Plot: Ayodele nimmt eine futuristische Dusche und muss sich noch noch um seinen Baum kümmern.
Exkurse: Idee global – Umsetzung lokal, Body-Server, futuristische Botanik


Vorspann

Wach und gut gelaunt statt Morgentran! Ich finde, es hat sich gelohnt, auch wenn es natürlich aus elterlicher Perspektive ein bisschen leichtsinnig war. Erst beim Blick auf meinen Arm, der aussieht, wie eine sehr behutsam gerupfte Gans, merke ich, wie verdammt kalt es mir ist. Ich brauch ne Dusche!

Das Design und der Bauplan meiner Nasszelle stammen aus der Feder einer amerikanisch-italienischen Gruppe, die eine Idee von Isaak Asimov zum Leben erweckt haben. „Comporellon“ heisst das Modell. Auf dem gleichnamigen Planeten, von dem im Foundation-Zyklus erzählt wird, ist ein ganz ähnliches Modell sehr beliebt, weil es Energie spart, indem vornehmlich Luft statt Wasser erhitzt wird.

Idee global – Fertigung lokal

Komisch eigentlich, dass man früher auf die zwanzig Modelle beschränkt war, die man sich im Baumarkt oder beim Sanitär-Händler des Vertrauens anschauen konnte. Heute ist das ein bisschen anders gelagert: es gibt einerseits ein paar wenige meist genossenschaftlich organisierte Web-Portale, auf denen Designer, Künstler und Konstrukteure aus aller Welt ihre Pläne anbieten. Andererseits gibt es die Werkstatt in der Nähe, die mit diesen Seiten assoziiert ist und in der Lage ist, die Pläne umzusetzen. Schade, dass wir bei uns im Walddorf fast alles haben außer einer großen Werkstatt. Andererseits wäre die Geräuschkulisse der natürlichen Umgebung auch gar nicht zuzumuten. Naja, einen Kilometer fahren und ein bisschen mehr bezahlen – das ist kein Beinbruch.

Allen Werkstätten, die mit der Genossenschaftsseite verbunden sind, ist gemein, dass sie über verschiedenste 3D-Drucker, Fräsen und allerlei weitere Maschinen verfügen, um aus den Blaupausen montierbare Werkstücke anfertigen zu können. Nach diesem Konzept „Idee global – Fertigung lokal“ funktionieren inzwischen die meisten Geschäfte. Ich schüttle den Kopf angesichts der Transport-Orgien, die früher unternommen wurden, als zwischen Idee und Realisierung noch nicht in dem Umfang wie heute getrennt wurde. Zudem hatten Firmen immer versucht, so viele Prozesse wie möglich bei sich zu bündeln, statt Aufgaben hilfreich zu teilen.

Auch zur Finanzierung der Designer hat sich ein System eingebürgert, das auch für viele andere Dinge genutzt wird: auf der einen Seite wird ein Topf mit Geldern gefüllt, sei es durch Abgaben auf Produkte wie 3D-Drucker oder durch Steuer-Zuschüsse oder durch einen Anteil am finalen Verkauf. Auf der anderen Seite wertet ein System aus, welche Entwürfe am meisten nachgefragt werden und verteilt die Gelder entsprechend auf die Urheber. Anhand eines komplexen Systems werden die Preise nach oben und unten gedeckelt und weniger bekannte Stücke gepusht.

Duschen mit Isaak Asimov

Ich stelle mich in die Rundum-Dusche, nachdem ich mich meiner letzten Klamotten im schmalen Vorraum entledigt habe. Schnell die obere und untere Zahnschiene ausspülen, einsetzen und an den Schlauch stöpseln und los geht’s.

Von der Sauna…

Zunächst wird der Körper von immer wärmer werdender Luft aufgeheizt, wie in der Sauna. Währenddessen weicht eine lauwarme Reinigungsflüssigkeit in der Schiene meine Zähne ein. Ein leichtes Bitzeln zeigt mir, dass auch Ultraschall dabei hilft, Verunreinigungen zu lösen.

Bereits nach wenigen Minuten hat sich mein Körper durch die warme Luft enorm aufgeheizt und ich lechze nach Abkühlung. Überall wachsen Schweißtropfen, stoßen an andere und rinnen in hunderten Rinnsalen an mir hinab.

über den Kälteschock…

Als ob das System mein Verlangen registriert hätte beginnen jetzt unten die ersten Düsen, mich mit kaltem Wasser zu besprühen. Während sich die Wasserstrahlen mehr und mehr nach oben ausweiten, atme ich heftig aus und ein, den anfänglichen Schock verkraftend. Dann nimmt der Geruch von zitroniger Seife ein bisschen die Aufmerksamkeit von der Kälte.

Ich beginne damit, den ganzen Körper mit den Händen zu schrubben und als ich fertig bin, sind es ziemlich druckvolle Wasserstrahlen statt Sprühregen, die mir den Schaum vom Leib waschen, diesmal allerdings mit komfortablen 25 Grad statt 15 Grad Celsius, die sich wegen des Kontrasts einen Augenblick lang fast zu heiß anfühlen. Auch meine Zähne werden nun durch kräftige Wasserströme von jeglichen Anhaftungen gesäubert.

zum Verwöhnprogramm

Als nun auch dieser fast schon angenehme Schritt überwunden ist, werden meine Zähne von einem zahnärztlich für den Langzeitschutz gedachten warmen Gel vorsichtig benetzt, während mein Körper von einem nun wirklich 30 Grad Celsius warmen Luftstrom verwöhnt wird.
Mit einem Knopfdruck gehe ich in die einminütige Verlängerung. Danach aktiviere ich das Reinigungsprogramm für die Mundschienen und mache mich daran, wie aus dem Ei gepellt,  das Badezimmer zu verlassen.

Das beste: meine „Bilanz“ bestätigt den Erfolg der Sparmaßnahmen auf dem Planeten Comporellon auf ganzer Linie: ich komme mit einem Bruchteil der früher nötigen Wassermenge und Energie aus und fühle mich trotzdem pudelwohl.

Technologie-Tarzan

Nach dem Überziehen von T-Shirt und Strümpfen öffne ich die Tür und stehe wie Tarzan in freier Natur. Eine hölzerne Brücke und eine Wendeltreppe schließen sich direkt an die Tür an. Ich spüre, wie die draußen deutlich kältere Luft den warmen Nebel nach außen saugt. Mein Blick führt den ganz leicht abfallenden Hang hinab durch dank der Feuchtigkeit dunkelgelb, dunkelorange und dunkelrote Baumkronen. Schnell hangle ich mich die „Reling“ entlang und um 180 Grad drehend die Treppe hinunter zur Tür auf der anderen Seite und lasse die Badezimmertür mit einem satten Pfloff zufallen. Die restliche Feuchtigkeit wird die Mikroklimaanlage beseitigen. Das ist ein System, das über die Regulation von Luken und einem kleinen Heizkreislauf die Luftfeuchtigkeit in einem optimalen Bereich hält.

Zurück im Schlaf-Arbeitszimmer wähle ich die restlichen Klamotten für den heutigen Tag. Auf das T-Shirt hefte ich hinten und seitlich drei dünne, breite Streifen schwarzen Stoff. Eine kurze Vibration zeigt mir, dass die Verbindung zu den anderen Elementen etabliert ist. Der Body-Server könnte zehn Mondlandungen gleichzeitig koordinieren. Er liest Infos aus meinen zwei implantierten Chips und versorgt meine Datenbrille mit hochauflösenden Infos und verbindet mich mit meiner Datenwolke und dem Rest der Welt. Und doch spüre ich kaum, dass der Server da ist.

Ich lasse mir kurz die Neuigkeiten ins Sichtfeld der Datenbrille projizieren und gehe die empfangenen Nachrichten durch. Dann geht es über die Wendeltreppe nach unten. Die wichtigste Aufgabe des Tages steht an: „Wie geht es eigentlich meinem Baum?“

Baum-Kommunikation

„Mein Baum“… das klingt immer noch komisch in meinen Ohren, aber es stimmt ja. Er ist auf mich und ich bin vor allem auf ihn angewiesen. Bevor ich vor zehn Jahren die Wohnung beziehen durfte, musste ich einen mehrwöchigen Kurs absolvieren. Dort wurden mir bis ins Detail der Stoffwechsel des Baumes und sämtliche kritischen Prozesse nähergebracht. Auch die Interpretation der verschiedenen Anzeigewerte des so genannten Status-Monitors standen im Mittelpunkt. Es ist eine Wissenschaft für sich, an den Pegelständen abzulesen, was ich zu unterlassen und und wofür ich zu sorgen habe. Ziel ist es, eine Art Symbiose hinzubekommen. Gut, dass ich während des ersten Jahres ohnehin bis über den Hals in biologischen und botanischen Studien gesteckt habe!

Besonders knifflig ist der größte mittlere zentrale Raum, da hier große Teile des Stammes und große abgehende Äste innerhalb des Zimmers liegen. Weniger problematisch ist es in den zwei über Außen- und Innentreppen verbundenen kleineren Räumen, dem Bad und dem Schlafzimmer. Diese sind komplett auf und zwischen den großen Ästen gelagert.

Die nun in meinem Blickfeld erscheinenden halbtransparenten Balkendiagramme, Texte und Zahlen zeigen mir, dass Wasser, CO2, Stress-Level und Schäden am Bast, dem unter der Borke liegenden Teil, innerhalb der gewünschten Parameter liegen.
Schlafzimmerbereich, alles in Ordnung! Hier im Wohnzimmer – alles bestens! Bei einem kurzen Rundgang sehe ich, dass sich genau auf Hüfthöhe an der Treppe gerade ein Trieb aus der Rinde drückt. Schnell bringe ich einen Pulsor an der Stelle an, der den Baum dank elektrischer Signale davon überzeugt, an dieser Stelle lieber nicht zu treiben. Einen weiteren Trieb am mächtigen quer strebenden Ast lasse ich gewähren. Der könnte nochmal hilfreich werden, z.B. um etwas daran aufzuhängen.

Lignify your house!

Ein weiterer wichtiger Test sind die lignifizierten, d.h. verholzten Verbindungsstücke. Das sind die Stellen, an denen der Baum die Wände durchdringt. Dank eines Eingriffs ist es möglich, dass der Baum das Fremdholz und das dadurch ausgeübte Gewicht als sein eigenes wahrnimmt und es in sein Wachstum einbezieht. Er verschmilzt gewissermaßen über die Zeit damit. Das wiederum ist eine wichtige Voraussetzung, um die Isolation gut hinzubekommen und die Statik der Wohnung mit Hilfe des natürlichen Wachstums des Baumes zu unterstützen.

Auch hier zeigen die Sensoren keine Spannungen oder Spannungsverluste. Schön! Umso rätselhafter, dass meine beiden Nachbarn gestern über drohende Risse klagten. Vielleicht ist meine traditionelle Methode doch besser als der neue Ansatz, den sie ausprobiert haben. Im nächsten halben Jahr wollen wir detailliert die Unterschiede der Ansätze und der daraus resultierenden Molekül- und Bindungsstrukturen zusammen mit ein paar japanischen Kollegen untersuchen und die Ergebnisse veröffentlichen.

Mein Blick streift über die Rinde am Stamm unterhalb des Astes, an dem ich meine Wäscheleine befestige. „Dass ich das nicht früher gesehen hab!“, entfährt es mir. Ich habe eine ideale, nämlich gut geschützte, verwachsene Stelle entdeckt, um die Stichprobe des Mikrobiom-Projekts zu vergrößern! Ein paar Minuten hab ich noch, bis ich zu Hugo aufbrechen muss.

Fortsetzung: Earthship – Entwicklungsaufgaben IV

Erstmals veröffentlicht am 7. Dez 2015 @ 01:35