Ikigai? Noch nie gehört? Ich auch bis vor kurzem nicht. Es gibt „Neuigkeiten“, bei denen ist es eigentlich schade, dass sie als Neuigkeiten gelten. Ikigai (ei-ki-gä-ai ausgesprochen) ist so eine.

Was ist Ikigai?

Das was auf Deutsch so schwerfällig, vielleicht sogar düster mit „Sinn des Lebens“ beschrieben wird, ist in Japan ein tief in der Kultur verwurzeltes Konzept, das als die Suche und als das Finden von etwas beschrieben werden könnte, wofür es sich zu leben lohnt.

Vom Verstand her aufgezäumt bedeutet Ikigai: Was mache ich gikigaierne? Worin bin ich gut? Auf welche Weise kann ich mein Leben damit bestreiten? Und die Menschen um mich herum, die Natur, haben die auch etwas davon?

Vom Gefühl her aufgezäumt geht es eher um die folgenden Fragen: Was macht es mir leicht aufzustehen? Wann vergeht die Woche wie im Fluge? Was sind die Dinge, die mir auf dem Sterbebett wichtig sein werden?

Gruppe versus Individuum

Spannend zu sehen, dass in Japan die Streitlinien im gesellschaftlichen Diskurs entlang der Frage gehen, ob das Ikigai eher aus der Perspektive der Selbstverwirklichung heraus gesehen werden sollte oder ob es eher darum geht, was die Gruppe braucht. Das ist letztlich auch ein gesellschaftlicher Streit zwischen dem für Japan eher neueren westlichen Individualismus und dem traditionellen Kollektivismus. Es geht da um nicht weniger als um die Frage: „Bin ich selbst verantwortlich zu artikulieren, dass mir etwas fehlt oder schaue ich in erster Linie, ob den anderen in der Gruppe etwas fehlt und diese wiederum haben die Aufgabe, nach meinem Wohl zu sehen.

Nun mag da Japan eine ganz andere kulturelle Historie beschäftigen als uns in Europa. Aber wenn zumindest wir uns kurz  vorstellen, die Erde sei ein kleines mittelalterliches Dorf, dann ist die Antwort auf die Frage „Gruppe oder Selbstverwirklichung“ vermutlich recht einfach zu treffen:
Hilf erst mal mit, dass unser Überleben gesichert ist, das Getreide wächst und es dem Vieh gut geht und wenn da alles gut ist, dann kannst du dich ruhig um Musik oder Schreiben oder die Natur draußen kümmern!“

Und schon sind wir bei der spannenden Frage, ob der Beruf jetzt eher der Pflicht („Überleben sichern“) oder der Kür (Musik, Schreiben, Natur, …) entspricht. Oder vielleicht sogar beides?

Beruf und Ikigai

Kann eine Supermarkt-Verkäuferin in ihrer Tätigkeit „Ikigai“ empfinden? Hört man Vertretern der liberalen und konservativen Parteien zu, dann könnte man zu diesem Eindruck gelangen. Erstaunlich allerdings, dass unter ihnen so wenige ehemalige Supermarkt-Verkäufer*innen sind.

Vermutlich werden sich drei Arten von Berufen oder Aufgaben finden lassen:

  • solche, die beim besten Willen nur in den seltensten Fällen ein „Ikigai“-Gefühl liefern können.
  • solche, die es bei manchen tun und bei anderen nicht. Facility-Manager in einem Neubau zu sein ist wahrscheinlich ein komplett anderes Gefühl im Vergleich zu einer Tätigkeit als Hausmeister in der Semperoper.
  • solche , bei denen „Ikigai“ eigentlich eine Einstellungsvoraussetzung ist. Wer will schon eine/n Kindergärtner*in, der/die nur das Geld braucht.
Sag mir ob du dich Ikigai fühlst und ich sag dir, wie ich dich entlohne

Vermutlich steckt in den am schlechtesten bezahlten Jobs auch am wenigsten Ikigai. Raumpfleger, Küchenhelfer, Service-Kraft. Und just dieser Schicht fehlt dann schlichtweg die Zeit und Energie, um ggf. überhaupt zu entdecken, wo das Ikigai liegen könnte.

Überlegen wir kurz, was ein Bedingungsloses Grundeinkommen hier bewirken könnte. Menschen könnten sich zum ersten Mal bewusst entscheiden, ob sie diesen Job für den gebotenen Betrag tatsächlich tun wollen. Die Konsequenzen könnten dramatisch sein – zurecht!
Am Ende stünden geringere Arbeitszeiten zu einer besseren Bezahlung – und zusätzliche Impulse solche Arbeit weitgehend zu automatisieren. Toll, solange ein Teil der Einsparungen durch die Automatisierung wieder im Topf für das Bedingungslose Grundeinkommen landet.

Umgekehrt könnte es selbstverständlich sein, dass bei einem Job mit hohem Ikigai auch das Gehalt gedeckelt ist. Nur weil jemand sehr hohe Budget-Verantwortung hat, heißt das ja noch lange nicht, dass er auch Millionär sein muss.
Auch das wäre vermutlich revolutionär, bedeutet es doch, die öffentliche Reputation weitgehend vom Gehalt zu entkoppeln. Kann sein, dass die Präsident*in einer Uni „nur“ 5000 Euro monatlich verdient. Sie kann aber doch gesellschaftlich trotzdem höchstes Ansehen genießen? Gerade auch deshalb vielleicht!
Aber klappt das auch in der Privatwirtschaft? Es wäre einen Versuch wert. Ist es in einer IT-Firma wirklich die Geschäftsführung, die das Gros der Gewinne einstreichen sollte? Sind es die heroischen Entscheidungen der Vorgesetzten, die die Firma erfolgreich machen? Oder sind es die tausende Ideen der empowerten und daher Ikigai empfindenden Mitarbeiter?

Sag mir ob du dich Ikigai fühlst und ich sag dir, wie viel Verantwortung ich Dir gebe

Nehmen wir eine Partei. Von den Mitgliedern, die – wenn auch ehrenamtlich – in Parlamente gewählt sind, erwarte ich Igikai. Von den Vorsitzenden sowieso. Aber von den Reinigungskräften? Und wie sieht es mit den Sekretär*innen aus? Bei letzteren nur dann, wenn ihr Ikigai darin besteht, durch tadellose Büro-Organisation alle Abläufe so geschmeidig wie möglich zu machen. Sollte sie anfangen parteipolitisches Ikigai zu empfinden, dann liefe wohl etwas verkehrt, oder?
Lässt sich eine solche Aufteilung nicht vielleicht sogar bei Wirtschaftsunternehmen vornehmen. Ist es nicht vor allem der seltsame „Zeitgeist“, der am liebsten aus allen Mitarbeitern Igikai-Mitarbeiter machen will und es selten schafft? Liegt es vielleicht daran, dass es affig wirkt, wenn Konzerne ihre Mitarbeiter als hysterische Tanz-Äffchen auf die Motivationsbühne schicken?

Zumal noch ein anderer Aspekt eine Rolle spielt: vielleicht bezieht sich mein Ikigai ja gar nicht auf die Firma, sondern auf eine Abteilung und deren Rolle, z.B. zusammen mit sympathischen Kollegen qualitativ hochwertige Software-Systeme zu bauen. Ist das verwerflich? Ist es schlimm, wenn ein Ingenieur zwar mit Leidenschaft Strick-Roboter konstruiert, obwohl er sich für Handarbeit so gar nicht begeistern kann?

Sag mir ob du dich Ikigai fühlst und ich sag dir, ob ich Dich in Rente schicke

Nehmen wir an, jemand habe sein Ikigai gefunden. Ist es da nicht eigentlich unfair, ihn in Rente zu schicken, wenn er das gar nicht will? Nehmen wir uns den bereits erwähnten Hausmeister der Semperoper. Wenn seine Tätigkeit „sein Leben“ ist, der Grund, weshalb er gerne aufsteht, warum sollte man ihn dann (gegen seinen Willen) in Rente schicken? Man könnte seine Arbeitszeit reduzieren oder ihn als Berater einem neuen Hausmeister zur Seite stellen. Man könnte ihn Führungen machen lassen, die von all den technischen Details und Anekdoten handeln, aber zwangsweise in Rente schicken – warum sollte man das tun?

Sag mir ob du dich Ikigai fühlst und ich sag dir, ob ich Deine Stelle automatisiere

Automatisierung, ein heikles Thema. Aber warum eigentlich? Sollten nicht alle Stellen, die nicht wirklich Ikigai-trächtig sind, automatisiert werden?

„Ja aber ich hab doch gern einen kleinen Plausch wenn ich einkaufe – oder in der Bank!“ Sind das wirklich die Pläusche, die meinen Tag zu einem schönen Tag machen?

„Aber dann fallen doch die ganzen Arbeitsplätze weg!“ Hm, da steht wohl mal wieder ein Paradigmenwechsel und eine Zeitenwende an. Und indem wir versuchen, am Alten festzuhalten, rumpeln wir als Gesellschaft ins Neue umso unsanfter hinein.

Die Automatisierung kommt und sie wird noch viel mehr kommen. Die Frage ist nur, ob wir die Wirtschaft dazu zwingen können, Ausgleichszahlungen in staatliche Töpfe zu leisten oder ob die Ersparnis einfach auf den Gewinn aufgeschlagen wird und die Allgemeinheit nichts davon sieht.
Die erste Variante würde die Möglichkeit zu einer Gesellschaft eröffnen, die lernt, hilft, lehrt, forscht, Kunst betreibt, die Technik immer weiter verbessert und die Früchte der Automatisierung genießt.
Die zweite Variante würde eine Gesellschaft bedeuten, in der die Reichen zunächst noch viel viel reicher werden als sie es jetzt schon sind, um dann schließlich zu merken, dass es auch jemanden geben muss, der ihre Produkte konsumiert. Wie dieser Prozess aussieht und wie er endet steht in den Sternen.

Work-Work-Balance zusätzlich zur Work-Life-Balance

Unsere Gesellschaft ist fokussiert auf die 1-bis-2-Kind-Familie und Arbeit braucht keinen Spaß zu machen. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Nur Karriere, die ist wichtig – am besten, ohne auf die Familie zu verzichten. Spaß bei der Arbeit ist dann natürlich immer noch höchst optional.

Angesichts dieser Umstände ist es eigentlich schon ein Wunder, dass wir nach 2000 Jahren endlich bei der Work-Life-Balance angekommen sind. Aber brauchen wir nicht vielleicht sogar eine Work-Work-Balance, zumindest für jene, die ihr Ikigai nicht in der Beziehung, dem Reisen und der Familie suchen?
Sollte es nicht grundsätzlich möglich sein, neben der Arbeit, die man ohne Ikigai tut, noch eine Arbeit zu leisten, die aufs Ikigai einzahlt? Und damit meine ich nicht die Nächte und das Wochenende – oder zumindest nur einen Teil des Wochenendes.

Muss denn beim Ikigai unbedingt der Aspekt des Geldes vorkommen?

Sollte ein Ikigai-Job nicht am besten selbst dann ausführbar sein, wenn niemand dafür bereit oder in der Lage ist zu zahlen? Egal ob Künstler oder Wissenschaftler oder Lehrer, es ist doch eigentlich widersinnig, wenn sich die Ausübbarkeit an der finanziellen Machbarkeit orientiert, oder?

Klar schreien jetzt wieder viele „Sozialschmarotzer!“ Aber wie viele Van Goghs, Einsteins, Teslas oder Kants gäbe es mehr, wenn sie ihre Projekte hätten verwirklichen können, statt dann doch nach einem Fehlschlag etwas anderes zu tun, weil z.B. die Familie ja auch etwas zu essen braucht?

Wie viele technische Neuerungen wären viel früher erfunden worden, weil der Erfinder nicht erst auf einen verständnisvollen Mäzen hätte warten müssen?

Oder Unternehmensgründungen: wie viele scheitern daran, dass das finanzielle Durchhaltevermögen nicht da ist, um die entscheidende Fehler-Spirale doch noch erfolgreich zu beenden?

Wie viele soziale Projekte scheitern, weil es zwar Leute gibt, die bereit sind zu helfen, aber es keine oder zu wenige gibt, die Lust hätten Charity-Betteln zu gehen oder mit langen Formularen die Klinken bei den Ämtern zu putzen?

Wie viele Forschungsprojekte scheitern, weil man gerade keinen Professor findet, der in einer ähnlichen Ecke forscht und mit dem man zusammen veröffentlichen könnte? Oder sie scheitern, weil die aktuelle Forschungsrichtung gerade nicht dem vom DFG geförderten „Mainstream“ entspricht. Oder sie scheitern, weil der Betreffende doch lieber „arbeiten geht“, statt bei der 20. Stiftung das politisch erwünschte von sich zu geben, um ein Stipendium zu bekommen.

Auf der Suche nach dem Ikigai

Ich glaube, ich hätte es als Kind toll gefunden, wenn es nicht so häufig um die Frage gegangen wäre, was ich denn später mal werden will. Stattdessen wären hundert Gelegenheiten schön gewesen, hier oder dort nach dem Ikigai zu suchen. Ich stelle mir auch den einen oder anderen Erwachsenen vor, der mir auf die Schulter geklopft hätte. „Gut gemacht! Merk Dir das mal für Dein Ikigai!

Vielleicht wären dann auch Auslandsaufenthalt, Studienwechsel und der eine oder andere Gelegenheitsjob nicht Störungen und Turbulenzen auf der „Karriereleiter“, sondern schlichtweg eine Notwendigkeit, um sein Ikigai zu finden.

Aber auch für das spätere Erwachsenendasein sollte es doch immer eine Gelegenheit geben, nach seinem Ikigai weiterzusuchen! Vielleicht träume ich gerade deshalb von Dilettantenhäusern, in denen man nicht zum Feierabend die Füße hochlegt und irgend einen Krimi schaut, sondern sich nochmal aufrafft, um gemeinsam mit dem Arduino herumzuspielen…

Vielleicht könnte man gerade in solchen Häusern ja Extra-Wohn-Kapazitäten für Menschen vorsehen, die ihr Ikigai verloren oder nie gefunden haben. Diese könnten dann in aller Ruhe spielerisch Appetit auf etwas bekommen, was sie dann eigentlich doch noch gern anfangen wollten mit ihrem Leben.

Fazit

Ikigai ist ein Thema, das die Lebensqualität von jedem Menschen signifikant beeinflusst, wie z.B. die Ohsaki-Studie eindrucksvoll beweist. Eigentlich schade, dass das Konzept so überhaupt nicht in heutige Arbeitsamt-Korridorfluchten hineinpasst. Statt der Frage nach dem Ikigai werden Sperrzeiten angedroht, weil man sich nicht auf eine absolut unpassende Stelle beworben hat.