Plot: Ayodele macht sich auf den Weg zu Hugos Hobbit-Höhle im Geothermie-Hügel.
Exkurse: Künftiger Verkehr, Abstrakte Besitzer


Vorspann


Ein Wegweiser sagt mir, dass ich die Strecke schon fast hinter mich gebracht habe. Nicht viel los heute auf der eBike-Spur der Fernstraße.

Wo ist der nächste Traktor?

Dafür fährt auf der schmalen Vierrad-Spur wie immer eine endlos lange Reihe von Pods, die sich zwecks gemeinsamer Fahrtrichtung aneinandergekoppelt haben. Neben ein paar wenigen Familienkutschen und schnittigen Sportwagen sind es größtenteils Standard-Pods. Das sind einfache autonome Fahrzeuge, die man kostenlos überall in Anspruch nehmen kann,um von A nach B zu kommen. Fahrzeuge versuchen stets, sich möglichst bald an einen Traktor zu koppeln. Traktor, das ist das etwas bullige Fahrzeug samt Fahrgastkabine ganz vorne, das die Karawane zieht. Insofern könnte man eigentlich schon sagen, dass die heutigen Schnellstraßen den Zügen von damals gleichen. Gut, der Triebwagen an sich sieht eher wie ein überdimensionierter Bus aus, aber sonst? Jetzt klinkt sich gerade neben mir ein Fahrzeug aus, der Tross bremst etwas ab, um die Lücke wieder zu schließen, und schon fährt der Wagen hinter mir in die Ausfahrt.

Mir war dieses Treffen heute zu wichtig, um es virtuell durchzuführen, auch wenn dank Datenbrille inzwischen fast das Gefühl aufkommt als sitze man beieinander. Aber ganz ist es halt einfach doch nicht das Selbe.

Geothermie

Mein eBike bringt mich gerade die letzten Meter zum Geothermie-Hügel, an bzw. in dem Hugo wohnt. Während ich mir den Traum des Baumhauses verwirklicht habe, hat Hugo einen anderen Kindheitstraum, den der Hobbit-Höhle verwirklicht: auch seine Wohnung ist Teil eines D-Hauses. Dessen Kern ist – dank der vier Geolog*Innen, die das Projekt vor dreißig Jahren ins Leben gerufen haben, ein Mini-Geothermie-Hydrokreislauf.

Könnte allerdings sein, dass die meisten beim Hügel vor allem an Badespaß, Sauna und Massagen denken. Klar, wenn schon mal unbegrenzt Wärme zur Verfügung steht – warum sollte man sie nicht nutzen? Badespass, Wellness  – was passt besser zusammen als ein Erholungsbad und Geothermie?

Den Hügel gab es früher gar nicht. Die geothermische Bohrung in etwa tausend Metern Tiefe fand noch auf ebenem Boden statt. Alles begann mit einem riesigen Grundstück und einer ganzen Reihe von Tiny House-Bewohnern. Diese hatten den staatlichen Auftrag erhalten, etwas mit dem Grundstück zu unternehmen, das nachhaltigen Erholungswert hat.

Abstrakte Besitzer

Das ist heute sehr oft so, dass der Staat ein (ggf. sogar extra dafür teuer zurückgekauftes) Grundstück ein paar Tiny House-Siedlern zur Verfügung stellt – als abstrakter Besitzer, gewissermaßen. Der Staat besitzt formal das Grundstück zwar noch, aber de facto gehört es denen, die etwas Sinnvolles, Schönes, Produktives damit anstellen. Und sie dürfen dort alles tun, was sonst auch ein Grundstücksbesitzer dürfte. Nur verkaufen oder vermieten dürfen sie den Grund nicht, bzw. vermieten nur in sehr engen Grenzen.

Entweder gibt es schon zum Anfang einen grob umrissenen Auftrag (etwas zur Erholung) oder die Siedler reichen selbst Konzepte ein. Jedenfalls bekommt dann die Gruppe von Siedlern das Grundstück, die am glaubhaftesten zeigen kann, dass sie ein Konzept umsetzen wird. Oft entstehen sogar Koalitionen von Siedlergruppen. Es ist die gemeinsame Idee, die wichtig ist.

So entstand ein umfangreiches Konzept, 3D-Simulationen und Ortsbegehungen. Diese mündeten in Crowdfunding-Aktionen, zu denen auch umliegende Gemeinden, das Land und der Staat Geld zuschossen. Das war der beste Beweis für das Vertrauen und das Wohlwollen gegenüber den Siedlern und ihrem Projekt.

Was für eine Erleichterung war es in vielen Fällen, als die Defacto-Eigentümer und die Bewirtschafter und die Vorantreiber einer Unternehmung endlich wieder die gleichen Personen waren. Die Unterscheidung zwischen besitzenden Spekulanten und ihre Lebenszeit für Lohn umwandelnde Bedienstete, die von Vorgesetzten auf Kurs gehalten werden müssen, war auf Dauer kein Erfolgsmodell. Endlich galt die „just a job“-Mentalität nur noch für eine Minderheit aller Jobs.

Bottom-Up

Oft waren die „Just a job“-Jobs übrigens die, die von den Beteiligten zur Versteigerung gegeben wurden. Wie viel würdest Du geben, damit Du selbst nicht mitaushelfen musst?“ Dadurch waren diese Jobs sehr oft die am besten bezahlten. Was für ein Wandel um 180 Grad!

Über ein Jahr hin erfolgte die Bohrung. Da man rund um die Bohrstelle für die Erdwärmesonde ohnehin einige Kubikmeter Erdreich entfernen musste, hat man gleich die Gelegenheit für eine ringsum liegende riesige unterirdische Zisterne genutzt, in der sich Wasser zur weiteren Verwendung sammeln kann. Kreisrund um den Hügel herum wurden zudem in zwei konzentrischen Kreisen Pfeiler im Boden versenkt. Diese konnten ab Bodenniveau durch modular erweiterbare Säulenelemente erweitert werden. Schließlich ging es darum, die Konstruktion Schritt für Schritt in die Höhe zu treiben und Stockwerk für Stockwerk in Betrieb zu nehmen.

Dann begann der Bauabschitt, der Stück für Stück in die Höhe führte. Zunächst wurde rund um die Rohre bis in sechzig Meter Höhe ein Turm gebaut. Dieser markierte bereits den höchsten Punkt des Hügels, der in etwa zwanzig Jahren erreicht würde.

Beginnend mit Zisterne und erster Ebene wurde dann auf der einen Hälfte der erste Teil des Schwimmbads gebaut, samt Natur-Grotte im Zisternenbereich, Außenbecken (auf Bodenniveau) und Hallenbereich (Erdgeschoss-Etage). Aus aller Welt wurden Künstler eingeladen, um sich in Steinmetzarbeiten, Installationen und dem Design von Gebrauchsmöbeln zu verewigen. Manche nennen das Bad heute „eine Sagrada Familia für Wasserratten“.

Derrick

Auf der anderen Seite des Hügels entstanden komfortable gemeinsam genutzte Einrichtungen für die inzwischen weit über fünfzig Tiny Houses mit teils permanenter, teils temporärer Belegung. Ist ja schön und gut, wenn man noch Baupläne für die nächsten zwanzig Jahre hat. Das soll einen aber ja nicht daran hindern, gut zu leben.

Kreissektor für Kreissektor hat man das Konstrukt mit großzügigen Räumen versehen und die Zwischenwände mit alten Autoreifen und Erde ausgefüllt. Im Innersten enden alle Abschnitte am zentralen Bohrturm. Von dort aus erfolgt die Versorgung mit Wärme, Wasser und Energie. Zudem gibt es dort den Notausstieg in einen Treppen-Korridor, den man schließlich oberirdisch verlassen kann.

Jetzt, viele Jahre nach Fertigstellung schlängeln sich an der einen Seite Rutschbahn, Saunen, Whirlpools und Massage-Einrichtungen empor bis zum Café am Gipfel.
Auf der anderen Seite sind in den unteren Stockwerken Arbeitsräume, Werkstätten und Labore, während die oberen Stockwerke von Wohn-, Versammlungs-, Unterrichts- und Proberäumen geprägt sind. Am Gipfel des Hügels schließlich ist auf zwei Etagen das doppeldeutige Café „Derrick“ .

Selbstredend ist der größte Teil des Hügels begrünt. Der schmale Zickzack-Weg nach oben ist gesäumt von Gärten, Terrassen mit umwucherten Tiny Houses und den dekorativen Eingängen zu den „Hobbit-Höhlen, wie sie im Volksmund heißen.

Berg-Etappe

Auf meinem Weg zum Gipfel bleibt mir nichts anderes übrig, als um mehrere Touristengruppen herum Slalom zu fahren. Aber statt mich zu ärgern, schmunzle ich: früher waren es vor allem die staatlichen Bauten, die mit Protz und Pomp Touristen anziehen sollten – und dabei oft zu Milliardengräbern wurden. Heute sind es oft die baulichen Projekte von Gruppen von Privatpersonen – nicht Investoren, die durch ihren Ideenreichtum und/oder ihr ungewöhnliches Äußeres zu einem Touristenmagneten werden. Die staatlichen Gebäude tun sich dagegen oft durch ihre Schlichtheit hervor.

Ebene für Ebene erklimme ich mit dem Rad den Hügel , vorbei an wilden und geordneteren Anpflanzungen, Bänken und einem kleinen Wasserlauf, der vermutlich aus der Zisterne gespeist wird. Dazwischen immer wieder bunte Haustüren, meist Spezialanfertigungen, manche davon im runden Hobbit-Format. Trotz des grauen Wetters und des kalten Sprühregens verbreitet der Ort etwas Heimeliges, was nicht zuletzt auch an den großen, teil erleuchteten halbrunden Fenstern liegen könnte, vor denen in schweren Blumenkästen  Chili, Basillikum und Schnittlauch wuchern.

Im Cockpit

Am Gipfel angekommen, sichere ich mein Rad und bahne mir den Weg durch die Tische, an denen um diese Zeit vor allem Touristengruppen sitzen. Aus der sich nun öffnenden Tür mit dem großen Derrick-Schild darüber dringen angenehme Café-Geräusche. Ich lasse eine halb auf englisch halb auf deutsch debattierende Besuchergruppe hinter mir  und betrete den Raum – das Cockpit, wie es scherzhaft auch genannt wird.

Lange Zeit war der oberste Stock hier, die Steuereinheit für die Wärmesonde, sowie die Wärmetauscher, die Therme und das kleine Dampfkraftwerk in einem hässlichen Betriebsraum untergebracht. Erst vor zwei Jahren hat eine Arbeitsgruppe den Thekenbereich gleichermaßen zur Schaltzentrale gemacht und alle Komponenten möglichst gut sichtbar hinter Glas zur Schau gestellt. Dies wiederum führt dazu, dass als zusätzliche Einnahmequelle vor allem vormittags Besuchergruppen durch die Kuppel geführt werden, um den Menschen die Nutzungsmöglichkeiten der Geothermie näher zu bringen. Abends dagegen wird die futuristische Optik zusätzlich durch gekonnte Illumination unterstützt.

Hugo

Warum ist es hier eigentlich so voll? Auf der Wendeltreppe nach unten wird der zunächst noch relativ leise gleichförmige betriebsame Klangteppich lauter und löst sich in das Gewirr hunderter Stimmen auf. Zum Glück kann die Audio-Komponente der Datenbrillen das leisten, was sonst aufwändige Trennwände hätten bewerkstelligen müssen: über Blickbewegungen „Vordergrund-Personen“ von „Hintergrund-Personen“ unterscheiden und entsprechend auch die Geräusche in Hinter- und Vordergrund aufteilen.

Noch während ich mir oben auf der Treppe versuche, einen Überblick über den Raum zu verschaffen, sehe ich Hugo und seine Freunde bzw. Projektpartner an einem der hinteren Tische in Richtung „Mitte des Hügels“ sitzen. IT’ler! Schön in der Höhle verkriechen! Wer braucht schon die großen Panorama-Fenster mit Blick auf den Garten und die umliegende im grauen Herbstnebel liegende Landschaft!

Auch Hugo hat mich bereits erspäht und kämpft sich vorbei an Tischen, Stühlen, Whiteboards und Pinnwänden zu mir durch, nicht ohne mir aus einigen Metern grinsend ein „So pünktlich heute?“ zur Begrüßung hinzuwerfen. Eigentlich bin ich selbst überrascht, dass ich es mit nur fünf Minuten Verspätung geschafft hab. Aber statt darauf einzugehen, frage ich nur mit gespielter Besorgnis: „Ja, hat gut geklappt. Wie ist’s bei Dir? Hast du unsere Earthship-Session gestern noch gut verkraftet, alter Mörder? Wie hieß Dein Opfer noch gleich? Dick… Dick… Lorent?“

„Danke, geht so. Der Schädel brummt mir schon noch ein bisschen. Aber es wird gehen. Und…“ Hugo zischt jetzt mehr als zu sprechen: „Nichts zu Kati oder irgend jemanden, was den gestrigen Abend betrifft! Kann ich auf Dich zählen?“
„Selbstredend, ist doch Ehrensache!“, antworte ich lachend. Kurz schaut er mich noch prüfend an und zieht mich mit einem „Komm!“ dann in Richtung Hügelmitte, wo die anderen Workshop-Teilnehmer sitzen.

Fortsetzung folgt (Wegen der aktuellen Überarbeitung der Geschichte ist die Erzählung hier temporär unterbrochen)