Ich glaub, ich geh ins Kloster, in eins, in dem “Lude et labora!” (lat. “Spiele und arbeite!”) statt “ora et labora”(lat. “Bete und arbeite!”) gilt. Hm, gibt es nicht? Dann wird’s vielleicht Zeit… Vielleicht hätte Herr Hüther ja Lust, der Prior zu werden?

Alter Wein in neuen Schläuchen? Jawoll, ja 🙂

Ein Kloster für Technik, Wissenschaft und Kunst

Vieles in diesem Kloster für Technik, Wissenschaft und Kunst wäre eigentlich wie in anderen Klöstern des Mittelalters, wie sie z.B. im “Name der Rose” beschrieben werden. Menschen leben einerseits in relativ einfachen Verhältnissen zusammen, benutzen aber z.B. schon Geräte, die andernorts erst Jahre später unter die Leute kommen. Gebäude werden errichtet und mit Materialien, Techniken und Stilen wird experimentiert. Kräutergärten und Küchen, Labore und Werkstätten werden angelegt. Wissen wird verbreitet – im Internet.

Neben eBooks auf dem Smartphone und 3D-Books auf der Datenbrille gibt es auch ein paar schöne gebundene Old School Papier-Bücher. Die stehen im Kamin-Raum auf einem Regal, das ein paar der Brüder und Schwestern voller Hingabe entworfen, gesägt, geschnitzt und zusammengebaut haben. Den Bauplan und ein detailliertes Making-Of-Video gibt es auf der Webseite samt Verweisen auf den gängigen sozialen Medien.

Zeit zur Andacht

Gemäß dem Motto “Lude et labora” ist unsere Team-Arbeit immer wieder von Zeiten andächtigen Spiels unterbrochen.

Ad astra*

Wir “denken” in den Andachten an die Arbeit anderer Künstler, Wissenschaftler und Techniker. Wir machen uns kundig darüber und probieren aus, diskutieren oder sammeln spielerisch Erfahrung damit. Die Zeiten der Andacht sind die Zeiten, in denen neue Erfahrungen, Denkweisen, Ideen und Ansätze im Mittelpunkt stehen.

Per aspera*

Wir sehen uns in den Andachten aber auch an, welche Probleme es gibt – vor unserer Haustür oder in manchen Teilen der Welt. Manchmal gelingt uns sogar ein sokratisches Gespräch, um neue Lösungsansätze zu diskutieren oder über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Wir versuchen mehr über die Ursachen herauszufinden. Vor allem aber suchen wir nach Ansatzpunkten, um mit unserer eigenen Arbeit bei der Bewältigung von Problemen mitzuhelfen.

* lat. “durch Mühsal zu den Sternen” ist eine lateinische Redewendung

Dazwischen

Die Zeiten der Andacht sind immer von beiden Extremen geprägt: dem, was der Mensch im Positiven vermag und dem, was er anrichtet bzw. dem, was ihm durch die Natur wiederfährt. Aus diesen Extremen resultieren Unruhe, der Drang etwas zu ändern, das Bedürfnis, etwas auszuprobieren und in die Tat umzusetzen. Dieses Gefühl ist der Antrieb für unsere Arbeit.

Und noch mehr Spiel

Eine zweite Art von Andachten widmen wir dem Theater, der Bildenden Kunst oder der Musik. Für die meisten von uns gehört der künstlerische Ausdruck zu einem glücklichen Leben dazu. Sie vermitteln uns ganz andere Eindrücke und ganz andere Erfahrungen.  Sie lassen zu, das wir uns unserer Arbeit und unseren Problemstellungen nochmals auf ganz neue Weise annähern und dadurch gegebenenfalls zu ganz neuen Einsichten kommen.

Wenn es Mist ist, belassen wir es bei der internen Vorstellung. Wenn es gefällt, gehen wir auch nach außen damit.

Die Arbeit

Grundlegende sich wiederholende Arbeiten

Es gibt eine ganze Reihe von Arbeiten, die machen wir zusammen mit Dienstleistungsprofis, die aus unserer Gemeinschaftskasse bezahlt werden. Allerdings ist es uns wichtig, immer schön demütig zu bleiben, so dass immer abwechselnd einer an den Arbeiten auf Augenhöhe teilnimmt. Auf diese Weise vergisst niemand, wie großartig es ist, dass uns jemand diese Art von Arbeiten abnimmt.

Vielen der Dienstleister, die den Job nur notgedrungen machen, helfen wir bei der Vorbereitung auf Prüfungen. Eine der Dienstleisterinnen ist inzwischen von der Novizin zur Schwester aufgestiegen.

Grundlegende Arbeiten von besonderem Interesse

Bei Arbeiten, die von besonderem Interesse sind, lernt uns z.B. ein Handwerker an, damit wir einen Eindruck von der notwendigen Arbeit bekommen.

Einige von uns entdecken dabei ihre Leidenschaft und versuchen selbst handwerklich zum Meister zu werden.

Für andere von uns ist es wichtig, nicht nur Computerprogramme zu schreiben und Objektträger mit Präparaten zu bestücken.  Auch Techniken aus anderen Disziplinen wollen immer mal wieder gelernt sein. Das machen wir einerseits weil es großartig ist, zu wissen, wie etwas geht. Gibt es etwas Beruhigenderes, als zu wissen, dass man selbst einen Keller ausheben oder eine Mauer hochziehen kann?

Wir machen es auch, weil Verknüpfungen zwischen Disziplinen und Analogien, die man aus neuen Bereichen gewinnt, das Denken ungemein beflügeln.

Die eigentlichen Aufgaben

Getreu dem “Labora” verbringen wir den größten Teil des Tages mit Projektarbeit, die wir in kleinen teils virtuell zusammenarbeitenden Gruppen organisieren.

Valar Dohaeris… ok, dann ganz einfach: Helfen

Arbeiten hat für uns immer auch etwas damit zu tun, dem Gemeinwohl zu dienen. Das kann verschiedenste Dinge bedeuten. Einige von uns helfen insbesondere sozial Schwachen, Flüchtlingen oder Obdachlosen. Andere unterstützen gemeinnützige Gruppen und Vereine bei der IT oder bei organisatorischen und juristischen Fragen. Dabei ist unser Ziel, nicht nur zu helfen, sondern auch Missstände herauszufinden und zu benennen, die dazu führen, dass unsere Hilfe notwendig ist. Wir sind der Meinung, dass man nicht unpolitisch helfen kann.

Forschen und Lehren

Wir wollen das forschen und lehren nicht nur den Schulen und Universitäten überlassen. Warum nicht? Weil es uns wichtig ist, nicht den Eindruck zu zementieren, Forschung und Lehre sei so etwas wie ein Beruf, der halt gemacht werden muss und auch Schüler oder Student sei halt wie ein Beruf. Aufnehmen, Wiedergeben, Noten kassieren, fertig. Für uns ist Forschung und Lehre viel mehr, nämlich das Gewinnen von Erkenntnissen über diese Welt und über uns selbst. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir uns immer weiter von der Neugier an die Grenzen des Erforschbaren bringen lassen müssen und dass es wichtig ist, möglichst viele auf diesem Weg mitzunehmen. Um es invers zu Carl Sagan zu formulieren: da wir zu so großen Teilen von Wissenschaft und Technik abhängen und abhängen wollen, sollten gefälligst auch möglichst viele über diese Technik und Wissenschaft Bescheid wissen.

Projekte und Dienstleistung

Sicher, wir bekommen auch für das Helfen und für die Forschung und Lehre inzwischen Unterstützung und Fördergelder. Das war nicht immer so. Umso wichtiger war sehr lange Zeit, dass wir einerseits unser Wissen und unsere Fähigkeiten privatwirtschaftlich angeboten haben, um damit alle anderen Aktivitäten querzufinanzieren.

Ausgründungen

Wir haben zudem dank der Ergebnisse aus unzähligen großen und kleinen Projekten eine Vielzahl von Ausgründungen, in denen z.B. Produkte nach unseren Prototypen hergestellt oder Dienstleistungen nach unserer Anleitung angeboten werden. Wir verfügen über Fertigungshallen, in denen tausende angestellte Dienstleister Dinge möglichst weitgehend maschinisiert erstellen.

Der Tod von Ideen und Projekten gehört bei uns zum Geschäft

Und wenn der Bedarf für etwas einbricht, dann stehen schon wieder fünf neue Ideen auf dem Plan. Meist geben wir die Pläne nach relativ kurzer Zeit frei und fordern von den vielen sekundären Produzenten eine freiwillige Abgabe ein. Unsere Lösungen versuchen, diejenigen zur Kasse zu bitten, die gerne neoliberalen Kapitalismus spielen möchten und begünstigen jene, die selbst einen Blick auf die Allgemeinheit haben.

Laufende Projekte müssen einen großen Teil der Gewinne in die Gemeinschaftskasse fließen lassen. Dafür werden die Projekte aber auch von der Gemeinschaft in allen Richtungen gefördert, inklusive dem Rat, besser von einem toten Pferd abzusteigen.

Auf Wanderschaft

Immer dann, wenn einem von uns die Decke auf den Kopf fällt oder wenn er nach besonderen Herausforderungen sucht, dann entlehnen wir ein Brauchtum, das sonst vor allem für die Handwerkszünfte gilt und der Bruder oder die Schwester gehen auf Wanderschaft. Sie werden fremde Länder bereisen, zu anderen Klöstern pilgern, in verschiedenen Betrieben, Vereinen und Unternehmen arbeiten. Sie werden die Reize und den Wahnsinn der Wirtschaftswelt aufschnappen, eintauchen in Kulturen und religiöse Denkweisen. Mit einem ganzen Sack voller Eindrücke werden sie zurückkommen.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Zentren

Unsere Klöster sind lokale gesellschaftliche und wirtschaftliche Faktoren. Die meisten unserer Veranstaltungen sind offen. Zu unseren Workshops und Seminaren kommen viele Jugendliche, Kinder und Erwachsene. Viele Kinder besuchen unseren Kindergarten und unsere Schule. Etliche Bachelor- und Master-Arbeiten haben wir betreut. Pro Jahr schaffen es mehr als eine Hand voll unserer Artikel in renommierte Wissenschaftszeitschriften. Unsere Labore und Werkstätten sind gut ausgestattet. Einige der Gerätschaften haben wir selbst gebaut oder alte Geräte wieder in Stand gesetzt. Einige der Instrumente vertreiben wir und machen gute Gewinne damit.

Organisation

Führung

Wie unsere kirchlichen Vorgänger bevorzugen wir flache Hierarchien. Zudem muss Führung bei uns auch immer etwas damit zu tun haben, dass jemand mehr Erfahrung in etwas hat oder etwas besser kann bzw. ihm die Geführten ihm das einfach mehr zutrauen als irgend jemand anderem.

Deshalb kommt so oft wie möglich lediglich ein Prius inter Pares zum Einsatz. Der hat dann zwar formell die Führung inne, aber kann keine besonderen Rechte daraus ableiten. In manchen Fällen ist es aber allein aus juristischen oder wirtschaftlichen Gründen notwendig, formell einen Prior zu wählen. Das geschieht immer durch die von ihm geführten Brüder und Schwestern. Oft ergibt sich die Führung daraus, dass jemand einen bestimmten Vorschlag macht, für eine bestimmte Richtung. Dann ist es auch nur konsequent, wenn er die anderen in diese Richtung führt. Natürlich wird er dennoch konstruktiv unterstützt. Und es ist jetzt auch kein Jammer, einzugestehen, dass die Richtung nicht ganz zum Ziel geführt hat.

Jedenfalls ist Führung bei uns eine Rolle und nicht eine permanente Position über den anderen. Zum Führen gehört auch das Abtreten, die Rückkehr zur Rolle des Geführten.

Reinschnuppern

Novizen verschaffen sich einen Eindruck von uns und bekommen ein Gefühl dafür, wie alles zusammenhängt. Wenn ein Novize sicher ist, dass er weitermachen will und auch die Brüder und Schwestern zu dieser Einschätzung kommen, dann wird er feierlich aufgenommen.

Nicht ganz bierernst sprechen wir beim Übergang vom Novizen zum regulären Mitglied auch von Professes, gewissermaßen Gelübden, die abzulegen sind. Eigentlich sind das aber ganz schlicht leicht verständliche Grundwerte und Regeln, ohne die es schwierig würde, das Kloster wie es ist aufrechtzuerhalten. Eine zentrale Profess ist z.B. dass wir geloben, freiwillig unser Gehalt nach oben hin bei einem relativ moderaten Betrag zu deckeln. Damit machen wir deutlich, dass wir z.B. Absicherung oder Luxusgegenstände vor allem über die Gemeinschaftskasse finanzieren wollen und damit sichergestellt ist, dass alle daran teilhaben können. Aber auch bei dieser Gemeinschaftskasse lässt sich noch genau sagen, wie viel von wem kommt. Natürlich haben die einzelnen ein Mitspracherecht, wofür investiert werden soll. Andere Professes beziehen sich auf den Umgang miteinander.

Das Plenum

Das wichtigste Organ ist das Plenum, in dem leidenschaftlich über Fragen diskutiert wird und in dem alle wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Viele Plena finden dabei in vier Teilen statt:

  • Im ersten persönlichen Teil werden verschiedene Positionen von Rednern vorgestellt. Die Reden kann man dann aber natürlich auch noch im Internet anschauen.
  • Im zweiten Teil wird dann virtuell gemeinsam an Anträgen und Alternativanträgen gearbeitet und gefeilt. Parallel dazu schält sich heraus, wer selbst abstimmt oder wer seine Stimme anderen deligiert, die sich für bestimmte Positionen einsetzen. Am Ende sind des dann nur noch eine Hand voll Personen mit bis zu hunderten Unterstützern, die an den Anträgen feilen und schreiben.
  • Schließlich findet – virtuell – die Abstimmung statt. Zudem werden die mit den meisten unterstützenden Stimmen auch angefragt, ob sie als Primus inter pares die Themen vorantreiben wollen.
  • In einem vierten wiederum realen Teil fassen wir alles nochmal mit Reden zusammen und feiern die neuen Primi und den neu festgelegten Kurs.

Familie

Kloster und Familie – spannend. Andererseits, so ein “Lude et labora”- Kloster ohne Kids wäre auch eine ziemlich traurige Angelegenheit. Unsere Gesellschaft hat funktionierende Kloster ohne Beziehungne und Kinder hervorgebracht – und das berühmte Häuschen im Grünen auf der anderen Seite. Wäre es nicht spannend mal zu schauen, ob nicht beides doch miteinander vereinbar ist?

Contra

Klar, es fallen gleich einige Schreckgespenster ein:

  • Projektgruppen, die aus den Fugen geraten, weil eine gut aussehende Dame dazustößt und sich Team-Kollegen plötzlich zu buhlenden Silberrücken verwandeln.
  • Teams, die dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden, weil zwei ehemals verbandelte Mitglieder plötzlich anfangen schmutzige Wäsche zu waschen
  • Demonstrative Pärchen, die mit ihrem Geturtel den geballten kollektiven Zorn auf sich ziehen
  • Kinderlärm, der eben nicht wie Musik klingt, sondern der beim Arbeiten stört.
  • Vorwürfe, wie sie sich z.B. in der Odenwaldschule ergeben haben.

Pro

Andererseits lassen sich auch viele sehr schöne Dinge vorstellen:

  • Menschen, die eine bunte Mischung aus Single-sein, mono-amoren oder poly-amoren Beziehungen zu Wege bringen und Wege gefunden haben, die erste Verliebtheit oder Streitigkeiten und Trennung so in Rituale und Gepflogenheiten zu kleiden, dass sie mit einer großen Gemeinschaft kompatibel sind.
  • Kinder, die mit vielen anderen Kindern in einem großen zu Hause gemeinsam aufwachsen und schon früh mit vielen interessanten Tätigkeiten und Erfahrungen in Berührung kommen.
  • Kinder, die neben ihren leiblichen Eltern ganz viele andere Bezugspersonen oder vielleicht sogar “Paten” im besten nicht-religiösen Sinne haben.
  • Eltern, die getrost schon wenige Monate nach der Geburt ihres Kindes wieder Dinge unternehmen können, weil es einfach jemanden gibt, der auf den ganzen Pulk aufpasst.
  • Viele Einrichtungen, die für einzelne Familien Luxus wären, für eine ganze Gruppe von Leuten aber leicht finanzierbar sind (Sauna, Pool, Kino, Musik-Raum, …).

Fazit

Ja sicher, es wird einige Regeln (siehe “Professes”) und viel guten Willen von allen Seiten benötigen, um nicht zuletzt auch Beziehungen und Familien in so einem Kloster zu ermöglichen. Seit dem vierten und fünften Kloster ist vieles auch einfacher geworden, weil wir als Ultima Ratio nahelegen können, den Ort zu wechseln. Das könnte sich beispielsweise für Spätpubertierende ergeben, die zu oft Zoff mit den Eltern haben oder es wird für einen von zwei zänkischen Ex-Partnern nötig.

Vielleicht lassen sich ja sogar noch Räumlichkeiten für ältere Menschen integrieren, welche die gemeinsame Weltsicht teilen. Ich will mir gar nicht vorstellen, welche Magie solche Mehrgenerationen-Wohn-und-Arbeitsstätten ausstrahlen könnten.

Noch jemand reif für dieses Kloster?

PS: Die Abbildung zeigt das Kloster “La Sacra di San Michele” im Schnee, und ist phänomenal fotografiert von Elio Pallard, verfügbar unter Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International