Für alle INFJ, die sich getreu dem Motto “alles oder nichts” in einer Affäre zu verlieren drohen. Succubus ist in sehr loser Anlehnung an die wunderbaren Romane und Erzählungen von Andrzej Sapkowski und die Interpretation von CD Project Red verfasst.


Im Dorf

Dunkel, dunkel ist es immer noch. Aber etwas ist anders. Ich stehe. Und während ich mein Gewicht verlagere, spüre ich den Kies unter meinen Stiefelsohlen. Es tut gut, dieses runde helle Geräusch, das die kleinen Steinchen machen.

Der Geruch von schon vor längerer Zeit verbranntem Holz liegt in der Luft. Das Dunkel löst sich in Grautöne auf und die Welt um mich herum gewinnt Konturen als die dichte Wolkendecke reißt und wie auseinandergezogene Watte allmählich den Blick auf einen riesigen majestätischen Frühlingsvollmond freigibt.

Grundmauern umgeben mich, verkohlte Balken, die aus der schwarzen Erde heraus staken. Im vor etlichen Jahren restlos abgebrannten Dorf bin ich und während die Erinnerung zurückkommt, fühle ich mich allmählich wieder wohl in der Haut, in der ich mich wiederfinde.

Ich

Es ist dunkel, aber ich weiß noch genau, wie ich aussehe. Ich spüre das Cape aus grauem Filz, die in der Taille etwas enge Lederrüstung. Meine Wahrnehmung wandert nach unten in meine Beine. Am Schienbein drücken leicht die beschlagenen Stiefel, die Armschienen gebieten meinen sich anspannenden Unterarm-Muskeln Einhalt und am Hals zieht sachte das Gewicht des metallenen magischen Amuletts in Gestalt eines Zähne fletschenden Wolfskopfes, das mir bei Bewegungen leicht gegen die Brust schlägt.

Ich bin ein Mensch, der während einer langen Ausbildung mit zahlreichen Tränken, Substanzen und geheimnisvollen Ritualen traktiert wurde. Ich bin nicht daran gestorben wie viele. Als Hexer bin ich schließlich aus dieser schmerzvollen Prozedur hervorgegangen, geschult im Umgang mit dem Schwert und magischen Zeichen.

Meine Aufgabe: Monstren töten, wobei sich manchmal herausstellt, dass einige dieser Monstren durchaus menschliche Gesichtszüge haben. Dafür schlägt hinter der einen oder anderen animalischen Fratze ein sehr menschliches Herz.

Die Morde

Etwa drei Monate ist es her, dass die Mordserie ein Ende fand. Hässlich, diese Verbrechen, bei denen der Mob den Täter kennt, noch bevor klar ist, was eigentlich genau geschehen ist! In diesem Fall traf es einen bemitleidenswerten Succubus, ein magisches Wesen weiblicher Gestalt, grazil, verführerisch, mit Elfenbein-farbenem Teint. Ihre mächtigen schwarzen Schwingen glänzen silbrig im Mondlicht. Onyx-farbenen Fingernägel – nein, Klauen vielmehr, finden bei Bedarf nahezu widerstandslos ihren Weg ins Fleisch.

Dem Volksmund nach sitzen sie nächtens auf Hausdächern und schleichen sich in die feuchten Träume ihrer Bewohner. Sie laben sich an ihren Sehnsüchten und führen die Bedauernswerten in eine immer währende Hörigkeit. So erzählen es zumindest die Großmütter ihren Enkeln mit mahnendem Zeigefinger.

Im aktuellen Fall, so schien es, hatte es der Dämon zu toll getrieben. Im Abstand von wenigen Tagen waren fünf junge Kerle auf bestialische Weise ermordet aufgefunden worden. Sogleich machten etliche Zeugenaussagen die Runde, man hätte einen Succubus gesichtet, der sich ganz in der Nähe aufgehalten hat. Die Beobachtungen hätten sich Stunden vorher zugetragen, bevor die Leichname in den frühen Morgenstunden entdeckt wurden.

Der Succubus

Nach langer Suche konnte ich endlich das Versteck des Succubus ausfindig machen. Genauer gesagt: nicht ich kam zu ihr, sondern sie zu mir, im Traum. Flehentlich bat sie mich, die Suche nach ihr einzustellen. Sie habe mit der ganzen Sache nichts aber auch gar nichts zu tun. Aber aufklären könnte ich sie gerne schon, die Morde.

Kann man dem Wort eines Wesens trauen, das durch die Verschränkung magischer Dimensionen einen Weg auf diese Welt gefunden hat, um sich an erotischen Träumen zu nähren wie manch anderer am Mettwurst-Brot? Ich war verrückt genug, genau dies zu tun. Gegenüber dem Dorfältesten ließ ich nicht locker, bis ich die Leichname exhumieren und näher untersuchen durfte. Eine langjährige Freundin mit umfangreichen anatomischen und magischen Kenntnissen war mir dabei eine große Hilfe.

Die Obduktion

Alle Opfer trugen auf den ersten Blick die gleiche Täter-Handschrift: tiefe Einkerbungen und Schnitte am ganzen Körper, im Gesicht und am Hals und an den Handgelenken jeweils fünf U-förmige Einstiche, als hätte sich jemand dort eingekrallt, um die Opfer an den halb-versteckten Ort zu schleifen, an dem sie nicht weit von der Ortschaft entfernt aufgefunden wurden.

Dumm nur, dass wir in zwei der tieferen Verwundungen Stücke abgebrochenen Metalls einer Klinge finden konnten. Mit diesem Ansatzpunkt war es ein Kinderspiel zu rekonstruieren, dass der erste und tödliche Schlag jeweils von hinten wohl mit einem Schwert gegen den Hals geführt wurde und die weiteren Verletzungen post mortem hinzugefügt wurden, um den Verdacht auf den Succubus zu lenken.

Nach Recherchen im Umfeld der Toten war der mutmaßliche Täter und sein Motiv schnell gefunden. Mit all der gesammelten erdrückenden Beweislast war keinerlei Magie nötig, um in kürzester Zeit zunächst die Mittäter und schließlich den Hauptschuldigen dingfest zu machen. Nicht der böse Drang eines Dämons waren also das Motiv, sondern – viel trivialer – Habgier, Eifersucht und Machtstreben.

Der Kommunikationsfaden ist aufgenommen

Als mich der Succubus, Lilith war ihr Name, anschließend zum zweiten Mal kontaktierte, um sich zu vergewissern, dass sie nichts zu befürchten hätte und von allen Vorwürfen freigesprochen sei, entspann sich ein Gespräch, das ich zuvor kaum für möglich gehalten hätte. So unterschiedlich unsere Biografien auch waren, beide waren wir Einzelkämpfer. Zudem kam heraus: wir kannten uns ohne mein Wissen schon eine geraume Zeit, da Lilith, wie ich erfuhr, im Stande war, jegliche Frauengestalt anzunehmen.

Während meiner Ausbildung zum Hexer gab es eine Zeit, in der ich zögerte und zweifelte und etliche Nächte zechend in einer Taverne verbrachte. Bei dieser Gelegenheit hatte ich eine junge Dame kennengelernt, die mich ebenso charmant wie geschickt in ein Würfelspiel hineinzog, in dem ich zunächst gewann und später fast nur noch verlor. Dabei kredenzte sie mir einen, wie sie sagte, Spezial-Likör, nicht wissend dass ein Großteil der Wirkstoffe bedingt durch meine Transformation nur noch geringe Wirkung hatten. Mein Freund der Barde war beunruhigt, drängte mich zum gehen. Ich aber bat ihn heimlich, mir die gezinkten Würfel meines knorrigen Zwergen-Kumpanen zu besorgen, die den von meiner Gegnerin verwendeten Würfeln täuschend ähnlich sahen.

Wenn Betrüger Betrüger betrügen

Bedauerlicher Weise stieß ich mit einer unheimlich geschickten ungeschickten Bewegung ihren Becher vom Tisch. Den kurzen Moment der Aufregung nutzte ich, um die Würfel auf dem Spielbrett auszutauschen. Nach kurzer Zeit hatte ich all das verlorene Geld wieder zurückgewonnen und ich schlug auf ihren verdutzten Blick nicht reagierend jovial vor, unser Gespräch ohne Spiel mit einem vernünftigen Getränk an der Bar fortzusetzen.

An den folgenden Abenden trafen wir uns öfter. Während sie sich bezüglich ihrer eigenen Person sehr bedeckt hielt, war sie mir eine geduldige Zuhörerin, bestärkte und ermutigte mich, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und machte mir Mut. Dann kam die nächste Behandlungsphase, die mich für mehrere Monate dem öffentlichen Leben entriss. Und danach sah ich sie nie wieder. Jetzt aber erfuhr ich, dass Lilith dieses Mädchen war und an jenen Abenden ein neues Gebräu testete, das sie in ihrem alchemistischen Labor hergestellt hatte.

Ebenso amüsant wie überraschend war für mich, dass wir Ereignisse der jüngeren Vergangenheit aus unterschiedlicher Perspektive vorangetrieben hatten. Wir lachten herzlich über den Elfen, der im Trink-Duell mit mir zunächst seinen Hochmut, dann einen Teil seines Geldes verlor. Als der Arme frustriert und benebelt vor der Kneipentür ein kleines Zwischenlager aufgeschlagen hatte, raubte ihm Lilith zudem noch zunächst den Verstand, dann seine Unschuld und schließlich seine Hose. Noch Monate später suchte er verzweifelt nach der blaubärtigen Zwergin, die ihm doch bitte sein Beinkleid zurückgeben und ihm eine weitere so unvergessliche Nacht schenken möge.

Fortsetzung mit dem zweiten Teil “Wir statt ich”