Neil deGrasse Tyson spricht von “self-driven education”; “Erziehung” – das ist schon ganz schön gewaltig. Da reden wir eben nicht nur über den selbst-betriebenen Wissenserwerb. Wir reden zudem von “Benehmen”, “Moral und Gewissen”, von “Zielen, Sinn und Ethik”. Auch über die Anwendung von Wissen und das Erlernen von Fertigkeiten reden wir. Vielleicht sollten wir diesen großen Klops zunächst mal etwas in kleinere Stücke zerhacken. Ich werde mich also in diesem Post nur mit “self-driven learning” auseinandersetzen. Wie funktioniert es und welche Anstöße sind vielleicht doch noch von außen notwendig?
Zur Vorwarnung: ich werde mich mit schiefen Metaphern zu Staubsaugern, Küchenrolle, Zeitungspapier und Butter gnadenlos der Lächerlichkeit preisgeben.

self-driven education (neil degrasse-tyson) composed by http://thescienceexplorer.com/

Self-driven learning, funktioniert das?

Das Mehl ist heruntergefallen und hat die Küche in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Ein Staubsauger muss dringend her. Schnell ist das Gerät aus dem Keller nach oben befördert aber, oh Graus, es funktioniert nicht! Jetzt gibt es drei Möglichkeiten:

  1. Die Schlimmste – niemand hat seit langer Zeit gesehen, dass der Staubsauger funktioniert hätte.
  2. Die Mittlere – es gibt jemanden, der Stein auf Bein schwört, dass es vor ein paar Wochen noch bestens funktioniert hat. Nur jetzt gerade bleibt das hektische Drücken des großen Start-Knopfes ohne jegliche Reaktion.
  3. Die Beste – jemand ist Experte für dieses Staubsaugermodell und muss nur kurz überlegen. “Schau mal kurz unter diese Abdeckung dort, da ist ein Schalter, leg den mal um. Siehste funktioniert!”

Auch self-driven learing ist so ein ominöser Staubsauger, von dem man nicht weiß, ob er funktioniert. Und die gute Nachricht ist, dass ich auf Stein und Bein schwöre, dass ich selbst-getrieben lernen kann (Fall 2) und dass ich noch ein wenig psychologisches Fachwissen mitbringe, um mir zumindest vorsichtig einen Reim darauf zu machen, warum das funktioniert (Fall 3).

Lernen (und Lern-Prokrastination)

Schon in der Schulzeit war das manchmal eigentümlich. Man gebe mir einen minimalen Impuls von “Aminosäuren” bis “Neolithikum”. Dann gebe man mir die Möglichkeit und Zeit mich zu vertiefen und schon bin ich unterwegs. Nach vielleicht fünf unwilligen Minuten (“interessiert mich nicht!”) taucht mit etwas Glück die erste Frage auf. Der Samen der Neugier sprießt und dürstet nach einer Antwort und schon geht das Frage- und Antwortspiel weiter. Es verzweigt, läuft Schlaufen, kommt zum Ursprünglichen zurück.

Das funktioniert am besten mit mittelmäßig bis gut geschriebenen Lehrbüchern oder im Netz (das es damals noch in den Kinderschuhen war). Bei Rednern oder Videos (die es damals auch nur im Telekolleg gab) werde ich dagegen oft ungeduldig.

Aber natürlich hat es auch Nebenwirkungen, wenn der Impuls von einem selbst kommt. Oft interessiert nach einiger Zeit alles mögliche mehr als das ursprüngliche Ansinnen. Das ist, milde gesagt, ungünstig, wenn es genau die ursprüngliche Aufgabe ist, die gelöst werden soll. Schwierig unterscheidbar ist zudem, ob man von der Neugier davongetragen oder von der Prokrastination zu “viel interessanterem” verschleppt wurde.

So saugfähig wie ein …

… Stück Küchenrolle?

Um eine etwas hinkende Metapher zu bemühen: meine Person scheint in Sachen “Wissenssaugfähigkeit” wie eine trockene Rolle Küchenpapier zu sein. Wobei das ein schlechtes Bild ist. Es ist ja nun nicht so als hätte ich ein besonders gutes Gedächtnis. Das dürfte eher unterer Durchschnitt sein. Es ist eher so, dass ich z.B. dicke Lehrbücher genüsslich dreifach durchgewälzt habe, um die andere im Studium einen großen Bogen gemacht haben. Ja, völlig richtig, das ist ein bisschen gruselig. Aber der Prozess der Hormon-Ausschüttung im Gehirn _IST_ mega interessant. Warum sehen das die anderen nicht?

Oder Statistik: es hat genau ein zündendes Beispiel gebraucht, um mir zu zeigen, dass ich mit Bauchgefühl und “Pi mal Daumen” komplett daneben liege.  Nach diesem Erlebnis war es völlig irrelevant, dass der Prof für die Nominierung des Nobelpreises für Anschaulichkeit eher auf deFunny-sheep-between-lamasn letzten Rängen gelandet ist. Mein heutiger Job ist ein weiteres Indiz. Angefangen bei Excel-Makros frisst der feine Herr Psychologe so lange einen Narren an allem, was mit Programmieren zu tun hat, bis er als Software-Entwickler arbeiten kann – und noch keiner hat’s gemerkt, dass ich eigentlich nur ein windiger Hochstapler bin.

… Stück Zeitpungspapier?

Um zur Metapher zurückzukehren: statt der Küchenrolle trifft’s ein Stück Zeitungspapier vermutlich besser. Es ist nicht ganz so saugfähig,  aber wenn man damit oft genug über die Flüssigkeit schrubbt, dann ist sie irgendwann auch weg.

… Stück Butter?

Ich will mich gar nicht über “die anderen” beschweren. Wäre ja auch irgendwie blöd und “mimimimi”! Ich will vielmehr wissen, aus welchem Grund ich in vielen Themenbereichen “saugfähig” bin, während das Wissen an anderen eher unwillig abperlt und ich mir dann auch noch deshalb vorkomme wie ein Alien.

Ein kleines Sokratisches “Gespräch” mit mir selbst

Beispiel

Ich mochte meinen Geschichte-Lehrer nicht. Sein Unterricht wirkte als wolle jemand uninspiriert mit möglichst wenig Aufwand seinen Job über die Bühne bringen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bei mir zudem der Sinn für Geschichte-Unterricht weitgehend verflüchtigt, weil wir seit einer gefühlten Ewigkeit lernten, welche Abweichungen es zwischen der 1., 2. und, ja was weiß ich, der 100. Fassung der französischen Verfassung gab. Erst seit Kurzem waren wir wieder thematisch in Deutschland unterwegs. Und dann kam diese Klausur, zur deren Vorbereitung wir 60 dicht beschriebene Seiten im etwas altmodischen dicht beschriebenen Buch als Prüfungsgrundlage durchlesen sollten.

Nach kurzem Unmut über diesen Schinken –  ganz ohne Bilder! –  zog es mich dann plötzlich hinein. Ein Wechselspiel begann zwischen den Aktionen von Monarchen, Reaktionen von Landesfürsten, beliebten Veröffentlichungen von Dichtern, welche sich wie ein Lauffeuer verbreiten und erwachenden Geisteshaltungen von Bevölkerungsteilen. Diese konfuse Mischung organisiert sich zu Wellen, Strömungen, Gründungen und Niedergängen. Entwicklungen schaukeln sich zu blutigen Auseinandersetzungen und Umstürzen auf – fast wie im Game of Thrones.

Das Ergebnis: die beste Vorbereitung auf eine Klausur überhaupt, eine sehr schlechte Note, die nur sehr bedingt nachvollzogen werden konnte und die gute Erinnerung daran, dass es mir ziemlich egal war.

Was gehört also zum Kern des self-driven learning?

Eine gewisse Unabhängigkeit von der lehrenden Person

Bei zu viel Sympathie oder Antipathie setzt diese Person einfach zu viele extrinsische Nebenanreize, um sich wirklich auf die Materie konzentrieren zu können. Und das mag der lehrenden Person überhaupt nicht transparent sein.Fun-Fact am Rande:
Als Lehrender kann einem eigentlich nichts Schlimmeres  passieren als dass man von seinen Schülern “bewundert” wird. Oft ist das lediglich eine unbewusste Methode, um das Commitment, also die Bereitschaft, den Stoff wirklich zu beherrschen, zu senken. Denn je mehr ich als Lernender den Lehrenden in schwindelnde Superhelden-Sphären emporhebe, desto mehr kann ich selbst meine Ansprüche getrost nach unten schrauben. Wer wird sich mit “dem” schon vergleichen wollen!
Im beschriebenen Beispiel kam es eben gerade erst dann zum Flow, als nur noch das Buch da war. Wie ein großes leeres unberührtes Wissensschwimmbecken lud des zum Baden ein.

Tic-tac-tic-tac

Wie soll man in Ruhe eintauchen, wenn der Trainer mit der Stoppuhr am Beckenrand dauernd daran erinnert, dass es eine Prüfung geben wird? Wenn man sich dauernd bewusst macht,  dass bald die Prüfung ansteht, dann spuken genau die falschen Fragen im Kopf herum. Es geht eben nicht darum, wie es zur Märzrevolution gekommen ist, sondern: “Was wird ‘er’ wohl fragen? Was wird ‘er’ da hören wollen? Ah, ne 5-Punkte-Liste, die muss ich sicherheitshalber auswendig lernen, oder?

Ping-Pong

Es ist das Pingpong-Spiel von Fragen und Antworten mit dem Buch, die Frage nach Zusammenhängen, die Klärung oder Spekulation um Ursachen, welche zur Magie des Lernens führen. Vermutlich besteht die erste Leistung darin, sich überhaupt solche Fragen zu stellen und eine Spannung zu verspüren bis es zur Beantwortung der Frage kommt.
Bei Fragen wie “Wie kommt’s, dass sich Bert und Andrea so schnell getrennt haben?” oder “Woran liegt es, dass Bayern heute kein Tor schießt?” ist diese Spannung ja da. Also ist eher die Frage: Warum ist sie bei vielen Wissensgebieten nicht da?
Spannende weiterführende Fragen hier: Wie findet man den Einstieg zum Pingpong-Spiel von Fragen und Antworten? Wie hält man das Spiel am laufen?

Entscheidungsspielräume

Wenn ich etwas lernen muss, dann ärgere ich mich, wie gesagt, in den ersten fünf Minuten darüber. Gäbe es Freiheitsgrade, am Ende noch mit der Option, sich für verschiedene Themen und Arten der Bearbeitung zu entscheiden, dann fielen auch noch diese fünf Minuten weg. Aber sind diese fünf Minuten nicht vielleicht sogar eher ein Hinweis darauf, warum der Lern-Flow bei mir oft zustande kommt und bei anderen nicht? Parallel zum Sinnsprüchlein, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit ist, könnte es ja gerade die beim Lernen eingekehrte Gleichgültigkeit sein, die verhindert, dass irgend etwas hängen bleibt.

Das Gegenteil von Gleichgültigkeit

Je mehr jemand daran gewöhnt ist, gar nicht mehr nach dem Sinn zu fragen, sondern einfach Dinge zu tun, die ihm gesagt werden, desto problemloser wird er für seine Lehrer. Herrlich, Schüler, die Anweisungen folgen, ohne sie dauernd nervig zu hinterfragen. Oops, aber vielleicht hab ich diesen Schülern gerade damit auch einen wichtigen Lernmotor weggenommen! Kann ich ein energiereiches Frage-und-Antwort-Spiel mit der Französischen Revolution beginnen, wenn sie mir völlig gleichgültig ist? Wenn mich der Text ärgert, ja dann, dann gibt es vielleicht noch eine Chance. Aber wenn ich die Fakten aufsammle wie eine sinnlose Zahlenreihe?

Eingriffe von außen – sind sie notwendig?

Wie versetze ich bereits Kinder in die Lage, selbstgetrieben zu lernen oder können sie das von selbst?

Ich würde die Frage anders formulieren: Warum trainieren wir das Fragenstellen und damit das self-driven learning den meisten Kids ab? Machen wir nicht? Klar machen wir’s!

Wir erzählen den Kindern, dass der Computer etwas für Papa ist und dass das, was in der Küche passiert, noch zu kompliziert ist. Und überhaupt sollen sie lieber wieder Häuser mit Sonne und Reh davor malen, statt diese hässlichen Computer und Wolkenkratzer und bitte nicht zu viel fragen. Und wenn wir dann mal in der Stimmung auf eine Antwort sind und diese sogar wissen, dann spielen wir die Frage nicht zurück und ermutigen zum eigenen Denken, unterstützen dabei, formen die Gedanken mit, sondern wir sind stolz drauf, den Lehrmeister geben zu können.

“Mama, warum sind da eigentlich Häuser?”
“Weil da Leute wohnen.”
“Und warum wohnen Leute da?”
“Weil die da eben wohnen!”

Wie wär’s gewesen mit “Was denkst du denn, warum die Leute da wohnen?”

Natürlich müssten dann auch Kindergarten und Schule schon ein Augenmerk darauf legen, die Lernprozesse der Kids zu begleiten und das richtige Maß an Lernanreizen zu setzen. Vielleicht wäre es dafür aber auch nötig, die Kindergärtner*innen eher als frühkindliche Pädagogen aufzufassen und ihnen ein Studium abzuverlangen, statt sie einfach als lustige Lieder singende und bunte Bilder malende Animateure und Aufpasser zu verstehen.

Raus aus der Komfort-Zone?

Wie bringe ich den Lernenden bei, auch in unliebsame Themen zumindest mal reinzuschnuppern? Wie ermutige ich sie dazu, unangenehme Hürden zu nehmen, im Wissen, dass z.B. Latein sehr viel Spaß machen kann, wenn man erst mal durch den Grammatik-Perforceritt durch ist? Wie coache ich sie beim Entdecken unterschiedlicher Sportarten, um rauszufinden, wo sie am leichtesten in einen Flow finden? Wie bringe ich bei, dass es sich lohnt, etwas länger bei der Sache zu bleiben?
Nicht zuletzt in den ersten Jahren, aber vermutlich auch später immer wieder wird der Lernende einen Sparringspartner brauchen, der mit ihm verhandelt, ihn manchmal provoziert und herausfordert, ihm Hilft, über den eigenen Schatten zu springen.

 Rein in die Denkschule

Hat jemand, der dreißig Bücher über Psychologie gelesen und durchgearbeitet hat, “Psychologie studiert”? Nicht? Was fehlt?
Ja, bestehende Traditionen zu hinterfragen und ggf. zu brechen, ist wichtig. Aber vielleicht hat der traditionelle Ausbildungsbetrieb an Universitäten einen Vorteil, den man anders vielleicht höchstens durch Vorlesungsvideos zur Geltung bringen könnte – und da wesentlich schwächer als im Original:

Viele der leidenschaftlichen Plädoyers, die Profs an der einen oder anderen Stelle in Vorlesungen halten, wird man kaum je in einem Lehrbuch finden und wenn dann in sehr beherrschten viel weniger emotionalen Worten. Viel der beißenden Kritik von Seminarleitern wird man nicht gehört haben, wenn man kein Seminar besucht hat, viele der Mantras – zugegeben, manche davon sind auch nicht ganz so hilfreich – wird man sich nicht zu eigen gemacht haben. Und während es bei einigen nicht schade drum ist, z.B. weil in den Denkschulen Ressentiments gegenüber anderen Disziplinen gefördert werden, so ist es in anderen Fällen um so wichtiger, z.B. wenn es wissenschaftsgeschichtlich eben nicht darum geht, “etwas zu entdecken”, wie es ein Naiver Empirismus noch deklarierte, sondern wenn es darum geht, vieles als “Konstruktion” zu erkennen, ebenso wie es eben nicht darum geht, nach Bestätigungen für eine “Wahrheit” zu suchen, sondern es um Möglichkeiten geht, ein Theoriegebäude zu falsifizieren.

Es bleibt also zu diskutieren, ob man wirklich alles durch self-driven learning lernen kann oder ob dem nicht über gemeinsame Veranstaltungen noch das eine oder andere Wichtige hinzugefügt werden muss. Von praktischen Kenntnissen, die motorischer Übung bedürfen, haben wir dabei noch gar nicht gesprochen.

 

Fazit

Wir könnten schon noch viel mehr machen, um self-driven learning bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen jeden Alters zu unterstützen. Vor allem sollten Ausbildungssysteme die dadurch erworbenen Errungenschaften integrieren können, statt hilflos mit der Schulter zu zucken.

Was (mit mehr oder minder viel Aufwand) nötig sein wird, ist Kinder und (schwieriger) bereits “verhunzte” Jugendliche und Erwachsene in den Flow zu bringen und “umzupolen”, d.h. ihnen nahezulegen, dass es nicht auf Prüfungen, sondern auf Interesse und Engagement ankommt und dass dann der Rest von selbst kommt.

Zudem wird es notwendig sein, überhaupt einen großen Wissens- und Organisationsrahmen aufzuspannen, in dem für die verschiedensten Zwecke besonders gut selbst-getrieben gelernt werden kann, zumal mit mehreren zusammen und nicht nur jeder alleine für sich.

Der Vorteil ist, dass das, was heute konzentriert an so genannten Bildungsinstitutionen stattfindet, vielleicht auf hunderttausende self-driven learning-Inseln aufgeteilt werden kann und es eher darauf ankäme, die Gesamtorganisation technisch irgendwie hinzubekommen.

Auf jeden Fall wäre es eine sehr befriedigende Herausforderung, um den Lernprozess eine kaum spürbare organisatorische Wolke zu legen, die dann auch in der Lage ist zu sagen: “So, du, du hast diese 20 Veranstaltungen besucht und sonst hast du auch das nötige Wissen, du kannst jetzt hier und hier die Stelle eines Arztes in der Ausbildung annehmen und dann kann in zwei Jahren der Titel verliehen werden, wenn alles gut geht.