant.
Faszinierend… ein Kind, das statt der für die Klausur erforderlichen 30 Seiten 50 Seiten liest und lernt. Und die Eltern haben ihm nicht eingepeitscht, dass man nur mit guten Noten einen Job bekommt, später.

Ist das nicht wie Weltfrieden – schön, aber unerreichbar, herrlich naiv und überaus illusorisch?

“Ha, als ob der Mensch arbeiten und lernen wolle! Zwingen muss man ihn zu seinem Glück. Einpeitschen muss man ihm die Disziplin dazu. Und wenn man nicht kontrolliert, dann tanzen einem diese Quälgeister sowieso auf dem Kopf herum.”

“Nääää…. Flow is the answer.”

Flow – was ist das?

Csíkszentmihályis Flow definiert sich dadurch, wenn eine Handlung im Spannungsfeld zwischen Überforderung und Langweile entsteht. Flow ist also das Gegenteil von Routine, aber auch von Überforderung. Die Art der Handlung kann dabei nahezu beliebig sein, sofern sie obige Bedingung erfüllt. Flow kann beim Schachspielen oder beim Freeclimbing entstehen, kann beim Lernen “über einen kommen”. Flow tritt oft bei gut gemachten Computerspielen auf. Sie führen dem Spielenden vor Augen, dass er schon eine Menge erreicht hat, aber er sich darauf nicht all zu viel einbilden sollte.

Woran merke ich, dass ich im Flow bin?

Hast Du schon einmal bei einer Tätigkeit das Essen oder Schlafen “vergessen”?

Bist Du schon mal von einer Beschäftigung dermaßen aufgesogen worden, dass Du ganz die Zeit vergessen hast und Du gar nicht glauben konntest, dass es schon so spät sein soll?

Hast Du schon mal mit anderen so intensiv zusammengearbeitet, dass die Ideen und Aufgaben nur so hin und her geflogen sind und man ganz aufgekratzt war vor lauter guter Zusammenarbeit?

Falls du mindestens ein Mal mit “ja” geantwortet hast, dann weißt Du, was Flow ist.

Vorbedingungen

Flow braucht Handlungskontrolle

Damit ein Flow gelingt, ist es notwendig, dass der Betreffende das Gefühl hat, dass die Kontrolle über die Handlung und deren Verlauf bei ihm liegt. Derjenige, der den Flow erlebt, muss gewissermaßen “Herr der Lage” sein. Sobald jemand versucht, von außen die Kontrolle zu gewinnen, kommt der Motor ins stottern. Mit etwas Übung kann man sich vielleicht wieder die Kontrolle oder zumindest die Illusion von Kontrolle verschaffen: “Ist mir egal, dass der Geschichtslehrer will, dass ich das hier alles lerne und lese! Ist mir schnuppe, dass das alles notwendig ist, damit ich übermorgen in der Klausur eine gute Note schreibe! Ich will jetzt wissen, warum sich der anfängliche Enthusiasmus über die Revolution Stück für Stück in sein Gegenteil verkehrt hat!”

Das gilt natürlich auch für die Arbeit im Team: Sobald Zweifel entstehen, ob ich das jetzt für “den Kunden da draußen” mache oder für meinen kontrollierenden Chef, dann wird aus dem Selbstläufer ein Rohrkrepierer. Gerade noch im Flow und schon kommt der Vorgesetzte herein und notiert sich etwas auf seiner Kladde. Was notiert er sich da? Informationen für mein nächstes Gehaltsgespräch? Habe ich etwas falsch gemacht? Oder habe ich etwas richtig gemacht und muss so weitermachen? Es kann wirklich schwierig sein, sich die Illusion auszumalen, man habe die Handlungskontrolle. Patrizia Servidio hat das in ihrem Blog-Beitrag “Kontrolle ist gut – Vertrauen ist besser” sehr treffend beschrieben.

Vielleicht ist zwecks “Leitung und Führung” das Pferd auch kolossal falsch herum aufgezäumt. Statt dem Team einen Vorgesetzten vorzusetzen, könnte man doch auf den natürlichen Fluss der Dinge setzen und es mal anders herum probieren: so nämlich, wie es schon in der afrikanischen Steppe vor 100.000 Jahren wohl ganz gut funktioniert hat, indem sich die Folgenden den Führenden wählen – und ihn auch wieder abwählen, wenn das nötig wird.

Flow im Team braucht gereifte Egoisten

Als weitere Vorbedingung rückt nun in den Mittelpunkt, was Boris Grundl über das Ich und Wir gesagt hat: Es braucht einen gesunden Egoismus, ein gesundes Bewusstsein über die eigenen Möglichkeiten und Grenzen, ein intaktes “das darf von meiner Person erwartet werden und das nicht”.
Auch ein gesunder Puffer an Wohlwollen und Wertschätzung ist natürlich hilfreich: “Gestern hat mich X noch gemocht. Warum sollte er jetzt so etwas sagen? Ich muss das entweder falsch verstanden haben oder er hat sich da unglücklich ausgedrückt!”
Last but not least muss das Team auch in der Lage sein, gemeinsam Unbestimmtheit zu überwinden, eben durch das bestimmen von temporären Leadern oder durch das gemeinsame “einen Weg suchen”.

Wenn all dies gelingt, dann kann es zu einer gemeinsamen Flow-Aktivität kommen, wo sich die Beteiligten gegenseitig verstärken, gegenseitig über Fehler des anderen großzügig hinwegsehen, gelungene Aktionen des anderen loben statt sie zu neiden, den ebenso spaßhaften wie sportlichen Wettbewerb suchen, der dann doch ohne Verlierer auskommt.

Flow im Team braucht (k)eine Führungsfigur

Im besten Fall ist sie vom Team gewählt oder zumindest vom Team akzeptiert und ist sich darüber bewusst, was für ein fragiler Zustand der Flow ist. Hier zu passen die in den letzten Jahren hinzugekommenen Bezeichnungen für ehemalige “Führungskräfte”:  “Facilitator” (Ermöglicher) oder “Servant Leader” (dienender Leiter). Die große Chance ist, dass diese Person dem Team nicht nur nervige (z.B. organisatorische) Probleme vom Hals schaffen kann. Sie kann darüber hinaus auch als Sparringpartner, als  Infragesteller, als gewünschter Beobachter dienen. Dies wiederum kann wertvolle neue Impulse zur Verbesserung (im Sinne des Teams) geben.
Diese Person kann aber auch im schlimmsten Fall den Prozess behindern oder gar abtöten. Dabei wollte sie doch “nur” ein bisschen steuern und kontrollieren. Zum Super-GAU kommt es schließlich, wenn die Führungsfigur Personen ins Abseits zu drängen versucht, die ihren Führungsanspruch gefährden (siehe Grundl). Dann ist Pavianhügel statt Flow angesagt.

Flow kann Sinn vertragen, auch wenn das nicht unbedingt notwendig ist

Ein mascarponig-sahniges Karamell-Cookie-Eis muss schon ganz schön lecker schmecken, damit ich es regelmäßig verzehre, während ich mich dem Genuss von Erdbeer- und Kirsch-Sorbet deutlich öfter hingebe. Ob das, trotz meines heftigen Widersprechens, etwas mit der Anzahl der Kalorien zu tun haben könnte?

Ich schätze, das ist wie mit dem Flow-Gefühl: es braucht keinen Sinn. Und zu viel der Zweckmäßigkeit beschädigt das Gefühl sogar.

Ein Sinn nimmt dem flowigen Fließen aber vielleicht auch das “schlechte Gewissen” und gibt ihm einen Rahmen. “Es ist gut, dass Du spielst.”

Vom Flow zur self-driven education

Was hat Flow nun mit Schulerziehung zu tun? Ist das nicht in etwa so viel wie Fisch und Fahrrad miteinander zu tun haben? Also jetzt mal ernst. 20 Personen und ein Lehrer sind in einem Raum. Der Lehrer führt ein, erklärt, stellt per Handzeichen zu beantwortende Fragen, deren Antwort er weiß. Er schreibt an die Tafel, stimuliert zu Diskusionsansätzen, bzw. eher Diskussions-Stummeln und in der nächsten Stunde wird abgefragt – was soll das mit Flow zu tun haben?
Meine Rückfrage wäre: “Wie krank ist es eigentlich, dass es ganz selbstverständlich geworden ist, so etwas wie das gerade beschriebene Szenario als “Schulerziehung” zu bezeichnen?”

Wir sprachen in den Vorbedingungen von Handlungskontrolle: Ich – nicht der Lehrer – ich will etwas machen. Es ist dieser Impuls “ich will etwas machen und dafür muss ich etwas verstehen”, der über die Schul- und Uni-Jahre pervertiert wird. “Ich will… was will ich eigentlich… gute Noten schreiben.. für… ein gutes Examen… und das brauche ich für… einen guten Job… irgendwas mit Medien!”

Wie es laufen könnte

Stellen wir uns vor, wie es laufen könnte. Ich sehe eine große Schul-Aula vor mir mit vielen kleinen Knirpsen, die ganz aufgeregt sind. Sie sollen gleich eine große Entscheidung treffen. Will ich als erstes Lesen lernen? Oder Zahlen? Oder will ich zuerst etwas Praktisches machen? Vielleicht ist bei vielen am Anfang das Praktische am verlockendsten: “Ha! 2 Wochen Schulcafé organisieren! Aber blöd, viele Sachen kann ich da noch nicht machen, weil ich dafür lesen, schreiben oder rechnen können muss.” Das Gleiche gilt natürlich für den Schulgarten oder das Chemie-Labor. Und schon ist sie da, die Motivation.

Natürlich wird das nicht mit der geringen Anzahl an Lehrern zu schaffen sein, die heute im Schuldienst arbeiten. Und es werden große Anforderungen an die Organisationsfähigkeiten der Schulen gestellt, weil es eben nicht mehr alles nach einem Plan läuft, der in einem einfachen Stundenplan abgebildet werden kann. Aber es wäre ein spannendes Experiment.

Innerhalb des “Rechnen lernen”, etc. könnte man jetzt so weiter verfahren: Themenraum öffnen, Motivationspunkte finden und los kann’s gehen. Die Lehrer sind “Neugierig macher”. Sie regen zu Fragen an, geben Hinweise auf die Lösung, beantworten das “Warum” – am besten mit dem Fragenden zusammen.

Ist das zu viel der Phantasterei?

Frust runterschlucken und vorwärts

Schließlich noch zurecht die Frage, wie man schon heute damit anfangen könnte. Statt eines elaborierten Konzepts werde ich versuchen, verschiedene Ideen und Ansätze zu skizzieren:

Hausaufgaben – wie wäre es damit?

Wenn euch etwas einfällt, wie ihr selbst das heutige Thema weiterbearbeiten würdet, dann immer her damit!
Wenn ihr im Buch oder im Internet selber interessante Artikel oder Übungen dazu findet, dann stellt gerne die Artikel vor oder macht diese Übungen. Ihr wisst ja selbst: zu einfache Aufgaben sind langweilig!
Für alle, denen nichts einfällt, habe ich die folgenden Aufgaben herausgesucht…

Mehr spannende Praxisprojekte

Ja, man wird die Eltern miteinbeziehen müssen. Aber wie viel könnten Schüler lernen, wenn sie z.B. eine Bank eröffnen würden, am besten mit echtem Geld. Schon mit kleinen Beträgen könnte man viele Konzepte erklären: “Sparkonto”, “Kredit”, vielleicht sogar Spekulation. Jemand könnte sogar die ganze Kiosk-Milch kaufen, um sie später, wenn alle richtig Durst haben, wieder teurer zu verkaufen (Spekulation mit Lebensmitteln). Oder man kann die “Credit Default Swaps” am Beispiel der anschreiben lassenden Gaststätte durchspielen. Das verstehen sicher auch schon Siebenjährige, dass das ganz schöner Schindluder ist.

Lehrpläne entrümpeln

Möglichst nur die verpflichtenden Grundlagen prüfen. Der Rest der Zeit ist viel besser in das Fördern der Neugier gesteckt. Wann immer es geht Schülerinteressen berücksichtigen (Referate; Workshops,  durch die Schüler führen; “Slams”; Schüler entwerfen Prüfungsaufgaben für ihre Mitschüler).

Zeitlimits wenn möglich streichen oder großzügig gestalten

Wann muss im späteren Leben ein Aufsatz oder ein Mathe-Problem in x Minuten bearbeitet sein? Wie viel Spaß an Mathematik hat die tickende Uhr bei Prüfungen kaputt gemacht? Warum müssen Gedichte innerhalb einer bestimmten Zeit analysiert werden? Bzw. warum muss so etwas Schönes wie ein Gedicht überhaupt als Prüfung “analysiert” werden?

Hilfsmittel zulassen (Smartphone, Internet)

Klar muss man eine Lösung erst mal “zu Fuß” erarbeitet haben, aber kann man danach nicht gleich alle möglichen Hilfsmittel zulassen? Sollte dabei nur Unsinn herauskommen – warum nicht auch diese Hilfsmittel zur kritischen Betrachtung in den Unterricht miteinbeziehen?

Evaluation

Ja, schon die direkte Bewertung des Unterrichts durch die Schüler wäre eine hilfreiche Angelegenheit. Noch viel mehr wert aber wären Indikatoren, ob Neugier entstanden ist und eigene Auseinandersetzung mit der Materie stattgefunden hat:
Hat sich ein Schüler nach dem Thema Jazz Musikstücke dazu gekauft? Vielleicht hat der Lehrer sich ja die Mühe gemacht, Fusion-/Crossover-Stücke von unter den Schülern populären Bands herauszusuchen und diese im Unterricht vorzustellen.
Sind Schüler zur freiwilligen Chemie-Übung am Nachmittag gekommen?