Exkurse: Freiheit der Wissenschaft, Drohnen
Plot: Kati und Hugo irren im Trakt der Seminarräume herum und "werden begrüßt"


Vorspann

Während Kati, von ihrem eigenen Vortrag appetitlos geworden, dankend ablehnt, reiße ich die Zellstoff-Verpackung auf und genieße es, wie die Kirsche zwischen den Zähnen zerbirst und dabei ihr leicht säuerliches Aroma freigibt. Mein Functional Food hat nur zwei Funktionen: mich glücklich und satt zu machen. Während ich mampfe und die Eindrücke von diesem eigentümlichen Raum genieße, hat Kati ihre Miniaturdrohne mit hochauflösender 3D-Kamera enthüllt und lässt sie in den bereits explorierten Bereichen Aufnahmen machen, die sie sofort in ihrer Datenbrille sichtet.

Nach etwa zehn Minuten winkt mir Kati von einem der rechten Ausgänge aus zu: “Komm hier rüber! Wir müssen in den Hörsaal!”

Verlaufen

Kati und ich stehen mitten im Gewirr der Gänge, Quergänge und Seminarräume und verlieren bereits nach dem Öffnen der dritten Tür die Lust. Überall das gleiche Bild: Reste von Stühlen und Tischen, ein Whiteboard und der gleiche grün-gemusterte strapazierfähige Teppich-Belag. Im Gegensatz zur visuellen Öde rumort es aber immer noch in meinem Oberstübchen, kognitive Kopfschmerzen gewissermaßen. Die bekomme ich üblicherweise von losen logischen Enden und von klaffenden Interpolationslücken.

“Sag mal”, wende ich mich Kati zu, “das reicht doch aber noch nicht als Erklärung aus?! Warum steht dieses Gebäude immer noch leer und warum sind wir gerade nicht von herumwuselnden Studenten umgeben?” “Wenn es die heute noch gäbe”, füge ich gedanklich hinzu.

Mit dem schönsten schnippischen Grinsen fliegt mir entgegen:”Also für Deinen nach einem Schokoriegel gierenden Bauch waren es vorhin schon mehr als genug Informationen.” Als ich zumindest den Versuch eines Hundeblicks wage, ändert sich die Tonlage aber schnell. “Ok, ok, ich will mich ja nicht betteln lassen. Du hast natürlich recht. Aaalso.” Kati holt tief Luft: “Wir erinnern uns, das Lehrpersonal wurde von Lestén abgezogen. Was blieb, waren Studenten, die durch die Ereignisse alarmiert waren und die keine akute aktuelle Beschäftigung hatten.

Cui bono?

Ein kleiner Teil von ihnen blieb tatsächlich an der Uni und versuchte zu verstehen, was eigentlich geschehen war. Eine Gruppierung gründete sich, die sich dann auch schnell Zugang zu den elektronisch gespeicherten Studenten-Profilen verschaffte. Ein paar Jungs und Mädels von “LeakFormation”, in etwa das, was Großeltern noch als Wikileaks kannten, halfen dabei. Mit diesen nicht ganz für die Öffentlichkeit zugänglichen Daten ging sie los, die Suche nach Antworten auf einen Berg von Fragen:

  • Wer hat eigentlich einen Vorteil von dieser oder jener methodisch sehr schlecht durchgeführten Studie? So unlauter die Methodik, so  eindeutig zeigt das Ergebnis den Nutzen eines Lestén-Produktes, komisch.
  • Warum lernen wir so viel darüber, wie man hochwertige Zutaten in Lebensmitteln durch minderwertige ersetzt?
  • Wie kommt es, dass ausgerechnet Lestén-Lehrstühle dafür verantwortlich sind, dass teils sehr konstruierte Argumente gefunden werden, um Schadstoffgrenzen in Lebensmitteln nach oben zu korrigieren?
  • Hat es einen tieferen Grund, warum Ernährungswissenschaftlern bei jeder Gelegenheit eingeimpft wird, dass nicht schlechte Ernährung, sondern zu wenig Sport zu Übergewicht führen?

Auf eine Serie von zunächst noch vagen Blog-Artikeln folgten weitere, die immer mehr Fakten liefern konnten, bis schließlich offen vor allen Interessierten lag, was man vielleicht heimlich längst vermutet hatte: der Konzern hat gemäß seines Auftrags zur Gewinnmaximierung keine universitäre Möglichkeit ausgelassen, um möglichst umfassend die wissenschaftliche und öffentliche Meinung in eine ihm genehme Richtung zu biegen, einflussreiches Personal besonders gut finanziell zu polstern und durch Studien und Gutachten direkt oder indirekt die Politik auf die gewünschte Weise zu beeinflussen. Auch ganze Studentengenerationen sollten “gestählt” von Lestén-Food und gerüstet mit einer Sicht auf Ernährung und Industrie, die so industriefreundlich wie nur möglich sein sollte, als Multiplikatoren in die Gesellschaft entlassen werden.

Die Bildungsrevolution

Während die Studenten nach kurzem Kopfschütteln weiterzogen, trommelten nicht nur deutschlandweit Experten und Lehrkräfte für ein so genanntes Bildungsmanifest, dessen Hauptanliegen es war, die Freiheit der Wissenschaft wieder restlos herzustellen, politische oder wirtschaftliche Einflussnahmen frühstmöglich abzuwehren und sich weniger an den beruflich ständig schwankenden Anforderungen der Wirtschaft zu orientieren, sondern der Wissbegier und der Vorliebe der Studenten vermehrt den Vorzug zu geben.

“Die Wirtschaft soll lieber ihre Steuern zahlen statt Schulen und Universitäten mit scheinheiligen Geschenken zu ködern.” Das war der zentrale Satz.

Fazit: Damals wurden die ersten drastischen Weichenstellungen vorgenommen, um das Bildungssystem auf die Art und Weise zu revolutionieren wie wir sie heute kennen.”

“Komm zum Punkt. Ich wollte wissen, warum das Gebäude heute immer noch leersteht!”, hake ich ungeduldig nach.

Pfusch am Bau

“Sagen wir es so: es gab eine Verkettung äußerst ungünstiger Umstände, die man sonst wohl einfach mit ‘Pfusch am Bau’ beschreiben würde. An zu günstig erworbenen Bauteilen und Baustoffen konnte Flüssigkeit ins Gebäude einsickern. Das wiederum begünstigte, dass sich ein Pilz rasend schnell über die Zwischendecken ausgebreitet hat. Das ist übrigens der Grund, warum wir die oberen Stockwerke nicht besichtigen dürfen.

Wer also dieses Gebäude weiter nutzen will, wird erst nochmal massiv investieren müssen. Schätzungen gehen von einer Größenordnung knapp unter den ursprünglichen Baukosten aus. Anfangs war der politische Druck zur Weiternutzung auch noch sehr hoch. Als dann aber der fünfte Politiker in der dritten Wahlperiode durch Lestén-Skandale seinen Posten verloren hatte, legte sich das Interesse allmählich. Es ist also mehr als unwahrscheinlich, dass da noch irgend etwas… hä?” Kati zieht den Kopf leicht ein, legt die Stirn in Falten und richtet ihre Pupillen nach oben.

Here’s Johnny!

Parallel dazu frage ich leise: “Psst, hast Du das auch gerade gehört?” Jetzt ist aus der entgegengesetzten Richtung ein ähnliches Geräusch zu hören, wie ein leises Wimmern. Nun auch noch ein drittes Mal aus dem Quergang, wobei, es ist eher ein Quieken oder Quietschen statt ein Wimmern.

Aus allen drei Richtungen nähert sich nun ein surrendes, leicht schleifendes Geräusch, das regelmäßig von einem “pa-dap” unterbrochen wird. “Ah, die Fugen zwischen den Teppichen!”, fällt es mir ein. Beide schauen wir ungläubig auf drei schwarze runde recht flache Scheiben, die sich mit der Geschwindigkeit von Spielzeugautos nähern. Kati kreischt, blickt hektisch um sich. Ich fasse sie am Arm, um zu verhindern, dass sie vor lauter Panik davonläuft. Ok, Korrektur, könnte sein, dass unseren beiden Mündern ein kurzer Schrei entfahren ist. Ich gebe zu, der  Umstand, dass wir uns aneinander festhalten, verhindert auf beiden Seiten panikartige Reaktionen.

Nun, da die “Staubsauger” ihre Geschwindigkeit abbremsen und sich uns langsam nähern, wird auf der Roboteroberseite eine LED-Schrift erkennbar. “Bitte bleiben Sie ruhig! Personenkontrolle!” Nach ein paar Sekunden verliere ich die Scheu und ertappe mich dabei, vorsichtige Ausweichbewegungen zu machen. Fast schon drollig, wie die Roboter meine Bewegungen clever einschränken. Als mich Kati mit den Worten “Halt doch mal still!” allerdings verärgert kneift, mache ich überrascht einen schnellen Schritt nach vorne. Mit einem “zing” fährt der Roboter, der meiner Bewegung am nächsten ist, einen Stutzen aus. Erst gedankenverloren, dann mit aufgerissenen Augen schaue ich in das, was die Mündung eines Laufs sein könnte. Mein Wissensdrang ist daraufhin augenblicklich gedämpft.

Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen!

Weil gerade noch nicht genug Betrieb ist, mischt sich nun noch ein weiteres neues Geräusch in das Elektromotoren-Gesumme der Bodentruppen. “Wow!”, denke ich, das muss eine große Drohne sein, als der Oktokopter auf Gesichtshöhe um die Ecke biegt. Mit schlafwandlerischer Sicherheit schwebt er exakt in der Mitte des Korridors auf uns zu. Der sieht nun wirklich bedrohlich aus, ganz in schwarz, mit roten montierten LEDs. Auch der schnauzenartigen Vorderaufbau lässt nichts Gutes erwarten. “Andererseits”, denke ich halb verzweifelt, “hätten sie uns schon längst irgendwie schaden können, wenn sie es darauf angelegt hätten! Ui, hat nicht ein ähnliches Modell neulich den 5000m-Hindernisflug bei den Drohnen-Weltmeisterschaften gewonnen?”

Hm, an die Berührung von Katis Oberarm könnte ich mich fast gewöhnen! Ich signalisiere ihr durch ein kurzes Ziehen, dass ich an ihrer Stelle noch vorsichtig wäre mit unbedachten Bewegungen. Ein kurzer Blick zu ihr rüber zeigt mir aber, dass hektische Bewegungen so ziemlich das letzte sind, an das sie gerade denkt.

“Identifizieren Sie sich!”, tönt es in beachtlicher Sound-Qualität von der Drohne herüber.

Wer bin ich?

Ich zeige auf den QR-Code, den wir uns in der Schlaufe am Oberarm befestigt haben.

“QR-Code ungültig. Eindringlingsalarm. Identifizieren Sie sich. Dies ist ihre letzte Chance!”

Mir treten die Schweißperlen auf die Stirn. “Wird ein Personalausweis als Identifikation reichen?” stammle ich. Mit gestrecktem Arm halte ich der Drohne meinen Ausweis entgegen. Als Antwort hebt sich am vorderen Teil der Drohne, an der Schnauze gewissermaßen, die Abdeckung. Ich sage schon mal der Welt ‘Lebe wohl!’ Unter der Schnauze leuchtet etwas sehr helles. Ein Laser? Was könnte es sonst sein?

Allmählich, sich immer weiter öffnend, reflektiert die innere Abdeckung nicht mehr ganz so viel Licht. Das gefährliche Gleißen verschwindet. Kurz unterdrücke ich die Tendenz, mir an die Stirn schlagen zu wollen. Es ist einfach ein Monitor, der größtenteils weiß leuchtet, da noch nichts auf ihm dargestellt wird. Nun flimmert es kurz und ein Gesicht sowie ein Bücherregal im Hintergrund werden sichtbar. Das Gute ist: ich kenne das Gesicht sogar!

“Hassan!” rufe ich erleichtert, aber ich merke auch, wie der Groll in mir aufsteigt.

“Hey, entspannt euch! Bin ja froh, dass ihr nicht ausgerastet seid und ich kein Tränengas oder Schlimmeres habe einsetzen müssen!” Er kichert.

“Tränen- was?”, frage ich entgeistert.

Just A Flesh Wound

“Ruhig, Brauner! Ihr sendet das Funksignal, tragt den QR-Code und ich hab euch ohnehin im Visier, seit ihr auf dem Unigelände seid. Keine Gefahr also. Wenn ihr jetzt aber irgend welche unangemeldete Störenfriede wärt, dann müsste ich schon andere Seiten aufziehen. Zu diesem Zweck gibt es mehr als 50 von diesen Boden-Robotern und 10 von den Drohnen, die ihr gerade seht. Die Staubsauger würden z.B. im Falle eines Fluchtversuchs ihre Ziele erst mal durch Farbkugeln markieren. Zielhilfe für die andern und spätere Identifikation und so. Dann käme bei ausreichender Nähe Tränengas dran. Für den größten “Notfall” hingegen gibt es  noch das, was unsere amerikanischen Freunde einst als “Taser” bezeichneten.”

“Und das dürft ihr?”

“Klar, Privatbesitz. Wir dürfen angemessen auf alle Aktionen reagieren, um Trophäen-Räuber zu stoppen. Ziel ist es vor allem, den Täter festzuhalten und einer Verhaftung durch die Polizei zuzuführen”, antwortet Hassan geübt.

“Und wer steuert das alles? Das bist aber nicht nur Du in… “

“Doch, das bin nur ich oder die Kollegen aus den anderen Schichten – ein Großteil der Programme läuft automatisiert. Dauert im Zweifel auch viel zu lange, bis wir reagieren. Nur die erneute Verwendung des Tasers müssen wir freigeben. So, sofern ihr jetzt aber noch die zwei begehbaren Hörsäle sehen wollt, dann macht hinne! Ihr habt noch etwa für eine Stunde fototaugliches Tageslicht!” Die Drohne dreht sich leicht in Katis Richtung: “Was ist denn mit Deiner Hand passiert?”

“Das ist nur ne Fleischwunde!”, antwortet Kati actionfilmreif.

“Sobald ihr später aus dem Lagerraum draußen seid, schick ich euch ne Sanitätsdrohne vorbei! Wenn ihr mögt, lauft mir hinterher, ich bring euch zu den altehrwürdigen Hörsälen.”

Fortsetzung folgt:

Im Hörsaal – Entwicklungsaufgaben XII