Hinab

Wo bin ich?

„Oh, Sie sehen ja übel zermartert aus!“ höre ich, als ich die Augen aufschlage.
Ich liege auf einem Hotelbett, in voller Montur, die Füße samt Schuhen über das Fuß-Ende baumelnd, neben mir die adrette Dame vom Empfang, die mich voller Sorge betrachtet.

„Ist halb so schlimm!“, stammle ich und bin schon wieder so gut wie auf den Beinen. „Wie bin ich hier hergekommen?“ frage ich verunsichert. „Wo ist…“ ich greife hinab an meine leeren Hosentaschen, in denen sich Tabak, Geldbeutel und sonst allerlei Wichtiges befand. Die Rezeptionistin zeigt wortlos aufs Bettkästchen und ich atme erleichtert auf.
Allmählich weicht die Sorge aus ihren Gesichtszügen. „Der Gentleman, auf den Sie eigentlich warten wollten, ist leider noch nicht in Erscheinung getreten, aber vielleicht haben Sie ja stattdessen Lust auf eine Erkundungstour?“
Verschwörerisch beugt sie sich mit einem diabolischen Lächeln leicht in meine Richtung und zischelt hinter vorgehaltener Hand:

„Ich würde Sie ja als einen eher experimentierfreudigen Zeitgenossen einschätzen… sind Sie offen für…” Sie wird noch leiser.  “Drogen? Nein, ich meine kein normales Zeug aus irgend einer Marihuana-Plantage oder einem Chemie-Labor.”

Bevor ich – ob der raschen Wendung noch perplex – etwas stammeln kann, zischelt sie bereits weiter: „Wusste ich es doch, dass Sie für eine neue Erfahrung fast alles zu geben bereit wären!“

Keine Zeit für Schonung

Sie wendet sich der Tür zu, auf der wie in allen Hotelzimmern eine Plakette mit den klassischen Regeln bei Feueralarm prangt. Mir die Tür aufhaltend macht sie eine einladende Geste. Nach einer gefühlten Unendlichkeit habe ich endlich meine sieben Sachen zusammengetragen und in den Hosentaschen verstaut. Nun laufen wir endlich wie vorhin(?), gestern (?), egal(!), nebeneinander auf dem Flur. Mich überrascht die grässliche lindgrün-blau getupfte Tapete. War die vorher auch schon da?

Nach einigen Schritten schiebt sie eine auf dem Teppich stehende große Vase mit einer mir unbekannten exotisch anmutenden Grünpflanze beiseite. Erst jetzt erkenne ich die dahinter unauffällig in der Wand eingelassene niedrige Dienstboten-Tür. Die gruselige Farb-Kombination der Tapete setzt sich auf ihr nahtlos fort. Wie in einem alten englischen Krimi öffnet die Rezeptionistin die Tür mit viel zu lautem Knarzen und wir landen schließlich in einer Art steinernem Treppen-Turm. Heißt es eigentlich auch Turm, wenn es nach unten führt? Eine Wendeltreppe aus grobem Sandstein schlängelt sich hinab einem unbekannten Grund entgegen. Umdrehung für Umdrehung winden wir uns in die Tiefe und für einen kurzen Moment meine ich, dass mein Schwindel wieder erwacht, der mich noch vor kurzem in die Knie zwang.

Allmählich wird die Luft feuchter und modriger. Die Treppenstufen verfärben sich schrittweise vom sandsteinernen gelb in ein modriges Grün. Das helle auf dem Stein reibende Geräusch unserer Schuhsohlen hallt zunächst noch die inzwischen zurückgelegten etwa 50 Meter hinauf. Aber je weiter wir nach unten kommen, macht der grüne Belag die Treppen zunehmend geräuschloser.

Vorbereitet

Schließlich bleibt meine Fremdenführerin unvermittelt stehen. Sie kramt aus einem Handtäschchen, das mir vorher gar nicht aufgefallen war, zu meinem Erstaunen einen vollwertigen Laborkittel und legt diesen mit ein paar behänden Bewegungen an. Des Weiteren kramt sie einen Mundschutz heraus. „Es ist nicht gefährlich, keine Angst, aber wenn ich noch etwas weniger ausstehen kann als enge Wendeltreppen, dann ist es grüner, moderiger Glitsch!“
Die Luft hat bei aller Feuchte etwas angenehm Torfiges. Der Geruch versetzt mich in der Erinnerung für kurze Zeit in einen Wald, wo ich mich erschöpft auf ein Moosbett fallen ließ. Meine Großeltern versuchten daraufhin mit allen Überredungskünsten, mich von diesem weichen Bett wieder in die Höhe zu bekommen. Wir hatten noch einen weiten Gebirgsweg vor uns. Das Bild zerplatzt. Was mich auch immer als nächstes an diesem kuriosen Ort erwarten wird, ich will es mit allen Sinnen auskosten!

Wenige Schritte weiter endet der steinerne Treppenschacht. Durch einen halb spitz zulaufenden Gewölbe-Bogen treten wir hinab in eine von Moos und Flechten überwucherte Halle, wie ich sie sonst nur aus Fantasy-Rollenspielen kenne.

Tolkiens Welten

Schon wieder ein Netz! Die leicht gewölbte Decke wird bis in den letzten Winkel von einem fluoreszierenden Etwas besiedelt. Vermutlich wird es sich um so etwas wie eine Bakterien- oder Pilz-Kolonie handeln. Die schwach leuchtenden Lebewesen tauchen den Raum in ein gleichmäßiges angenehmes weiches bläuliches Licht. Das optische Spektakel gleicht einem riesigen UBahn-Plan, in dem üppige Ansammlungen ausfasern zu dünnen Ästen, die wiederum Verbindungen zu weiteren Anhäufungen herstellen. So in etwa muss Europa nachts von der Internationalen Raumstation aussehen – nur in gelb/orange statt türkis.

Plipp, plopp, zitsch. Mit einem unvorhersehbaren Rhythmus, der an die Musik eines ins Taumeln geratenen Perkussionisten am Marimbaphon erinnert, schlagen mal größere, mal kleinere Tropfen Kondenswasser von überall auf dem unterschiedlich beschaffenen Untergrund auf. Mal treffen die Tropfen tiefere, mal seichtere Pfützen, mal blanken Stein. Manchmal prallen sie mit sattem Spritzen auf die ausladenden Blätter der Pflanzen, die hier unten in kleinen Gruppen wuchern.

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

Zielsicher begibt sich die Rezeptionistin in die Mitte des Raumes, die Pfützen mit ihren hohen Schuhen schlafwandlerisch umdribbelnd. Erschreckend professionell sieht sie aus, ausgerüstet mit Kittel, Mundschutz und Handschuhen und einem Instrument, das einem Löffel ähnelt. Sie ist leicht nach vorne gebeugt. In den Augen blitzt der Jagdeifer. Die Gesichtszüge sind angespannt während sie behände herumtänzelt. Als Ausdruck ihrer Konzentration reibt sie den linken Daumen und Zeigefinger aneinander, als verteile sie auf dem Boden ein unsichtbares Salz.
Zielsicher nähert sie sich nun mit der rechten Hand einem Schlickhaufen, setzt mit dem Instrument an und gurrt ein befriedigtes „Hab ich euch!“. Mit triumphalem Lächeln kehrt sie zu mir zurück, der ich noch immer wortlos beobachtend am Eingang stehe.

„Na los, machen Sie Ihre Hand auf, ja, flach, so ist es gut!“
Nun sehe ich, dass ihre Gerätschaft keinesfalls ein Löffel, sondern ein zu einer großen Öse geformter, riffeliger Metallring ist, dessen metallene Enden miteinander verdrillt um einen hölzernen Griff herumgewickelt sind. An dieser Öse kleben zahlreiche winzige orange Pünktchen, die sie nun vorsichtig auf der Fläche meiner Innenhand ausstreicht.

Der Ritus beginnt

„So, dann wollen wir mal Phase 1 einläuten!“ Mit diesen Worten kramt sie ein kleines Spray hervor, das sie auf meine Handfläche sprüht.
Vor meinen staunenden Augen beginnen die kleinen Punkte größer zu werden, sich einzuschnüren und sich zu teilen, begleitet von einem Geruch, der ein bisschen an faule Eier erinnert. Das Rümpfen meiner Nase scheint nicht verborgen geblieben zu sein. „Ist es nicht niedlich, wie die kleinen pupsen, wenn sie am verstoffwechseln sind?!“
Ich nicke zögernd, während im Handumdrehen – bloß jetzt nicht die Hand umdrehen – die Anzahl der, der… ja, was war das eigentlich, exponentiell ins Kraut schießt.

„Dies ist eine Spezies der Gattung Dictyostelium, aber beobachten Sie selbst! Ich hab Ihnen eine Nährlösung, hauptsächlich auf Zuckerbasis aufgesprüht. Nun, wollen wir Phase 2 mal ein bisschen beschleunigen! Ich appliziere Ihnen mal ein Tröpfchen eines bestimmten Duftstoffes in die Mitte der Hand. Moooment!“ Ich  muss an Loriot denken und grinse.
Nun zieht sie ein kleines Fläschchen aus der Tasche ihres Kittels, in dessen Deckel eine nach innen ragende kleine Pipette verankert ist. Vorsichtig zieht sie eine geringe Menge Flüssigkeit auf und tropft sie in die Mitte meiner Handfläche.

Begegnung der dritten Art

Mit einer fast unmerklichen Bewegung ziehen sich die orangen Pünktchen nun in die Mitte der Handfläche zusammen. Sie formen dort einen zunächst flachen, dann steiler werdenden Hügel, an dessen Fuß auch die letzten Zellen, die auf der Handfläche verteilt waren, sternförmig zusammenlaufen.
Aus der Spitze des Hügels schiebt sich nun langsam ein schlanker Stil empor, stabilisiert sich in einer sanft geschwungenen Bogenform und verdichtet sich an der Spitze zu einer kapselartigen Struktur. Etwa vier Windungen später hört das Wachstum in die Höhe auf. Die im Inneren des Stils anscheinend weiter nach oben wandernden Zellen lassen die Knolle dicker und dicker werden.
Das zunehmende Gewicht federt leicht auf dem gebogenen Unterbau. Ich spüre, wie sich der breite Fuß an manchen Stellen leicht von der Handfläche löst und sich nun tatsächlich langsam in Richtung meines Handgelenks bewegt, den nun schwer gewordenen Kapsel-Torso über sich.

Als dieses Wesen von einem anderen Stern auf meinem Handgelenk angekommen ist, hebe ich es noch näher zu meinem Gesicht heran, um genauer beobachten zu können, was da vor sich geht. Aus der Kapsel vernehme ich ein Knacken. Als ich mich gerade fragend an meine Begleiterin wenden will, was das nun alles mit den Drogen auf sich hätte, platzt die Kapsel. Der Deckel wird aus seiner Verankerung gesprengt und mein Kopf befindet sich in der Mitte einer Wolke von Millionen im türkisen Licht silbern schimmernder Sporen.
Viel zu spät merke ich, dass es vielleicht keine all zu gute Idee war, just in diesem Moment einzuatmen. Und während ich gleichzeitig einen süßlich mandeligen Geschmack auf meiner Zunge verspüre, versucht meine Lunge, sich durch einen hochkriechenden Hustenreiz von den Eindringlingen zu befreien.

Have a wonderful time!

Vor meinen Augen beginnt es regenbbogenfarben zu schillern. Meine Knie werden weich und während ich nach hinten taumle und falle, spüre ich die meinen Fall etwas bremsenden stützenden Hände der Rezeptionistin. Nachdem ich etwas Sandsack-ähnlich auf dem Boden aufgesessen bin, haucht sie mir mit dämonischem Lächeln ein „have a wonderful time“ ins Ohr.

Fortsetzung: Hypodingsbums