g20k - Dilettanten gesucht

dilettarsi, ital. = sich erfreuen, herumbasteln

Schlagwort: Geschlechtsrollenstereotype

Sonnengeflecht, bzw. Solar Plexus; fotografiert von Qasim Zafar, aus dem "Handbuch der Anatomie des Menschen";1841 (Leipzig), Professor Dr. Carl Ernest Bock, Public Domain

Sonnengeflecht – Entwicklungsaufgaben XX

Exkurse: Meditation fernab der esoterischen Ecke
Plot: Kati geht in den ‚Tempel‘, beschließt zusammen mit Ayo den Abend und trifft schließlich das Mädchen, das zuvor bereits Ayo und Hugo begegnet ist.

Vorspann

Es geht mir schlagartig besser, als ich Hugo sofort auf dem Rückzug sehe. Nichts desto trotz sprudelt es weiter aus mir heraus: „Ich bin jedenfalls froh, dass ich schon früh in dem Bewusstsein groß geworden bin, dass ich mir meine Familie selbst auswähle und dass ich ganz viele Eltern hab. Manchmal bist du wirklich ein taktloser Schuft!“ Ui, das war jetzt vielleicht ein bisschen zu schrill. Aber die Botschaft ist angekommen. Kleinlaut hat Hugo seinen Blick in Richtung Boden gewendet als wolle er schauen, ob schon Gurken reif sind.

„Schluss jetzt mit der Führung! Ich muss jetzt schauen, wo Ayo ist!“

Doch Mars und Venus

Au weia, Hugo ist mir nach knapp zehn Stunden wirklich auf die Nerven gegangen! Anfangs finde ich seine Art, viele interessante Fragen zu stellen, immer sehr herausfordernd, aber irgendwann beginnt es, mir auf die Nerven zu gehen. Gut, könnte sein, dass heute sein Hinweis auf seine intakten familiären Verhältnisse das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es ist einfach ein offenes Thema, ein wunder Punkt, an den ich nicht gerne erinnert werde. Und Hugo weiß das auch – theoretisch. Männer! Warum ist er so unsensibel? Er scheint die tiefe Überzeugung zu haben, Wörter könnten gar nicht verletzen, wenn sie aus der besten Überzeugung heraus ausgesprochen werden. Wie doof kann Mann sein?

Ich muss endlich Ayo finden! Mist, das nächste unvollständige X-Chromosom! Ich kichere.

Tollkühne Männer an ihren hängenden Seilen

Als ich auf der Rückseite der Eiche angekommen bin, sehe ich Ayo endlich. An zwei Karabinern abgesichert, sägt er gerade in sechs Metern Höhe an einem Ast. Geschlechtsrollenstereotypen können auch schön anzusehen sein! Aber Spaß bei Seite. Für einen Archibiologen ist die Benutzung der Säge, noch dazu an einem solchen Kaventsmann von einem Ast eine drastische Maßnahme. Entsprechend ist auch sein Gesichtsausdruck, als würde er im zweiten Weltkrieg Gliedmaßen amputieren. Schnell haben wir uns über die Datenbrillen ausgetauscht. Er braucht noch knapp zwei Stunden. Mist. Auf das Herbstfest und den damit verbundenen Trubel in den oberen Stockwerken habe ich keine Lust. Gut, dass die Party in etwa anderthalb Stunden für heute vorüber ist. Insofern ist es eigentlich gar nicht schlecht, dass Ayo noch etwas Zeit benötigt. Dann ist es ruhig auf meinem geliebten siebten Stockwerk und wir müssen nicht noch raus zu Ayo in den Wald fahren. Hoffentlich!

Coworking-Space

Normalerweise wäre ich jetzt im zehnten Stock, im Sky-Cafe, einem riesiger Coworking-Space mit Astronauten-Food– und Kaffee/Tee-Flatrate. An vielen Stellen dort sind die drei Meter Raumhöhe doppelt nutzbar. Bei vielen Plätzen kann man zudem wählen, ob man entweder ein tolles Panorama oder Abschottung und Ruhe genießen möchte. Eine schlaue, wabenartige Raumplanung macht es möglich.

Das Café ist aber heute natürlich komplett für den Publikumsverkehr blockiert. Warum denk ich schon wieder in Richtung Aktivität nach, zumal geistiger? Davon gab’s doch mal wirklich genug heute! Der Keller! Der ‚Tempel‘, wie er bei uns genannt wird. Ich bin doch sicher nicht die einzige, die vor dem ganzen Gewusel hier flieht?!

Elegant schlängle ich mich auf Nebenwegen an der Schlange von Besuchern vorbei, welche die Stufen nach oben erklimmen, die Vorfreude auf viele kleine und große Überraschungen in den Augen tragend. Über einen nicht all zu offensichtlich angebrachten Knopf öffne ich im Erdgeschoss die Bodenluke, die sich wieder mit leisem Surren über mir schließt, während ich die Stiege hinunterlaufe.

Das Sonnengeflecht spüren

Im stark gedämpften Licht gehe ich durch die schwere Tür rechts. Links, sind die ganzen Aufbewahrungsräume. Langweilig! Vorsichtig öffne ich die Brandschutz-Schleuse zum Notfall-Keller und die Stille reichert sich an mit allerlei sphärischen Tönen. Schnell ziehe ich meine Schuhe aus, nicke einer lieben Nachbarin freundlich zu und nehme mir eine Decke und ein Kissen. Zielsicher suche ich mir die größte Lücke zwischen den Anwesenden und lasse mich so geräuschlos wie nur möglich nieder. Danke, liebe Knie, für das deutlich vernehmbare Knacken! Über die Datenbrille verbinde ich mich mit dem lokalen Server. Ah, noch eine viertel Stunde bis zum nächsten Wechsel. Genau richtig zum Ankommen. Ich wähle die Option, dass ich über meinen Chip eine leichte Neurostimulation wünsche und dann nehme ich meine Lieblingsgrundhaltung ein. Schneider statt Lotus, aber mit Kissen.

Ich liebe es wenn mein Kopf leer und meine Glieder schwer werden. Dann erfahre ich wieder, warum der Solar Plexus übersetzt „das Sonnengeflecht“ heißt. Magisch, wenn man förmlich spüren kann, wie die Bauchdecke warm wird. Ich liebe den zeitlosen Zustand, in mich hineinzuhorchen, ohne zu erwarten, dass ich etwas höre. Ich liebe es, langsam durch meinen Körper zu reisen und zu spüren wie ich spüre. Als Kind wäre es die Höchststrafe für mich gewesen, eine dreiviertel Stunde einfach nur dazusitzen und wirklich rein gar nichts zu tun. Jetzt ist es das Beste, was ich mir nach einem langen Tag wie heute vorstellen kann.

Zu Hause im Tiny House

Stunden später habe ich den Holzofen angemacht und liege mit Ayo im oberen Liegebereich meiner minimalistischen Behausung. Durchs Fenster tanzen die Lichter der Lampions, die zum Anlass des Herbstfestes die ganze Nacht hindurch brennen. Ab und zu hört man noch die Wortfetzen einiger etwas zu laut sprechender Betrunkener.

Ayo ist immer noch niedergeschlagen: „So ein blöder sturer Ast! Sowas hab ich selten erlebt. Seit fünf Wochen versuchen wir mit allen Mitteln, das Ding davon zu überzeugen, dass es seinen Druck gegen die Decke nicht verstärkt. Vergebens! Gestern dann haben die Vibrationsmessungen gezeigt, dass wir nicht mehr länger warten dürfen. Da hilft es dann nur noch die Elektroden und Pulsoren abzubauen und raus mit der Säge! Ich hoffe mal, dass es uns die Eiche dank Kauterisation nicht all zu übel nimmt. Und ich hoffe, sie ist nicht so stur, ihren Fehler zu wiederholen! Aber lass uns von was anderem als diesem blöden Baum sprechen. Wie wars bei Dir?“

Als ob ich auf meinen Einsatz gewartet hätte, platz aus mir ein „Blöder Hugo!“ heraus. „Der hat sich einfach still und heimlich ohne eine Nachricht aus dem Staub gemacht. Und alles nur, weil ich ihn ein bisschen angegangen bin, völlig zurecht übrigens!“ Ayo lacht. „Was?“, frage ich ein bisschen wütend. „Warum lachst du?“

Ayo versucht mit einer Demutsgeste das heraufziehende Unwetter abzuwehren. „Bin gespannt auf Hugos Version morgen. Er zieht sich halt gern aus der Affäre, ohne großes Aufhebens zu machen.
Man, bin ich müde. Lass uns schlafen. Ich hoffe, mich sucht nicht gleich wieder dieser bescheuerte Traum mit dem Mädchen im Hörsaal heim! Das nervt!“

Der Traum

„Hugo hat heute Nachmittag auch von so einem komischen Traum erzählt. Es macht ja fast den Eindruck, als sei er dort dem gleichen Mädchen begegnet. Ist ja echt komisch, dass ihr von der gleichen Dame heimgesucht werdet! Muss ich da vielleicht etwas wissen?“, versuche ich Ayo aufzuziehen. „Mist, jetzt hast du unser Geheimnis durchschaut!“, grinst er. Aus dem schnellen Gutenachtkuss wird dann doch die ausführliche Variante. Wenig später fällt nicht nur Ayo in ein schnelles, tiefes Koma. Auch ich überschreite schnell die Grenze zwischen Wachen und Schlafen, während ich meinem Sonnengeflecht nachspüre.

Ich zucke. Für einen Moment habe ich den Eindruck den Halt zu verlieren, fasse hinter mich. Sitze ich? Es fühlt sich immer noch so an als würde ich gleiten, fallen. Meine Fingernägel klammern sich in die rauhe rissige Borke. Meine Beine drücken gegen das Holz. Alles gut. Bin ich wieder eingeschlafen? Vögel zwitschern. Ich öffne die Augen. Grün. Sehr grün ist es um mich herum. In abenteuerlichen Windungen verjüngen sich starke knorrige Äste bis sie sich, viele Meter entfernt, in iner letzten Verzweigung von Blättern verlieren. Die Astgabel, in der ich sitze, hat fast die Qualitäten eines ergonomischen Sessels. Wieder spüre ich die rauhe warme Borke.

Gleißende Dunkelheit

Meine Blicke folgen nun einem diagonal nach oben von mir weg mäandernden Ast bis hin zur Decke des Raumes. Dort, wo der Ast anstößt, abknickt und zum Stützpfeiler wird, hängt eine Box an der Decke. Kindergarten. Klar! Allein, der Rest der Räumlichkeit passt nicht. Der Blick nach unten zeigt, dass der Stamm des Baumes einem Geröllfeld entspringt. Aus den bröseligen Betonklumpen, staken rostige Finger aus Metall.

Der Blick zu den beiden Seiten ist irritierend. Der Baum hat mindestens drei der Zwischendecken durchstoßen, die wie Zuschauertribünen schräg nach oben verlaufen. Dort, wo das Licht kaum hinzukriechen vermag, sind die Ränge noch intakt, reißen dann aber an der Stelle, wo es heller wird, einfach ab. So werden die schroffen Parzellen in durchflutetes Hell und mysteriöses Dunkel geteilt. Das Sonnenlicht gelangt durch die über weite Teile im mittleren Bereich kollabierte Frontmauer. Lestén. Aber eher das Lestén aus Hugos Träumen, bzw. noch ein paar hundert Jahre später.

Cherchez la femme

Ich lehne mich gerade wieder gemütlich zurück, da klappt an der Box, die an der Decke hängt, die Tür nach außen. Langsam wird etwas aus der Tür geschoben, das ich endlich als aufrecht stehenden Zylinder erkenne, auf den ein Teppich aufgewickelt ist. Dieser kippt jetzt nach vorn und – mit einem Hauch von Magie – wickelt sich der Teppich ab, Meter für Meter, den Ast hinunter direkt bis kurz vor meine Füße. Jetzt steckt ein Mädchen den Kopf durch die Tür, grinst und winkt mir zu. Mit dem großen Zeh testet sie die Stabilität des Teppichs, der – fast wie ein fliegender Teppich – nicht lapprig herunterhängt, sondern flach und stabil liegt, als sei er auf Asphalt ausgerollt. Nun setzt sie die ganze Fußfläche auf und kommt mir entgegengetippelt.

Während sie mich erwartungsvoll anschaut, frage ich: „Du bist das blonde Mädchen aus Hugos und Ayos Traum, oder?“ Etwas entschuldigend grinst sie, nickt und zieht die Schultern hoch. Dann beginnt sie, sich umzuschauen, als sei irgend etwas zwischen den Ästen versteckt. Endlich zeigen ihre Gesichtszüge, dass sie fündig geworden ist. Aufgeregt klettert sie halb um den Stamm herum, nicht ohne mir vorher mit dem Zeigefinger zu signalisieren, dass ich ihr folgen soll. Meine Neugier wächst ins Unermessliche.

Dicht vor mir klettert das Mädchen etwa dreieinhalb Meter schräg nach hinten oben und duckt sich schließlich, ohne dass ich erkennen könnte, warum. Erst als ich aufrücke, sehe ich dass die Luft vor mir genau an einem Punkt zu pulsieren scheint wie ein Herz, das immer wieder kontrahiert und sich ausdehnt.

Die Unbekannte gestikuliert mir, dass sie bis drei zählen wird und wir dann beide in Richtung Kugel greifen sollen. Ich nicke und schon geht es los: Eins, zwei, …!

Coitus Interruptus; Scene from Lost Highway by David Lynch

Coitus Interruptus – ein bemerkenswertes Selbstgespräch VI

Plot: Ein Coitus Interruptus führt den Protagonisten zum erlösenden Showdown. Und was ist mit Dick Lorent?

Hinweis: Diese Episode ist Bestandteil zweier Erzählungen – die Blog-Erzählform macht’s möglich! Entsprechend möchte ich die Inhalte nicht kopieren, sondern markiere bei Bedarf an den Überschriften, auf welche der zwei Rahmenhandlungen sich der Abschnitt bezieht. D.h. alle, die gerade der Erzählung „Grandhotel California“ folgen, sollten die Abschnitte mit „Entwicklungsaufgaben“ auslassen – und umgekehrt.

Vorspann

„Und schau Dir ihre geschmückten Höhlen an! Sehen sie nicht wie ein Hort des Wohlbehaltenseins aus im Vergleich zu deiner kärglichen Behausung? Sie laden dich ein Rast zu machen. Sie laden dich ein, Kinder in die Welt zu setzen. Zum Bleiben laden sie dich ein. Sie lassen deine wilden Ideale verblassen und tauschen sie ein gegen einen Schutzraum der Geborgenheit.

Die Weibchen, sie laufen zur Hochform auf, wenn sie organisieren, mit der Dorfgemeinschaft im Gespräch bleiben, Beziehungen knüpfen und durch Kooperation das tägliche Leben erleichtern. Stets sind sie eifrig auf guten Ruf und Status bedacht, eisern das Familien-Regiment in der Hand.“

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Spatzen bei der Fortpflanzung

Fortpflanzung – ein bemerkenswertes Selbstgespräch V

Plot: Durch und durch biologistisch, dieser Barkeeper! Der Protagonist versucht dagegenzuhalten, mit Kultur, Wissenschaft und Freundschaft.

Vorspann

„Biologistisch nennst du mich also… Schau dich doch bitte mal an! Was meinst DU denn, worum es geht? Kultur, Bildung, Fortschritt, Wissenschaft, platonische Liebe und Freundschaft?“ fragt er mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck, den er immer weniger aufrecht erhalten kann, je mehr ich abwägend seitlich mit dem Kopf wippe. Als das Wippen unter spöttischen Blicken schließlich in ein zögerliches Nicken übergeht, prustet mein Gegenüber heraus, steigert sich in schallendes, geradezu hysterisches Gelächter und verschwindet, sich die Knie haltend vor Lachen hinter dem Tresen. Kurze Zeit später taucht er wieder auf wie ein U-Boot, mit immer noch puterrotem Gesicht. Mit seinem Einstecktuch wischt er sich die Tränen aus den Augen.

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Im Hörsaal – Entwicklungsaufgaben XII

Plot: Kati macht im Erdgeschoss-Hörsaal 3D-Aufnahmen, während Hugo im Keller-Hörsaal erschöpft vor lauter anstrengenden Gedanken die Augen zufallen.
Exkurse: „Telefon-Anrufe“ früher und heute, Geschlechter, Geschlechtsrollenstereotype, Geschlechtergerechtigkeit

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