Exkurse: Wie könnte in Zukunft Kindererziehung aussehen? Hängen alle nur noch am Computer?
Plot: Kati zeigt Hugo mal einen ganz anderen Garten für Kinder


Vorspann

Hugo, der sich schon wieder die Datenbrille aufgesetzt hat, wird plötzlich hibbelig. „Warte, Kati, ich geh gleich mit! Dein Freund wartet auf uns im Kindergarten!“
Was hat Ayo denn bei uns im Kindergarten verloren? Dann aber fallen mir wieder die Probleme ein, von denen unser Archibotaniker neulich gesprochen hat. Der Baum wächst nicht so wie er soll!

Die Mitte

Auf dem Weg die Treppe runter, hat es bereits sehr gedämpft gepoltert und gekiekst. Mit dem Entriegeln und Öffnen der Tür ein paar Schritte weiter ziehen wir das Dumpfe zur Seite wie ein Vorhang. Aber nicht nur den Ohren bieten sich jetzt auch Tönen im mittleren Spektrum, auch die Augen schauen dorthin: genau in die Mitte des für jeden Besucher überraschend großen Raumes. Dort breitet ein riesiger stämmiger Busch seine knorrigen Arme zu einer Krone aus, dessen Äste und Zweige wie ein Kelch die Decke oben in sechs Metern Höhe zu tragen scheinen. Der mittlere etwa einen halben Meter breite Strunk geht über eine Öffnung ins nächste Stockwerk über und verästelt dort vermutlich erneut.

Busch? Wir sind im ersten Stock! Das ist kein Busch, das ist ein Baum, nur dass wir die ersten 3,50m des Stamms nicht sehen. Die Mitte des Waldscrapers, das ist eine große stattliche Eiche. Das ist die viel gerühmte Archibotanik!

Rein oder raus?

Es macht mir Spaß, diese Gedanken aus Hugos Gesicht abzulesen. Dann aber wandert mein Blick durch die Baumkrone, in der Hoffnung, dort irgendwo bereits Ayo zu erspähen. Aber der ist nicht zu sehen.

Auf der nach Süden gewandten Stirnseite des quadratischen 20x20m-Raumes begrenzt eine dunkle, etwas spiegelnde Fläche den Raum. Das Tolle an polarisiertem Glas ist, dass es auf Wunsch das volle Spektrum des Sonnenlichts durchlassen kann. Per Knopfdruck lässt es sich aber auch so weit abdunkeln, dass kaum Licht durchkommt.

Wir erkennen die farbigen Lampions draußen und mit etwas Phantasie kann man erahnen, dass sich dort auf den verbliebenen 3 Metern bis zum Rand der Plattform gerade die Besucherhorden des Herbstfestes artig aufgereiht zu einer Schlange vorbeiquetschen. Immer wieder berühren Hände die Glasfläche. Da freuen sich die Fensterputzer am Montag.

Wie ein Hufeisen, das sich zur Glasfront hin öffnet, sind die Wände des Raumes mit einer luftigen Holzkonstruktion verkleidet, die hoch bis zur Decke reicht. Große Teile der imposanten Konstruktion sind mit bunten Natur-Ornamenten verziert. Wie Balkone sind große Teile des Baus zur Raummitte hin offen und leiten den Blick geheimnisvoll ins Halbdunkel.

Organisch

Ein bisschen wie in der Sagrada Familia in Barcelona wachsen an mehreren Stellen die Trägersäulen der Plattform in den Raum, verschmelzen aber in ihrer Natürlichkeit mit der Eiche und verschwinden in der Decke. Zwischen den Trägern und dem Baum sind zum Teil Netze gespannt; solche, an denen man gut klettern kann und solche, die einen elastisch auffangen, wenn man fällt. Zwei bei den Kindern offenbar sehr beliebte Baumhäuser verschmelzen fast mit der Eiche wie Vogelnester. Weitere „Nester“ mit zwei mal zwei Metern Fläche sind direkt an der Decke aufgehängt, gestützt von den Ästen des Baums und mit ihm über Seilkonstruktionen begehbar verbunden.

Beeindruckt sehen wir dabei zu wie an die zwanzig Kinder in diesem System aus Baumhäusern, Ästen und Netzen herumtollen, teils kühn kletternd oder geruhsam in einer Astgabel das Treiben beobachtend. Aus dem Holz-Aufbau dringt von einer Richtung leise Gitarren-Musik. Irgendwo über uns – die Konstruktion spart die Tür gewissermaßen aus – findet gerade eine Kissenschlacht mit viel Rennen und Kieksen statt.

Gefahr

Hugo wendet sich mir mit besorgtem Gesichtsausdruck zu: „Ist das nicht alles irrsinnig gefährlich?“

Ich lache: „Nein, der Baum und das Klettern in den Netzen gehört für viele ja schon mit drei oder vier Jahren zum alltäglichen Spiel. Was glaubst du, wie geschickt Kinder werden, wenn sie nur genug Zeit in diesem Alter mit der Ausbildung ihres Gleichgewichtssinns und ihrer Hand-Auge-Koordination verbringen. Klar rutscht man mal ab oder ganz selten gibt es sogar einen Sturz in eins der Netze, aber das Notfallsystem ist so gut, dass da so gut wie nie etwas ernstes passiert. Und Kratzer und aufgeschlagene Knie, vielleicht sogar ein gebrochener Arm, gehören einfach dazu. Die wichtigste Unfallprävention ist ohnehin, dass die Kinder, auch die eher grobmotorisch veranlagten, früh das Fallen lernen und dass sie einfach viel Zeit mit solchen Übungen verbringen. Du solltest die mal im Frühling sehen, wenn die Gruppe ins Waldstück ganz in der Nähe des Turms zieht. Wie die Äffchen!“

An der Holzkonstruktion rechts und links blinkt jetzt eine blaue Lampe und ein paar Sekunden später kommt noch eine rote dazu. „Hui, jetzt gibts Action!“, schießt es mir durch den Kopf. Ich mache mit meinem Arm eine diagonale Bewegung, um Hugo auf die gebündelten Lichtstrahlen aufmerksam zu machen, die jetzt – rot und blau – den Raum irgendwo von der Decke und vom Baumstamm in der Mitte aus durchkreuzen.

Zumindest einer der beiden roten Signal-Strahlen bleibt an der rechten Außenseite der Holzkonstruktion als Markierung kleben. Der andere wird leider auf halbem Wege durch einen Ast verdeckt. Beide blauen Strahlen hingegen haben freie Bahn und sind auf ein Mädchen gerichtet, das erschrocken mitten im Kletternetz auf etwa vier Metern höhe einfriert.

Kinder-Alarm

Lisa, die heute Aufsicht hat, lässt die Gruppe, mit der sie sich gerade noch unter dem Baum beschäftigt hat, allein weitermachen. Schnell eilt sie in Richtung des etwa zehn Zentimeter durchmessenden roten Lichtkegels. Auf halber Strecke erscheint Carlos ganz in der Nähe der Markierung auf dem „Balkon“ und gestikuliert Entwarnung. „Alles gut! Andi und Esh haben sich in in die Haare bekommen. Und als sich Esh versucht hat, Luft zu verschaffen, ist Andi mit seinem Kinn in ihren Ellbogen ‚reingelaufen‘. Der hat kurz Sterne gesehen. Aber ist schon wieder gut. Wir kriegen das hin.“ Lisa macht einen harten Schwenk und zielt wieder in Richtung Mitte. „Noemi, ich bin gleich bei Dir. Bitte bleib, wo Du bist!“ Das Mädchen verharrt im Lichtstrahl – vermutlich auch ganz ohne Anweisungen.

Unter dem Baum angekommen, schimpft Lisa: „Wie kommst Du denn auf die Idee, da alleine hochzuklettern? Du weißt doch, dass Du das noch nicht darfst! Die zweite Ebene ist noch nix für Dich alleine. Jetzt bitte sei nochmal mutig und komm zum Stamm in der Mitte.“

Noemi, noch immer verunsichert von Scheinwerfer und Anweisungen, bewegt sich langsam in Richtung der Leiter am Baumstamm. Dann, als ob sie ein Gedanke durchfahren hätte, hält sie ganz plötzlich in der Bewegung inne. Sie setzt sich ins Netz, lässt die Beinchen durch die Löcher baumeln und verschränkt trotzig die Arme. „Ich will nicht!“, quietscht sie trotzig.

„Noemi, wenn ich jetzt da raufklettern muss, dann dauert es ganz arg lange bist du wieder da hoch darfst. Aber wenn du jetzt brav und mutig bist, dann darfst du da schon in zwei Stunden wieder hoch, sobald Dein Papa da ist – und Robby!“

Robby

„Robby“, erkläre ich Hugo, mit der Hand weiter nach hinten weisend, „ist eine Art Aufpass-Roboter, der Kindern bis in fünf Metern Höhe Hilfestellungen geben und sie absichern kann. Leider gibt es nur einen davon! Er ist das Ergebnis eines mehrmonatigen Workshops mit einem D-Haus in der Nähe, die sich auf Robotik und die Antizipation von Bewegungen spezialisiert haben.“ Halb vom Baum verdeckt, kann man mit etwas Mühe einen giraffenartigen Roboter erspähen, der einem der Kinder anscheinend gerade beim Runterklettern behilflich ist.

„Na komm, sei nicht stur!“, beschwört Lisa Noemi weiter. „Kletter doch hier unten noch ein bisschen!“ Lisa schaut unsicher in Richtung Mohammed, der gerade an den unteren Ästen und ein paar damit verbundenen Metallstangen herumturnt. Jetzt schaut auch Lisa hinüber zu Mohammed und grinst ihm aufmunternd zu: „Du zeigst ihr noch ein paar Tricks, oder, Mohammed?“

Als dieser lächelt nickt, kann man förmlich zuschauen, wie in riesigen Kinderaugen der Widerstand schwindet. Schnell ist Noemi wieder auf allen Vieren und zielsicher unterwegs in Richtung Leiter. Über drei Etappen geht es nach unten zum Boden.

Der Club der roten Lichter

„Nur zur Sicherheit“, fragt Hugo, „rot bedeutet Schlägerei und blau bedeutet was?“

„Rot bedeutet“, hole ich Luft, „dass eine der Körperfunktionen der Kinder in einem kritischen Bereich ist. Das kann beispielsweise einen plötzlich stark beschleunigten Herzschlag oder eine plötzliche Änderung in der Sauerstoff-Sättigung des Blutes sein. Über Jahre haben sie die Werte so eingestellt, dass es immer weniger falsche Alarme gibt und trotzdem keine kritische Situation übersehen wird.

Blau bedeutet ‚Access-Violation‘. Der ganze Raum in Länge, Breite und Höhe ist in verschiedene Sektoren aufgeteilt. Auch die Hilfsmittel am Baum und in den Netzen staffeln sich von ’sehr junger Anfänger‘ bis ‚erfahrener Kletterer‘. Noemi hat noch keine Zulassung für die zweite Ebene. Deshalb ist der Alarm angesprungen, als sie dort lokalisiert wurde.

Die sehr klettererfahrenen Kinder haben ihre Clubs oben an der Decke in sechs Metern Höhe.“ Ich weise auf die beiden Kästen hin, die an der Decke aufgehängt sind. Rundherum haben die Äste der Eiche sich an der Decke entlanggeschlungen und stärken dadurch die Statik der Plattform. Für den Notfall ist auch ein Zugang von oben möglich. „Weißt Du was das beste ist?“ Hugo schaut mich schulterzuckend an. „Die lernen dort oben ‚heimlich‘ lesen, schreiben und rechnen, denn Klettern, das ist ja für sie inzwischen ‚vor allem was für kleine Kinder‘. Seit wir die Kästen dort oben eingerichtet haben, können wir die Hälfte der Schüler schon ein halbes Jahr früher aus den ZIEL-Klassen in die ersten Projekte entlassen.“

Jugendweihen

Hugo kratzt sich gedankenverloren im Brustbereich, wo bei den meisten Menschen heute der subkutane Chip implantiert ist. „Was beschäftigt Dich?“, frage ich amüsiert und vermute: „Es hat auf jeden Fall etwas mit dem Chip zu tun.“

„Wie weißt Du jetzt das schon wieder?“ Aber schon im Fragen wird er sich seiner Hand gewahr und nickt wissend. „Bei euch ist es auch fünf, acht, sechzehn, oder?“

Kurz muss ich überlegen, aber da ich ja weiß, dass Hugo gerade über den Chip nachgedacht hat, kann ich die Zahlenreihe schnell entschlüsseln: „Jepp! Im Alter von fünf Jahren, sobald die Kinder in die ZIEL-Gruppe kommen, werden die Alarm-Schwellen des Chips ein ganzes Stück hochgesetzt, um zu zeigen dass sie jetzt schon für sich selber verantwortlich sind und sich aufeinander verlassen sollen, statt sich auf den Chip zu verlassen.

Im Alter von acht oder neun Jahren haben die meisten dann die ZIEL-Klassen überstanden und ihr erstes längeres Praxis-Projekt der ersten Impuls-Gruppe hinter sich. Da gibts dann eine große Feier, im Rahmen derer sie zum ersten Mal selbst in einigen Bereichen Zugang zu ihrem Chip bekommen. Erste Geldfunktionen, etc., Du weißt schon.

Wenn dann mit sechzehn Jahren die Pflicht-Impulsgruppen beendet sind, dann kommt die Feier zur Volljährigkeit mit dem Vollzugriff.

Auch für Erwachsene

Während wir reden schauen wir fasziniert dem Treiben zu. Vor allem rund um die Baumhäuschen ist ständig ein beeindruckendes Gewusel. Auf den Trägern und in den Netzen befinden sich dagegen nur vereinzelt Kinder.

„Weil du vorhin davon gesprochen hast, dass die Kinder heimlich das Lesen lernen – 3D-Brille oder Tablet?“, fragt Hugo.

„Beides“, antworte ich, „und vor allem auch das gute alte altmodische Papier! Wir haben da oben noch echte Papierausgaben, schön in Kunstleder gebunden. In diesem Herbst oder Winter will ich mich selbst mal in einen der Würfel da oben setzen und mit Blick aus dem riesigen Fenster lesen. Viel behaglicher geht eigentlich gar nicht. Aber natürlich hat auch jede Box drei Anschlüsse für die 3D-Brillen, wo dann alle Angebote vom zentralen Server genutzt werden können.“

„Benutzen viele Erwachsene den Raum hier?“, fragt Hugo etwas verdutzt. Naja, vor allem abends oder nachts kommen schon einige hier her. Etliche Erwachsene haben noch ihre Lieblingsplätze irgendwo oben im Baum oder in der Räuberhöhle. Ein Großteil der Seele dieses Ortes steckt hier drin, glaub ich.“

Die größte Räuberhöhle der Welt

Mit Blick auf die seitliche Holzkonstruktion wird Hugo plötzlich hibbelig. „Jetzt weiß ich, an was mich das erinnert! Ich hab neulich ein Modell von einer mittelalterlichen Stadtbefestigung gesehen. Und die hatten auf ihren Maueranlagen einen hölzernen Aufsatz und das sah fast genau so aus wie das hier. Wehrgänge!“

„Manche sagen auch, es sähe aus wie 300 Beichtstühle über- und nebeneinander!“, erwidere ich. Hugo schaut irritiert zurück. „Beichtstühle?“

Ich kichere. „Ach vergiss es. Religionsgeschichte. Das ist schon lang nur noch für ein paar wenige Menschen relevant. Möge Gott ihrer Seele gnädig sein!“ Hugo verzieht irritiert das Gesicht.

„Jedenfalls kommt dieses seltsame Aussehen daher, dass das einerseits eine riesige Räuberhöhle für Kinder sein soll und gleichzeitig die Erwachsenen die Möglichkeit haben müssen, jeden Ort in kürzester Zeit zu erreichen und alles von außen möglichst effizient reinigen zu können.

Die ganze Konstruktion ist genau wie der Raum sechseinhalb Meter hoch und nimmt an jeder der Wände zwei Meter ein. Davon sind siebzig Zentimeter für die Erwachsenen. Das ist der Teil, der aussieht wie ein Wehrgang. Dahinter ist dann ein 1,70m tiefer Bereich für die Kids. Hier vorne zur Tür hin darf es gern etwas lauter zugehen, während weiter hinten alle dazu angehalten sind, etwas leiser zu sein.“

Während Hugo nickend das Gesagte noch sacken lässt, hake ich schon wieder ein: „Hui, das Wichtigste hätt ich fast vergessen: während der Bereich für die Erwachsenen je ‚Stockwerk‘ zwei Meter hoch ist, sind die Stockwerke des hinteren Teils für die Kinder fünfzig Zentimeter niedriger, so dass im zweiten Stock für Erwachsene der zweite und dritte Stock für die Kinder zusammenlaufen. Diese ganze Konstruktion hier war dreißig Jahre lang die größte Räuberhöhle der Welt!“

Wie Könige

Lisa hat sich längst schon wieder mit ein paar Kindern unter den Baum gesetzt liest ihnen etwas vor. Ich fasse Hugos Hand am Ärmel und ziehe ihn in Richtung Lisa. „Komm!“ Nach ein paar Metern haben wir den bunten weichen gummierten Untergrund aus wiederverwertetem Altplastik hinter uns gelassen und gehen jetzt über die noch weichere Rasenfläche. Das Grün wir immer wieder von kleinen Blumeninseln unterbrochen. Weiter hinten habe ich auch schon optisch etwas weniger ansprechende Gemüsebeete gesehen.

Ein paar Kinder spielen auf dem Rasen fangen und umtribbeln dabei sorgfältig die Beete. Schließlich haben sie das selbst alles mitangepflanzt.

Lisa hält inne und schaut uns neugierig entgegen. „Das ist Hugo!“, rufe ich. Darf ich ihn mal durch die Räuberhöhle führen?“ Lisa kramt kurz in ihrer Hosentasche und wirft uns geschickt einen Chip zu. Noch bevor ich den Chip fange, spüren Hugo und ich ein kurzes Vibrieren in der Brust. Die Zugangsrechte sind übertragen. Ich werfe den Chip gleich wieder zurück.

Während es für die Kids in ihren Bereichen der Räuberhöhle ein System aus kurzen Leitern, Gängen und Rutschen gibt, können sich die Erwachsenen – nach der Freischaltung – wesentlich schneller und direkter bewegen. Unser Chip aktiviert alle Mechanismen in unserer Umgebung, um beispielsweise Luken öffnen zu können.

Es ist fast schon majestätisch zu beobachten, wie sich allein auf unsere Annäherung hin die in die Holzoberfläche eingelassene Leiter-Sprossen nach außen fahren und sich aus der gerade noch glatten hölzernen Wand ein Leiterprofil erhebt. Schnell klettern wir ins zweite von drei Erwachsenen-Stockwerke hinauf und können auf einen Knopfdruck hin das Sicherheitsgeländer nach innen klappen.

Hugo ist komplett aus dem Häuschen, als er die teils mit bunten Kissen ausgepolsterten Abteile sieht, von denen manche zusätzlich durch aufgespannte Tücher einen noch höhlenhafteren Charakter bekommen.

Zwang und Freude

„Oh Gott, so etwas habe ich mir als Kind immer gewünscht! Aber wie hält man das eigentlich alles sauber?“

„Hoch lebe Mr. Zwanghaft!“, kichere ich. „Aber eigentlich eine gute Frage. Siehst du da hinten am Fenster das kleine Fahrzeug? Mit der Hebebühne kommst du hier überall hin. Meist ziehen wir das ganze als Spiel auf, an dem die Kids beteiligt sind. Da sind dann ratz-fatz alle Kissen im Nachbarabteil und schon ist alles mit dem ‚Heiß und feucht‘ porentief saubergemacht. Dazu machen die Mikrobiologen hier zur Kontrolle regelmäßig Abstriche. Da kann es eigentlich gar nicht unhygienisch werden.“

Mit großen Augen schlurft Hugo von Abteil zu Abteil. Vorne an der Tür ist auf einem größeren Areal gerade eine Schlacht im Gange. Zehn Kinder sind mit großen Nerf-Guns bewaffnet und verschießen Schaumstoff-Pfeile. Wir werden Zeugen einer Schlacht mit rasanten Verfolgungsjagden. Rauf auf den Kissenberg zwischen die Stockwerke, hindurch durch den schmalen Durchang und wieder bäuchlings die Rutsche runter, nicht ohne – ganz James Bond – im Hinabschlittern ein paar Schüsse abzugeben. Dann hinein ins Bällebad, das allerdings von oben unter Beschuss genommen wird. Die Koalitionen ändern sich minütlich. Nur die Kids schaffen es, den Überblick zu behalten

Relaxed

Weiter hinten geht es ruhiger zu. In einem Abteil wird unter Anleitung mit Holz gebastelt. Ein paar Mädchen spielen ein Brettspiel. Ein Junge sitzt ganz hinten allein an der Glasfront und zeichnet etwas.

Dank der Freischaltung können wir oben in der Decke eine Luke öffnen und klettern hoch in den dritten Stock. Ich signalisiere Hugo, dass er jetzt besonders leise sein soll. Hier sind die Schlafkojen der Kinder untergebracht, aber auch einige Erwachsene kommen ab und zu hier her, um sich eine Runde aufs Ohr zu legen. Der Zauber dieses Ortes ist einfach zu groß, als dass ihm viele widerstehen könnten.

Flüsternd mache ich Hugo darauf aufmerksam, dass der hier verwendete Stoff spezielle physikalische Eigenschaften hat und dadurch den Schall besonders gut schluckt. Dadurch ist es nicht so schlimm, wenn an anderen Stellen gelärmt wird. Zudem sorgt das Belüftungssystem absichtlich für eine ganz spezielle Art des weißen Rauschens, was wiederum ein schnelles Einschlafen begünstigt.

Leise schieben wir einen der Vorhänge behutsam zur Seite. Ich muss an mich halten, um nicht loszukichern, weil wir im diagonal verlaufenden ‚Slot‘, wie wir es nennen, den notdürftig abgeschminkten Mundjoo erkennen. Selig lächelnd schnarcht er leise und wenn er aufwacht wird er den Sternenhimmel sehen – auch wenn der nur fluoreszierend mit kleinen Aufklebern an der niedrigen Decke angebracht ist.

Notdurft

„Und wenn man mal dringend muss?“, fragt Hugo, fast sicher, mich endlich mit einer Frage in die Enge getrieben zu haben.

„Das geht sprichwörtlich schnell wie die Feuerwehr“, antworte ich. Ich zeige auf eine Stelle, des „Wehrgang-Geländers“, die mit einem Vorhang abgehangen ist. „Wir sehen uns unten!“ rufe ich Hugo zu, greife mit beiden Händen die Metallstange über dem Vorhang und, um es mit Hugos späteren Worten zu sagen, ‚verschwinde hinter schwarzem Filz!‘.

Als sich nach einer halben Ewigkeit auch endlich Hugo aus der Ausgangsöffnung der Rutschbahn gequält hat, weise ich mit einem „Tataaa“ zur Tür, die sich gleich neben uns in der Holzkonstruktion befindet. „Zwei Waschräume für Erwachsene und zehn für die Kinder. Weiter vorne sind noch Waschbecken, bei denen sich die Kleinen abends waschen und die Zähne putzen können.“

Selbstgewählte Familie

„Die Kinder leben hier ganz?“ Hugo ist sichtlich bestürzt. Naja, ist vielleicht auch kein Wunder. Sein ‚Hobbit-Hügel‘ wird eher von traditionellen Familien bewohnt. Da ist das kein all zu großes Thema.

„Also“, setze ich an, „natürlich leben die aller wenigsten Kinder hier die ganze Zeit über. Aber wenn sie wollten, dann könnten sie. Es gibt drei Mal am Tag Mahlzeiten, es sind immer Lehr- und Aufsichtspersonen hier und meistens sind es sogar wesentlich mehr als die Minimalbesetzung vorschreibt. Auch von den Jugendlichen kommen viele hier her und beschäftigen sich mit den Kleinen. Mehrere Impulsgruppen erproben didaktische Konzepte oder beschäftigen sich mit den Anforderungen, die es mit sich bringt, auf Kinder aufzupassen. Voraussetzung, dass die Kinder länger hier bleiben dürfen, ist lediglich, dass sie nicht mehr nachts einnässen.

Viele Eltern kommen lieber jeden zweiten oder dritten Tag für mehrere Stunden hier her und kümmern sich nicht nur um ihr Kind, sondern zudem um viele andere Kinder auch. Dafür genießen sie es, wenn sie zu Hause „sturmfreie Bude“ haben, länger arbeiten oder etwas unternehmen können. Das gleiche gilt natürlich umso mehr für Alleinerziehende.

Erziehungsberechtigte

Und dann sind da noch einige Kinder, die sind Vollwaisen. Oft leben die Eltern sogar noch, aber sie wollen halt leider oder glücklicher Weise nichts mehr von ihren Kindern wissen, z.B. weil sie mit sich selbst schon genug Probleme haben. Das fällt aber gar nicht auf, weil sich oft schon andere Personen des Turms bei ihnen als Erziehungsberechtigte eingetragen haben. Zum Glück ist es ja schon sehr lange so, dass sich jeder als Erziehungsberechtigter für ein Kind eintragen lassen kann, sofern das Kind und die anderen Erziehungsberechtigten zustimmen.

Wir sind eine große Familie hier, aber vor allem sind wir je nach Projekt und Aktivität kleine, fest zusammenhaltende Gruppen in wechselnden Konstellationen. Kann sein, dass da auch ‚klassische Mutter-Vater-Kind-Konstellationen‘ vorkommen. Aber das ist inzwischen eher die Ausnahme als die Regel.“

„Bin ich froh, dass ich aus einer langweiligen altmodischen klassischen Familie stamme“, rutscht es Hugo heraus. Ich spüre, wie mir die Zornesröte ins Gesicht schießt. „Das ist gemein, so etwas zu sagen! Du weißt genau, dass es oft nicht leicht für mich ist, weil ich meine Eltern so früh verloren hab! Man ja keine Wahl als Kind, ob man eine Familie möchte und welche!“
Es geht mir schlagartig besser, als ich Hugo sofort auf dem Rückzug sehe. Nichts desto trotz sprudelt es weiter aus mir heraus: „Ich bin jedenfalls froh, dass ich schon früh in dem Bewusstsein groß geworden bin, dass ich mir meine Familie selbst auswähle und dass ich ganz viele Eltern hab. Manchmal bist du wirklich ein taktloser Schuft!“ Ui, das war jetzt vielleicht ein bisschen zu schrill. Aber die Botschaft ist angekommen. Kleinlaut hat Hugo seinen Blick in Richtung Boden gewendet als wolle er schauen, ob schon Gurken reif sind.

„Schluss jetzt mit der Führung! Ich muss jetzt schauen, wo Ayo ist!“

Fortsetzung: Sonnengeflecht