g20k - Dilettanten gesucht

dilettarsi, ital. = sich erfreuen, herumbasteln

Schlagwort: Demut

Peeter Gysels (attr) Betender Eremit // oder doch ein Wirtschaftsweiser??

Ein Wirtschaftsweiser

Es war in einem Arbeitskreis zum Thema „Finanzpolitik“ einer von mir eigentlich ziemlich geschätzten Partei. Ich war erst ein paar mal dort gewesen. Schon seit einigen Tagen hab ich mich auf diesen Abend gefreut. Schließlich ging es darum, verschiedenen Lösungen in der aktuellen Finanzpolitik zu recherchieren. Wir, das war nach einem kurzen Blick in die Runde eine Gruppe von etwa fünfzehn Personen. Wer hätte damit gerechnet, dass sich unter uns ein Wirtschaftsweiser befindet?

Die Agenda

Dinge wie Negative Einkommensteuer, Bedingungsloses Grundeinkommen, Tobin Steuer, aber auch Ansätze wie die Gemeinwohl-Ökonomie standen auf der Agenda. Im schlechtesten Falle wollten wir uns einfach eine Sammlung von Informationen erarbeiten, die bei Bedarf schnell für Positionspapiere und Anträge herangezogen werden können. Wir hofften aber, etwas so Hochwertiges käme dabei heraus, dass man das gesammelte Wissen gar als Büchlein vertreiben könnte. Oder sollten wir doch eine Beitragsserie auf dem Weblog publizieren?

Nun ging es um den ersten Vortrag, der einen Überblick schaffen sollte. Welche Turbulenzen gibt es in der Wirtschaft gerade? Und worin werden die Ursachen vermutet? Es sollte gewissermaßen ein Problemraum abgesteckt werden, auf den die späteren Ansätze angewandt werden könnten.

Ein Wirtschaftsweiser

Zu Wort meldete sich ein Teilnehmer, der zu den alten Hasen des Arbeitskreises zu gehören schien. Bislang hatte er sich in den vergangenen Treffen eher durch Kommunikation in Gebärden mit dem Vorsitzenden hervorgetan. Ich weiß nicht, ob ich mir sein Aussehen erst nach diesem denkwürdigen Abend in Gedanken so passend zurechtformte. Jedenfalls verklebt mein Gedächtnis das Zerrbild eines drahtigen Marathon-Läufers in hoch ökologischer, farblich aber unabgestimmter Klamotte.  Die kurzen, stoppeligen, mit geringstmöglichem Aufwand geschnittenen braunen Haare verströmen den Eindruck disziplinierter Windschnittigkeit. Die hohen Wangenknochen, der entschlossene Blick und die leicht zusammengepressten Lippen sind allesamt Merkmale gnadenloser Entbehrungsbereitschaft und problemloser Impulskontrolle. Eben jener meldete sich also nun zu Wort:

„Ich finde es gut, dass wir die Themen jeweils in Gruppen recherchieren wollen. In meinem Falle aber wird das kaum nötig sein. Ich habe die letzten vier Wochen meiner temporären Erwerbslosigkeit dazu genutzt, meine gesamten Erkenntnisse über die Finanzkrise und alle weiteren aktuellen finanzpolitischen Probleme zusammenzutragen. In einem umfangreichen Manuskript habe ich Lösungen beschrieben, wie diese Probleme angegangen werden können. Manche der Maßnahmen mögen zunächst hart erscheinen. Ich gehe aber davon aus, dass man das den Menschen gegenüber ausreichend kommunizieren und ihnen gegenüber durchsetzen wird können. Auch wie eine nachgelagerte Politik betrieben werden müsste, die verhindert, dass es erneut zu Problemen kommt, habe ich in diesen Aufzeichnungen skizziert. Wenn mir jemand beim Korrekturlesen, Digitalisieren und Ausdrucken meiner Aufzeichnungen helfen könnte, dann wäre ich ihm sehr verbunden. Mehr wird allerdings nicht nötig sein.“

Auf der Galerie

Gespannt blickte ich als Neuling in die Runde, ob nun das Getöse losbräche. Sitznachbarn würden sich nun gleich von ihren Plätzen erheben. Sie würden dem unerhörten Möchtegern Größenwahn, Blasiertheit und Arroganz vorwerfen. Ein Wirtschaftsweiser willst Du sein?
Seine vielleicht bereits aus früheren Runden bekannten Thesen würden sie in Zweifel ziehen. Sie würden ihn darauf hinweisen, dass jede Lösung unsicher ist, auch seine. Zuletzt würden sie ihn wegen seines jovialen „Ihr könnt mir beim Ausdrucken helfen!“ zerreißen. „In diesem Arbeitskreis fehl am Platze“,  wird es gleich heißen. Die anderen seien schließlich weit mehr als eine auf zwei Füßen wandelnde Rechtschreibkorrektur.

Es blieb völlig still – ich schien zudem der Einzige zu sein, der etwas Ungewöhnliches gehört hatte. Nach kurzer Pause brachte der Vorsitzende noch ein paar Themen bei den Anwesenden unter. Meine Wenigkeit war um zwei Erkenntnisse reicher:

  • Selbst wenn ich die Weisheit dieser Welt mit riesigen Löffeln gefressen hätte… Selbst in diesem Falle möchte ich mich immer noch genau so verhalten, als könnte all das kompletter Unfug sein. Allein schon, um die Diskussion und Gespräche gar nicht mehr zu führen, die mich auf Ungereimtheiten und Verbesserungen hingewiesen hätten.
  • Ich habe Mittwoch Abend wieder Zeit.
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