Plot: Nicola Tesla hat in diesem Jahr zusammen mit anderen die Mode auf dem Herbstfest zelebriert.
Exkurse: Warum sind Spieltrieb und Begeisterung einerseits und Geld verdienen andererseits kein Widerspruch?


Vorspann

„Wow, so groß hatte ich mir den Turm gar nicht vorgestellt!“, staunte Hugo. Ich musste grinsen. Obwohl ich hier schon seit einem halben Jahr wohne, hatte er es noch nicht geschafft, sich meinen neuen formidablen Wohnort mal aus der Nähe anzuschauen. Gut, dass es heute beim Herbstfest reichlich Gelegenheit dazu gab.

Gaia zum Anfassen

„Übrigens, drei Mal darfst Du raten, mit wem ich gestern ein kleines Schwätzchen gehalten hab. Kleiner Tipp: C, statt K!“

Hugo schaut mich ratlos an. Ich forme mit den Händen eine Kugel, an die ich dann pantomimisch seitlich meine Handflächen lege. Dann lege ich mit ausladender Geste einen großen Hebel um und forme abermals kurz die Kugel, um dann mit leichtem Zittern meine Hände seitlich davon zu positionieren. Meine jetzt weit geöffneten Augen könnten noch die Deutung zulassen, es handle sich um eine seltsame Wahrsagerin mit einem komischen großen altmodischen Strom-Hebel. Dann aber öffne ich weit die Augen, reiße sie gerade zu auf, während ich mit beiden Händen simuliere, wie mir die langen Haare zu Berge stehen. Hugo folgt gebannt meinen Bewegungen. „C im Vornamen, statt K!“ füge ich, plötzlich wieder ganz entspannt und lässig, an.

Hugos Gesichtszüge hellen sich kurz auf. „Heureka“, denke ich grinsend. Dann aber wechselt seine Miene gleich ins Ungläubige. „Du meinst… meinst Du… du meinst nicht die Nicola Tesla? Bliss aus Teil 5 und 6 der Foundation-Verfilmung? Die Schauspielerin, deren Vater den Technologie-Park gegründet hat? Dort, wo sie Experimente zum Beamen machen?“

Ich nicke, was Hugo aber keineswegs davon abhält, seinen Schwall an Fragen fortzuführen.

„Die Nicola Tesla, die mit einer Dilettanten-Gruppe am tragbaren Mikrofusionsreaktor arbeitet? Du meinst wirklich die Nicola Tesla mit dem Namen wie… wie der berühmte Wissenschaftler Nikola Tesla? Also der mit K statt mit C?“ Seine Wangen röten sich deutlich. „Wo?“

Stau

„Du weißt doch, was das Herbstfest ist, oder?“ „Ja“, nickt Hugo, „du hast mir mal kurz davon erzählt, als du dort vor ein paar Monaten im Turm eingezogen bist. Du hast nur gemeint, dass es gleich mega-stressig wird, weil du trotz der finalen Phase für Deine Lestén-Dokumentation dort ziemlich viel mithelfen musst“. Ich nicke bestätigend: „Ja, ich fang mal von vorne an. Wir haben ja noch mindestens ne halbe Stunde.“

Irritiert schaut Hugo aus dem Fenster. „Die Silhouette des Turmes ist doch schon längst sichtbar? Das können doch nur noch 5 Kilometer Luftlinie sein!“, sehe ich förmlich seine Gedanken. Dann wird er gewahr, dass wir noch in der Kolonne sind, aber stehen. Ein Blick auf das Display lässt ihn nun das wahre Ausmaß der Problemstellung erkennen: irgendwo auf dem Weg zum Waldscraper hat sich eine Brücke durch ein liegengebliebenes Fahrzeug zum Flaschenhals entwickelt und nun versuchen die autonomen Steuerungssysteme den „Deadlock“ von einwärts- und auswärts fahrenden Pods möglichst schnell aufzulösen.

„Aaaalso“, fische ich nach seiner Aufmerksamkeit. „Du weißt vielleicht, dass die urspünglichen Bewohner des Grundstücks ein bunt gewürfelter Haufen an Tiny Houses-Idealisten waren.“ Hugo nickt. „Es muss wohl irgendwann nach der Fertigstellung des ersten Stocks gewesen sein, als dort eine Gruppe von Leuten zusammenfand, die ziemlich bemerkenswert war.“

Die Liga der außergewöhnlich gut angezogenen Gentlemen

Es fing an mit zwei Mädels, einer Historikerin und einer Materialforscherin, die beide einen Faible für’s Nähen hatten. Beide waren bereits im Netz zu kleinen Berühmtheiten wegen ihrer DIY-Kurse geworden. Aber nun, da sie am Waldscraper zusammenfanden, wuchsen sie beide über sich hinaus. Das mag auch an einigen Jungs dort gelegen haben, die ihnen sehr dabei behilflich waren, zunächst in den Keller-Containern und später im Erdgeschoss eine „Stoff-Werkstatt“ einzurichten. Bald gab es etliche Workshops und schließlich eine ganze Heerschar an Zuzüglern, die vor allem deshalb kamen, weil die Arbeit mit Stoff auch ihre Leidenschaft war.

Ein paar Biolog*innen ließen sich von den Entwürfen der beiden inspirieren und erforschten im dortigen Bio-Labor, wie man Bakterien dazu bringen könnte, fluoreszierende Farbstoffe zu extrahieren, die sich zum Färben von Stoff gut verwenden ließen. Ein paar Mechatroniker*innen und Ingenieur*innen passten schließlich ein paar auf dem Markt erhältliche Strick-, Stick- und Webe-Maschinen so an, dass Stück für Stück manuelle Tätigkeiten der Stoff-Enthusiast*innen automatisiert werden konnten. Schnell wurden die Klamotten über den Turm-Shop mitvertrieben, der allerlei Dienstleistunen und Erzeugnisse der Waldscraper-Bewohner im Internet wie im realen Leben feilbietet.

Außergewöhnlich normal

Das Konzept, das viele der Kleidungsstücke miteinander verband, war der Umstand, dass sie im „Normalzustand“ wie schicke urbane, aber nicht all zu auffällige Kleidungsstücke aussahen. Aber unter bestimmten Bedingungen (Schwarzlicht, Feuchtigkeit) oder mit bestimmten Erweiterungen wurden sie plötzlich außergewöhnlich, schick oder schlichtweg ein bombastischer Hingucker.

Eine weitere sehr erfolgreiche Eigenheit war, dass viele Stücke das Design einer bestimmten Epoche, von Renaissance bis Jugendstil, aufgriffen. Für unpraktische Eigenheiten dieser Klamotten fanden die Designerinnen allerdings neue Lösungen:

Der alte Filz-Umhang beispielsweise war ursprünglich eine Art schwere Filzdecke mit Kordel zum festbinden. Bei Wind und Regen gibt es eigentlich kaum etwas Einfacheres und gleichzeitig Besseres. Setzt man sich damit, so schließt der untere Teil mit dem Fußboden ab und hält warm. Der obere Teil lässt sich wiederum über den Kopf schlagen, so dass man gar nicht mehr merkt, dass es regnet.  Die einzigen Nachteile: schon trocken sieht man damit aus wie ein unförmiger Kartoffelsack und nass verwandelt man sich in einen sehr schweren Kartoffelsack. Eine speziell geschnittene neue ultraleichte High-Tech-Version allerdings brachte das uralte Kleidungsstück zu neuer Beliebtheit.

Cotton Mountain

Immer mehr Textilbegeisterte mischten sich unter die Bewohnerschaft. Natürlich gab es auch viele andere Projekte im Turm, die nichts oder nur sehr wenig mit Klamotten zu tun hatten. Wie in vielen anderen D-Häusern gab es Räumlichkeiten für Theater (mit legendären Kostümen, versteht sich), Probe- und Studio-Räume, einen großen Shared Working Space für alle Arten von Rechner-Arbeit. Wie immer waren diese Arbeitsräume und Labore kombiniert mit kleinen und größeren gemütlichen Räumen für Kaffee, Bier und Wein, Diskussionen und Konferenzen.

Nach und nach entstanden rund um den Turm herum Gewerbegebiete und Marketing-Agenturen, Zwischenhändler und Rohstoff-Dependencen. Auch der Bereich „Schuhe“ war nach einiger Zeit vertreten.

In den Medien hieß die Ansiedelung nur noch „Cotton Mountain“ in Anspielung an das „Silicon Valley“ und den Waldscraper. Die Bewohner hatten die nach 30 Jahren auch administrativ unabhängige Ortschaft schlicht „Turmwalden“ genannt.

Flieht, ihr Narren!

Der Bau ging durch den Geldregen nun wesentlich schneller vorwärts. Das war nicht zuletzt dadurch möglich, dass jeder Bewohner mit seinem Vertrag unterschrieb, ab etwa 2000€ netto alle Einnahmen in einen gemeinsamen Topf einzubezahlen. Alle assoziierten Unternehmen verpflichteten sich, die Bewohner des Turms zu stillen Teilhabern zu machen und einen Teil der Gewinne an diese etwas andere Art von Stakeholdern auszuschütten.

Für die „gemeinen Einlagen“ der Bewohner gab es für die jeweilig Beitragenden zwar kein Verfügungs- aber immerhin ein Veto-Recht.  so dass alle gemeinsam, unabhängig von den Einlagen, über die nächsten Investitionen entscheiden konnten, aber diejenigen, die für das Geld sorgten, zumindest ein „mit mir nicht!“ artikulieren konnten.

Vom Treiben Genervte wechselten Stück für Stück in andere TinyHome-Kolonien. Wenn jemand den Turm verließ, dann kam es darauf an, ob er in eine andere „Dilettanten-Siedlung“ umzog. In diesem Fall wurde das öffentlich Ersparte einfach übertragen. Wenn er aber in eine eigene alleinige Existenz überwechselte, dann wurde ihm das Guthaben mit einem geringen Abschlag ausbezahlt.“

Kapitalismus und Sozialismus

„Nicola Tesla!“, flüstert Hugo bestimmt, als ich endlich eine kleine Atempause einlege. „Stimmt!“, rufe ich. „Also, es gibt jetzt schon seit Längerem ein Mal pro Jahr ein Herbstfest, in dem wir die neusten Kreationen feiern. Eigentlich feiern wir einfach gern. Und zu dieser Feier stellen wir eben auch die Mode vor. Es soll aber Verrückte geben, die setzen uns in eine Reihe mit den Pariser „Fashion Weeks“.

Da der Zulauf schon schnell unsere Kapazitäten überschritten hat und in Stress ausgeartet ist, machen wir jetzt insgesamt vier Tage, bei denen aber nur der erste Tag für den Publikumsverkehr offen ist.“

Erfreut stelle ich fest, dass ich schon von „uns“ rede.
„An diesem Publikumstag gibt es auch den großen Star- und Presse-Rummel. Die limitierten Karten, die nur für einen von drei Zeit-Slots gültig sind, versteigern wir meistbietend. An diesem Tag sind wir gewissermaßen Voll-Kapitalisten.

An den anderen drei Tagen werden wir zum Voll-Sozialisten. Hier gibt es „Kontingente“ für persönliche Einladungen von Bewohnern, gemeinnützige Gruppen und Bewohner des direkten Umlands, aus denen gleichermaßen gezogen wird, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden.“

Endlich! Nicola Tesla!

Gestern war dieser erste Tag und in diesem Jahr haben wir Nicola Tesla und einige andere Sternchen eingeladen, gegen eine kleine Gage den Tag über unsere Konfektion vorzustellen. Das Besondere dabei ist, dass wir das nicht auf Laufstegen veranstalten, sondern in Vivo. Die Künstler bewegen sich über die Ebenen des Turms, nehmen an kleinen szenischen Schauspielen teil, brillieren auf Show-Strecken, auf denen sie in Gegenwind von Drohnen auf Celluloid gebannt werden und präsentieren immer mal wieder besondere Features ihres aktuellen Kostüms.“

„Celluloid?“, unterbricht mich Hugo.

„Ach, nur Historiker-Sprech. Das ist eine altertümliche Art, akustische und optische Informationen zu speichern und wiederzugeben!

Nicola Tesla wurde ihrem namentlichen Erbe gemäß für eine Runde z.B. in ein Kostüm gesteckt, das ihr – modisch perfekt inszeniert – die Haare zu Berge stehen lässt. Dazu hat sie mit Hussein Rosenthal, dem bekannten Sänger, zur Illumination von Tesla-Spulen und unter Funkenflug eine Gesangs- und Tanz-Nummer zum Besten gegeben.

Ich hab als Historikerin an der Vorbereitung der Szene und an der Beschaffung der Requisiten mitgewirkt und hab zudem wegen meiner Film-Erfahrung den Flug der Kamera-Drohne programmiert. Entsprechend hab ich auch dabei helfen müssen, Nicola in die Details einzuweisen und mit ihr alles nochmal durchzugehen. Hat Spaß gemacht!“

Unser Pod hat sich inzwischen in der Schlange weit nach vorne gearbeitet und auch schon das Nadelöhr an der Brücke hinter sich gelassen. Es sind nur noch wenige Minuten nötig, um es durch die Einfahrt zu schaffen. Gut, dass wir hier drin kaum etwas von dem ganzen Rummel mitbekommen.

Zwei Klassen?

Gespannt erwarte ich, ob mir Hugo nun Fragen zu ihrem Äußeren, zu dem, was sie denn zu mir gesagt hat oder zu ihren Kurven stellt. Schnell fiel mir aber seine in Falten gelegte Stirn auf, die darauf hinwies, dass er sich schon längst wieder in etwas anderes gedanklich verbissen hatte. Entsprechend wenig verwundert bin ich als er fragt: „Sag mal, aber was genau ist denn dann die anderen drei Tage los?“

„Eigentlich das Gleiche wie am ersten Tag. Nur mit wesentlich mehr Ruhe. Und wir zahlen der Prominenz an diesen Tagen keine Gage. Viele sind aber von der ganzen Atmosphäre so begeistert, dass sie trotzdem bleiben. Und einige Nachwuchs-Stars nutzen diese Tage gezielt, um groß rauszukommen. Denn – zumindest zu bestimmten Zeiten – laufen ja auch an diesen Tagen die Kameras. Allerdings sind es deutlich mehr Handy-Kameras als Profi-Gerät.

Wie auch am ersten Tag stellen viele den Eingangsbereich ihres TinyHomes zur Verfügung, um dort leckere Naschereien, Handgemachtes und vieles mehr zu verkaufen. Die vielen Pflanzen sind von Lampions illuminiert und zaubern eine behagliche herbstliche Atmosphäre. Wie ein kleiner Weihnachtsmarkt auf jedem einzelnen Stockwerk, nur auf jeder Etage etwas anders.“

„Aber ist das nicht zugig? Durch die vielen Öffnungen an den Seiten, da strömt doch der feuchte kalte Herbstwind durch jede Ritze?“ Ich lache. „Ob das so ist, wirst du schon in einigen Minuten selbst prüfen können!“ Mit diesen Worten parkt unser Pod innerhalb des Turmgeländes in seinen freien Park-Slot ein.

Fortsetzung: Bildung am ZIEL