Plot: Kati macht im Erdgeschoss-Hörsaal 3D-Aufnahmen, während Hugo im Keller-Hörsaal erschöpft vor lauter anstrengenden Gedanken die Augen zufallen.
Exkurse: “Telefon-Anrufe” früher und heute, Geschlechter, Geschlechtsrollenstereotype, Geschlechtergerechtigkeit


Vorspann

“Sobald ihr später aus dem Lagerraum draußen seid, schick ich euch ne Sanitätsdrohne vorbei! Wenn ihr mögt, lauft mir hinterher, ich bring euch zu den altehrwürdigen Hörsälen.”

Jedem das seine

Komisches Gefühl, sich mit einer vorausfliegenden Drohne wie mit einem Menschen zu unterhalten. Immerhin waren alle “Staubsauger”, oder sollte ich lieber “Bodentruppen” sagen, längst wieder in ihren Wandnischen verschwunden. Und dank kompetenter Führung sind wir auf dem kürzesten Wege rüber in den Hörsaal-Trakt gelangt, wo auf insgesamt fünf Stockwerken jeweils zwei Hörsäle gelegen sind, insgesamt also zehn. Viel oder? Warum eigentlich so viele?

Laut Kati hatte die Verschulung des universitären Bildungssystems mit Bologna Anfang der Zweitausender noch lange nicht den Höhepunkt erreicht. Immer weiter ging der Trend weg von der freien Fächerwahl, Diskussion, Buchlektüre, Übungen und der Bearbeitung von Praxisaufgaben. Stattdessen gab es immer öfter Frontalunterricht der alten Schule samt nachfolgendem Multiple-Choice-Test – und was eignet sich für beides besser als ein möglichst großer Hörsaal?

Zum Glück gab’s dann schnell die Gegenbewegung dazu und am Ende stehen ganz selbstverständlich die heutigen bunten Lebensläufe und ein dezentrales sehr heterogenes, aber qualitatitv hochwertiges Bildungssystem.

Mir dröhnt der Kopf bzw. wird mir klar, wie unheimlich geschlaucht ich inzwischen von all diesen Infos bin. History-Knowledge-Overload! Ich brauch Ruhe – und vielleicht einen Ort, wo ich mal kurz die Äuglein schließen kann. Vor allem muss ich mich aber vor noch mehr Kati-Wissen in Deckung begeben.

Allein in den Hörsaal

“Hassan!” rufe ich. Die Drohne wendet mir den Bildschirm zu. “Spricht was dagegen, dass ich mir den unteren Hörsaal alleine anschaue?” Dabei werfe ich auch einen Zustimmung erheischen wollenden Blick in Richtung Kati. “Wenn die Säle so sind wie ich sie von Fotos kenne, dann würd dich diese Atmosphäre gern ein bisschen allein auf mich wirken lassen.” Kati schaut ein wenig verständnislos und zieht die Mundwinkel breit,  zuckt dann aber mit der Schulter und und flötet betont enttäuscht: “Wenn du meinst…  Ich komm dann zu dir runter wenn ich mit dem Fotos fertig bin.”

Hassan lacht: “Da scheint dir ja unsere Begegnung tüchtig Selbstvertrauen gegeben zu haben wenn du dich jetzt mutig allein auf die Beine machen willst!” Als ich nur mit einem Grummeln antworte, wendet sich Hassans Bildschirm schnell wieder Kati zu und gibt den Platzanweiser. “Kann ja auch gar nix passieren, wie ihr seht. Wir bzw. vielmehr ich hab euch immer im Blick. Und dann wäre es für die Dame die Tür hier hinten, während es für Dich, Hugo, die Tür hier direkt vorne wäre. Ich muss dann auch wieder los. Habt noch viel Spaß und ich wünsch euch tolle Aufnahmen!” Mit diesen Worten macht die Drohne einen Schwenk und entfernt sich in Richtung Mensa.

“Wollen wir?”, schau ich zu Kati hinüber.
“Ja, wir wollen”, grinst sie zurück.
“Schöne Aufnahmen!” ruf ich, während sie schon die Tür nach oben öffnet.
“Und wenn was ist, ruf laut!” höre ich sie nochmal, während ich die Türklinke auf dem Weg nach unten herunterdrücke.
Kurz überlege ich, ob ein “ja, Mama” oder ein “du auch” besser wäre. Da es aber für eine spontane Antwort viel zu spät ist, sag ich einfach gar nichts und ärgere mich ein bisschen.

Plaudernde Gemäuer

Komisch, dass bereits das Licht im Keller-Hörsaal brennt. Wird wohl Hassan schon ferngesteuert eingeschaltet haben. Eigentlich ein bisschen doof, nicht in den Erdgeschoss-Hörsaal mitzugehen. Dort soll es ganz oben einige kreisrunde bunte Fenster geben, die ein bezauberndes Licht in den Saal werfen. Das schau ich mir später nochmal kurz an. Bei mir leuchten jedenfalls Neonröhren den Raum mit erbarmungsloser Helligkeit aus. Immer wieder faszinierend, so eine kreisrunde mächtig steil ansteigende Zuschauer-Tribüne. Ich schlendere gemütlich Stufe für Stufe den mittleren Aufgang hinunter.

Fast kann ich das leise flüstern und tuscheln hören, wenn ich mir den Raum gefüllt mit Studenten vorstelle. Dort unten in der Mitte stünde der Professor, am besten noch mit einem uralten Overhead-Projektor. Im gleißenden Licht wird irgendwelches Gekrakel an die Wand geworfen. Ab und zu eilt noch ein zu spät kommender Student durch die beiden unteren Eingänge links und rechts vom Rednerpult. Amateure! Der wahre Profi – ich schaue zurück nach oben – schleicht sich auf der Empore zu einem Sitzplatz.

Eine der mittleren Reihen erscheint mir gerade gut für meine Rast, so wie ich es aus alten Filmen kenne, in denen sich Menschen in Gotteshäuser setzen. Ich muss an Ayos Traumgeschichte denken, stelle mir vor ich sei derjenige, der hier unten die Studentin durch die linke und dann die rechte Tür kommen sieht, versuche sie mir vorzustellen. Ayo schien wie gebannt von ihrem Blick, ihren Augen.

Geschlechter-Kopfkino

Auch an Katis Augen, Katis Grimassen muss ich denken. Ist sie sich eigentlich klar darüber, welche Wirkung sie damit erzielt? Hat sie davon keine Vorstellung oder hat sie manche davon gar vor dem Spiegel trainiert? Nicht die lustigen Grimassen mein’ ich natürlich, sondern die, wenn sie sich auf die Unterlippe beißt oder wenn sie lasziv die Zunge rausstreckt, wenn sie meint, mich bei etwas hinters Licht geführt zu haben. Ob ich wohl auch solche Verhaltensweisen habe, bei denen sie dahinschmilzt wie ich umgekehrt? Hm, ich glaube nicht, zumindest in deutlich geringerem Umfang – und vermutlich bei weitem nicht so “durchschlagend”.

Schade eigentlich, dass es mir wiederum besser gelingt, mich auf Katis Themen einzulassen als umgekehrt. Am besten merkt man es mit dem Anruf-Test, wenn ein Anruf signalisiert wird…

Telefon-Exkurs

Apropos – wie war das eigentlich früher wenn man angerufen wurde? Wurde man da so mitten im Gespräch, in einer Aufgabe oder im Gedanken plötzlich völlig herausgerissen? Ich hab mal in einem Video gesehen, dass diese rechteckigen Glas-Metall-Plastik-Kästen schepperten und vibrierten und melodierten.
Heute ist es selbstverständlich, dass der Anrufer seinen Anruf signalisiert, sich identifiziert und gegebenenfalls bereits sein Ansinnen textlich oder sprachlich formuliert, asynchron. Und erst wenn der Empfänger gewillt und bereit ist, erlaubt er die Verbindung oder baut sie gar selber auf. Oder er schreibt oder spricht eben kurz eine Nachricht zurück. Die Welt ist auf diese Weise eine ruhigere und weniger gehetzte geworden.

Reziprozität

Wo waren wir? Ach ja, der Anruf-Test und Katis Bereitschaft, sich auf meine Themen einzulassen: Wir reden also über ein Thema, ok, eins das eher auf meinem Mist gewachsen ist. Ein Anruf wird signalisiert. Kati beginnt, nervös zu hibbeln, höflich reserviert, aber für den geübten Beobachter deutlich sichtbar. Ich gestikuliere “Nu mach doch!”, sie schaut erleichtert nach und hantiert und dann, ja dann kommt’s. Es kommt eben nicht! Kein Anknüpfen am letzten Thema oder eine Frage dazu, sondern die Frage nach meinen Abendplänen. Und schon sind wir bei ihren Plänen und dass sie sich mit der Freundin trifft, die neulich irgendwas gemacht hat.

Ok, oft treiben mich Themen um, wie ich z.B. irgendwelche Daten repräsentieren kann oder wie man eine kognitionspsychologische Fragestellung fassen könnte.
Andererseits: ich versuche mich ja auch, für wirtschaftshistorische Theorien zu erwärmen oder ich versuche zu verstehen, woher die Reibereien mit ihrer Promotionskollegin kommen. Und bei all ihren Ausführungen zu Lestén bin ich immer mit voller Aufmerksamkeit dabei. Es ist ja jetzt andererseits nicht so, dass ich besonders kompliziert reden würde, wirklich nicht. Je theoretischer oder abstrakter meine Problemstellung ist, desto anschaulichere Metaphern und Analogien versuche ich zu finden.

Maximale Abstoßung gepaart mit maximaler Anziehung

Andere Male sagt sie dann wieder so etwas wie “Erzähl mir was Schönes!”, wahlweise auch zu ersetzen durch “etwas Lustiges” oder “etwas Interessantes”. Poah, wenn man mich hilflos stottern hören und meinen Kopf auch noch vom letzten Gedanken säubern will, dann muss man mir einen von diesen drei Sätzen sagen. “Erzähl mir was Lustiges!” Weißes Rauschen, nichts als weißes Rauschen! Jeder Gedanke ist wie weggefegt!

Neulich rede ich von großen Stephen W. Hawking, dass er dazu beigetragen hat zu klären, ob sich das Universum stetig ausdehnt oder ob es eines sehr fernen Tages wieder in sich zusammenstürzen wird und was macht sie? Sie fragt trocken, ob das nicht der ist, der seine Frau für eine Krankenschwester verlassen hat. Und dann,   um das Kraut fett zu machen, zieht sie mich noch drei Tage lang damit auf, weil mir vor Überraschung und Entsetzen fast die Augen herausgefallen wären.
Nicht dass wir seit Jahrhunderten dabei wären, veraltete Moralvorstellungen zu begraben und die Emanzipation in beiden Richtungen zu betreiben, ganz nebenbei ist ihre Behauptung auch vollkommen falsch. Vor allem aber: wer bitteschön will über langweilige Beziehungsstatus reden, wenn er auch über die Unendlichkeit des Universums schwadronieren kann?! Es geht um den einzig und unvergleichlichen Stephen W. Hawking!

50:50 ?!

Maximale Abstoßung gepaart mit maximaler Anziehung – die Evolution hat wirklich einen sehr schwarzen Humor. Klar, in den letzten paar hundert Jahren sind Welten passiert. Allerdings gehen von einigen Feministinnen-Gräbern dieser Zeit auch deutlich vernehmbare Erschütterungen aus, vermutlich bedingt durch das Rotieren der Darinliegenden:

So wichtig es nämlich war und ist, den Geschlechtern gleiche Chancen,  Rechte und Pflichten zu ermöglichen, egal in welchem Lebensbereich, so unvollkommen ist die “Gleichheit” in den tatsächlichen Verhältnissen, zu der es geführt hat:

Während in den Führungsetagen und Aufsichtsräten der Proporz nahezu 50:50 ist, liegt in den IT-, Physik- und Mathe-Veranstaltungen im Rahmen des Bildungsprogramms der Frauenanteil auf 40%. Das ist deutlich mehr als zu früheren Zeiten, aber für 50:50 noch deutlich zu wenig. Das gleiche gilt in etwa auf männlicher Seite für die Vorschul- und Grundschulangebote sowie für Psychologie und Fremdsprach- und Literaturwissenschaften.

Gleiche Rechte bei leicht unterschiedlichen Vorlieben

Natürlich sind die Unterschiede dennoch statistisch hochsignifikant. Auch in die qualitative Tiefe hinabsteigend legen Studien immer wieder nahe, dass die Damen eher der Kontakt mit Menschen, das Besprechen von Lösungen, das Anbieten von konkreter Hilfe und vielleicht noch  das Lösen von Rätseln reizt, während die Herren vor allem gerne mit neuen Paradigmen, Werkzeugen, Maschinen, Mechanismen und Materialien spielen oder selbige erfinden und den Wettstreit oder bessere alternative Lösungen für bereits etablierte Wege suchen. Auch “etwas gründen / steuern / vorantreiben” und “ein Vorbild sein / andere inspirieren”  ist als Motiv bei den Herren öfter vertreten als bei den Damen.

Immerhin, die lange Zeit in den Kaufhäusern vertretenen hellblauen und rosanen Abteilungen und geschlechtsspezifisch verkaufte Produkte ohne nachweisbar notwendigen Unterschied gehören der Vergangenheit an.

Aber spuken genau so viele Männer in Frauengehirnen herum wie Frauen in Männergehirnen? Ja klar, Boygroups und Horden ausrastender Teenie-Gören sind ein zeitloses Phänomen. Aber in irgend einem Alter scheint das ja aufzuhören. Und bei den Herren der Schöpfung? Kati turnt jedenfalls erstaunlich viel in meinen Gehirnwindungen herum. Ob sie sich dessen bewusst ist?

Alles viel zu kompliziert. Meine Stirn rastet in meiner aufgestützten Hand ein; wobei, eigentlich kann ich auch meine Füße hier nach oben legen und mich einigermaßen bequem in die Ecke lehnen, die das Tribünengestänge hier formt. Keine halben Sachen machen! Gut, es ist kein Bett, aber relativ bequem. Nur mal ganz kurz!  Und mit einem herzhaften Gähnen schließe ich die Augenlider. Das anfängliche Schwarz verschiebt sich langsam dank der Halogenlampen in ein Dunkelgrau.

Fortsetzung:

Von der Rolle – Entwicklungsaufgaben XIII