Plot: Eine Vorlesung zum Thema „Integration“, eine triviale Begebenheit, und doch ist da irgend etwas komisch, bemerkenswert, seltsam.  Ein Dejavu?


Ein kleines Vorlesungsminütchen für den Prof…

Der gleißend helle Lichtstrahl, den der Overheadprojektor an die Wand wirft, wird zur Hälfte von den schwarzen Buchstaben verschluckt, die der vorherige Dozent auf die Folie gekrakelt hat. Nun gesellt sich die Überschrift für die jetzige Vorlesung dazu.

„Die Entwicklungsaufgaben von Havighurst unter besonderer Anwendung auf Menschen mit unterbrochenen Biografien und / oder Migrationstraumata nach Anna Gram und Asmus Pitalik“

Ich brauch nen Kaffee!

Leise und dadurch umso eindrücklicher beginnt der Professor zu sprechen: „Herrschaften, ich bin mir bewusst, dass eine große Anzahl von Idealisten und Weltverbesserern unter Ihnen in den Reihen sitzen. Vielen mag das, was ich ihnen gleich über Integration erzähle, unmenschlich erscheinen. ‚Er denkt nur an Steuergelder!‘, werden Sie sagen. ‚Er vergisst die Menschen! Er vergisst das Ikigai!‘, werden Sie die Nase verächtlich rümpfen.

Ich weiss, dass diese Vorlesung nur sehr schlecht in den aktuellen ‚Verwirkliche-Dich-Selbst‘-Mainstream passt. Aber wenn Sie nur Ihre eigene Meinung hören wollten, dann müssten Sie ja nicht so früh aufstehen.“ Schwer zu sagen, ob das ein trockenes Husten oder ein trockenes Lachen war.

„Jedenfalls möche ich Ihnen schon im Voraus zu bedenken geben, dass Religion oder Nation die Menschen spalten, während die gemeinsame Gier nach Profit die Menschen verbindet. Es kommt nicht von ungefährt, dass beliebte Handelsplätze auch sehr oft kulturelle Schmelztiegel sind.“ Er hält inne und mustert still zwei Studentinnen, die sich in einer der vorderen Sitzreihen leise, aber lebhaft unterhalten.

„Die beiden Kommilitoninnen in der dritten Reihe. Ja, Sie meine ich. Bitte verlassen Sie den Saal. Ich lege keinen Wert auf Ihre Anwesenheit!“. Stoisch lässt er seinen Blick so lange auf den beiden ruhen, bis diese schon beinahe fluchtartig den Vorlesungssaal verlassen haben.

Nun setzt er wieder an: „Ich werde Ihnen in Folgendem zunächst die Präzisierungen aufzählen, mit der Anna Gram und Asmus Pitalik die altehrwürdigen Entwicklungsaufgaben von Havighurst mit Hinblick auf Menschen mit gebrochen verlaufenden Biografien ergänzt haben“.

„Erstens wäre das die Überwindung von Traumata und Integration in bestehende Norm- und Wertstrukturen. Zweitens folgt die Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Drittens schließlich folgt ‚Familie und soziale Teilhabe‘.“

Eingliederung in den Arbeitsmarkt

Zufrieden legt er ein Blatt seines Manuskripts auf die Seite und blickt von seinem Gekrakel auf. „Sie wissen ja, dass immer noch ein Großteil der Wähler dem konservativen Milieu entspringt.  Angehörigen dieses Milieus hatten und haben schon immer, Verlust- und Abstiegsängste. Das sagt ja schon das Wort ‚konservativ‘, lateinisch konservare, schlagen Sie das nach!

Jedenfalls kann man die Verlustängste nur dadurch lindern – nicht nehmen, nein, nehmen kann man Ihnen diese Ängste fast gar nicht. Lindern kann man die Ängste aber, indem man den Wähler möglichst oft mit Statistiken konfrontiert, die dokumentieren, wie viel der werte Wähler durch die neuen Bedingungen gewinnt und – vor allem – dass er nichts verliert.
Es muss betont werden, wie sehr die Zugewanderten unsere Steuer-Situation entlasten und zum Staatswohl beitragen. Insofern ist dieser zweite Punkt in der Liste eigentlich der wichtigste.“

Traumata-Bekämpfung und Integration

Zufrieden lauscht der Redner dem nicht vorhandenen Echo auf seine Worte hinterher. „Der erste Punkt ist gewissermaßen die ‚conditio sine qua non‘. Für die Erstsemester und andere, die der schönen lateinischen Sprache nicht mächtig sind:“, er grinst abschätzig ins Auditorium, „Damit ist gemeint, dass es ohne Integration und die Bewältigung von Traumata nicht geht.

Wenn jemand die Sprache noch nicht kann oder an Depression und Schlaflosigkeit leidet, dann kann sich derjenige nun mal nicht auf das Zuschneiden von Werkstücken konzentrieren.  Somit ist es nur schwerlich bis gar nicht möglich, eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu erreichen. Aber denken Sie daran. Das Ziel der Heilung ist die Zuführung zum Arbeitsmarkt. Es geht keineswegs um eine Reflexion über Selbstverwirklichung oder ähnliche Fisematenten.“ Gelassen führt der Redner ein Glas Wasser an den Mund, um mit einem kräftigen Zug den sich ankündigenden Frosch im Hals hinunterzuspülen.

Familie und soziale Teilhabe

„Der dritte Schritt, dazu brauche ich vermutlich nicht all zu viel zu sagen: je mehr das Interesse auf das Wohlbefinden von Familie und Freunden gerichtet ist, desto windschlüpfriger verhält sich der Mensch zu seinen Vorgesetzten. Das kommt dann wiederum der Wirtschaft sehr gelegen.

Es sei denn natürlich, man befindet sich in einem Berufsbild, in dem der Karrierismus allein schon die nötige Stromlinienform mit sich bringt, Consulting, zum Beispiel. ‚Up or out‘ und solche Späße. Aber das dürfte für die hier besprochene Klientel eher von minderer Bedeutung sein.“

… eine Ewigkeit für die Zuhörerschaft!

Ha! Jetzt müsste sich eigentlich gleich wieder mein Sitznachbar zu mir umdrehen. Schon spüre ich, wie sein Wollpulli meinen Ellbogen berührt und es zischelt mir sehr warm und feucht ins Ohr „Nicht aufmucken, sich ausbeuten lassen und vor lauter Programm und Tamtam die wirklich wichtigen Themen vergessen!“

Ich wende mich ihm zu und nicke – auch um etwas Distanz zur Feuchtigkeitsquelle zu bekommen. Mein Blick wandert hinüber zum rechten Zugang des Hörsaals, denn dort müsste jetzt eigentlich gleich…

Schon geht die Tür erst einen Spalt, dann einen Kopf breit auf, dann noch ein Stück und vorsichtig schiebt sich eine junge blonde Dame mit Schal und dicker Regenjacke hindurch. Dann ein Schritt, zwei, drei Schritte, vier und mit jedem Schritt wächst die Verunsicherung in den Gesichtszügen.

Sie sieht so zerbrechlich aus, wie sie dort in ihrem Daunen-Panzer steht. Die Wangen sind sichtbar von der Kälte gerötet, die Augenbrauen entschlossen zusammengekniffenen. Ihr Blick wandert hin zum Professor, dann zur Tafel und schließlich zu den ersten Reihen der Zuschauertribüne.

Auf den Absätzen ihrer hellbraunen Stiefel macht sie eine 180 Grad-Wendung zurück zur Tür – spät genug, um doch noch die überraschten Blicke des Professors auf sich zu ziehen. Aber sie ist doch noch rechtzeitig genug, um seinen berüchtigten Schlagfertigkeitsradar zu unterlaufen. Schulterzuckend wendet er sich wieder mit sonorer Stimme der Overhead-Folie zu.

Kreditvertrag statt Weltverbesserungsagenda

„Bläuen Sie es Ihrer späteren Kundschaft ein, egal ob es sich um Arbeitslose, schwer erziehbare Jugendliche oder Menschen ‚in statu migrandi‘ handelt. Es geht erst mal darum, das Machbare zu erreichen.  Ein Job, ein Partner, eine Familie, Freunde – das ist doch schon mal viel wert! Und wenn erst mal der Kreditvertrag für die nächsten zwanzig Jahre unterschrieben, das Häuschen erstanden und das Baby auf dem Ultraschall erkennbar ist, dann hat es sich mit weltbewegenden Träumen sowieso erledigt.

Das wiederum garantiert in der Summe ein geordnetes Wirtschaftsleben und eine stabile Regierung. Wenn diese wiederum in aller Ruhe und in maximaler Einigkeit regiert, dann ist das Ziel erreicht. Alles andere birgt nur die Gefahr für kolossale Enttäuschung. Das kostet Geld statt eben solches in die Taschen des Staates zu spülen. Dank diesen Geldes – und unserer großzügigen Uni-Sponsoren aus der Privatwirtschaft – sitzen Sie heute hier und dürfen mir zuhören.“ Er grinst breit.

„Sollte auch unter Ihnen übrigens noch der eine oder andere einer romantischen linken Weltverbesserungsagenda folgen, rate ich Ihnen das Gleiche. Denken Sie nicht so viel nach, schon gar nicht darüber wie etwas sein sollte und könnte. Das macht nur Kopfschmerzen. Falls Sie nach Revolution dürsten: denken Sie über Kinder nach! Gründen Sie eine Familie! Da haben Sie bald ganz andere Gedanken!“

Flucht

Den letzten Halbsatz habe ich schon gar nicht mehr gehört, da ich nun schon die ganze Zeit in Richtung des nunmehr linken Hörsaal-Zugangs luge. Dort öffnet sich mit einem leisen Klick, der mitten in eine kurze Sprechpause des Professors fällt, die linke Hörsaal-Tür. Weiblich, dicke Jacke, blond und innerhalb kürzester Zeit rot leuchtende Wangen – da ist sie wieder! Ein Schritt, zwei, drei Schritte – keine vier.

Folgernd aus den etwa zweihundert nach links wandernden Augenpaaren hat sich wohl auch der Professor logisch erschlossen, was gerade geschieht. Dennoch hält er immer noch, den Kopf nach vorne gewandt, sein Auditorium fest im Blick.

Nun aber, greift er genau den richtigen Moment an der Spitze des Spannungsbogens ab wie eine reife Pflaume. „Andere Tür…“, setzt er an und wendet den Kopf spöttisch lächelnd der verloren wirkenden  Studentin zu, „… aber immer noch der selbe Raum und die selbe Vorlesung, meine Liebe!“

Das Tosen des Gelächters von zweihundert Personen wallt auf. Die Welle wogt, ohne  zu brechen, während das Mädchen mit riesigen Augen langsam umherschaut. Dabei formt sie mit dem Mund zwei Worte, die wegen des Lärms nicht hörbar sind. Wobei, vielleicht wären sie selbst bei leeren Rängen nicht hörbar gewesen.

Dann endlich stolpert sie rückwärts in Richtung Tür. Sie greift mit einer Verrenkung nach der Türklinke, ohne die Bedrohung auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Nun endlich wendet sie sich der Tür zu, lehnt sich nach hinten als gelte es, eine Lokomotive zu ziehen. Die Flüchtende strauchelt fast, als der anfangs schwergängige Mechanismus nachgibt und verschwindet schließlich in Windeseile durch die Öffnung.

Fortsetzung: Virtuelle Realität

Erstmals veröffentlicht am 26. Okt 2015 @ 02:05