Lebe im hier und jetzt, sagen sie. Dann bist du glücklich, sagen sie. Genieße den Moment, wabert es herüber. Sei im Moment! Sei der Moment!
Schlimm, wenn sich die Einsicht von hinten anpirscht, wie weit man davon entfernt ist, vom “hier” oder vom “jetzt”. Und je mehr einem die Gedanken dazu durch den Kopf schießen, desto mehr fasziniert, auf wie viele unterschiedliche Arten und weisen man von diesem “hier und jetzt” entfernt sein kann. Zudem beginnt man die Aufforderung herumzudrehen: “Muss es denn immer automatisch schlecht sein, nicht im “hier und jetzt” zu sein? Kann es vielleicht sogar Biografien, über Jahre gewachsene Erfahrungsstränge, geben, die es unmöglich machen, ins “hier und jetzt” zurückzukehren? Und ist das vielleicht auch gut so?

Weder woanders noch in einer Grillboot-Zukunft

Ich will jetzt gar nicht lange palavern über die Varianten, wenn ich doch schon weiß, dass nur eine für mich relevant ist und über die anderen mögen andere schreiben. Das hier ist nur deshalb Teil dieses Artikels, weil es nun mal zum Ausspruch des “hier und jetzt” gehört… ansonsten hab zumindest ich mit dem “hier” kein Problem. Warum sollten meine Probleme kleiner werden wenn ich in Lappland Rentiere züchte? Es werden halt andere Probleme sein.

Ebenfalls kann ich jegliche Absicht verneinen, das “jetzt” in die Vergangenheit verbiegen zu wollen… das überlass ich gern den Reichsbürgern und den Mittelalter-Jahrmarkt-Nostalgikern.

Gut, dann wären wir also bei der Zukunft. Hm, wie wär’s mit der nahen Zukunft? Es soll ja Leute geben, bei denen der Unterschied zwischen der gewünschten Welt sehr in der nahen Zukunft liegt. Zum Beispiel könnte der Unterschied lediglich darin liegen, dass in jener gewünschten Welt ein Tretboot mit Grill-Plattform für acht Personen existiert und in dieser Welt noch nicht. Das sind die idealen Entrepreneure, deren Startups der Welt Grilltret-, -motor-, und -segelboote für den kleinen und großen Preis bescheren. “Ich habe immer daran geglaubt, dass eines Tages meine Grillboote in diesem  Gewässer in See stechen werden. Und, sehen Sie her, es hat sich gelohnt!”

“Wie, Sie haben das nicht bemerkt?”

Und dann gibt es die, bei denen alles so harmlos anfing… man lässt sich mitreißen, als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener. Vom Musiklehrer lässt man sich in Richtung Jazz inspirieren. Beim Lesen von lateinischen Texten bemerkt man nicht wie der Rest der Klasse, wie furchtbar öde Latein ist. Stattdessen ist man fasziniert davon, einen uralten Text zu lesen und gleichzeitig dabei das Gefühl zu haben, Kreuzwort-Rätsel zu lösen. Vom Christentum wird man fasziniert (“Was wäre wenn es einen Gott gäbe? Das probier ich mal aus!”), um dann wieder hart auf dem Boden der Realität aufzukommen und sich von StarTrek und Dawkins zeigen zu lassen, wie alles auch komplett ohne Gott wunderbar zusammenpasst. Die Ideen von Darwin, von Dietrich Dörner, von vielen anderen tragen ihre Früchte im Kopf. Man fiebert mit Faust und Tonio Kröger, während viele andere mit dem Schlaf kämpfen. Die Faszination von Klaviertasten, Gitarrensaiten, Synthesizern und Musikpartituren hinterlässt ihre Spuren,  Oper, Wagner! Und Maschinen aus Buchstaben, zunächst per Excel-Makro, dann per Visual Basic und schließlich die ganzen “ernsthaften und fast ernsthaften Programmiersprachen” (sorry, PHP, oops… sorry, WordPress!). Und Mathematik, bzw. Statistik, Experimente… aus Theorien Zahlen generieren und aus Zahlen möglichst tragbare Ergebnisse.

Virtuelle Freunde

Erschrocken stellt man fest, dass man sich mit sich selbst eigentlich produktiver und dank Medien kontroverser beschäftigt als mit diversen Sozialkontakten und schon stellt man sich die Frage, mit wem man eigentlich am liebsten ein Bier trinken gehen würde und es fallen einem am ehesten ein paar Charaktere aus den älteren Star Trek-Serien ein, einfach weil der Mindset so ähnlich ist:

  • allein und im Team Projekte verfolgen wollen, ohne finanziellen Druck
  • Arbeit als Spaß
  • Kommerz, Wissenschaft, Technik , Kultur, Politik und Gesellschaft als selbstverständliche Facetten des täglichen Lebens wahrnehmen
  • lebenslang lernen und
  • immer wieder der Biografie eine neue Wendung geben…
Nebenwirkung: chronische Unzufriedenheit

Es ist die Unzufriedenheit, an der man schließlich merkt, dass man tatsächlich längst mehr oder minder solitär irgendwo in einer hoffentlich späteren Zukunft existiert und es deshalb so schwierig ist, die ganzen Reibungspunkte mit der Gegenwart zu akzeptieren,

  • wo auf Arbeit die uninspirierte Hierarchie gewinnt,
  • fast jeder sich nach dem kleinen Familienglück im Grünen samt Markengrill und Markenauto sehnt,
  • wo die Uni vor allem dafür da ist, um den Abschluss mit dem höheren Einstiegsgehalt mit möglichst wenig Lernen zu ergattern,
  • wo das Ziel ist, entweder sich im Club-Urlaub zu grillen oder in passablen Häppchen bespaßen zu lassen oder als Backpacker Holländer und Australier statt Menschen vom Zielort kennenzulernen.

Und vieles mehr… ich will nicht langweilen.

Kennen Sie Eduard Posemuckel?

Ich auch nicht. Keinen blassen Schimmer. Nie gehört. Aber vermutlich war er so ein Zukünftiger. Er lebte vielleicht irgendwann im 19. Jahrhundert. Er hat sich wohl für viel interessiert und er war fleißig. Vier sehr unterschiedliche Berufe hat er nacheinander sehr erfolgreich ausgeführt und ist doch nie so richtig angekommen. Geschrieben hat er sehr viel. Tolle halb fertige Romane sollen darunter gewesen sein. Ein paar Dinge hat er erfunden, unter der Dusche, die wenige Wochen später auch anderen in den Kopf geschossen sind. Er hat viele Skizzen gemacht. Kurz bevor er an Typhus erkrankte, hat er lachend die meisten seiner halbfertigen Werke verbrannt.

Auf jeden, den wir heute mit Statuen ehren, kommen vermutlich Hunderte Posemuckels. Vielleicht waren sie einfach nur seltsam und depressiv. Vielleicht wäre mit ein paar Wendungen im Lebenslauf etwas fulminant anderes dabei herausgekommen. Wie kann man die Zahl dieser seltsamen Zukünftigen schätzen?

Was macht man nun mit dem schier unerreichbaren “hier und jetzt”?

Kommen wir aber zur allerwichtigsten Frage: Was unternehmen mit dieser schwierigen Klientel, die sich ihre zukünftige Welt schon so lebhaft ausgemalt hat, dass es ihr schwerfällt, sich in der Realität, so wie sie ist, zurechtzufinden? George Bernhard Shaw hat diese Klientel “die Unvernünftigen” genannt, “die nicht versuchen, sich an die Welt anzupassen, sondern die versuchen, die Welt an sich anzupassen”. Dass Shaw davon überzeugt ist, dass “jeglicher Fortschritt von genau diesen Menschen abhängt”, macht es nicht leichter.

Negieren

Man könnte natürlich eine Gruppe der “Anonymen Zukünftigen“gründen, notfalls mit einer einzigen Person. Man könnte Shaw der Lächerlichkeit preisgeben und sich “für die blaue statt für die rote Pille zu entscheiden”. Vermutlich müsste man das wie eine Gehirnwäsche aufziehen, gepaart mit der Gabe von “feel good”-Pillen und einer Hypnose-Behandlung, die dazu führt, dass jegliche Anwendung von Zynismus und Sarkasmus zu sofortiger heftiger Übelkeit führt. Und am Ende des lebendigen Therapie-Erfolgs spricht man dann wohlig, diplomatisch, abwaschbar.”

Kleines Glück statt Zukunftsvisionen. Gleichmuuut. Alles fließt. Ommmm. Will man das? Will ich das?

Die Andersartigkeit akzeptieren

Vielleicht wäre es auch eine Möglichkeit, Projekte zu initiieren, deren dünner knochiger Finger von dieser Realität in die zukünftige hinüberreicht. Solche Brücken zu finden, ist natürlich keine all zu leichte Aufgabe, im Gegenteil.

Andere “Zukünftige” finden…

“Schreib ein Blog, betreibe Marketing, durchwühle Erdspalten auf der Suche nach Gleichgesinnten!”, könnte man diesen Kreaturen auch entgegenbrüllen.

Gesagt getan. Und so bin ich gespannt auf das erste Zusammentreffen. Immer noch. Warum dauert das so lange? Würde ich einen “Zukünftigen” wirklich erkennen, einen Dilettanten? Ich bin mir da nicht mehr so sicher.

Nachtrag:
Inzwischen weiß ich, dass ein großer Teil des hier geschilderten Problems sich mit vier Buchstaben beschreiben lässt: INFJ. Diese vier Buchstaben stammen ursprünglich aus dem Instrumentarium des Meyer-Briggs Typenindikators, werden aber inzwischen zum Glück auch von Methoden genutzt, die mit der aktuellen psychologischen Forschung kompatibel sind.