Plot: Kati beschreibt, wie es zur Stilllegung der Uni kommen konnte.
Exkurse: Datenschutz und Functional Food


Vorspann

In Szene gesetzt wird diese in sich gebrochen asymetrische und doch harmonische Innenarchitektur durch die riesige heute von trägen hellgrauen Lichtfäden durchdrungene Glaswand auf der Stirnseite. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das Essen hier all zu gut geschmeckt hätte – aber es hat sicherlich Spaß gemacht, sich hier drin aufzuhalten.

Gebt uns eure Daten!

Freie Marktwirtschaft, Theorie und Praxis

Ich lenke Katis Aufmerksamkeit auf die zahlreichen großformatigen Poster, die gleichermaßen der Werbung und der Raumdekoration dienen. Betört betrachten wir die dezent-bunte Optik. Aber es sind nicht etwa  Speisen und Getränke, die auf diesen großformatigen Segeln, Raumteilern und Wandbehängen angepriesen werden. Stattdessen wabern mir Wohlfühlsätze zur Ernährung entgegen. Ich wundere mich. Kati schaut mich grinsend an und scheint, meinen Gedanken erraten zu haben:

„Stell dir vor, du hast mitten in der Pampa eine Kantine und hast vertraglich vereinbart, dass nur Du Speisen und Getränke auf dem Uni-Grundstück verkaufen darfst. Wenn du also mitten in der Wüste Wasser verkaufen darfst – wozu solltest Du Werbung für das Wasser machen? ‚Marktwirtschaft‘! ‚Freies Spiel der Kräfte‘!“

Dazu verzieht sie wieder ihr Gesicht in bekannter Manier zu einer Grimasse, die sich Berge von irgendetwas gierig in den Mund schaufelt. Schließlich mimt sie mit der Faust einen riesigen Brocken, den sie mit drastischen Gesichtszügen versucht herunterzuwürgen.

Mit einem „Jahaaaaa, ich hab’s verstaaaandeeen!“, versuche ich grinsend, ihre Selbst-Folter zu beenden. Als Kati ihre unappetitliche Pose wieder verlassen, die von der Faust hinterlassenen Speichelfäden am Mund weggewischt  und wieder Luft geholt hat, erklärt sie weiter.

Datenschutz, Theorie und Praxis

„Die Werbung hier drin ging nur darum, dass möglichst viele der Studenten und Lehrkräfte am Bonus-Programm teilnehmen.  Für alle Teilnehmer am Programm wurde an der Kasse festgehalten, was bestellt wurde und am Abgabeband ermittelt, was tatsächlich gegessen wurde und diese Daten flossen dann in die Auswertung von Lestén ein. Natürlich durften nur mit Zustimmung der Kunden deren Daten ausgewertet werden.“ Wieder hält Kati inne und schaut mich mit großen Augen an.

Eine ähnliche Falle wie zuvor vermutend, wird mein Gesicht puterrot, während ich ihren Satz nochmal revuepassieren lasse und versuche, den Fehler zu entlarven. „Moment, Zustimmung zur Auswertung?“, frage ich. „Das sieht Lestén aber so gar nicht ähnlich!“

„Das gibt ein Fleißbienchen ins Klassenbuch!“, antwortet Kati mit breitem Grinsen. „Natürlich war das Lestén völlig egal. Es war ja auch viel zu kompliziert, bei der Geschirrabgabe zu ermitteln, ob das Tablett jemandem gehört, der am Programm teilnimmt. Vor allem aber:  Warum soll ich vor dem Datenschutz zittern, wenn mein Verstoß für niemanden nachvollziehbar ist! Egal ob Zustimmung oder nicht: das Essen war nur mit der Kundenkarte bezahlbar, diese Karte war verknüpft mit dem Studenten-Konto, beim Bezahlen an der Kasse wurde ein Barcode unten am Tablett mit dem Konto verknüpft und dieser Barcode wurde bei der Abgabe natürlich wieder eingelesen – fertig ist die Informationskette!“

Gebt uns die richtig harten Daten!

„Aber wofür dann das komische Bonus-Programm?“, frage ich ratlos?
„Natürlich auf den ersten Blick für die Bewertung der Speisen und Getränke. Aber im Ernst – diese Bewertungen haben Lestén kaum interessiert. Aber man will ja als Konzern nicht auf dem Silbertablett servieren, dass man die Vorlieben schon ziemlich gut kennt.

Eigentlich kam es Lestén auf die vielen Selbstoptimierer mit ihren implantierten Gesundheitssensoren an – oder auf die etwas antiquierteren Träger von Gesundheitsuhren. Die allergrößte Zielsetzung der App war es, genau diese technischen Geräte mit der App zu verknüpfen und dadurch den über die Masse aggregierten Überblick zu bekommen, wie die Reaktion in aller härtesten Messgrößen auf das eine oder andere Gericht ausfällt.“

„Je mehr du erzählst, desto rätselhafter wird es mir: warum sollte Lestén daran interessiert sein zu wissen, wie der Blutdruck von Leuten auf ihre Kartoffelpuffer reagiert, die bereits seit Jahrzehnten von jedem im Supermarktregal gekauft werden können? Moment nein, du willst nicht sagen, dass es vor allem um neue Produkte geht, die noch nicht auf dem Markt sind? Aber nochmal: warum so viel Aufwand für neuartige Kartoffelpuffer?“

Functional Food statt Drogen

Kati triumphiert: „Functional Food! Lestén hat vermutlich am besten von allen Anbietern gemerkt, wie man die Gewinnspanne eines Drogenverkäufers locker vervielfachen kann. Nimm Mineralwasser, direkt aus der Wasserleitung, packe es in Flaschen. Verpasse dem Ganzen ein Image wie „So schmeckt der Gletscher!“ Dann verkaufe es als ‚Produkt‘!

Das geht auch mit Joghurt. Verpasse ihm nur ganz bestimmte Bakterien. Dann beharre darauf, dass diese Bakterien reinste Wunder im Darm bewirken. Ignoriere beharrlich, dass diese Bakterien das genau so gut oder schlecht wie ’normale‘ Bakterien tun. Fülle den Joghurt in besonders kleine Behälter, die du für den Preis von großen Behältern verkaufst und fertig!

Im Zweifel müssen wir noch von Glück reden wenn dieser Functional Food tatsächlich einfach nichts bewirkt. Ich esse Blutdruck senkende Leberwurst zusammen mit dem  Nerven beruhigenden Knäckebrot. Dabei beiße ich in den Spezial-Mozzarella für besseren Muskelaufbau und trinke einen Schluck Orangensaft, der besonders gut ist für die Stärkung des Immunsystems. Welcher Apotheker kann mir jetzt vorhersagen, dass sich das nicht zu einer diabolischen Wechselwirkung ergänzt? Wer legt seine Hand dafür ins Feuer, dass solche wunderbar gesundheitsfördernden Kombinationen nicht genau das Gegenteil bewirken? Krankheit, nämlich?“

„Ui, und genau um solche Nebenwirkungen abschätzen zu können, wurden genau solche Kombinationen in der Uni inkognito serviert?“, frage ich ungläubig.

Germknödelwurstgate

„Jepp, dank LeakFormation wissen wir das inzwischen. Ältere kennen die Gruppe noch als „Wikileaks“. Einer der App-Entwickler hat mehrere Festplatten voller Daten von den Uni- und Lestén-Rechnern gezogen und das Material mehreren Zeitungen zur Verfügung gestellt. Der absolute Super-GAU dabei war die so genannte „Germknödelwurstgate“. Der Name lehnt sich an den Watergate-Skandal an, der – irgendwann ganz früher mal passiert ist. Aufhänger des Skandals war ein  Germknödelgericht, das dank eines in die Hefe eingeschleusten Gens nicht mehr nur mittel-lecker schmeckte, sondern auch den Stoffwechsel ankurbelte. Zuvor gab es als Hauptgericht aber unter anderem die „Fitness-Wurst“, die gegen niedrigen Blutdruck helfen sollte.

An die hundert Fälle hatten bei dieser Kombination gefährlich hohes Pulsrasen entwickelt, aber wer denkt dabei schon an Germknödel und Wurst. Entsprechend wurde heimlich der Menüplan schnell geändert und zum Glück gab es keine schwereren Komplikationen. Schnell war wieder Gras über die Angelegenheit gewachsen.

Ertappt und beleidigt

Bis dann eben diese Enthüllung in der Zeitung stand und ein Aufschrei durch die Studentenschaft ging. Unverzüglich wurde Lestén die Konzession für den Betrieb der Kantine entzogen.

Eine Armada von Caterer-Bussen wurde vom Bezirk angemietet. Nach einer einstweiligen Verfügung durften diese dann schließlich auch auf dem Grundstück der Uni direkt vor dem Haupteingang parken. Als die Stadt die Kosten für diese Aktion gegenüber Lestén vor Gericht einzuklagen versuchte, eskalierte der Streit vollends. Lestén stellte die Bezahlung des Lehrpersonals ein und das war es dann mit der Uni.“

Hunger

„Apropos, Catering …“, merke ich erleichtert an: „Ich hab noch Schokoriegel dabei!“ Ich krame in der Tasche, werde endlich fündig und offeriere Kati meine Auswahl. „Was darf es sein? Kirsche oder Ananas?“ Wie ein Präsentator rezitiere ich den Marketing-Text: „Genießen Sie die vollendete Mischung aus schonend konservierten Früchten auf einem locker-knusprigen Eiweiß-Teig, umhüllt von knackig-aromatischer Schokolade“. Dass alles „Bio“ ist, schreiben die gar nicht mehr dazu.

Kati, von ihrem eigenen Vortrag appetitlos geworden, lehnt dankend ab. Das hindert mich aber nur für den Bruchteil einer Sekunde daran, die Zellstoff-Verpackung aufzureißen. Nach einem kurzen Zug an der Lasche liegt das Wunderwerk moderner Lebensmitteltechnik frei. Ich genieße es, wie die Kirsche zwischen den Zähnen zerbirst und dabei ihr leicht säuerliches Aroma freigibt. Mein Functional Food hat nur zwei Funktionen: mich glücklich und satt zu machen. Während ich beim Kauen die Eindrücke von diesem eigentümlichen Raum genieße, hat Kati ihre Miniaturdrohne startklar gemacht. Die hochauflösende 3D-Kamera ist  enthüllt und langsam steigt das Flugobjekt nun auf, um in den bereits explorierten Bereichen Aufnahmen machen. Zufrieden grinst Kati hinter ihrer Datenbrille.

Nach etwa zehn Minuten winkt sie mir von einem der rechten Ausgänge aus zu: „Komm hier rüber! Wir müssen in den Hörsaal!“

Fortsetzung folgt:
Unfreiheit oder Freiheit der Wissenschaft – Entwicklungsaufgaben XI