g20k - Dilettanten gesucht

dilettarsi, ital. = sich erfreuen, herumbasteln

Schlagwort: Meditation

Die Zukunft mag alte Wallpaper; Paul Hoi, Zhangjiajie National Forest, published under Creative Commons, Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)

Zukunft – Entwicklungsaufgaben XXI

Exkurse: Was bringt die Zukunft der Zukunft?
Plot: Die träumende Kati wird durch eine neue Wissenschaftsdisziplin verletzt – und wieder geheilt.

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Vorspann

Dicht vor mir klettert das Mädchen etwa dreieinhalb Meter schräg nach hinten oben und duckt sich schließlich, ohne dass ich erkennen könnte, warum. Erst als ich aufrücke, sehe ich dass die Luft vor mir genau an einem Punkt zu pulsieren scheint wie ein Herz, das immer wieder kontrahiert und sich ausdehnt.

Die Unbekannte gestikuliert mir, dass sie bis drei zählen wird und wir dann beide in Richtung pulsierender Punkt greifen sollen. Ich nicke und schon geht es los: Eins, zwei, …!

Kein Traum von einem Büro.
Nur ein Traumbüro

Ich schließe die Augen zum Blinzeln und als ich sie wieder öffne, eine tausendstel Sekunde später, sehe ich etwas völlig anderes. Ich bin an einem völlig anderen Ort; alles innerhalb eines einzigen Wimpernschlages. Der Körper – ok, der Traumkörper – befindet sich noch in exakt der gleichen Bewegung, aber diese Bewegung findet plötzlich an einem völlig neuen Ort statt. Du drückst den Knopf auf der Waschmaschine und plötzlich drückst du den roten Knopf in einer Abschuss-Zentrale für Atomraketen. Ok, ich dramatisiere. Aber genau so fühlt sich die Irritation, die Unsicherheit in  meinen Fingerspitzen an.

Wir stehen leicht gebeugt an einem elegant geschwungenen weißen Schreibtisch und berühren mit unseren Handflächen die Aura einer schwarzen Kugel, die schwerelos über einem runden Sockel schwebt. „Wo sind wir?“, frage ich die doofste aller Fragen, die man in einem Traum nur fragen kann.

„Wir sind in einem Traum, dessen Träumende ich bin. Ich bin Eva!“, lächelt das Mädchen, das sich jetzt wieder entspannt hinstellt.

Auch ich lasse die Kugel Kugel sein und schaue mich um. Der etwa drei mal drei Meter große und hohe Büroraum, in dem wir uns befinden, wirkt ebenso übersichtlich wie elegant. Ein sehr bequem aussehender Schreibtischstuhl ist unter den nierenförmigen Tisch gerückt. Seltsame geschwungene Gerätschaften aus weißer Keramik oder sehr stabil wirkendem Plastik sind in einer Halterung. Über unseren Köpfen schweben weitere Kugeln, in allen Farben des Regenbogens. Ich folge ihrer Flugbahn, bewege mich dabei an den Rand des Raums und mit etwas Abstand erkenne ich das Muster. Die schwarze Kugel auf dem Tisch bildet gewissermaßen die Spitze einer kegelförmigen Spirale, die sich um die eigene Achse dreht. Vom Sockel – oder irgend etwas anderem? – scheint eine Art Kraftfeld auszugehen, das die Kugeln an ihrer Position hält.

Debiles Grinsen

Erst jetzt, da ich meinen Blick zurück auf Eva schweifen lasse, fällt mir ihr seltsamer Gesichtsausdruck auf, mit dem sie mich wohl schon eine ganze Zeit lang ansieht: Debiles Grinsen, das beschreibt es am besten. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass es funktioniert hat! Ich muss Dir ein paar Fragen stellen.“ Sie nimmt eins der weißen Geräte und berührt die schwebende Kugel damit. „Ok, jetzt sind unsere Gespräche für mich auch im Wachzustand später abrufbar. Wie heißt Du? Wo genau wohnst Du? Wie heißt der oder die Vorsitzende der UNO und die Vorsitzenden von Europa, Asiatischem Bund und der mittelöstlichen Föderation?“

Mit einem Stirnrunzeln beantworte ich alle Fragen. Wo kommt denn eigentlich dieser Kopfschmerz her? Ich hatte doch noch nie im Traum Kopfschmerzen? Und was sind das eigentlich für komische Wände, die dieser Raum hat? Vage reflektieren die dunklen Scheiben einige Lichtreflexe im Raum.

Eva bemerkt meine Blicke. „Soll ich die Sonne aufgehen lassen? Ich wollte es eigentlich dunkel lassen, damit wir uns besser aufs Gespräch konzentrieren können. Aber eigentlich will ich Dir doch ein paar Sachen zeigen!“

„Sonne?“, frage ich irritiert. „Mein Traum, meine Sonne!“, grinst Eva. Was bleibt einem anderes übrig, als neugierig zu antworten: „Ok, nur zu! Mach uns nen Sonnenaufgang!“

Draußen, noch kaum wahrnehmbar, weicht das alles absorbierende Schwarz einem dunklen Satinblau. Dort wo es vor und unter uns nun langsam in ein Azurblau übergeht, zeichnen sich die Konturen von teils kantigen, teils runden Strukturen ab. Wie detailliert dieser Traum ist! Meine Träume sonst sind irgendwie viel stumpfer und eindimensionaler, grobpixeliger, holzschnittartiger.

Jetzt ist die Stelle bereits deutlich bestimmbar, an der wir in Kürze das erste Fleckchen Sonne sehen werden. Meerblau, das ist inzwischen der hellste aller Blautöne, die an den Rändern wieder in Azur, Satin und schließlich die tiefblaue Nacht übergehen. Unser Sichtbereich dreht sich unaufhaltsam diesem hellsten Punkt entgegen. Unaufhaltsam wird es heller.

Traumtelepathie 644

„Unaufhaltsam?“, fragt mich Eva spöttisch und ruft theatralisch „Stop!“ Der Farbverlauf friert augenblicklich ein.

„Du hast mich doch sicherlich nicht hierhergeholt, um mich mit Tricks zu beeindrucken, oder? Apropos, warum hast du mich eigentlich hierhergeholt?“

Eva kichert. „Sorry, ich erklär‘ Dir gleich alles! Wollen wir uns noch kurz das Spektakel weiter anschauen? Leider gelingt mir die Musikuntermalung nicht so gut wie anderen, die auf diesem Gebiet unterwegs sind. Deshalb hab ich sie lieber mal weggelassen. Bevor du noch mehr Kopfschmerzen bekommst. Bereit?“

„Woher weißt du denn, dass mein Kopf sich grad anfühlt, als würden mir bald die Augen aus der Kalotte treten? Und wie kann es sein, dass du gerade das Wort ‚unaufhaltsam‘ benutzt hast, an das ich wenige Sekunden vorher gedacht hab? Kannst du meine Gedanken lesen?“

„Wir sind in meinem Traum“, erklärt Eva. „Klar hab ich bei dir den kompletten lesenden Zugriff! Aber hab keine Angst. Ich nütze das nicht aus. Versprochen! Weiter?“

Etwas widerwillig nicke ich. Als ob jemand den „Play“-Knopf gedrückt hätte, gehen die Farbverschiebungen weiter. Die ehemals schwarzen schroff-glatten Strukturen um uns herum sind nun besser erkennbar. Die mehrere Kubikkilometer großen Körper bestehen anscheinend aus zwei Komponenten: einer schroffen harten und einer geschwungen weicheren. Es sieht ganz so aus, als wäre Evas Büro selbst auf einer Art ‚Asteroid‘ erbaut. Dieses schwebt inmitten anderer Inseln, schroffen Felsblöcken, die oben bewachsen sind mit Wald, Wiesen und Büschen.

Morgenstimmung (Allegretto pastorale)

„Eva“, beginne ich in vorwurfsvollem Ton, „du willst mir doch nicht etwa sagen, dass du in Deinen Träumen die in der Luft treibenden Inseln aus einem der ersten großen 3D-Filme nachkonstruierst? Verwandelst du dich jetzt gleich in einen Avatar? Das ist einer der abgedroschensten Bildschirmschoner, die es gibt. Fehlt nur noch der sich ins Leere ergießende…“

Just in diesem Moment – ich weiß nicht, ob meine Gedanken schon wieder schamlos gelesen wurden – dreht sich die vor uns treibende Insel etwas und gibt den Blick auf den besagten Wasserfall frei.

Gespielt verlegen zieht Eva den Kopf ein. „Oooops, sorry!“ Nun sind auch die felsstrukturen und gewaltigen Wurzeln im unteren Teil der Inseln erkennbar, während ich nun auf der Oberseite zwischen teils fast dschungelartigem Baumbewuchs auch kleine Behausungen wie die unsrige erkennen kann.

„Es ist eine Art kollektiver Traum“, erklärt Eva. Wir träumen gewissermaßen in Schichten, so dass diese kollektive Welt immer in mindestens einem unserer Köpfe existiert. Aber jetzt jetzt jetzt!“

Die Blautöne werden von einem satten Orange an die Ränder gedrängt. Langsam, Millimeter für Millimeter, schiebt sich der Feuerball der Sonne in unseren Sichtbereich. Sooo schade, dass es jetzt keine Musik gibt! Der Gedanke, dass Eva diese Kritik wohl ebenfalls wahrnehmen wird, erfüllt mich mit einer gewissen Genugtuung. Sei’s drum. Es ist sprichwörtlich traumhaft, wie all diese Inseln, teils unter, teils über uns vom warmen Licht zum Glühen gebracht werden.

Sturzbäche am Zhangjiajie

Sind das feine Regensprenkler, die die Fensterscheiben jetzt benetzen? Es sind keine Wolken am Himmel erkennbar. Nein, es sind Tropfen, kurze Zeit später Sturzbäche, die auf’s Dach prasseln und an den Seiten herunterlaufen. Was um Himmels Willen ist denn jetzt los? Das auf dem Dach aufschlagende Wasser tost, dass es einem Angst werden könnte. Hatte ich meine dröhnenden Kopfschmerzen erwähnt? Wie in der Waschanlage vereinzeln sich jetzt die nassen Schlieren wieder zu einzelnen Tropfen, die allmählich wieder die Sicht freigeben.

„Was war das denn?“

Eva kringelt sich vor Lachen. „Siehst du deinen Lieblingswasserfall noch? Nicht? Dann denk mal drüber nach!“

Relativ dicht rechts über uns fallen mir einige Wurzeln ins Auge, die eine Art Doppelkreuz formen. Die waren mir vorhin schon ins Auge gefallen! Ah, wir haben uns gerade unterhalb des Wasserfalls hindurch bewegt. Fast hätte ich mir mit der Hand flach auf die Stirn geschlagen. Kurz genieße ich noch das Panorama, dann werd ich unruhig.

Theta

„So, jetzt lass mal bitte die Spezialeffekte stecken. Unterhalten wir uns. Ich kenne niemanden, der in Träumen auch nur ansatzweise so etwas machen könnte. Also wer bist du? Und was willst du von mir?“

„Du hast die wichtigste Frage vergessen“, kontert Eva, „nämlich wann ich bin.“

„Wann?“ Sie hat mich schon wieder dabei erwischt, wie meine Gesichtszüge entgleiten.

„Ein kleiner Teil unserer Träume ist zeitlos. Das wissen wir jetzt seit etwa 250 Jahren.“

„Aha, wir wissen das schon so lange? Wie kommt’s denn, dass ich nicht weiß, dass wir das schon so lange wissen?“, reagiere ich ungehalten.

„Ruhig, Brauner. Wir, nicht ihr! Ich versuchs gar nicht erst zu erklären. Du hältst vermutlich Quantenmechanik für ein extrem schwieriges und kompliziertes Thema, oder?“

Ich nicke. „Siehste. Wenn Du das schon als schwierig erachtest, dann brauch ich damit gar nicht erst anfangen. Jedenfalls gelingt uns durch die Zeitlosigkeit der Träume genau das, was in der Realwelt nicht möglich wäre. Wir suchen nach jemandem, der die Theta-Bedingungen erfüllt, aus einer anderen Zeit, konstruieren einen Brückenpunkt und über die Sychronisationskante wird schließlich die Zeitebene gewechselt. Eigentlich trivial, zumindest der letzte Schritt.“

„Theta-Bedingungen?“, frage ich vorsichtig nach.

„Danke, dass Du fragst!“, freut sich Eva. „Vor knapp achthundert Jahren sind bei den ersten Menschen Effekte eingetreten, die wir die Theta-Wende nennen. Historiker und Evolutionsbiologen sind sich noch uneins, was genau diese sehr abrupte erneute Art von „Kambrischer Explosion“ herbeigeführt hat. Jedenfalls ging der Effekt diesmal nicht in die Breite, sondern in die Tiefe. Innerhalb von nur etwa vierzig Generationen kam es zu relativ dramatischen Umbildungen. Diese betrafen allerdings weniger den Körper an sich. Die Veränderungen spielten sich relativ unbemerkt in einzelnen Gehirnregionen ab.

Glühende Gürtelwindungen

Man macht gleich eine ganze Reihe von dramatischen Entwicklungen für diese Veränderungen verantwortlich, die sich hauptsächlich rund um den Gyrus Cinguli abspielen: die dramatischen Änderungen an der Lebensrealität durch die Digitalisierung und die darauffolgende Automatisierung, die Blüte des Kapitalismus, bzw. vor allem des sinnorientierten Postkapitalismus. Die Zunahme von Menschen, die weniger rassistisch denken und sich zu größeren internationalen Verbänden zugehörig fühlen ist sicherlich auch ein Faktor. Und dann ist da noch das Stichwort „Dorf 2.0“. Während auf dem Land nach wie vor das Dorf 1.0 überwiegt, wo Leute zusammenleben, weil man nun halt mal da ist, ist es in der Stadt anders. Dort leben Menschen plötzlich wieder freiwillig in größeren sozialen Verbänden zusammen – nun aber auf Basis ähnlicher Überzeugungen und mit individuellen Rückzugsräumen, zudem frei von ideologischen Gängelungen, aber mit einer Vielzahl gemeinsamer Projekte.

Jedenfalls ist ein Resultat dieser Veränderung, dass Menschen tatsächlich in der Lage sind, eine mentale Verknüpfung zu anderen herzustellen. Zunächst geschah das häufig unbewusst. Dadurch aber, dass die Meditation aus der esoterischen Ecke geholt, verstärkt wissenschaftlich untersucht und dank technischer und pharmakologischer Hilfsmittel in großen Schritten vorangetrieben wurde, konnten die Verknüpfungen dann auch bald ganz bewusst und willentlich stattfinden. Du bist das erste Exemplar Deiner Generation, die wir auf diese Weise über die Zeit hin ‚berühren‘ können. Bei deinen Vorfahren ist das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fast ausgeschlossen. Genau deshalb freu ich mich wie ein Schneekönig, dass es ausgerechnet mir gelungen ist, dich zu ‚holen‘.“

Wann!!!

Das Pochen in meinem Kopf nimmt etwas an Intensität zu. „Wann?“, dränge ich. Der Rest ist mir im Moment völlig egal.

„Wenn ich die historischen Quellen richtig gewälzt habe und Deine Angaben von vorhin stimmen, dann dürfte es etwa sechshundert Jahre her sein, dass du ins Bett gegangen bist, von meiner Perspektive aus gesehen. Und während Du, wie gesagt, noch ganz normal in Deinem Bett liegst, liege ich in meinem Arbeits-Schlafsessel im Labor unserer Ansiedlung.“

„Ansiedlung?“, hake ich nach. Das klingt wie ‚Marskolonie‘. „Nein, die Marskolonie hat damit nix zu tun. Woher weisst du… ach, ein Schuss ins Blaue. Getroffen! Aber es ist ganz langweilig. Unsere ‚Kolonie‘ befindet sich auf dem Gelände der früheren Lestén-Universität.

Dem ist es übrigens auch geschuldet, dass ich Kontakt mit Dir aufnehmen konnte. Bei Dir gibt es eine intensive Assoziation zwischen den lesténschen Vorlesungssälen und dem Kindergarten. Durch das Verschmelzen beider Räume war es mir möglich, die Koordinaten für den Brückenpunkt erreichbar zu machen. Mit dieser Kugel hier bringe ich dank der räumlichen Koordinate deinen Gyrus Cinguli in eine neuronale Gleichläufigkeit mit meinem. Dadurch kann ich in einer ersten Stufe in Deinen Traum gelangen und in einer zweiten Stufe dich dann in meinen Traum ziehen.“

Verletzungen

Falls du dich – was alles andere als sicher ist – an diesen Traum erinnerst, überbring bitte Ayo die Entschuldigung für den Feedback-Loop, den ich verbrochen hab. Wenn die Sychronisationskante nicht sauber gelegt ist, dann kann das leider schon mal vorkommen. Bei Hugo wiederum hoffe ich, dass er die einstürzende Tribüne gut überstanden hat. Und bei Dir werd ich mich wohl gleich für mehrere Tage Krankenhaus entschuldigen müssen!“

„Der Kopfschmerz?“, frage ich beunruhigt.

„Ja, leider. Ich bin schon mit dem Auflösungsgrad runtergegangen bis zum Gehtnichtmehr, aber ich fürchte, die Auflösung ist für dein Gehirn trotzdem noch zu hoch. Das ist als wolltest Du einen 3D-Film hochauflösend auf einem antiken 386’er Computer abzuspielen versuchen.“

„Danke, sehr freundlich!“, zicke ich zurück. „Einen Pentium hättest du mir schon zubilligen können!“

Traumtelepathie 777

„Details!“, grinst Eva. „Auf jeden Fall werden keine bleibenden Schäden bleiben! Ich werd ein Engramm bei dir niederlegen, mit dem dich die Ärzte schnell wieder auf den Dampfer bringen werden. Du wirst schon sehen!“

„Engramm? Ich dachte, du sagtest lesender Zugriff?“, protestiere ich.

„Hey, ich bin vorsichtig, ok?“, geht Eva in die Verteidigung.

„‚Ich bin vorsichtig!‘, sagte der Vergewaltiger. ‚Und jetzt entspann dich, Bitch!'“. An Evas Gesichtszügen sehe ich, dass mein Pfeil sein Ziel nicht verfehlt hat.

„Sorry, ich muss immer ein bisschen aufpassen, die Subjekte auf meinem Objektträger als denkende fühlende Wesen zu behandeln. Richard hat mich schon mehrfach deshalb gerügt. Ich fürchte, ich lern das nie. Aber ich bin gut!“, fügt sie trotzig hinten an.

„Darfst Du mir eigentlich diese ganzen Sachen verraten? Ich meine, bei all den Zeitparadoxa… man kennt das ja.“ Leise füge ich noch ein „aus Filmen und Computerspielen“ hinten an.

Spassbremsen

„Jetzt liest Du aber meine Gedanken!“, grinst Eva. „Also es ist so. Die erste Traumverknüpfung zwischen zwei Personen im gleichen Raum haben wir vor etwa 100 Jahren hinbekommen. Vor 30 Jahren waren wir dann so weit, dass die Personen irgendwo auf der Erde sein können.  Vor fünf Jahren schließlich gab es dann erste Belege, dass an den wüsten Spekulationen tatsächlich etwas dran sein könnte und man tatsächlich die Verbindung auch über die Zeit hinweg knüpfen kann.

Fazit: seit rund einem Jahr nehmen wir nun schon Kontakt in die Vergangenheit auf und in rund einer Woche wird es ein Gesetzt geben, dass ich ein Gerät, das ich zum Verknüpfen von Träumen benötige, nur noch zusammen mit meinem langweiligen Kollegen benutzen darf, der sicherstellen wird, dass keine Infos zur Gegenwart in die Vergangenheit gelangen – und dass ich Dich gebührend behandle. Da trifft es sich gut, dass ich heute noch einen Akt des Ungehorsams begehen kann.“ Schon wieder sitzt der Schalk im Nacken.

„So so, jetzt werd ich ohne mein Wissen entführt, im Traum verletzt, bin Mitwisser und Nutznießer quasikrimineller Machenschaften und als Belohnung für diese Strapazen wird mir ein fast tausend Jahre alter 3D-Bildschirmschoner vorgeführt?“, versuche ich die Initiative unseres Wortgefechts wieder auf meiner Seite zu ziehen.

Her mit dem Kaffeesatz

„Wir können uns noch gern ein bisschen über mich lustig machen. Natürlich könntest Du mir in den letzten fünf Minuten auch noch weltbewegende Fragen stellen“. Der saß.

Ich halte inne. In meinen Schläfen pocht und pulsiert der Schmerz. Wie eine Woge nimmt er an Intensität zu, um dann schlagartig wieder abzuebben. „Gut, dann frag ich mal ganz allgemein. Was macht ihr so in der Zukunft?“

„Frag mich spezieller!“

„Cyborgs ?“

„Yupp!“

„Androiden?“

„Klärchen!“

„Bio-Engineering?“

„Wie die Sau!“

„Ewiges Leben? Replikatoren? Beamen? Planeten jenseits des Sonnensystems besuchen?“

„Jepp“. Eva gähnt theatralisch.

„Ja, aber das weitaus spannendste hast Du vergessen“, provoziert sie meine Gehirnwindungen.

„Traumforschung?“

„Weit mehr als das!“

„Erklär!“

Lehrplan der Zukunft

„Mit fünf beherrscht heute jedes Kind die Fähigkeit des Klarträumens und kultiviert sie bis ans Lebensende. Wir reflektieren über unser eigenes Denken und Fühlen in Träumen und beeinflussen es dadurch maßgeblich. Aber du hast die andere Seite der Münze vergessen: die Meditation. Etwa ein Drittel ihrer Schulzeit verbringen die meisten Kinder heute mit Meditation. Wir sind in der Lage, jedes bißchen senorische Information unseres Körpers direkt abzufragen und auszuwerten. Das, was früher nur Fakire konnten, sind heute die Aufnahme-Bedingungen für die Einschulung.

Dabei war der wichtigste Schritt, die Meditation von Esoterik und Religion zu befreien und in Einklang mit der Wissenschaft zu bringen. Wir machen doch nichts anderes, als unsere Aufmerksamkeit dem Inneren und nicht dem Äußeren zuzuwenden. Vielleicht treiben wir ein bisschen mehr, statt nur gezielt vorzugehen, aber am Ende steht auch eine Erkenntnis, selbst wenn sie emotionaler Natur ist.

Wir benutzen 3D-Brillen und vieles mehr, was uns hilft, um bestimmte Bewusstseinszustände zu erreichen.

Eine Hightech-Prothese, wie primitiv!

Als Ergebnis erspüren wir heute Konstellationen in unserem Inneren, für die wir früher immens teure Kernspin-Tomographen benötigt hätten. Wir unterstützen das Immunsystem und viele andere Körperfunktionen, indem wir meditativ Schützenhilfe leisten und Bahnungseffekte ermöglichen. Wir schütten Kraft unserer Gedanken Hormone aus und stimulieren sogar das Wachstum neuen Gewebes.

Klar gibt es trotzdem noch verschiedenste Einsatz-Szenarien für Mikro-Roboter. Aber einem Großteil der Leute ist klar, was der elegantere Weg ist. Niemand ist auf Dauer gerne von Pharmakologie und elektro-mechanischen Bauteilen abhängig! Das ist doch primitiv, an Leuten herumzusägen und Körperteile auszutauschen.“

„Körperteile austauschen – „, denke ich laut. „Meinen Kopf würde ich auch gerne austauschen! Oder wenigstens die Vornamen der zwei muskulösen Kerle mit der Schlagbohrmaschine kennen, die anscheinend gerade meine Schläfenlappen durchbohren“.

„Gesetz hin oder her“, macht Eva weiter, „in ein paar Wochen werden zwei Kollegen von mir nochmal vorbeischauen, um meine Methodik zu validieren. Danach kann ich dann meine Doktorarbeit abgeben. Ich werd den Kollegen sagen, dass sie sich sehr kurz fassen sollen, ok?“

Heilmittel

Völlig bedröppelt nicke ich, auch wenn ich eigentlich spüre, dass mir das gar nicht so recht ist. Aber wer will schon einer wegweisenden wissenschaftlichen Arbeit im Wege stehen, die in rund 600 Jahren veröffentlicht werden wird!“

„Gut, dann pflanze ich jetzt noch schnell das Gedächtnis-Engramm für Deine Ärzte ein und dann schick ich dich zurück, ok?“

Noch während ich zögerlich nicke, verliere ich das Bewußtsein.

Von ferne sehr gedämpft dringen Stimmen an mein Ohr: „Schnell kommt, sie bewegt sich, sie ist aufgewacht!“ Zuerst verschwommen durch schmale Schlitze, dann immer deutlicher sehe ich, wie sich ein ganzes Träubel von Menschen um mich herum versammelt hat.

Wie ein stammelnder Schauspieler auf der Theaterbühne, der endlich die erlösenden Worte der Souffleuse versteht, formen meine Lippen deutlich vernehmbar die Worte: Sauerkrautsaft mit Lakritz!“

Finis

 

 

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Bild-Quellennachweis:
Paul Hoi, Zhangjiajie National Forest, published under Creative Commons, Attribution-NonCommercial 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0)

Sonnengeflecht, bzw. Solar Plexus; fotografiert von Qasim Zafar, aus dem "Handbuch der Anatomie des Menschen";1841 (Leipzig), Professor Dr. Carl Ernest Bock, Public Domain

Sonnengeflecht – Entwicklungsaufgaben XX

Exkurse: Meditation fernab der esoterischen Ecke
Plot: Kati geht in den ‚Tempel‘, beschließt zusammen mit Ayo den Abend und trifft schließlich das Mädchen, das zuvor bereits Ayo und Hugo begegnet ist.

Vorspann

Es geht mir schlagartig besser, als ich Hugo sofort auf dem Rückzug sehe. Nichts desto trotz sprudelt es weiter aus mir heraus: „Ich bin jedenfalls froh, dass ich schon früh in dem Bewusstsein groß geworden bin, dass ich mir meine Familie selbst auswähle und dass ich ganz viele Eltern hab. Manchmal bist du wirklich ein taktloser Schuft!“ Ui, das war jetzt vielleicht ein bisschen zu schrill. Aber die Botschaft ist angekommen. Kleinlaut hat Hugo seinen Blick in Richtung Boden gewendet als wolle er schauen, ob schon Gurken reif sind.

„Schluss jetzt mit der Führung! Ich muss jetzt schauen, wo Ayo ist!“

Doch Mars und Venus

Au weia, Hugo ist mir nach knapp zehn Stunden wirklich auf die Nerven gegangen! Anfangs finde ich seine Art, viele interessante Fragen zu stellen, immer sehr herausfordernd, aber irgendwann beginnt es, mir auf die Nerven zu gehen. Gut, könnte sein, dass heute sein Hinweis auf seine intakten familiären Verhältnisse das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es ist einfach ein offenes Thema, ein wunder Punkt, an den ich nicht gerne erinnert werde. Und Hugo weiß das auch – theoretisch. Männer! Warum ist er so unsensibel? Er scheint die tiefe Überzeugung zu haben, Wörter könnten gar nicht verletzen, wenn sie aus der besten Überzeugung heraus ausgesprochen werden. Wie doof kann Mann sein?

Ich muss endlich Ayo finden! Mist, das nächste unvollständige X-Chromosom! Ich kichere.

Tollkühne Männer an ihren hängenden Seilen

Als ich auf der Rückseite der Eiche angekommen bin, sehe ich Ayo endlich. An zwei Karabinern abgesichert, sägt er gerade in sechs Metern Höhe an einem Ast. Geschlechtsrollenstereotypen können auch schön anzusehen sein! Aber Spaß bei Seite. Für einen Archibiologen ist die Benutzung der Säge, noch dazu an einem solchen Kaventsmann von einem Ast eine drastische Maßnahme. Entsprechend ist auch sein Gesichtsausdruck, als würde er im zweiten Weltkrieg Gliedmaßen amputieren. Schnell haben wir uns über die Datenbrillen ausgetauscht. Er braucht noch knapp zwei Stunden. Mist. Auf das Herbstfest und den damit verbundenen Trubel in den oberen Stockwerken habe ich keine Lust. Gut, dass die Party in etwa anderthalb Stunden für heute vorüber ist. Insofern ist es eigentlich gar nicht schlecht, dass Ayo noch etwas Zeit benötigt. Dann ist es ruhig auf meinem geliebten siebten Stockwerk und wir müssen nicht noch raus zu Ayo in den Wald fahren. Hoffentlich!

Coworking-Space

Normalerweise wäre ich jetzt im zehnten Stock, im Sky-Cafe, einem riesiger Coworking-Space mit Astronauten-Food– und Kaffee/Tee-Flatrate. An vielen Stellen dort sind die drei Meter Raumhöhe doppelt nutzbar. Bei vielen Plätzen kann man zudem wählen, ob man entweder ein tolles Panorama oder Abschottung und Ruhe genießen möchte. Eine schlaue, wabenartige Raumplanung macht es möglich.

Das Café ist aber heute natürlich komplett für den Publikumsverkehr blockiert. Warum denk ich schon wieder in Richtung Aktivität nach, zumal geistiger? Davon gab’s doch mal wirklich genug heute! Der Keller! Der ‚Tempel‘, wie er bei uns genannt wird. Ich bin doch sicher nicht die einzige, die vor dem ganzen Gewusel hier flieht?!

Elegant schlängle ich mich auf Nebenwegen an der Schlange von Besuchern vorbei, welche die Stufen nach oben erklimmen, die Vorfreude auf viele kleine und große Überraschungen in den Augen tragend. Über einen nicht all zu offensichtlich angebrachten Knopf öffne ich im Erdgeschoss die Bodenluke, die sich wieder mit leisem Surren über mir schließt, während ich die Stiege hinunterlaufe.

Das Sonnengeflecht spüren

Im stark gedämpften Licht gehe ich durch die schwere Tür rechts. Links, sind die ganzen Aufbewahrungsräume. Langweilig! Vorsichtig öffne ich die Brandschutz-Schleuse zum Notfall-Keller und die Stille reichert sich an mit allerlei sphärischen Tönen. Schnell ziehe ich meine Schuhe aus, nicke einer lieben Nachbarin freundlich zu und nehme mir eine Decke und ein Kissen. Zielsicher suche ich mir die größte Lücke zwischen den Anwesenden und lasse mich so geräuschlos wie nur möglich nieder. Danke, liebe Knie, für das deutlich vernehmbare Knacken! Über die Datenbrille verbinde ich mich mit dem lokalen Server. Ah, noch eine viertel Stunde bis zum nächsten Wechsel. Genau richtig zum Ankommen. Ich wähle die Option, dass ich über meinen Chip eine leichte Neurostimulation wünsche und dann nehme ich meine Lieblingsgrundhaltung ein. Schneider statt Lotus, aber mit Kissen.

Ich liebe es wenn mein Kopf leer und meine Glieder schwer werden. Dann erfahre ich wieder, warum der Solar Plexus übersetzt „das Sonnengeflecht“ heißt. Magisch, wenn man förmlich spüren kann, wie die Bauchdecke warm wird. Ich liebe den zeitlosen Zustand, in mich hineinzuhorchen, ohne zu erwarten, dass ich etwas höre. Ich liebe es, langsam durch meinen Körper zu reisen und zu spüren wie ich spüre. Als Kind wäre es die Höchststrafe für mich gewesen, eine dreiviertel Stunde einfach nur dazusitzen und wirklich rein gar nichts zu tun. Jetzt ist es das Beste, was ich mir nach einem langen Tag wie heute vorstellen kann.

Zu Hause im Tiny House

Stunden später habe ich den Holzofen angemacht und liege mit Ayo im oberen Liegebereich meiner minimalistischen Behausung. Durchs Fenster tanzen die Lichter der Lampions, die zum Anlass des Herbstfestes die ganze Nacht hindurch brennen. Ab und zu hört man noch die Wortfetzen einiger etwas zu laut sprechender Betrunkener.

Ayo ist immer noch niedergeschlagen: „So ein blöder sturer Ast! Sowas hab ich selten erlebt. Seit fünf Wochen versuchen wir mit allen Mitteln, das Ding davon zu überzeugen, dass es seinen Druck gegen die Decke nicht verstärkt. Vergebens! Gestern dann haben die Vibrationsmessungen gezeigt, dass wir nicht mehr länger warten dürfen. Da hilft es dann nur noch die Elektroden und Pulsoren abzubauen und raus mit der Säge! Ich hoffe mal, dass es uns die Eiche dank Kauterisation nicht all zu übel nimmt. Und ich hoffe, sie ist nicht so stur, ihren Fehler zu wiederholen! Aber lass uns von was anderem als diesem blöden Baum sprechen. Wie wars bei Dir?“

Als ob ich auf meinen Einsatz gewartet hätte, platz aus mir ein „Blöder Hugo!“ heraus. „Der hat sich einfach still und heimlich ohne eine Nachricht aus dem Staub gemacht. Und alles nur, weil ich ihn ein bisschen angegangen bin, völlig zurecht übrigens!“ Ayo lacht. „Was?“, frage ich ein bisschen wütend. „Warum lachst du?“

Ayo versucht mit einer Demutsgeste das heraufziehende Unwetter abzuwehren. „Bin gespannt auf Hugos Version morgen. Er zieht sich halt gern aus der Affäre, ohne großes Aufhebens zu machen.
Man, bin ich müde. Lass uns schlafen. Ich hoffe, mich sucht nicht gleich wieder dieser bescheuerte Traum mit dem Mädchen im Hörsaal heim! Das nervt!“

Der Traum

„Hugo hat heute Nachmittag auch von so einem komischen Traum erzählt. Es macht ja fast den Eindruck, als sei er dort dem gleichen Mädchen begegnet. Ist ja echt komisch, dass ihr von der gleichen Dame heimgesucht werdet! Muss ich da vielleicht etwas wissen?“, versuche ich Ayo aufzuziehen. „Mist, jetzt hast du unser Geheimnis durchschaut!“, grinst er. Aus dem schnellen Gutenachtkuss wird dann doch die ausführliche Variante. Wenig später fällt nicht nur Ayo in ein schnelles, tiefes Koma. Auch ich überschreite schnell die Grenze zwischen Wachen und Schlafen, während ich meinem Sonnengeflecht nachspüre.

Ich zucke. Für einen Moment habe ich den Eindruck den Halt zu verlieren, fasse hinter mich. Sitze ich? Es fühlt sich immer noch so an als würde ich gleiten, fallen. Meine Fingernägel klammern sich in die rauhe rissige Borke. Meine Beine drücken gegen das Holz. Alles gut. Bin ich wieder eingeschlafen? Vögel zwitschern. Ich öffne die Augen. Grün. Sehr grün ist es um mich herum. In abenteuerlichen Windungen verjüngen sich starke knorrige Äste bis sie sich, viele Meter entfernt, in iner letzten Verzweigung von Blättern verlieren. Die Astgabel, in der ich sitze, hat fast die Qualitäten eines ergonomischen Sessels. Wieder spüre ich die rauhe warme Borke.

Gleißende Dunkelheit

Meine Blicke folgen nun einem diagonal nach oben von mir weg mäandernden Ast bis hin zur Decke des Raumes. Dort, wo der Ast anstößt, abknickt und zum Stützpfeiler wird, hängt eine Box an der Decke. Kindergarten. Klar! Allein, der Rest der Räumlichkeit passt nicht. Der Blick nach unten zeigt, dass der Stamm des Baumes einem Geröllfeld entspringt. Aus den bröseligen Betonklumpen, staken rostige Finger aus Metall.

Der Blick zu den beiden Seiten ist irritierend. Der Baum hat mindestens drei der Zwischendecken durchstoßen, die wie Zuschauertribünen schräg nach oben verlaufen. Dort, wo das Licht kaum hinzukriechen vermag, sind die Ränge noch intakt, reißen dann aber an der Stelle, wo es heller wird, einfach ab. So werden die schroffen Parzellen in durchflutetes Hell und mysteriöses Dunkel geteilt. Das Sonnenlicht gelangt durch die über weite Teile im mittleren Bereich kollabierte Frontmauer. Lestén. Aber eher das Lestén aus Hugos Träumen, bzw. noch ein paar hundert Jahre später.

Cherchez la femme

Ich lehne mich gerade wieder gemütlich zurück, da klappt an der Box, die an der Decke hängt, die Tür nach außen. Langsam wird etwas aus der Tür geschoben, das ich endlich als aufrecht stehenden Zylinder erkenne, auf den ein Teppich aufgewickelt ist. Dieser kippt jetzt nach vorn und – mit einem Hauch von Magie – wickelt sich der Teppich ab, Meter für Meter, den Ast hinunter direkt bis kurz vor meine Füße. Jetzt steckt ein Mädchen den Kopf durch die Tür, grinst und winkt mir zu. Mit dem großen Zeh testet sie die Stabilität des Teppichs, der – fast wie ein fliegender Teppich – nicht lapprig herunterhängt, sondern flach und stabil liegt, als sei er auf Asphalt ausgerollt. Nun setzt sie die ganze Fußfläche auf und kommt mir entgegengetippelt.

Während sie mich erwartungsvoll anschaut, frage ich: „Du bist das blonde Mädchen aus Hugos und Ayos Traum, oder?“ Etwas entschuldigend grinst sie, nickt und zieht die Schultern hoch. Dann beginnt sie, sich umzuschauen, als sei irgend etwas zwischen den Ästen versteckt. Endlich zeigen ihre Gesichtszüge, dass sie fündig geworden ist. Aufgeregt klettert sie halb um den Stamm herum, nicht ohne mir vorher mit dem Zeigefinger zu signalisieren, dass ich ihr folgen soll. Meine Neugier wächst ins Unermessliche.

Dicht vor mir klettert das Mädchen etwa dreieinhalb Meter schräg nach hinten oben und duckt sich schließlich, ohne dass ich erkennen könnte, warum. Erst als ich aufrücke, sehe ich dass die Luft vor mir genau an einem Punkt zu pulsieren scheint wie ein Herz, das immer wieder kontrahiert und sich ausdehnt.

Die Unbekannte gestikuliert mir, dass sie bis drei zählen wird und wir dann beide in Richtung Kugel greifen sollen. Ich nicke und schon geht es los: Eins, zwei, …!

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