Plot: Ayodele macht sich auf den Weg zu Hugos Geothermie-Hügel.
Exkurse: Psychoinformatik, Semantische Netze


Vorspann

Der diesige Nebel, der sich zwischen den Bäumen verfangen hat, wirkt sich nicht sonderlich positiv auf meine Stimmung aus. Dennoch bin ich viel zu neugierig, um schlecht gelaunt zu sein. Was haben Hugo und seine Freunde da heute vor und was kann ich dazu beitragen? Hugo hatte mich gefragt, ob ich nicht Moderator sein könne. Sie bräuchten jemand, der schnell Bäume hochklettert und auch mal nen Ast absägt wenn es nötig ist, statt sich nen Kopf zu machen. Wie sollte ich da nicht neugierig sein?

Dilettanten in freier Wildbahn

Unter den Reifen knirscht leise der Weg. Nach dem ersten Stück Laubwald gelange ich auf eine Lichtung hinaus. Am Earthship sind noch deutlich die Spuren unseres gestrigen Treffens zu sehen. In der Feuerstelle ist noch Holz und ein paar leere Flaschen sowie die Reste von ein paar Knabbereien stehen auch noch herum. Ich hoffe, Sven wird sich später noch erbarmen. Sonst muss ich mich morgen drum kümmern. Wegen des Regens bin ich froh, noch fünfzig Metern wieder in den Wald einzutauchen.

Unser Dorf 2.0 hat viel mit den D-Häusern, bzw. , Dilettanten-Häusern in der Stadt zu tun. Aber natürlich geht es bei beidem nicht um Dilettanten im Sinne von Stümpern und Trotteln. Es geht um Menschen, die sich für etwas begeistern. Es geht darum, auch dann noch mit viel Hingabe in einem Bereich zu arbeiten, selbst wenn oder gerade weil man auch Geld damit verdient.

Die meisten dieser D-Häuser bzw. D-Dörfer sind eine Art von großer generationsübergreifender Wohngemeinschaft. Wobei, nur „wohnen“ ist untertrieben! Wie auf einem großen Spielplatz für Erwachsene gibt es viele Gelegenheiten, wissenschaftliche, technische, künstlerische und handwerkliche Ideen zu entwickeln. „Projekt-Brutstätten“ hat ein Politiker neulich die Dörfer genannt.
Aber sehr viele der Projekte sind – wie die Dörfer selbst – sozial ausgerichtet, z.B. indem sie gerade auch für Flüchtlinge und andere Hilfsbedürftige offen sind und auf deren Bedürfnisse Bezug nehmen.

Zurück zur Natur

Irrsinnig jedenfalls, wie gut das geklappt hat, den Laub-Mischwald in eine fast völlig natur-kompatible Ansiedlung zu wandeln, so dass es dem Spaziergänger fast nicht auffällt, dass hier Leute wohnen und zusammenleben. Das war der zweite Teil der ökologischen Wende:
Es geht nicht nur darum, durch möglichst sozial-und natur-kompatibel dicht bevölkerte Städte mehr Natur sich selbst überlassen zu können. Es geht auch darum, behutsam und natur-kompatibel den Menschen zurück in die Natur zu bringen.

Sobald ich den Wald erneut verlasse, wird aus dem gelegentlichen Tropfen ein dichter Nieselregen, der mir nun recht unangenehm ins Gesicht schlägt. Endlich ist die Hauptstraße erreicht. Als ich ein paar Kilometer weiter auf die Zweiradspur der Schnellstraße einschere, aktiviere ich den Elektroverstärker. Nach ein paar Minuten ist der gegen das Gesicht schlagende Regen so normal geworden, dass ich es wieder schaffe, mich gedanklich dem Treffen mit Hugo und seinen Freunden zuzuwenden.

Psychoinformatik

Psychoinformatik – sagte mir nix, bis ich zufällig mit Hugo ins Gespräch kam, weil er einen Beitrag auf meiner Profilseite kommentiert hatte. Auch danach hatte ich nie eine offizielle Definition von Psychoinformatik zu Gemüte geführt. Nicht nötig! Hugo verkörpert durch seine gesamte Person das, was diese Disziplin inzwischen für mich bedeutet:

Psychoinformatiker wie Hugo, das sind für mich Nerds, die mit ihrem unbändigen Interesse nicht vor der Psychologie Halt machen. An allen möglichen Stellen versuchen sie stattdessen, ihr technisches Wissen für die Disziplin nutzbar zu machen. Umgekehrt verbreiten sie auch psychologisches Wissen im technischen Bereich. Sie sind also so etwas wie ein Hybrid zwischen hilfreichem Küchenpsychologen und Programmierer bzw. Techniker. Ach ja, zudem glänzen sie aus meiner Perspektive mit teils schwer nachvollziehbaren Ansichten.

Der Mensch eine psychologische Maschine? Wohl kannte ich vom Hörensagen das Buch „L’homme machine“ von Julien Offray de La Mettrie aus dem 18.Jahrhundert, das ins seiner Zeit gewissermaßen ein Affront gegenüber jeglicher religiösen Instanz war. Aber dass man das tatsächlich wörtlich nehmen konnte?

Es verging kaum ein Treffen, in dem wir uns nicht in hitzige Diskussionen verwickelten. Oft, wenn wir in der Öffentlichkeit stehen blieben, wurden wir mit einem leidenschaftlich streitenden Pärchen verwechselt. Umso verwunderter waren die Passanten dann, wenn sie im Vorbeigehen das Thema des Streits aufschnappen konnten. Der Kern der höchst produktiven Zwistigkeiten war oft eine psychologische Theorie, ein physiologischer Prozess oder die Einschätzung, wie stark ein Phänomen in der Bevölkerung verbreitet ist. Immer wenn Menschen versuchen Wissen zu schaffen, muss gestritten werden. Normal!

Semantische Netze knüpfen

Hugos jüngstes Interesse gilt dem Nexus und den Möglichkeiten seiner Weiterentwicklung. Aber dafür muss man diesen Semantischen Netzte-Moloch erst mal definieren, was gar nicht so leicht ist, wo er doch Vorläufer wie die Wikipedia an Komplexität und Bedeutung in den Schatten stellt. Ha! Sein Erfinder vor 170 Jahren ist bedeutungslos und unbekannt verstorben. Die Welt ist ungerecht.

Also, beim Nexus geht es darum, dass die Sprache im Grunde auch nur eine menschliche Erfindung ist – ein Werkzeug wie ein Dosenöffner, aber halt nicht zum Öffnen von Dosen, sondern zum Übertragen von Information.

Die Information, der Sinngehalt, die Semantik wird durch die Erfindung „Sprache“ in Wörter, Wendungen, Phrasen und Sätze gepackt. Aber warum verwenden wir z.B. beim Unterrichten so oft nur diesen Kanal, egal ob schriftlich oder gesprochen? Warum nur Phrasen und Sätze? Die gleiche Information kann durch die verschiedensten Formulierungen, durch sprachliche Bilder, durch wirkliche Bilder, durch Gesten, durch Übungsaufgaben, Beispiele, Tabellen, Diagramme, Animationen und Videos oder durch kleine Computer-Programme transportiert oder besser noch: stückweise selbst erschlossen werden! Allerdings reduzieren wir die Kanäle gerade bei wissenschaftlicher Sachliteratur oft rein aufs Sprachliche. Dazu verwenden wir in wissenschaftlichen Aufsätzen noch eher ungünstigen Formulierungen – solche nämlich, die nur die wenigsten Menschen auf Anhieb verstehen.

Let’s talk about Mondfische!

Semantische Netze haben mit diesem Notstand aufgeräumt. Sie sind eine Art von Gerippe, das möglichst gut die semantischen Zusammenhänge wiedergibt. In diese Struktur kann man dann wie bei einem Weihnachtsbaum beliebig viele sprachliche und bildliche Veranschaulichungen einhängen.

Ich gluckse, wenn ich an die trockenen Vorträge des Profs aus meinem Traum zurückdenke. Und erst in Mathe: genau zu wissen, an welcher Stelle das Verständnis-Problem ist und dann einfach so viele Übungsaufgaben machen, Videos und Animationen schauen und Analogien und Metaphern lesen bis es „klick“ macht – viele wissen die Leichtigkeit heute gar nicht mehr zu schätzen.

Dabei ist es am schwierigsten, fernab der Intuition zu verstehen, wie Semantische Netze funktionieren, auch wenn es eigentlich hauptsächlich zwei Dingen sind:
Kanten und Knoten. Die Knoten sind der semantische Inhalt, die Wortmarke. Die Kanten sind meist gleichzusetzen mit den Fragen, die wir zu den Knoten haben.

So sehe ich z.B. ein Foto eines riesigen bizarr aussehenden Fisches. Dieses Foto, eine schöne Christbaumkugel am Weihnachtsbaum, weist auf den Knoten mit der deutschen Bezeichnung „Mondfisch„. Schon frage ich mich, warum der Fisch „Mondfisch“ heißt (Ethymologie: wegen Form – wie – Mond). Ich frage mich, mit welchen anderen Arten er verwandt ist (Abstraktionsbeziehung: Kugelfischähnliche) oder wo er vorkommt (Ortsrelation: Meere – warm, Bsp: Mittelmeer). Mein Interesse wird von der seltsam aussehenden bzw. nicht existierenden Hinterflosse angezogen (negierte Teil-Ganzes-Relation: hat-nicht, Grund: zurückgebildet) und ich frage mich, warum das, was da an der Stelle der Schwanzflosse ist, so anders aussieht (Hautsaum, Fachterminus: „Clavus“). Schließlich will ich wissen, ob dieses seltsame Tier auch sonst besondere Merkmale hat (Fortpflanzung: die meisten Eier pro Laichvorgang, nämlich 3 Millionen).

Von der Geste zum Verb

Die Verben sind noch viel spannender als die Nomen, weil die meisten einfachen Hilfsverben eigentlich  schon diesen fundamentalen Beziehungen und fundamentalen Gesten entsprechen. Kein Wunder, dass man diese Gesten oft genau dann verwendet, wenn man versucht, sich mit Händen und Füßen zu verständigen.

Eigenschaften sind „ist“ Relationen (die Zitrone ist gelb), Abstraktionen sind „ist-ein“-Beziehungen (die Ente ist ein Vogel). „Haben“ deckt dann die „Teil-Ganzes“-Beziehungen ab (das Auto hat vier Räder).

Viele weitere Verben wiederum haben z.B. etwas mit dem Entstehen und Vergehen von Knoten, mit dem Ändern von Eigenschaften, mit dem Übergeben von Elementen vom einen zum anderen zu tun. Oder sie sind Kombinationen aus anderen Verben. So ist z.B. „filtern“ eine Kombination von „aufhalten“ und „durchlassen“. Auf den Satz hin „die Niere filtert Blut.“, drängt sich beispielsweise die Frage auf, was aufgehalten und was durchgelassen wird. Das wiederum weist darauf hin, dass Blut mindestens eine Teil-Ganzes-Beziehung aufweist; in diesem Fall werden „größere Moleküle“ zurückgehalten und kleinere als „Prä-Harn“ zusammengefasste Bestandteile durchgelassen.

Verbindungen von Knoten und Verben könnten wiederum Konzepte bilden, die wiederum mit Verben verbunden werden könnten. Schließlich landeten wir dann bei sehr abstrakten Begriffen, wie z.B. „Freiheit bewahren“, die dann jeder mit seinen eigenen speziellen Vorstellungsbildern füllt.

Von den Anwendungsmöglichkeiten erschlagen

Eigentlich gibt es kaum einen Alltagsbereich, der nicht vom Nexus berührt wird, heutzutage. Sobald Schüler elementar rechnen und schreiben können, beginnen sie, an ihrem persönlichen Nexus zu bauen. Jedes Buch, jeder Film, jede Webseite: fast alles ist mit dem Nexus verknüpft und auf ein Nicken von mir hin wird die Info auf der Seite meinem Nexus hinzugefügt. Genau genommen ist es die Info, dass ich jetzt weiß, was auf der Seite steht. Wenn ich Lust habe, dann kann ich bei Gelegenheit Fragen beantworten oder Spiele machen, die dieses Wissen und mein Verständnis auf die Probe stellen.

Wenn man in einem Projekt während seiner Schüler-Phase z.B. einem Steinmetz dabei hilft, ein Grab auf einem Friedhof zu renovieren, dann sagt der: „Mach ma bis morgen Stein-Arten“. Das sag ich dann dem Nexus und der fragt mich, wie viel Zeit ich investieren will. Dann schau ich drei Kurzfilme, mache zwei 3D-Simulationen, schaue dreißig Fotos an mit Begleittext und mach ne Stunde lang verschiedene Übungen und Lernspiele. Der Teil meines Nexus, in dem es um Gesteinstypen geht, leuchtet dann so hell wie – ich kichere – ein Weihnachtsbaum.

Noch drei Stunden bis zur Neurologin

Viele werfen dann mit Zwanzig ihren Nexus an und fragen einfach: bis zu welcher Berufsqualifikation fehlen mir am wenigsten Knoten? Oder sie fragen: wenn ich als Neurologin arbeiten will, was fehlt mir dazu? Die Antwort ist dann vielleicht „Bis zur Neurologin fehlen Ihnen 2000 Knoten und 40 Praxis-Seminare à 10 Stunden. Bei einem Lernvolumen von 40h pro Woche könnten sie in etwa sechs Monaten Neurologin sein.

Wird ein neues Thema in den Nexus aufgenommen, was heute am ehesten in der Forschung oder der Kunst vorkommt, dann können viele kleine Netze einzelner Personen miteinander verwoben werden – der eine analysiert z.B. Kapitel 1, der andere knüpft ein Netz aus Kapitel 2 und die gemeinsamen Bestandteile ergeben die Nahtstellen.

Das geht natürlich auch sprachübergreifend, da die Konzepte, die Dinge, um die es geht, ja unabhängig von der Sprache sind – im schlimmsten Fall gibt es in einer bestimmten Sprache einfach kein Wort für ein Konzept und man muss eins erfinden – oder eine Leerstelle lassen.

Aber meist gibt es ja schon fast alles. Oft fügt eine wissenschaftliche Studie, abgesehen von der Dokumentation der Arbeit selbst, dem Netz nur ein paar wenige Knoten und Kanten hinzu.

Lernst du noch oder spielst du schon?

Und was das erst für Konzepte wie Kreuzworträtsel, Quizzes, und 1000 andere Spiele bedeutet! Dank der Relationen des Netzes verstehen nun auch Algorithmen die Beziehungen zwischen Begriffen und auf diese Weise können sie beispielsweise Fragen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade generieren: „Hat der Mondfisch eine Heckflosse?“ Die Antwort lautet natürlich: „Nein er hat stattdessen einen Clavus!“ Das irre ist ja: Diese Antwort hat nie jemand eingeben müssen, ebenso wenig wie die Frage!

Ein Wegweiser sagt mir, dass ich etwa die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht habe. Nicht viel los heute auf der eBike-Spur der Fernstraße.

Fortsetzung: