Plot: Hugo und Kati suchen nach einem Weg Zutritt in die Lestén-Universität zu erhalten
Exkurse: Public Private Partnerships (PPP); die künftige UNO und die künftige Art nationale wie internationale gewaltsame Konflikte zu schlichten.


Zur vorherigen Episode: Unter Gesetzlosen – Entwicklungsaufgaben VIIi

Hugo

Außenansichten

Nach dem Einparken in einer inzwischen unbenutzten Bus-Haltestelle und dem Anlegen der Rucksäcke müssen wir uns nur noch im diesigen Nieselregen hinaufkämpfen auf einen etwa 20 Meter aufsteigenden Hügel seitlich der Haltebucht. Oben schnaufend angekommen, sehen wir ihn endlich in all seiner verfallenen morbiden Pracht: über viele Jahrzehnte hinweg lag er nun schon so da, der inzwischen gespenstisch wirkende Bau der Lestén-Universität, benannt nach einem der ehemals größten Nahrungsmittelkonzerne der Welt, die vermutlich auch noch die Luft zum Atmen gerne zu einem teuren Markenprodukt umgewandelt hätten.

Die einst hochgejubelte Architektur kommt nun im Zustand fortschreitenden Zerfalls eher gruselig daher. Einst waren da “luftig miteinander verbundene Etagen, unterbrochen von organischen Formen und sonnendurchflutenden Fluchten.” Nun liegt da eine zerklüftete kantige Ruine, aus deren unförmigen Öffnungen einem die dunkle Verelendung entgegenblickt. Ebenso finster wie der Bau ist die Überschreitung der damaligen geplanten Baukosten, welche fast an den Berliner Flughafen erinnert. Dieser vor uns liegende Klotz aus Stahlbeton und Glas markiert in Deutschland das letzte Beispiel einer Reihe von so genannten Public Private Partnerships, in der zumeist gut unterrichtete Wirtschaftler nicht ganz so gut unterrichtete Beamte über den Tisch ziehen, die im Auftrag überschuldeter Kommunen oder Bundesländer agieren. Da der Steuerzahler meist nicht weiß, was vereinbart wurde, kommt dann der Katzenjammer erst in der nächsten oder übernächsten Wahlperiode, so dass die verantwortlichen Politiker, dann schon längst abgewählt, ihr Auskommen im Aufsichtsrat der Konzerne gefunden haben, mit denen sie den Deal eingefädelt haben. Wichtig ist nur, dass die Gelder nicht in der Statistik für “Schulden der öffentlichen Hand” auftauchen. Im Falle der Uni war das mehr als fünfhundert Seiten umfassende Vertragswerk zusammen mit den weiteren etwa 1000 Seiten umfassenden Addenda so undurchsichtig, dass bis heute weder eine Einigung zur Weiternutztung noch zum Abriss gefunden werden konnte. Nur die monatlichen Zahlungen der öffentlichen Hand laufen weiter.

Zutritt verboten

Seit mehreren Wochen nun war der Zugang zum Gebäude wieder verwehrt, da es natürlich keine Einigung darüber gibt, wer eigentlich zum gegenwärtigen Zeitpunkt verpflichtet ist, die baulichen Mängel zu beseitigen, die ein Freigabe für Führungen ermöglichen würden. Diese Uneinigkeit wollte aber Kati nicht als Grund akzeptieren, um von einer Besichtigung des Gebäudes Abstand zu nehmen. “Nachmittags und abends haben wir genau zu dieser Zeit des Jahres das allerbeste Licht und mit dem Verlag ist die Deadline in wenigen Wochen vorgesehen: ich lass mir meine Planung nicht von diesen Streithanseln durcheinanderbringen!”, toste sie, als sie von der Schließung Wind bekam.
Das war der Moment – wir saßen gerade mit Ayodele und ein paar anderen Freunden beim Essen -, in dem ich mich anbot, Kati dabei zu helfen, die restlichen Aufnahmen zu machen, die ihr noch für die Veröffentlichung fehlen. Schließlich kenne ich Hassan,  den technischen Chef der Sicherheitsfirma ganz gut, die für die Sicherung des Arreals zuständig ist.

Zu unseren Füßen liegt der riesige Parkplatz, aus dessen brüchig gewordenem Asphalt inzwischen sogar kleine Büsche und Bäume herauswachsen. Kati zerrt mich am Handgelenk nach links, am hohen Bauzaun entlang, wo wir immer wieder schnell im Grünen unsichtbar werdenn können. Es ist gespenstisch ruhig. Nur der Nieselregen hinterlässt beim Auftreffen auf die Blätter ein leichtes Rauschen.
Nach fast einer halben Stunde haben wir das Geläde zur Hälfte umrundet. Wie bei vielen anderen Gebäuden auch ist der ästhetische Ehrgeiz der Architekten auf der Hinterseite des Gebäudes wesentlich geringer ausgeprägt als vorne: von hier aus wirkt der Bau als hätte jemand einen Stapel von Legosteinen mit grün-türkis-grauem Tarnmuster geschaffen. Am Rande des bereits etwas überwucherten Weges zum Lagerraum der Mensa machen wir endlich ein Zaun-Element aus, das leicht aus seiner Boden-Verankerung gelöst werden kann, vermutlich weil hier auch nach der Sperrung noch Transportfahrzeuge durchmussten. Während ich für Kati den von einem Metall-Rahmen umfassten dicken Draht nach oben und dann zur Seite wuchte, lese ich gedankenverloren das Schild, das neben dem Zufahrtsweg nur noch an einer Schraube hängt. “Vorsicht, potentiell lebensbedrohende Schäden am Gebäude. Nur mit Helm und Atemschutz betreten. Nur zugelassenes Personal. Eltern haften für ihre Kinder!”. Der Juristerei sei dank, dass es laut Hassan der Sicherheitsfirma nur darum geht, mit  minimalem Aufwand dafür zu sorgen, dass jeder versteht, dass er “selbst schuld ist”, wenn er in das Gelände eindringt und irgend etwas passiert. Ansonsten wäre die laxe Außensicherung ja auch kaum zu erklären.

Als Kati meines doch noch etwas unsicheren, einen Moment zu lange auf dem Warnschild verharrenden Blickes gewahr wird, verzieht sie überzogen besorgt ihr Gesicht. “Angst?”
Ich erwache aus meiner Warnschilderlesetrance, als mein präfrontaler Kortex bemerkt, dass ihr Gesichtsausdruck eher der Karikatur von Anteilnahme entspricht. Entsprechend schnell wird über den motorischen Kortex ein entschieden verneinendes Kopfschütteln in Gang gesetzt: “Keine Spur! Ach, woher denn!”
“Guuut.”, verzieht sich ihr Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. “Geht ja auch nur um versicherungsrechtliche Fragen, wenn wir uns da drin zum Beispiel das Genick brechen”. Jetzt reißt sie die Augen weit auf, knickt den Kopf so schief wie möglich seitlich ab und formt mit ihrem Mund ein ekeliges glupsch-krachiges Geräusch, dass ihr erstaunlich gut gelingt und mir ganz kurz das Blut in den Adern gefrieren lässt. Als ich angewidert das Gesicht verziehe und mir reflexhaft mit der Hand den hinteren Hals reibe, bricht Kati in einen Kicheranfall aus, den sie nach einem warnenden Blick von mir mühevoll versucht zu unterdrücken.
Genervt wechsle ich die Seite hinüber zu ihr und schiebe das Zaunsegment wieder nahe in seine Ursprungsposition zurück. Im Schutz einiger Büsche pirsche ich mich an den Teil des Hofes heran, auf dem die LKWs einst die Kantinenlieferungen herangekarrt haben.

Nur falls es Mißverständnisse geben sollte – ich begleite Kati ja nicht deshalb, weil ich mit meinen großen muskulösen Armen und behenden Beinen zur Not auch allein mit einer Hand voll muskelbepackter Sicherheitsleute klarkäme. Im Gegenteil; ich hatte schon mehr Zeit dafür aufzuwenden als mir lieb ist, wenigstens einigermaßen körperlich innerhalb der üblichen Norm zu bleiben. Was mich zu einem notwendigen Faktor dieser Unternehmung machte, ja – zugegeben, war mein Hassan – Konakt – und die technischen Skills, seine vorsichtigen Ratschläge und die verschlüsselt überstellten Informationen nutzbringend zum Einsatz zu bringen. Er war dazu bereit, mir den Eintritt zu ermöglichen – auf eigenes Risiko. Ich hatte ihm im Gegenzug versprochen, darauf aufzupassen, dass Kati wirklich nur Fotos macht und wir uns auch sonst zivilisiert und vorsichtig verhalten – und ich musste versprechen, ihm als Sparringspartner beim Programmieren eines neuronalen Wahrnehmungsnetztes zur Verfügung zu stehen und ihn mindestens sieben Personentage lang auch als Programmierer zu unterstützen. Aber was macht man nicht alles für einen zeitgeschichtlich wertvollen Bildband – wenn Kati dessen Autorin ist. Wo ist sie eigentlich?
“Autsch! Verdammt!”
Wenn man gerade an den Teufel denkt… Schnell eile ich vor bis zum Lieferanteneingang für das Lager und gehe dann die Gebäudewand entlang bis ich zur Stelle komme, aus der Kati’s Schrei* kam. Sie steht unter einem Fenster der ehemaligen Küche und schaut mit schmerzverzerrtem Gesicht auf ihre blutende Hand.

*Mal ganz nebenbei: darf man den “Deppen-Apostrophen” eigentlich setzen, wenn sonst beim Genitiv ein anderer Name herauskäme? Mist, und schon ist die Spannungskurve  dahin.

Während ich noch über orthografische Feinheiten nachdachte und dabei vom aus der Schnittwunde austretenden Blut leicht hypnotisiert wurde, klagte Kati, in der Meinung mein starrer Blick sei schiere Anteilnahme: “Hab gerade versucht, mich am Sims hochzuziehen und meine Füße auf diesen Stromkasten oben zu bringen. Dabei hab ich nicht bemerkt, dass da oben noch Scherben liegen.” Dabei zeigt sie auf ein kleines Loch, an dem die Scheibe von einem Stein durchschlagen wurde. Jetzt durchkrame ich erstaunlich schnell meine Tasche mit den tausend nützlichen Dingen, die ich sicherheitshalber mal mitnehmen wollte. Schnell finde ich die Packung mit den Taschentüchern, aus der ich eins herausbefördere.
“Warte mal”, nuschle ich und greife den Arm mit der verletzten Hand. Mit kleinen vom Schnitt wegführenden Bewegungen versuche ich ganz vorsichtig, die Wunde noch von verbliebenen Scherbenresten zu befreien. Schnell saugt sich das Papier mit Blut voll.

“Leitungswasser zum Reinigen werden wir hier kaum finden!”, murmle ich weiter und krame eine Flasche mit Desinfektionsspray hervor.
“Naja, das sollte auch helfen! Beiss die Zähne zusammen!” sage ich und beginne während der letzten Worte bereits, die Hand mit Desinfektionsmittel einzudecken. Ein paar Sekunden warten und dann wieder mit einem Taschentuch trocknen, dann schnell Kompresse drauf und die Mullbinde drumrum – fertig! Zufrieden betrachte ich das Ergebnis und – ganz nebenbei – Katis bewundernden Blick.
“Und jetzt zeig ich Dir was. Du warst zu schnell weg vorhin!” Ich greife Kati an der anderen Hand und ziehe sie bis zur Außentür des Lagerraums hinter mir her. Dort angekommen schirme ich so wie ich stehe den grauen Kasten an der Tür mit meinem Körper vor Katis Blicken ab, fische im Verborgenen die Plastikkarte aus der Hosentasche, hebe die Blende am Kasten mit einem Ruck und ziehe die Karte durch den Schlitz. Unter Katis erstaunt aufgerissenen Augen macht die Tür ein summendes Geräusch und öffnet sich. “Sesam, öffne dich!”, grinse ich und füge gedanklich ein leises “Danke!” an Hassan hinzu.

Zutritt gewährt

Hassan hab ich kennengelernt, als die vermutlich jemals letzten Flüchtlingstracks der Erde ihren Kurs auf Europa genommen hatten. In spontan organisierten Kursen hatten wir IT-Kundigen und -Interessierten ermöglicht, schnell wieder produktiv zu werden und gar nicht erst in den “Zerbrochene Biografie-Blues” zu rutschen. Einer von ihnen war Hassan, der irgendwo am Hindukusch an Microsoft Access-Datenbanken schraubte, bis dies dank der immer öfter zu Besuch kommenden Taliban partout nicht mehr möglich war. “Ich bin Dein Praktikant! Grüße vom Praktikanten! Frohe Weihnachten – Dein Praktikant”, so hatte er mich stets geärgert, weil er genau wusste, dass ich diese hiearchische Sichtweise nicht mag. Geändert hat es nichts. Selbst als IT-Technikchef beharrte er immer noch scherzhaft darauf, “mein Praktikant” zu sein.

So schlimm die Flucht und das Ankommen erst mal für ihn waren, so gut war diese schlimme Auseinandersetzung mit Millionen von Flüchtlingen für die Weltpolitik: durch die über etliche Jahrzehnte hin durcheinandertobenden “Stellvertreter-Kriege gegen den Terror”, dieses “Risiko”-Spiel mit Flugzeugen auf dem Zielbrett, den unterschiedlichsten Zielerreichungskarten unter dem Spielbrett und den Zivilisten, die als Flüchtlinge das Spielbrett verlassen, hatte sich etwas Erstaunliches ergeben: Es gab zum ersten Mal eine stabile internationale Antikriegsallianz, zuerst im Internet, dann aber auch im Realen politisch vereint. Das noch größere Wunder ist, dass sich diese Allianz zwar nicht in Themen wie “Menschenrechte” einigen konnte, wohl aber auf genau einen Kurs wie zu verfahren ist, sobald es zu Konflikten kommt: den Kurs der maximalen sofortigen Eindämmung.

Konsequenterweise wurden bei der neuen UNO zwei Länder-Blöcke geschaffen: ein blauer maximal menschenrechtsorientierter Block, der gelobt, staatliche oder wirtschaftliche Themen den Menschenrechten unterzuordnen und ein roter Block, der das nicht tut. Dazu kommt eine minimale Charta, auf die sich beide einigen konnten und die ein geordnetes Agieren zwischen den Blöcken möglich macht. Schließlich gibt es noch einen Satz von Regeln, über welchen Prozess ein Land in den blauen oder roten Block aufgenommen werden kann, was natürlich im Falle “Blau” wesentlich schwieriger war als im Falle “Rot”.

Der Sicherheitsrat selbst wurde nun in einen blauen und roten Block unterteilt und die Stärke der Blöcke durch die Anzahl der in diesen Ländern wohnenden Bevölkerung bestimmt. Das bisher oft alles ausbremsende Veto wurde abgeschafft und zur Kontrolle des Sicherheitsrat ein Parlament gewählt, in dem vor allem viele NGOs und Lobby-Organisationen vertreten sind.

Schließlich wurden die Blauhelme zu einer dauerhaften schlagkräftigen Welt-Armee ausgebaut, den United Peace Forces, deren Zahl ebenfalls durch das Verhältnis rot/blau bestimmt war. Ziel war es, so sagt es die minimale Charta aus, überall dort notfalls gewaltsam innerhalb von maximal einem Monat flächendeckend einzurücken, wo zwischen oder innerhalb von Ländern gewaltsame Konflikte ausbrechen.

Unter massiven Ausgangssperren und umfangreichen Vollmachten können dann jeweils die Welt-Gremien eingeschaltet, Sprecher der Konfliktparteien bestimmt, Vergehen vom internationalen Gerichtshof bestraft und tragfähige Kompromisse ausgehandelt werden. Nicht zuletzt aber kann die Bevölkerung wieder einer regulären Beschäftigung nachgehen, sich ums tägliche Kleinklein kümmern, statt gegenseitige Ressentiments zu vertiefen und die Gewaltspirale weiter anzuschüren.

Das alles kam für Hassan zu spät – aber der war inzwischen glaube ich auch gar nicht mehr all zu traurig darüber. Er und seinesgleichen hatten Deutschland die nunmehr fünfte Welle des Wirtschaftswachstums beschert. Die Demographie war inzwischen saniert, das Bildungssystem zu einem dezentralen System des lebenslangen Lernens fast schon revolutioniert und Europa insgesamt bunter geworden.

Und uns hat meine ganz persönliche Variante von Public Private Partnerships einen unverstellten Blick in ein geöffnetes Lagerhaus verschafft, in welches das feuchte Tageslicht fällt, ja fast kriecht, im Bemühen, die verstaubten Gestänge und Kisten zu erhellen.

FORTSETZUNG: Automatisierung im Extrem – Entwicklungsaufgaben IX

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