Exkurse: Welche Mittel zum Widerstand gibt es im Pazifismus? Wie würde g20k in einem autoritären Staat aussehen? Wie bemalt man in kürzester Zeit eine Häuserfront?


Zur vorherigen Episode: Bildung am ZIEL

Empfangskommittee

Zuerst erlosch die Beleuchtung. Dann hörten wir ein sich nahendes flappendes Geräusch, das in unserer Infrarot-Kamara schemenhaft als Hubschrauber, nein, sogar zwei Hubschrauber, Gestalt annahm.

„Noch etwa eine Minute!“ rufe ich über die Plattform. „Nachtsicht-Geräte aufsetzen!“ Die Riesen halten sich versteckt, links und rechts zwischen zusammengeschobene Tiny Houses gekauert.

Wir vier ducken uns hinter dem „Kommandostand“, dem überdachten oberen Zugang zum Treppenhaus. Jeweils einer bedient eine Gotcha-Gatling. Das ist ein Trommelmaschinengewehr, das kleine Farbkugeln verschießt. Der andere achtet darauf, dass der Farbkugelbehälter immer gefüllt ist und nicht blockiert.

Normalerweise schließt man diese Art von Gatlings an Computer an und kann damit z.B. ganze Häuserfassaden bedrucken. Mit Präzision und Winkel-Korrektur entsteht Stück für Stück das Abbild einer Vektorgrafik an der Hauswand. Heute haben wir die Rezeptur geändert, damit es mehr schliert und spritzt und klebt. Aber wir wollen ja auch keine Wände, sondern die Uniformen und Helme von Invasoren verzieren.

Flap und Fump

Spüre ich bereits den Druck der Rotoren? Nur noch 500m trennen uns von den Angreifern. Während mir nichts anderes übrig bleibt als zu warten, rekapituliert es in mir. Wir sind die unterschiedlichsten Szenarien durchgegangen. Nie ging es ums gewinnen. Es ging immer darum, erstens den Eindringlingen möglichst viel Widerstand entgegenzusetzen. Zweitens ist das Ziel, möglichst hohe Kosten zu verursachen. Drittens soll die Reputation der Eindringlinge durch die nachfolgende Medienberichterstattung möglichst leiden.

Eines der im Vergleich zu früher fast leisen Fluggeräte nimmt Position schräg über uns ein. Der andere setzt wohl seine Fracht in Bodennähe ab. Während uns der Wind um die Ohren pfeift, hören wir ein mehrfaches „Fump“. Unser Turm ist unter Beschuss von Reizgas-Kartuschen! Mit einem Knopfdruck springen unsere Sprinkler-Anlagen an. Der wässrige Spezialnebel kann das Gas zum Glück schnell in Richtung Fußboden binden. Hier oben auf der obersten Ebene haben wir notgedrungen zu einer springbrunnenartigen Installation gegriffen.

Bis auf die Hälfte der Strecke haben wir die sich nur im Infrarot schwach vom Nachthimmel abhebenden Phantome von ihren Seilen herabgleiten lassen. „Schießt nicht zu früh!“ ist der Satz aus dem Briefing, der sich gebetsmühlenartig in mein Gedächtnis eingegraben hat.

Widerstand

Dann ist es endlich so weit. Von zwei Seiten eröffnen wir das Gatling-Sperrfeuer. Mit einem spratzelnden Geräusch zerplatzen die Gelatine-Kugeln an den Helmen, den Visieren und weiteren Ausrüstungsteilen. Der Hubschrauber 30 Meter über uns erzeugt mit seinem Flp-Flp-Flp den Grundrhythmus zu den prasselnden Farbspritzern.

Die drei weiter oben an den Seilen befindlichen Spezialkräfte halten inne. Vielleicht warten sie auf Befehle, ob der Einsatz abgebrochen werden soll? Besser für uns.

Blitze durchzucken die Nacht, als die an mehreren Stellen angebrachten Kameras auslösen und ihre Aufnahmen sogleich auf drei unterschiedlichen Wegen versenden. Die LAN-Verbindung ist vermutlich längst gekappt. Insofern bleibt zu hoffen, dass Satellit und Blacktooth, eine genau auf eine Koordinate ausgerichtete gebündelte Funkübertragung in bis zu 3km Reichweite, funktionieren. Die Gatling-Magazine sind fast leer. „Zielt auf die Visiere!“, ruft einer.

Das Imperium schlägt zurück

Uns war klar, dass das Gouvernement früher oder später zu einem Schlag ausholen würde, um „Stabilität und Ordnung“ wieder zur Geltung zu verhelfen. Diese Klarheit war die Voraussetzung dafür, schon seit einem Jahr in aller Verborgenheit Vorbereitungen zu treffen. Eine heimliche Unterstützerin aus Regierungskreisen hatte uns schließlich vor einer Woche gewarnt, dass wir es mit der Gewerkschaftsaktion in einem „Sweatshop“, der dem Gouverneur der Provinz persönlich gehört, eindeutig zu weit getrieben hätten, auch wenn wir dabei völlig im Bereich des Legalen geblieben sind. Der Gouverneur ist es, der mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen das Wohl vieler Jugendlicher gefährdet und in baufälligen kaum brandgeschützten Ruinen beste Profite erwirtschaftet.

Dank des Insider-Tipps sind wir schon seit sechs Tagen unter erhöhter Alarmbereitschaft und haben den Verteidigungs- und Evakuierungsplan etliche Male durchgespielt. Vor fünf Minuten hat unser Warnsystem dann ein Flugobjekt gemeldet, dessen Bewegungsvektor direkt auf unseren Turm weist. Damit hatten wir zwei Minuten mehr Zeit als gedacht.

Im Hubschrauber schräg über uns hat wohl tatsächlich jemand den Rückzug-Befehl gegeben, weshalb die drei oberen Einsatzkräfte schon wieder nach oben gezogen werden. Die unteren drei haben bereits den Beton der Plattform unter den Füßen.

Während sie kurz unschlüssig nach oben schauen, wird bei uns Verteidigungswelle Zwei gestartet. Fünf übergroße Riesen nähern sich jetzt den Eindringlingen und versuchen sie zu umzingeln. Etwas verzweifelt zücken die drei die Herren in schwarz Rücken an Rücken ihre Taser-Pistolen und eröffnen das geräuschlose Feuer.

Springfield XXL

Kamera-Blitze erhellen stroboskopartig die Szenerie. Unsere Riesen entpuppen sich im Blitzlichtgewitter als übermenschengroße plüschige Homer Simpson-Maskottchen mit dicken Bäuchen, von denen sich nun drei auf die überraschten Einsatzkräfte geworfen haben. Die etwas ungeschickten Plüsch-Riesen versuchen, schlicht mit ihrer Masse den Gegner auf den Boden zu nageln. Sobald sich einer befreit, steht der nächste Riese bereit, der sich auf ihn fallen lässt. Wir vier, die wir vorher die Gatlings bedient haben, helfen dabei, die wohl noch recht jungen Rekruten in aller Eile zu entwaffnen und mit bereitliegenden Handschellen zu fesseln.

„Da hat uns wohl jemand unterschätzt“, denke ich gerade als zwei Schüsse den gedämpften Geräuschteppich zerreißen. Eins der stehenden Homer-Maskottchen geht zu Boden. Schnell zerren wir einen der überwältigten Soldaten und unseren sich windenden, stöhnenden Riesen in den überdachten Kommandostand, über dessen Treppe man im Turm nach unten gelangt.

Tian

Die Metalltür fällt mit einem satten dumpfen Geräusch ins Schloss. Behände bringe ich den schweren Riegel-Balken in Position. Kurz frage ich mich bang, wie das wohl weitergeht auf dem Dach, wenn die drei verbliebenen Sicherheitsleute auf drei Homer Simpsons und zwei gefesselte Kollegen stoßen. Der Gedanke verblasst, als mit dem dank geschlossener Tür ersterbenden Hubschrauber-Geräusch das schmerzvolle Stöhnen unseres Mitbewohners in den Vordergrund der Wahrnehmung kommt. Die haben tatsächlich scharf geschossen, diese Idioten! Im bleichen Licht der Batterie-gespeisten Notbeleuchtung schauen mich zwei unter der Plüschmaske erkennbar geweitete Augen panisch an.

Schnell lösen wir den Kopf vom Kostüm und erkennen, dass es Tian ist, der getroffen wurde. „Rechte Schulter, scheiße tut das weh!“, weist er uns mit einer schmerzverzerrten Kopfbewegung die Richtung. Schnell tragen ihn nach unten in den Treppenaufgang, zwei, die von unten kommen und einer von uns oben.

Gefesselt, aber nicht gefangen

Den mitgezogenen, sich in seinen Fesseln windenden jungen Soldaten beruhigen wir:“Deine Kollegen werden Dich in ein paar Minuten holen. Du bist nicht unser Gefangener. Wir wollten es euch nur nicht all zu leicht machen.“ Seinen sich langsam entspannenden Gesichtszügen entwindet sich ein gequältes Lächeln: „Das kann man wohl sagen! Die haben gesagt, dass wir von euch Pazifisten kaum mit Gegenwehr zu rechnen hätten! Die sind noch im Halbschlaf, wenn sie merken, dass sie festgenommen sind! Das haben sie uns gesagt.“

„Ruh‘ Dich aus im Flur unten. Komm!“, ermuntere ich ihn, während ich ihn an der Schulter leicht in die Richtung weise. Das Treppenhaus wird von einer leichten Detonation erschüttert. Ich grinse vielwissend. „So einfach kommt ihr nicht in den Keller! Außer ihr seid Maulwürfe!“ murmle ich. Der Soldat sieht mich an als wäre bei mir eine Schraube locker.

Tian liegt inzwischen unten im Gang auf dem Rücken und wirkt in den Resten des massigen Kostüms wie ein leidender hilfloser Käfer. Wir lösen den rechten übergestreiften Maskottchen-Arm. „Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass diese Idioten schießen!“ flucht er. Mit einem beherzten Griff in eine Falte im Kostüm am Hals bekomme ich den Reißverschluss des „Overalls“ zu fassen und teile Homer Simpsons gewaltigen Bauch entzwei. Wie eine russische Matrjoschka kommt der eigentlich muskulöse, aber dank Homer-Kontrast mickrig wirkende Körper Tians darin zum Vorschein. Letzterer begleitet unsere Bemühungen, seinen Arm durch die seitliche Öffnung des Kostüms zu ziehen, mit einem gellenden Schrei.

Xia

Xia, die uns bereits mit Sanitäter-Koffer auf de Zwischenebene erwartet hat, streift sich geschickt Handschuhe über, zerschneidet Tians Shirt am Oberarm und reinigt und desinfiziert die blutende Wunde an der Schulter. „Gut, dass ich fünf Jahre Erfahrung in einer Unfallklinik gesammelt hab“, zischt sie und verbreitet damit Optimismus, ohne es selbst zu merken. Könnt ihr mir bitte eine Decke oder so etwas besorgen? Tiam könnte einen Schock erleiden. Wir müssen dann seine Körpertemparatur stabilisieren!“ An Tiam gewandt zwingt sie sich zu einem Lächeln und tupft ihm mit einem Taschentuch die Stirn. „Alles wird gut. Die Kugel steckt am Schulterblatt, soweit ich das hier beurteilen kann. Gut, dass unsere Näherinnen in den Kostümen noch die Kevlar-Schicht angebracht haben. Das hat dich vor dem Schlimmsten bewahrt!“

Wieder den anderen zugewandt, wird Xias Stimme wieder laut und bestimmend: „Ich brauche einen, der sich mit Tiam weiter unterhält und einen, der diese Mullbinde so auf die Wunde drückt, dass sie nicht mehr blutet. Ja, das wird eine feuchte Angelegenheit. Hier, desinfiziere Deine Hände! Monir, kannst du Tiam kurz anheben, damit ich den Druckverband anlegen kann?“

„Erst noch ein Foto von der Wunde!“, entgegnet dieser und wenige Sekunden später ist der Schürfsaum, auf den bereits wieder frisches Blut austritt, samt Tiams schmerzverzerrtem Gesicht im Kasten.“ Schnell ist das Smartphone verstaut und Tiam in halb aufrechter Position zum Anlegen des Verbandes.

Ammenmärchen

„Musst Du nicht die Kugel rausziehen?“, fragt eins der Mädchen irritiert, die mit Xia gekommen ist. Trotz aller Arbeit mit dem Verband lacht Xia kurz und wendet sich der Fragenden zu. „Darauf hab ich gewartet. Du hast zu viele Western-Filme geschaut! Aber Antibiotika muss Tiam so schnell wie möglich bekommen, im Krankenhaus. Das ist tatsächlich wichtig. Den Rest müssen die Ärzte im Krankenhaus beurteilen und erledigen. Für uns ist jetzt ohnehin nur von Bedeutung, dass Tiam stabil und bei Bewußtsein bleibt und nicht in einen Schock-Zustand fällt!“

Tick-Tack…

Rumpeln und dumpfe Sprachfetzen zeigen uns, dass sich jetzt oben mehrere Personen an der Tür zu schaffen machen. Mal schauen, ob die vorletzten Monat beschafften Schlösser und Sicherungsbalken ihr Versprechen einlösen. Auch von unten im Treppenhaus dringen jetzt Geräusche empor. „Die sind schnell!“, kommentiere ich beunruhigt.

Der gefangen genommene Eindringling sitzt indessen wie ein Häufchen Elend gefesselt an der Wand und wiederholt immer wieder verzweifelt: „Mann ist das peinlich, scheiße!“ und „Oh Gott, das tut mir leid! Warum schießen diese Idioten?!“. Er gibt ein bizarres Bild ab. Die schwarze Uniform ist unter Hunderten bunten Farbklecksen gerade auf Brusthöhe kaum auszumachen. Sein Helm mit Visier liegt neben dem Mann am Boden. Der Kopfschutz sieht dank all der Sprenkel aus wie ein Accessoire von einer Kinder-Karnevalsparty. Nur die Luftschlangen und Konfetti fehlen.

Als der Druckverband sitzt, hat sich Monir mit seinem Handy in Position gebracht. Ehe der Soldat verstanden hat, was vor sich geht, hat er ein Bild abgelichtet, auf dem ihm eine Helferin gerade aus einer Mineralwasserflasche zu trinken gibt. Nun wendet sich Monir Tian zu. „Könnt ihr mal bitte den Arm und den Kopf so neben Tiam legen, dass man wieder Homer Simpson erkennt? Macht nichts, wenn du den Plüsch-Arm dort halb ins Blut legst. Jaaaa, gut so. Krass, sie haben Homer Simpson abgeschlachtet! Zum Glück ist Tian mit einer Fleischwunde davongekommen! Und jetzt, Xia, bitte halte mal deine blutigen Handschuhe und die blutgetränkten Tupfer in die Kamera!“
Es klackt ein paar mal und wenige Sekunden später sind die Bilder nach außen verteilt. Zuerst die LowRes-Variante, um auf Nummer sicher zu gehen und dann das High-Resolution-Pendant.

… KawoOOM

Als wäre es zeitlich koordiniert, hören wir jetzt zuerst ein dumpfes Krachen und Klirren von ganz unten. Kurz danach drückt eine Sprengladung die Tür unter uns im Treppenhaus aus den Angeln. Schließlich kracht es direkt ein Stockwerk über uns ohrenbetäubend. Die Druckwelle und das laute Geräusch, als die Tür gegen die Wand schlägt, ist enorm. Noch im Dampf der Explosion kommen fünf der Spezialkräfte, teils mehr, teils weniger mit Farbspritzern übersät, die Treppe herabgestürmt, wie die Berserker brüllend. „Hände hoch, Hände hoch, Alle an die Wand!“ Geistesgegenwärtig macht Monir einen letzten schnellen Schnappschuss von der Szenerie und folgt dann den Anweisungen, das Mobiltelefon in die Luft haltend. Alle hoffen, dass die Datenübertragung schnell genug ist.

Schon wird ihm das Handy aus der Hand gerissen und zerschellt – in der gleichen Bewegung geworfen – weiter unten im Treppenhaus. In einer plumpen Bestrafungsaktion holt der Soldat mit seinen Quartz-Handschuhen aus und verpasst Monir einen Haken, der ihn stürzen lässt. Sogleich zieht ihn aber ein anderer von der Kommando-Einheit zurück auf die Beine. „An die Wand!“

Monir ist der einzige, der steht. Alle anderen haben sich dicht gedrängt ineinander verhakt im Schneidersitz auf den Boden gekauert. Nur einzelne haben kurz gezögert. Dann aber ging das ganze Gesetze und Verhake wie von selbst. Jetzt kommt unser ehemaliger Gefangener und sein Kollege die Treppe hinunter und tauscht sich kurz flüsternd mit dem Befehlshabenden aus. Sein Helmvisier hat er abgenommen.

Während zwei der Kerle mit gezückter Waffe auf uns aufpassen. Versuchen jeweils zwei von ihnen einen von uns aus der Verhakung zu lösen und nach unten zu tragen oder zu schleifen. Die Lust auf exzessiven Gewalteinsatz scheint ihnen vergangen zu sein. Zwischendurch kämpfen sich zwei Sanitäter mit Trage zu uns durch, um Tian nach unten zu bringen.

Abtransport

Einige Stunden später sitze ich mit einem kleinen Teil meiner Mitbewohner in einem Polizeitransporter, der Kopf bedeckt von einem ekeligen Jute-Sack, der riecht, als hätten ihn schon unzählige Gefangene vor mir benutzen müssen.

Tian und Monir waren glücklicherweise die einzigen Personenschäden, die wir davontragen mussten, soweit ich in Erfahrung bringen konnte. Sogar die Evakuation in den Keller war ein voller Erfolg. Innerhalb weniger Minuten hatten die meisten Bewohner dort Zuflucht gefunden. Den seitlichen Zugang von außen hatten wir zwischen der Innen- und Außentür schon vor Längerem locker mit Erdreich zugeschüttet. Nach der ersten Portion Plastik-Sprengstoff haben die Eindringlinge also ein blaues bzw. braunes Erd-Wunder erlebt.

Aber warum das ganze Brimborium? Weil wir den Trupp mit der äußeren Tür zuerst aufhalten und dann zur relativ leicht zugängliche Bodenluke im Erdgeschoss locken wollten, natürlich ohne dass sie es merken, dass wir sie dort haben wollen. Diesen Zugang haben wir so gestaltet, dass sich jeder Sprengstoff-Spezialist freut, wenn er erkennt, wie leicht das Hindernis mit ein bisschen TNT zu überwinden ist. Hier kam dann eine weiterer Teil unseres Evil Masterplan zum tragen.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Seit einem Jahr gibt es bei uns die stark frequentierte Aktion „Kunst oder Krempel?“ Unterstützer*innen, Freunden und Bekannten haben wir ein Angebot gemacht, das viele nur zu gerne angenommen haben:

"Überlasst uns kostenlos zerbrechliche empfindliche Wertgegenstände, an denen nicht euer Herz hängt, aber die ihr früher oder später zu Geld machen möchtet. Innerhalb von zwei Jahren bekommt ihr entweder die Gegenstände zurück, samt einem fachlichen Gutachten zu Herkunft, geschätztem Wert und Tipps, wo man das gute Stück verkaufen könnte. Oder ihr bekommt direkt den geschätzten Betrag dafür - und noch mehr als das ;)!"

Doof, dass all diese Wertgegenstände in Vitrinen in dem Raum unter dieser Luke für interessierte Besucher ausgestellt wurden. Doof, dass ein paar Künstler just an der Luke seitlich Kunstwerke aus vielen Steinen und Metall-Teilen angebracht haben, die mit der richtigen Beleuchtung einen beeindruckenden Effekt zaubern, sobald jemand über die Treppe nach unten geht.

Blöd, dass wir nicht damit gerechnet haben, dass irgendjemand je auf die abwegige Idee kommen könnte, diese Tür sprengen zu wollen. Da würde so viel kaputtgehen dadurch. Aber zum Glück haben wir dank Gutachten ja eine präzise Auflistung über den Wert jedes einzelnen Stücks… Wenn ich die anderen korrekt verstanden habe, ist leider nur eine einzige der kleineren Vitrinen heil geblieben. Eine Schande…

Zum Glück sieht man mein Grinsen nicht unter meiner ekligen Kapuze.

Warum ich keine Angst habe? Weil ich weiß, dass inzwischen rund 20 Personen weltweit ein umfangreiches Dossier und Live-Bildmaterial und -Videos auswerten. Egal, wo sie uns hinbringen. Wir werden nicht lange dort bleiben müssen. Und der Gouverneur dürfte die längste Zeit seines Lebens Gouverneuer gewesen sein.


Epilog

Bereits wenige Stunden nach dem Ereignis umrollt die Welt eine Nachrichten-Lawine.

  • „Söldner dringen illegal in Privatgebäude ein“
  • „Mehr als 1.000.000 Sachschaden und zwei verletzte Personen bei illegaler Aktion der Bezirksregierung“
  • „Gouverneur legt Museum in Schutt und Asche“
  • „Ist unser Eigentum vor dem Staat sicher?“
  • „Homer Simpson ist Held des Tages“
  • „Homer Simpson ist tot, es lebe Homer Simpson“
  • „Was hat euch Homer getan?“
  • „Gouverneur fordert Dilettanten heraus – und verliert“
  • „Regierung macht sich nach Vorfall für so genannte Dilettanten-Gruppen und für Gewerkschaften stark“
  • „Internationale Solidarität mit den Opfern der brutalen Polizei-Attacke“
  • „Sie wurden überfallen, aber sie kümmern sich rührend um einen ihrer Angreifer!“

Viele der von uns geschossenen Bilder zieren Zeitungen und Magazine in dieser Woche. Einige davon werden direkt für renommierte Presse-Fotowettbewerbe nominiert.

Auf den Video-Plattformen im Internet gehen zwei Videos viral:

  • Im ersten wird in Zeitlupe zu klassischer Musik gezeigt, wie die Uniformen der Einsatzkräfte mit unseren Gelatine-Kugeln von tristem Grau in hoffnungsfrohes Bunt überführt werden. Bildbearbeitungsspezialisten haben es tatsächlich geschafft, die Aufnahmen von Helligkeit und Kontrast her so hinzubekommen, dass alle Details erkennbar sind, in grau und schwarz. Den Kugeln wurden dann in der Nachbearbeitung wieder zu ihrer Farbe verholfen.
  • Im zweiten Video sind zwei Einsatzkräfte zu sehen, die schier endlos zu Benny Hill-Musik drei riesige Homer Simpsons jagen und dabei über eine dritte Einsatzkraft stolpern, die zwei Einsatzkräfte aus Handschellen zu befreien versuchen…

Fortsetzung: Der Fluch der Freiheit