Plot: Ayodele diskutiert mit Hugo verschiedene agile Herangehensweisen und Zeitmanagement-Techniken, um seine vorhandene Zeit besser nutzen zu können und der Prokrastination Einhalt zu gebieten.


Vorspann

Schon auf der Wendeltreppe nach unten – gleichzeitig der Notausgang für die unteren Stockwerke – sehe ich Hugo an einem der hinteren ruhigeren und etwas dunkler gelegenen Tische sitzen. Die meisten Gäste haben sich dagegen in der Nähe der zwei großen runden Außenfenster niedergelassen. Während ich mich ihm nähere, sehe ich schon, dass er mit seinem Pen heftig auf der eFolie schreibt, wobei sein Kopf immer wieder unzufrieden wippt während er die sehr schwach beleuchtete Wand anschaut. Wie erwartet zuckt Hugo ein wenig zusammen als ich meine Hand vorsichtig zur Begrüßung kurz auf seine Schulter lege.

“Hey, musst Du Dich unbedingt anpirschen wie ein…” Hugo zögert, denkt kurz nach und dreht sich, das Gesicht nun zu einem breiten Grinsen verzogen, zu mir herum. “Ach, such Dir einfach ein bescheuertes Tier aus! Ayo, alte Hacke. So pünktlich heute? Hab noch gar nicht mit Dir gerechnet! Setz dich!”

Wie die Trommel eines Revolvers

Kurz schaue ich auf das Gekrakel auf der Folie, aus dem ich eher endlose Internet-Recherche als Programmier-Code herauslese. “Uiuiui, das sieht ja fast so aus als seist Du schon wieder dabei, dich heillos zu verfransen!”
“Ach, hör mir auf!”, schimpft es mir entgegen. “Zwei Software-Bibliotheken, mit denen ich die semantischen Netze ziemlich geil darstellen könnte, aber die eine kann, was die andere nicht kann und umgekehrt. Das ist doch zum Mäuse melken!”

Ich rücke meine Brille zurecht und vergewissere mich kurz mit einem “Darf ich?” Auf Ayos fast unmerkliches Nicken und eine Bewegung seiner rechten Hand hin – schon wieder in den Inhalt der Seite vertieft – drücke ich eine Stelle am Bügel und im selben Moment projiziert mir  ein Mini-Beamer das Bild auf die Netzhaut, das auch Ayo sieht.  Durch eine Geste mit meinem Finger erwacht meine Interkomm, der mit Krepp befestigte Stoffstreifen mit einer Fülle von Leiterbahnen auf der Innenseite des Rückens meiner Jacke. Die Kommunikationsschnittstelle ist gewissermaßen gleichzeitig Not-Server, Puffer und Kommunikationsschnittstelle mit meinem Cloud-Server.

Mein Blickfeld teilt sich in zwei Bereiche, links immer noch Hugos Bild, rechts das Ergebnis meiner Bemühungen des gestrigen Abends.
“Du kannst jetzt”, murmle ich kurz und Hugo gibt mir mit eineme “Hui!” zu verstehen, dass er gerade auch mein Bild auf seiner Brille freigeschaltet und dadurch mein Scrum-Board zum ersten Mal gesehen hat.

Obwohl Hugo eigentlich vom Fachlichen her wesentlich besser dafür geeignet wäre, über Scrum und Zeit-Management zu plaudern, schließlich ist ja er der Psychologe, konnte er im Detail nie besonders viel mit den Themen anfangen. Dafür bastelte er – und verzettelte sich – viel zu gerne.
Nun, da er sich einige Wochen und Monate aber anscheinend in einem Zustand maximaler Prokrastination bei gleichzeitigem maximalen Leidensdruck befand, besann er sich der alten Dilettanten-Regel:  Auf die Frage hin, wie sich das bei ihm im Kopf grad anfühle, antwortete er mir: “Stell Dir vor, du bist wie die Trommel von einem Revolver und mit jeder Drehung “Mach ich das? Ach, zu schwer! Oder das? Ach, zu unsicher! Oder das? Ach, zu wenig Aussicht auf Erfolg!
Als Julius Kuhl das Konzept der Lageorientierung erfunden hat, hat er vermutlich an mich gedacht!

Ich wiederum hatte seit einem kleinen Biologie-Programmierprojekt damals in meiner Lern-Zeit mit einigen Leuten wahnsinnig gut mit einigen dieser agilen Methoden gearbeitet und war seitdem, einfach vom praktischen Nuzten her, überzeugter Anwender geworden. Entsprechend hatte ich später noch zunächst nur für Bekannte und schließlich auch für Menschen, die durch Mund-Zu-Mund-Propaganda zu mir kamen, kleinere methodische Workshops und Trainings angeboten.

Rollenkonflikte

“Wie beim letzten mal besprochen”, fasse ich kurz zusammen, “ist es nicht ganz einfach, gleichzeitig der Ideengeber, der Planer, Limitierer und Manager und schließlich auch noch der Umsetzer in einer Person zu sein. Aus diesem Grund hat sich gezeigt, dass es sich anbietet, die ersten drei Rollen unter der Figur des Product Owners zusammenzufassen, um dem Entwickler möglichst viel Zeit für die Realisierung zu lassen und z.B. Selbst-Kasteiung, Zweifel und eine Änderung der Prioritäten auf besondere Zeitpunkte und auf die Rolle des Product Owners auszulagern.”
“Aber die Ideen kommen doch von mir!” maunzt Hugo sofort dazwischen.
Zum Glück kann Hugo mein Augenhochdrehen nicht sehen. Ich hatte bereits bei unserem letzten Treffen den Eindruck, ich käme nicht zur Hilfe, sondern ich käme als Okkupant.
“Ja klar und wenn du eine Idee hast, dann formulierst du sie so aus, dass auch ich sie verstehe und ich werd das dann mal in einer so genannten UserStory ausformulieren und Dir beim nächsten Backlog Grooming zur Bestätigung und zum Schätzen vorlegen.”
“Backlog was? Und das mit der UserStory musst du mir auch nochmal kurz wiederholen bitte! Wer soll sich denn dieses ganze Denglish merken?!”
“Backlog Grooming; sorry, das Wort wird schon sehr sehr lang nicht mehr genutzt”, doziere ich, “obwohl ich es immer noch sehr treffend finde: gleich einem Gärtner hier ein bisschen Unkraut jäten, dort giessen und düngen, hier einzäunen und dort pflanzen.”, kurz hänge ich meinen eigenen Worten nach.

UserStories

“Zwecks Stories: da ging es darum, dass Anforderungen oft ungünstig formuliert werden. (a) Oft sind sie zu technisch und (b) nehmen schon eine ganz bestimmte Lösungsvariante vorweg oder sie sind (c) zu groß und damit entweder eher ein “Thema” oder “Epic”, wie man auch sagt. (d) Oft fassen Anforderungen unbemerkt auch mehrere Features zusammen oder (e) sind zu sehr auf das Sahnehäubchen bedacht, obwohl der Sinn und Zweck schon mit weit weniger Firlefanz erfüllt wäre.
Dazu (f) weiß man oft nicht mehr, aus welcher Perspektive heraus sie entwickelt wurden, z.B. ob die Story der Anwender will oder der Admin. Und last but not least – oft ist (g) aus den Anforderungen kein Geschäftswert abzulesen, so dass für deren Priorisierung nicht deutlich wird, in welcher Reihenfolge man sie abartbeiten sollte. Und um alles das zu vermeiden, gibt es UserStories.”

“Hast du das nochmal sauber in Spiegelstrichen? Das klang grad ziemlich… ziemlich… gehaltvoll!”, unterbricht Hugo leicht ironisch grinsend meinen lehrmeisterlichen Singsang.
“Ich werd nochmal nachschauen. Da sollte es eigentlich ganz gute Zusammenfassungen im Netz dazu geben. Auch ein paar gute Bücher gibt es dazu!”, antworte ich, seinen Gesichtsausdruck ignorierend und setze an, weiterzumachen:”Die Stories sollten nach dem Schema definiert sein: “Als <Rolle, z.B. Anwender oder Admin> möchte ich <X umsetzen>, um <Y zu erreichen> und von beiden Seiten nur dann akzeptiert werden, wenn sie klein genug geschnitten sind, d.h. zwar einen Geschäftswert enthalten, aber möglichst nur auf eine einzige Aufgabe mit einem angemessenen Umsetzungsumfang zugeschnitten sind. Und alles sollte rein fachlich beschrieben sein, am besten komplett ohne technische Begrifflichkeiten.”
“Klingt kompliziert!”, erwidert Hugo.
Nun grinse ich: “Nee, ist es gar nicht. Und das werd ich Dir jetzt gleich zeigen. Ich hab uns hier schon mal ein virtuelles Board angelegt. Ich schlage vor, dass wir z.B. jeden Sonntag Stories aus dem Backlog, unserem großen Ablagestapel für Anforderungen, in die ‘New’-Spalte ziehen, genau so viele wie du denkst, dass du realistisch abarbeiten kannst. Wenn das bei manchen Stories noch zu schwierig abzuschätzen ist, dann zerlegen wir die Stories in einzelne Tasks, von denen keiner länger als einen Tag dauern sollte. Während der Woche schauen wir dann, ob es klappt, das Vorgenommene zu erledigen. Wenn neue Tasks dazukommen, die wir vergessen haben, dann kannst du die gerne dazuerfassen. Und am Sonntag in einer Woche schauen wir dann, was wir an Stories und Tasks alles geschafft haben, welche Tasks wir erst später entdeckt haben und wie wir das beim nächsten Mal früher merken können, warum Sachen nicht geklappt haben, ob es zu stressig war und wir uns insgesamt weniger vornehmen müssen, etc.”
“Krass, so kompliziert hätt ich das nicht gemacht!”
“Wenn etwas tatsächlich zu kompliziert ist, dann lass uns da in ein paar Wochen gern drüber sprechen. Klar, die Methode ist eigentlich für kleine Teams gemacht. Aber ich glaub, dass sie dir auch als Einzelperson helfen kann, zumal wenn ich den organisatorischen Part übernehme.”

Pomodoro – dann Pause

“Du weisst ja, dass mein größtes Problem das Abschweifen und Prokrastinieren ist – meinst Du das hilft dagegen?”
“Naja, Scrum ist da vermutlich noch ein bisschen zu sehr ‘makro’ und zu wenig ‘mikro’. Wir können alle zwei Tage ein kurzes Standup-Meeting machen, gern telefonisch, wo  wir uns am so genannten “Burndown”-Chart ansehen können, was schon alles erledigt ist und ob wir wohl hinkommen werden, wenn es mit gleichem Tempo weitergeht. Aber es bringt natürlich nix, wenn du erst zwei Stunden vor diesem StandUp zur Hochform aufläufst. Aber ich hab da was für dich. Die Methode ist aus den 80er Jahren des 20.Jahrhunderts und kommt vom Namen einer italienischen Küchenuhr, ‘pomodoro’, die auch genau das Aussehen einer ‘Tomate’, so die Übersetzung, hatte. Auf dieser Uhr konnte man Zeiträume bis zu einer halben Stunde einstellen und wenn diese abgelaufen waren, dann hat dieses Ding laut geklingelt. Diese Uhr hat also ein Italiener genutzt, um sich auf eine Liste zu notieren, was er in den nächsten 25 Minuten machen will und dann hat er die Uhr gestellt und sich fest dazu entschlossen, seine Aufmerksamkeit erst dann wieder auf etwas andere zu lenken, wenn die 25 Minuten zu Ende sind. Und er war überrascht, wie viel er durch diese einfache Methode plötzlich erledigt bekommt.
Zwischen zwei Pomodoros, so heißen dann auch die Arbeitsabschnitte, gibt’s dann fünf Minuten Pause, zwischen zweien 10 Minuten und zwischen vieren ne halbe Stunde. In diesen Pausenzeiten kann dann z.B. gegessen und getrunken werden, Telefonate erledigt, kurze Nachrichten verfasst oder einfach ein kleiner Spaziergang gemacht werden. Am Ende des Tages schaut er dann mit wie vielen Pomodoros er wie viele Aufgaben geschafft hat und ob er an diesem täglichen ‘Mikro-Ablauf’ noch etwas verbessern kann.”
Hugos Miene hellt sich auf: “Klingt alles ein bisschen technokratisch, aber solange man all die Methoden einfach nutzt, um ins Arbeiten zu kommen statt sich rigide nach ihnen zu richten, dann passt das ja.”
“Genau das ist die Absicht. Am Ende zählt nur, dass was dabei hinten rauskommt. Aber jetzt lass uns mal einsteigen. Was machst du gerade?”

Reaching Baby Targets with Baby Steps

Nun war es an Hugos Stelle zu reden – was heißt reden –  er überschüttet mich wahrlich mit einem Haufen an Ansätzen, Zielen und Problemen und warum Library X für Zweck Y nicht taugt und warum es semantisch noch ein Problem an dieser und jener Stelle gibt und wie man das ganze auf HTML umsetzen sollte, wo er doch mit Java Script so auf Kriegsfuß steht und überhaupt.
“Ein Ziel”, sage ich mehrmals. Beim dritten Mal schließlich hält Hugo inne und schaut mich verwundert an. “Wir bzw. du brauchst ein ganz konkretes Ziel, sonst kommst Du ständig vom Hundertsten ins Tausendste. Wo können wir ansetzen. Welchen Teil können wir herausschneiden, der für sich schon einen Wert hätte?”
Ein bis zwei Sätze lang scheint es, als hätte Hugo mein Ansinnen verstanden, aber schon sehr bald bekommen seine Aussagen einen weinerlichen Unterton: alles hinge mit allem zusammen, da könne man keinen Teil herauslösen! Außerdem: man müsse schon jetzt wissen, welche Relationen es im semantischen Netz gebe, weil sich ja die Darstellung und die Eingabe daran orientieren müssten. Und da es viele Relationen gibt, würde das alles sicherlich sehr komplex. Und die Darstellung müsse mindestens dreidimensional sein und die Lernspiele – nix als Komplexität und Schwierigkeiten am Horizont.
Ich unterbreche Hugo erneut:”Was wäre, wenn wir zwar alle diese Aspekte bedienten, aber mit wesentlich magererem Umfang, für den Anfang?” Hugos Gesichtszüge formen ein Fragezeichen.
“Dein semantisches Netz”, mache ich weiter, ” ist an etlichen Stellen sehr komplex. Ich bin mir aber sicher, dass es Bereiche gibt, in denen Du bereits eine sehr präzise Vorstellung hast, wo es hingehen soll. Die Eingabe könnte sich zig Symbole und ShortCuts bedienen, aber du hast für diesen einfachen Bereich bestimmt schon Ideen, wie man sie so vereinfachen könnte, dass man schon jetzt damit etwas Sinnvolles anfangen kann. Für die Wiedergabe des Netztes reicht vermutlich zunächst eine schlichte textliche Wiedergabe. Und zwecks Verarbeitung durch ein Spiel: es gibt bestimmt ein einfaches Spiel, das mit diesen einfachen Relationen bereits arbeiten kann und das mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auch schon Spass macht. Mit anderen Worten – und jetzt werd ich Dich mit Denglish vollends erschlagen: wir brauchen ein ‘minimal potentially shippable product increment’!”
“Oh Gott!”, verzieht Hugo das Gesicht. “Hm, aber ja, abgesehen vom Wortungetüm ist das schon möglich, dass wir das brauchen…”, ist die zaghafte Antwort.
“Gut, klasse, dann lass uns doch bitte mal in diese Richtung nachdenken!”

Genug der Arbeit – Prokrastination!

Ich lege kurz die Stirn in Falten: “Sag mal, Hugo, eins musst Du mir aber nochmal erklären. Wie kommt es eigentlich, dass es mir so vorkommt als sei ich der erste, der Dir von diesen ganzen Techniken erzählt? Immerhin bin ich Biologe. Und Du bist einerseits Psychologe, also kommst aus dem Bereich, aus dem viele der Methoden und Modelle entlehnt sind und Du bist Programmierer, also bist in dem Bereich unterwegs, in dem diese Methoden immer noch am meisten verbreitet sind?”

Hugos Gesicht verzieht sich zu einem schüchternen Grinsen.”Keine Ahnung. Dachte immer, das beträfe mich nicht. Hier auf dem Hobbit-Hügel sind einerseits viele Geologen, Seismologen usw. unterwegs und andererseits, wegen der großen Übungsräume, welche die erstgenannten meist nicht benötigen, etliche Theater-Schauspieler, Tänzer und Choreographen. Ich hab denen zwar oft helfen können, aber bei den kleineren Projekten kam ich immer ganz gut trotz meiner Verplantheit und Prokrastination ans Ziel. Das ist bei dem großen Ding jetzt anders. Und zwecks Programmierung: denk bitte dran, dass ich mir das meiste selbst beigebracht habe, d.h. ich hab nie in einer Gruppe von Programmierern gearbeitet. Würde ich eigentlich gerne mal. Auch wenn ich ein bisschen Angst davor hätte…”

“Hm, ergibt Sinn!” murmle ich und wende meinen Kopf in Richtung von Hugos Teil des Tisches. Die Bewegung lässt die gerade noch das Sichtfeld ausfüllenden zwei Monitore verblassen und dahinter sehe ich den Tisch jetzt deutlicher. “Apropos – du hast ja auch noch nix getrunken, wie ich sehe! Ich bestell uns mal was. Kaffee und ein Cockpit-Frühstück?”
“Au ja, gute Idee!”

 FORTSETZUNG: Anwendergeschichten – Entwicklungsaufgaben VII