Plot: Durch und durch biologistisch, dieser Barkeeper! Der Protagonist versucht dagegenzuhalten, mit Kultur, Wissenschaft und Freundschaft.

Vorspann

„Biologistisch nennst du mich also… Schau dich doch bitte mal an! Was meinst DU denn, worum es geht? Kultur, Bildung, Fortschritt, Wissenschaft, platonische Liebe und Freundschaft?“ fragt er mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck, den er immer weniger aufrecht erhalten kann, je mehr ich abwägend seitlich mit dem Kopf wippe. Als das Wippen unter spöttischen Blicken schließlich in ein zögerliches Nicken übergeht, prustet mein Gegenüber heraus, steigert sich in schallendes, geradezu hysterisches Gelächter und verschwindet, sich die Knie haltend vor Lachen hinter dem Tresen. Kurze Zeit später taucht er wieder auf wie ein U-Boot, mit immer noch puterrotem Gesicht. Mit seinem Einstecktuch wischt er sich die Tränen aus den Augen.

Mündliche Prüfung

„Aaalso“, setzt er an, „die Grundfaktoren der Evolution?“

„Fortpflanzung“, seufze ich und füge gähnend an: „Mutation und Selektion“. Kreisförmige Bewegungen mit der Hand signalisieren mir, dass ich noch weitermachen soll. “Dadurch, dass sich bei der Fortpflanzung Genome miteinander vermischen und es auch zu Mutationen, d.h. Veränderungen bei einzelnen Genen kommt, entstehen neue Merkmale und Merkmalskombinationen. Durch die natürliche Auslese, die Selektion, setzen sich Exemplare mit für die aktuelle Umwelt hilfreicheren Merkmalen durch, während solche mit weniger hilfreichen oder gar hinderlichen Merkmalen oft zurückstecken müssen.

„Oh, das gibt ein Fleißbienchen ins Klassenbuch! Und was verstehen wir unter der K-Strategie? Der Kandidat ist kurz davor, so viele Waschmaschinen zu gewinnen wie er tragen kann.“

Meinen Ärger hinunterschluckend antworte ich trotzig: „Bei der r-Strategie”, feixend rolle ich das ‘r’, “wird eine große Anzahl von Nachkommen je ‘Wurf’ gezeugt. Schnell überlebensfähige Junge benötigen nur eine kurze Zeit elterlicher Fürsorge. Entsprechend lose sind oft die Bindungen zwischen Männlein und Weiblein. Beispiele hierfür sind Kleinkrebse, Bienen, Sperlinge oder Mäuse. Die Strategie ist besonders geeignet, Areale zu ‘erobern’, in denen noch wenige Artgenossen leben.”

Der Herr Klassenlehrer zieht die linke Augenbraue hoch. “Schade, dass ich eigentlich nach der K-Strategie gefragt habe…” In ein wohlwollendes Lächeln übergehend fügt er an:”Immerhin war das schon mal sehr vielversprechend!” Mit einer rotierenden Geste seiner Hand deutet er an, ich solle weitermachen.

Die K-Strategie

“Die K-Strategie, das kommt von ‘K wie Kapazitätsgrenze’,  wiederum zeichnet sich im Gegenteil dadurch aus, dass nur wenige Nachkommen je Wurf geboren werden. Oft genau deshalb, weil das Areal bereits an eine Kapazitätsgrenze an Artgenossen stößt.  Entsprechend viel Zeit wird investiert, bis ein Junges ohne elterliche Fürsorge für sich allein existiert. Wegen des erhöhten Aufwandes sieht diese Strategie vor, das Männchen an der Aufzucht zu beteiligen. Dies gilt z.B. für Bären, Biber, Wale, Primaten und den Menschen insgesamt.“

„Brav heruntergebetet, wie ein Pennäler an der Tafel! Und wie bei Selbigen hat man den Eindruck, das habe jetzt mal so gar nichts mit dir zu tun, sondern beziehe sich auf eine in Westeros lebende Nattern-Art. Mannomann!” Er schlägt mit der Faust auf den Tresen, dass das Wasser nur so platscht.
“Evolution, das bezieht sich doch auch darauf, wie wir unsere Partner auswählen, wie viele Kinder wir in die Welt setzen oder wie leicht Beziehungen auseinanderbrechen. Eine moderne Gesellschaft ist ja auch nur ein ‘Biotop’. Eins, bei dem es vielleicht gar nicht mehr so wichtig ist, ob der Vater sich beteiligt. Die Mutter kommt ja zur Not auch ohne ihn aus. Oder es muss nicht immer der gleiche Kerl sein.
Fasziniert es dich denn gar nicht, wie unsere Fortpflanzungsmechanismen auf die Umwelt reagieren, unsere Vorlieben sich verändern, ja, wie sogar so etwas wie die Menopause daraus entsteht?“

Rückbau!

“Was haben denn jetzt ausgerechnet die Wechseljahre damit zu tun?”

“Es ist ein Rätsel der Evolutionsbiologie, warum die menschlichen Weibchen im Gegensatz zu den allermeisten Säugetier-Weibchen ab einem bestimmten Alter um die Fünfzig aufhören, reproduktionsfähig zu sein. Aber vielleicht ist die Antwort ja ganz einfach. Die Menopause ist wohl schlichtweg deshalb entstanden, weil sich die Kerle ab einem bestimmten Alter nicht mehr für die Damen interessieren! Da ist es egal, ob noch so teure Klunker am welken Dekolleté hängen! Und wenn ein Merkmal für die Fortpflanzung unerheblich ist, dann ist es halt zum Rückbau freigegeben!”

Während er mir weiter durchdringend in die Augen schaut, legt er den Kopf schief, es knackt. In seinem Gesicht, seinem ganzen Kopf, seiner ganzen Person samt Kleidung findet eine Metamorphose statt. Aus dem schmalen Barkeeper wird ein alter, stattlicher Mann mit einem vollen Gesicht, buschigen Augenbrauen und hoher gekräuselter Stirn. Sein bräunlich-graues Haar ist schütter, seine Wangen faltig. Der dicke Ring am Finger und der schwarze Anzug unterstreichen sein testosteron geschwängertes vor Macht nur so triefendes Charisma.

Mr. Eddy

Seine Gesichtszüge werden ernst. Während er sich zu mir herüber beugt, greift er mit beiden Händen nach meinem Hals und zieht mich kräftig in seine Richtung. Ich rutsche vom Barhocker herunter. Aber durch seinen Zug geht es gleich wieder nach oben und vorne über dem Tresen. Nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt, schaue ich direkt in rötlich unterlaufene Augen. Er ist es, Dick Lorent, Mr. Eddy. Ein Mensch, dem Dominanz und Brutalität aus jeder Pore quillt.

“Von der Grünpflanze über’s Bakterium bis hin zu dir: es dreht sich alles hier um die Fortpflanzung. Jedes organische Wesen hier auf Erden nimmt am großen Wettbewerb teil, sein Genom in die nächste Generation zu tragen.”

Unsere Gesichter berühren sich jetzt fast. Altherren-Geruch, übertüncht von Moschus schlägt mir entgegen. „Und wenn es nicht klappt?“, frage ich unsicher.

„Dann winselst und heulst du wie ein krepierender Wolf, wenn dein riesiger Schrank mal wieder aufspringt und sich sein Inhalt wie eine Lawine ergießt oder wenn uns deine pathetische verschrobene Vorstellung von Beziehung mal wieder den Satz ‘Du bist wie ein Bruder für mich!’ einbringt!”

Mit einem verächtlichen Ruck gibt Mr. Eddy meinen Hals frei und lässt mich wieder hinter der Theke auf den Fußboden gleiten.

“Der Schlüssel zu allem ist der Geruch. Der steigt beiden besonders dann angenehm in die Nase, wenn ihre zwei Immunsysteme unterschiedlich genug sind und sich deshalb besonders gut ergänzen. Zwei, die sich gut riechen können, das bedeutet, dass die Immunsysteme gut zusammenpassen und das wiederum bedeutet: Die Nachkommen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit im Wettstreit mit Bakterien, Viren und Pilzen robuster und weniger anfällig sein.”

Mir dreht sich der Magen um, weil mir Dick Lorents abgestandener Kukident-Atem immer noch in der Nase klebt.

Vorspiegelung falscher und unnützer Tatsachen

“Aber nicht nur der Geruch ist wichtig, damit die Partnerwahl und schließlich die Fortpflanzung gelingt”, fährt Mr. Eddy fort. Das Männchen schaut natürlich zudem auf ein gebärfreudiges Becken, gut durchblutete Lippen – euer Lippenstift leistet da hervorragende Dienste – und große Brüste, die den Nachwuchs mit Silikon säugen können.” Grinsend imitiert er das Saugen an einer riesigen Brust.

“Das Weibchen wiederum achtet darauf, dass sie da ein wahlweise muskulöses, charismatisches, dominantes, mächtiges Alpha-Tier vor sich hat. Oder… “ – jetzt werden seine Blicke mitleidig bis verächtlich – „…doch wenigstens ein anständiges Omega-Tierchen, das zwar gegen die anderen Männchen keine Chance hat, aber sich kümmert und fürsorglich ist. Deshalb verdingen sich die männlichen Jungtiere in der Weltgeschichte, lichten sich auf Instagram in Schluchten und Felswänden ab, blasen ihre Muskeln auf. Sie treiben ihre Karriere voran, machen mit Bohai auf sich aufmerksam, lieben die Macht und nehmen Entbehrung auf sich. Sie machen spektakuläre Erfindungen und berauschen die Kultur-Konsumenten mit hinreißenden Opern und Romanen, und das oft in jungen Jahren Anfang der Zwanziger auf ihrem Leistungsgipfel.”

Natürliche Pickup-Artistinnen …

Mit vor lauter Koketterie zur Fratze verzogenen Gesichtszügen setzt er süßlich fort: “Und wenn das Pavian-Weibchen dann recht beeindruckt ist, und es als Zeichen des Einverständnisses seinen rot-geschwollenen Pavian-Hintern hebt, dann möchte ich das Männchen sehen, das dann lang überlegt!

Hach, die Weibchen, sie haben uns Männer schon in der Hand – wenn da die physische Überlegenheit nicht wäre. Die Unterdrückung der Frauen ist ja keine Erfindung des Patriarchats. Schau sie dir an, die Affen – oder die Pinguine, wenn Dir das lieber ist: Harems, Prostitution, Vergewaltigung, Frauenraub – die schlechtesten Eigenschaften des Menschen sind da bereits in vollster Blüte.

Umso mehr, muss ich freimütig zugeben, hab ich riesengroßen Respekt vor den dominanten Kratzbürsten, auch wenn ich lieber die hilfsbedürftigen Häschen mag. Im letzten Jahrhundert haben die Frauen das geschafft, was in den 100.000 Jahren zuvor nie erreicht wurde. Sie haben sich durchgesetzt und daran erinnert, dass der Fluss zwar in eine Richtung fließt. Der Kanu-Fahrer darin aber durchaus gegen die Strömung anpaddeln kann, wenn die Technik stimmt. Sie haben’s geschafft, die Kratzbürsten!

… und ihr (jämmerliches?) männliches Pendant

Wenn die Damen aber tief in sich reinhören – ich weiß, das gefällt ihnen nicht – dann können sie noch so oft beschwören, dass sie den staubsaugenden abwaschenden Softie dem Macho vorziehen. Die Realität zeigt halt in vielen Fällen doch etwas ganz anderes. Wehe wenn der richtige Zampano daherkommt, der gleichermaßen zuhört und dominant ist, charmant ist und sich andererseits rar macht, weil er da ja noch die Welt retten muss. Wenn sich die Welt um sie dreht, dann doch nicht und dann doch wieder. Dann schmelzen sie dahin, auch wenn sie’s so vielleicht nicht zugeben würden.”

“Und schau Dir ihre geschmückten Höhlen an! Sehen sie nicht wie ein Hort des Wohlbehaltenseins aus im Vergleich zu deiner kärglichen Behausung? Sie laden dich ein Rast zu machen. Sie laden dich ein, Kinder in die Welt zu setzen. Zum Bleiben laden sie dich ein. Sie lassen deine wilden Ideale verblassen und tauschen sie ein gegen einen Schutzraum der Geborgenheit.

Fortsetzung: Coitus Interruptus