Vieles könnte einem so unsinnig vorkommen: Schüler die aus Angst vor schlechten Noten lernen, Promotionsstudenten, die verzweifelt bei 20 Stiftungen Anträge schreiben; Professoren, die das selbe triviale Studienergebnis auch noch in der 10. “neuen” Publikation verwursten; Techniker, welche die neue Zahnbürste von Dr. Best erfinden; Gemälde, die plötzlich zu Höchstpreisen gehandelt werden – um dann im Keller zu verschwinden.

Und dann gibt es diesen seltenen Moment, wo man in aller Routine und Unsinn plötzlich innehält und es einem plötzlich erschauernd klar wird:

Ich bin auf einer Insel gestrandet!

Ich bin eine  z u f ä l l i g e  Existenz
auf einem  z u f ä l l i g  entstandenen Planeten
in einem  r i e s i g e n  Sonnensystem
in einer  r i e s i g e n  Galaxie
eines  r i e s i g e n  Universums von Galaxien.

Ich bin auf einer Insel gestrandet! Aber das interessiert niemanden,  weil es die einen noch nicht bemerkt haben und die anderen genau in der gleichen Lage sind.

Ist diese Idee trivial und die meisten halten beim Gedanken kurz inne und schuften oder feiern dann weiter? Oder fällt das nur so wenigen auf, bis in die Tiefe der Bedeutung? Macht eine religiöse Vorgeschichte sensibler dafür,  beim Insel-Gedanken zu erschauern? Ist es nicht selbstverständlich,  dass man beim Gedanken erschauert, dass man sich als zufällige Existenz auf einem zufällig entstandenen Planeten in einem Sonnensystem einer Galaxie eines Universums von Galaxien befindet? Um da einen Schauer zu empfinden muss man an kein Lovecraftsches Universum glauben, oder?

Oder mit dem Bild von Jostein Gaarder in “Sophies Welt” gesprochen:

Angenommen, das Universum ist wie ein weißes Kaninchen, das aus einem Zylinderhut gezogen wird und im Fell sitzen die Menschen. Warum sitzen so viele gleichgültig ganz unten? Und warum wollen nur so wenige den Dingen auf den Grund gehen und kämpfen sich weiter hinauf, die Philosophen und Dilettanten? Warum ist es für sie wiederum ganz logisch, dass man bis an die Spitze der Fellhaare klettern muss?

Die Welt als Theater, als Geheimnisvolles, als Durchgangsstation

Als Kind hatte ich eine Zeit lang die fixe Idee, die Welt könnte ein Theaterstück sein, das nur für mich geschrieben ist. “Dieser Bauer da vorne auf dem Feldweg, der steht da nur, weil das Apfelklauen sonst totaaaal langweilig wäre!”. Schon nach kurzer Zeit sprachen leider viel zu viele Indizien gegen diese Theorie.
Dann kam eine Phase der, sagen wir,  “mystischen Religion”. Irgendwie hat Gott die Welt geschaffen, aber was er damit bezweckt? Die Großmutter mit ihrem Schlaflied konnte das Gefühl der Sicherheit auch nicht unbedingt vergrößern: “Morgen früh wenn Gott will, wirst du wieder geweckt!”. Und wenn er nicht will? Wenn er es vergisst? Wenn er einfach mal keinen Bock hat?

Mit der Konfirmationszeit hielt dann der “beinharte evangelikale Glaube” Einzug, wie er bei uns in der Landeskirche manchmal vorkam. Die Pubertät fordert ihren Tribut:  einige coole männliche Ältere und einige seit Kurzem ganz interessante weibliche Gleichaltrige, die in dieser Richtung unterwegs sind, bringen die Entscheidungen ins Rollen und nach kurzer Zeit ist alles geordnet: Jesus ist mein bester Freund, die Bibel das wichtigste Buch, der Freundeskreis fast ausschließlich aus der Gemeine und Gott himself hat den Plan für mein Leben.

Mit dem Quellenstudium und der Konfrontation mit der Realität kommt dann aber auch der beißende Zweifel, ob es da jetzt wirklich etwas Übernatürliches gibt, das mit einem “befreundet” sein will, ob das alles so stimmen kann, wie das alles mit dem Universum, der Evolution, anderen Religionen zusammenpasst und schließlich dieses Spannen in der Lendenregion – nein, nicht wieder die Pubertät,  sondern der andauernde Spagat zwischen dem wissenschaftlichen Weltbild der Schule sowie dem “gesunden Menschenverstand” des Alltags  einerseits und dem mehr und mehr nach pfingstlerischen “Beweisen” für die Existenz Gottes gierende Gefühl andererseits.

Irgendwann zum Zivildienst hin hieß es dann: Beine zusammen! Entweder oder! Prediger-Ausbildung oder raus aus dem Religiösen! Raus!

Alles auf Null!

Und so erwachst du auf dieser Insel und fragst dich: “Wenn der Rest alles Illusion war: wie bin ich hier her gekommen? Was soll ich hier? Was ist der Sinn, wenn es nicht “das Leben nach dem Tod” ist? Bzw. welche vielen großen und kleinen Sinne gebe ich der Angelegenheit? Ist es immer noch sinnvoll “gut” zu sein? Oder ist es gerade jetzt sinnvoll? Jetzt wo sich die ganze göttliche Bestimmung in Luft aufgelöst hat – wie gehe ich mit so viel Zufall um? Kommt ein Schiff an dieser Insel vorbei,  um mich abzuholen?

Nein, nie wieder Selbstbetrug mit religiösen Rettungsschiffen. Kein “Wartesaal zum großen Glück“! Falls (!) es einen Gott gibt, dann hat er diese Insel erschaffen, als er mit seiner intergalaktischen Harley durch die Milchstraße bretterte und in einer Asteroiden-Kurve mit dem Hinterreifen Anorganisches und Organisches in der richtigen Dosierung aufgewirbelt hat, aber bevor er bevor er vom Resultat etwas hätte mitbekommen können,  war er schon an der Tankstelle in der Andromeda-Galaxie und – wer weiß – hat auf der Strecke noch in ein paar anderen Kurven den richtigen Staub aufgewirbelt.

Die Insel – Politik und Soziales

Die Insel –  vielleicht ist es für Gedankenexperimente leichter an 20 Personen zu denken, die an einer kleinen Insel mitten in einem riesigen Ozean gestrandet sind, als an 7,3 Milliarden, die sich vielleicht irgendwann in ihrem Leben als “auf der Erde gestrandete” fühlen. Wenn wir diesen Gestrandeten eine Nachricht hinterlassen könnten, was würden wir ihnen schreiben?

  • Wartet nicht am Strand auf Rettung. Es wird niemand kommen!
  • Schlagt euch nicht gegenseitig die Köpfe ein. Unterstützt euch gegenseitig! Hütet euch davor, Einzelinteressen durchsetzen zu wollen!
  • Lernt! Macht die Insel zu einem lebenswerten Ort! Habt Spaß!
  • Pflegt nur spielerisch den Wettstreit! Feuert euch gegenseitig an und macht euch gegenseitig Mut!
  • Versucht, Konflikte friedlich zu schlichten – und im Zweifelsfall geht euch einfach aus dem Weg. Es muss nicht jeder jeden mögen. Und man kann auch einer Meinung sein, selbst wenn man sich nicht sympathisch ist!
  • Schaut, ob ihr irgendwo einen Schleimpilz “Dictyostelium” findet. Und macht es wie der. Geht eure eigenen Wege, solange es euch gut tut und wenn es erforderlich ist, dann verwachst – auf Zeit – zu einer schlagkräftigen Einheit!

Die Insel – Wissenschaft, Bildung, Kunst, Technik

Auf so einer Insel wären Schulen und Universitäten wieder weit mehr als der Anfang eines Karriereplans. Sie wären Orte an denen man Wichtiges lernen kann über diesen Ort in der Unendlichkeit. Man könnte sich wieder als Teil einer Bewegung fühlen, die in kurzer Zeit das an Entdeckungen nachvollzieht, wofür die Generation vorher ein ganzes Leben an Forschung benötigt hat, teils um selbst an der Grenze zum Unbekannten neue Puzzleteile zusammenzusuchen.

Auf dieser Insel wäre auch die Kultur wieder mehr als eine vielversprechende Geldanlage, sie wäre das Bewältigen von Eindrücken durch Gestaltung, das darüber Kommunizieren und sich ärgern, das Gerinnen von Kreativität in Werken, das Feiern des Menschseins, der Insel und des Ozeans, des Schönen und Hässlichen.

Und die Technologie, was könnten die Insulaner nicht alles schaffen, aufbauend auf ihrer Wissenschaft: grüne lebenswerte Städte für Millionen, Bildung für alle, friedliche Koexistenz von wilder Natur und Menschenmassen, Weltraum-Expeditionen, kostenlose Energie, kostenlose Lebensmittel, kostenlosen Wohnraum und alles, was die Phantasie noch so hergibt und erstrebenswert ist.

Zurück auf Null

Würden Insel-Schüler aus Angst vor schlechten Noten lernen? Nein, denn sie haben von früh auf gelernt, dass sie diese verdammte Insel verstehen müssen, um ebenso spannende wie hilfreiche Dinge unternehmen zu können.

Würden Promotionsstudenten auf der Insel verzweifelt bei 20 Stiftungen Anträge schreiben? Nein, denn es wären genau diese Wissen-Anhäufer und -Neuverbinder, die auf der Insel höchst geschätzt wären.

Würden Insel-Professoren das selbe triviale Studienergebnis auch noch in der 10. “neuen” Publikation verwursten? Nein, man würde sie allein oder im Team in Ruhe das machen lassen, was sie am liebsten machen: Wissen schaffen und Wissen verbreiten. Und selbst wenn einer im Leben nur eine einzige brillante Idee hat: vielleicht tut er gut daran, diese Idee einfach möglichst vielen zu vermitteln?!

Würden Insel-Techniker die hundertste “neue” Zahnbürste erfinden? “Wir brauchen keine hundertste ‘neue’ Zahnbürste!”, würde man ihnen entgegen rufen.
Würden Gemälde in dunklen Kellern verschwinden? Ich hoffe, der Insel-Künstler würde seinen Mäzenen die Ohren vertraglich lang ziehen. “Ich habe dieses Bild geschaffen, damit es von möglichst vielen Leuten angeschaut wird! Genau unter dieser Bedingung habe ich es Dir vertraglich überlassen!”

So erschreckend kalt und klein diese Insel im kosmischen Meer anfangs auch sein mag –  sie könnte ein großartiger Ort sein!