Plot: Hugo und Kati nähern sich „dem Waldscraper“
Exkurse: Tiny Houses, Zukunft des Bauens, Agile Architektur, Small House Movement

Vorspann

„Jetzt lass mal dein Filmmaterial sehen!“, drängt Hugo. Schnell habe ich den Quader mit der Kamera herausgekramt. Während einige Terabyte an Daten vom Gerät auf den Mediaserver des Autos überspielt werden, machen unsere Datenbrillen aus dem Aufnahmegerät einen Projektor. Und schon geht er los, der gestochen scharfe dreidimensionale Ritt durch die Uni.

Ganz schnell vergessen wir, dass wir selbst gerade Katis zu Hause „entgegenreiten“. Es sind nur noch knapp 50km bis wir zum „Waldscraper“ gelangen, so heißt Katis „Wohnung“.

Waldscraper

Wir nähern uns dem Waldscraper. Wie eine teils durchsichtige an den Seiten ausfransende steile Pyramide zeichnet er sich gegenüber dem noch etwas helleren Hintergrund ab.  Vor rund 70 Jahren nahm sie ihren Anfang: die Idee, ein Stück für Stück weiterwachsendes Gebäude zu bauen. Ein zumindest in einem Teil der Bevölkerung verankerter Umschwung im Zeitgeist hatte diese Entwicklung ermöglicht.

Was führte im einzelnen zu seiner Entstehung?

  • Der Wunsch, die so genannten „agilen Prinzipien“ auch auf die Architektur zu beziehen
  • Das Streben nach Wiederverwendbarkeit von Baumaterialien
  • Der Wunsch nach langfristigem, nachhaltigem, kollektivem Wert
  • Die fixe Idee, ein Gebäude zu bauen, das Stück für Stück weiterwachsen kann und das organisch mit seiner Umwelt „verwächst“ und dabei jeden Vorzug zu bieten hat.

Zu keinem Zeitpunkt mussten sich die Bewohner in langwierige Abhängigkeiten von Krediten begeben. Schon gar nicht in die Hände von Investoren! Das Gebäude finanzierte sich Stück für Stück durch seine Bewohner. Es änderte sogar immer wieder seine Form und seinen Zuschnitt.

Das Drei-Faktoren-Wunder

Neben den frommen Wünschen und fixen Ideen waren drei weitere Entwicklungen für das Gelingen verantwortlich:

Diverse Erfindungen

Einige Erfindungen sorgen dafür, dass Gebäude innerhalb eines fixen Rahmens in vielen Etappen hochgezogen werden können, je nachdem, wie sich die Erfordernisse entwickeln.

Die Bewegung des „Small House Movement

Vor mehreren Generationen führte sie dazu, dass eine substantielle Anzahl von Menschen zum Ergebnis kam, dass pro Person eine 18-Kubikmeter-Wohnung und vielleicht ein 18-Kubikmeter Arbeits- und Wohnzimmer völlig ausreichen. Bei Familien entstand dann oft schon ein kleiner „Straßenzug“.

„Shareconomy“

Zunächst führte sie eher dazu, bei wenig Gegenleistung einigen wenigen Firmen dank der Gutmütigkeit vieler die Kassen zu füllen. Später lösten genossenschaftlich verwaltete Free-Software-Modelle diese Firmen Stück für Stück ab. Mit diesem Schritt verdiente dieser Wirtschaftszweig dann seinen Namen auch endlich.
Aufs Wohnen bezogen bedeutete der Ansatz zu allererst Minimalismus. Viele machten fast schon einen Sport daraus, sich nur das selbst zuzulegen, was wirklich und oft selbst benötigt wird. Alles andere wird über gemeinsam finanzierte Modelle abgedeckt.
Beispielsweise wurden viele frühere Büchereien, die zwecks Digitalisierung und Flatrates nicht mehr benötigt wurden, zu Ausleihstationen für Werkzeuge, Spezialkleidung und vieles mehr umfunktioniert.

Die Anfänge

Als Ergebnis kamen zunächst 10, 20, dann 30 Leute auf einem gemeinsam erworbenen Grundstück samt Zaun, Strom und Wasserversorgung zusammen. Anfangs war die Gruppe noch ziemlich heterogen. Es waren einige wenige Dilletanten dabei. Den größten Teil machten alternative Selbstversorger, Menschen mit Spaß am DIY, vornehmlich ökologisch Interessierte und einige Aussteiger aus.

Beim Bau kam es zu einer tollen Aufteilung zwischen Bewohnern mit mehr Geld als Zeit und solchen mit mehr Zeit als Geld. An den Wochenenden packten dann so gut wie alle mit an. Der Architekt selbst war glücklicher Weise unter den Bewohnern. Die kritischen Punkte klärte er mit den Architekten zweier ähnlicher Projekte teils schon im Vorfeld und teils erst „on the fly“. Best Practices wurden kontinuierlich ausgetauscht.

Die ersten Jahre waren für alle am schwierigsten, da hier am wenigsten Veränderungen nach außen hin sichtbar waren. Umso besser, dass es sich bei den „Pionieren“ zumeist um eine überzeugte Horde von Minimalisten und Idealisten handelte. Trotz aller Unterschiede konnten sie sich – mit wenigen Verlusten – zum gegenseitigen Durchhalten animieren.

Das Fundament

Stück für Stück wurde ein Teil des Bodens aufgegraben, Pfeiler versenkt, Kabel und Leitungen verlegt. Das Fortschrittliche am Fundament war, dass es darauf ausgelegt war, zu im Vergleich geringen Mehrkosten später noch verstärkt werden zu können. So konnte das Gebäude nachträglich noch über den 2.Stock hinauswachsen.

Container wurden in die Löcher eingehoben, um später als Kellerräume zu dienen. Sobald es an den benachbarten Plätzen weiterging, konnten aber bereits TinyHomes auf die Container ausweichen und damit wieder Platz schaffen. Auch die bereits eingerichteten Kellerräume konnten durch einen speziellen Eingang begangen und genutzt werden. Verdanken hatten wir die inzwischen unheimlich gut isolierten und komfortablen Container nicht zuletzt den immer wieder in größerer Anzahl eintreffenden Flüchtlingen. Diese fanden nach anfänglicher Massenunterbringung zunehmend in schnell errichtbaren Funktionsbauten Platz. Dank handwerklichen Geschicks fanden viele zunächst ihre Bleibe und später ihre Arbeit im Tiny Houses Movement. Viele der später nicht mehr benötigten Häuschen konnten an Studenten und sozial bedürftige Singles weitergereicht werden. Und wie immer kam Stück für Stück zur Funktion der Komfort und das Design dazu.

Lego für Häuser

Nach Abschluss des Kellerbereichs samt Feuchtigkeitsbarrieren und Fundament-Säulen sorgte eine stahlbetonierte Bodenplatte für zusätzlichen Halt. Darauf konnten dann für die ersten 3 Jahre sämtliche Tiny Houses ziehen. Endlich komfortabel und fest Strom und Wasser beziehen bzw Abwasser entsorgen! Den nachfolgenden Schritt ermöglichte eine kleine bauwirtschaftliche Revolution: Lego für Häuser. Ähnlich wie bei Papier konnten die Normungsbehörden einen Standard für multifunktionale Baustoffe einführen. Die Abmessungen und Erhöhungen und Vertiefungen, an denen die „Steine“ ineinanderpassen sind immer gleich. Dennoch gibt es Tausende von Ausfertigungen für jeden Zweck:

Unterschiedliche Härtegrade

Ist der Stein für tragende oder nicht tragende Wände? Wie viel muss er tragen? Viele „Abfallstoffe“ wie Kunststoffe oder Bauschutt können für die weniger tragenden Elemente eingearbeitet werden. In den edelsten oder robustesten Ausführungen hingegen sind sogar stabilisierende Titan-Elemente enthalten.

Rundelemente

Jeder, der schon mal in der Sagrada Familia war, kennt die dort erstmals verwendete Technik, für die Säulen die natürlichen Strukturen sich gabelnder Pflanzenstengel zu verwenden. Was bei Antonio Gaudí noch in mühevoller Handarbeit aus dem Stein geschlagen werden musste, kann nun frei Haus bestellt werden.

Integrierte Elemente

Für die unterschiedlichsten Zwecke können auch Steine mit eingebauter Isolationsschicht, eingebetteten horizontalen oder vertikalen Kabeln aller Art oder von außen steuerbaren Relais bezogen werden. Auch Aussparungen für Rohrleitungen sind „bestellbar“. Ebenso seitliche Kopplungen.

Aufblasbare nachfüllbare Steine

Der letzte Clou waren gewissermaßen „aufblasbare“ und dann „nachfüllbare“ Steine oder Säulen-Teile. Brauchen Sie eine zusätzliche tragende Wand? Damit in gewissem Rahmen kein Problem.

Knöpfchen drücken und schon kommt der Laster

Am Ende war es also möglich, sich den gewünschten Raum über Applikationen virtuell zusammenzubauen und dann eine Bestellung für die benötigten Bauelemente abzugeben, ggf. auch in der Variante „ratenweise just-in-time-Anlieferung“. So entstanden nacheinander

  • zuerst die festen Räume des Erdgeschosses
  • die tragenden Säulen zum ersten Stock und schließlich
  • die Platte dafür samt improvisierter Rampe.

Lignifiy your Home!

Nach dem Anbringen der Seitenbefestigung und dem Verlegen der Anschlüsse konnten viele Tiny Homes in den ersten Stock umziehen. Sofort begann das Projekt „Lignify“. Das theoretische Konzept sah das Experiment vor, Bäume als zusätzliche natürliche Stützen zu verwenden. Lignifikation und „Tragkraft durch natürliche Exoskelette“ waren die Stichwörter, die in der Archibotanik dazu kursieren. Manche nennen es auch „Gärtnern auf God-Mode-Niveau“:

Über Spezialauswertung von Kamerabildern bei leichter Erschütterung ermittelt der Statiker, an welchen Stellen im Gebäude sich die Last ungünstig verteilt. Das sind die riskanten Stellen, an denen Abhilfe geschaffen werden muss.
Röntgenverfahren helfen dabei, die Aktivität der Wurzeln im Blick zu behalten. Dort, wo unerwünschte Triebe sprießen, sorgen elektrische Impulse dafür, das Wachstum zu hemmen. Auf diese Weise erhöht sich die Biomasse nur in den Bereichen, die für die Statik hilfreich sind.

Dem staunenden Besucher in dieser grünen Pracht ist gar nicht klar, wie viel Detail-Liebe und technischer Sachverstand in diesen vertikalen Gärten steckt.

Tiny Houses

Die Bewohner bepflanzten zusätzlich viele Gartenkisten. So verwandelten sich Stück für Stück die zugigen Freiflächen in kleine Gärten. Die Tiny Houses standen mitten drin. Der Rest ist schnell erzählt. Die Rampe wurde durch einen seitlichen Tiny Houses – Freiluftaufzug und mehrere Not-Treppen ergänzt. Als nach einer Verstärkung der Konstruktion und dank Archibotanik der sechste Stock erreicht war, begann „Stufe 2“.

Zusätzlich angebrachte mit riesigen Pfählen im Boden verankerte Seitenstreben stützten von unten nach oben die Konstruktion zusätzlich ab. Sie erweiterten die Plattform an drei Seiten, was eine Verdoppelung der Fläche mit sich brachte. Nun konnten in der Mitte noch mehr zentrale Räumlichkeiten entstehen und die Tiny Houses auf die beliebten Randplätze mit der großartigen Aussicht ins Grüne ausweichen.

Die inzwischen am Fuß des Turms entstandenen fest installierten Gebäude wurden nun in Hallen für Veranstaltungen und die Produktion von Gütern umgebaut.

„Wow, so groß hatte ich mir den Turm gar nicht vorgestellt!“, staunte Hugo. Ich musste grinsen. Obwohl ich hier schon seit einem halben Jahr wohne, hatte Hugo es noch nicht geschafft, sich meinen neuen formidablen Wohnort mal aus der Nähe anzuschauen. Gut, dass es heute beim Herbstfest reichlich Gelegenheit dazu gab.

Fortsetzung: Nikola und Nicola Tesla

 

PS: Kann gut sein, dass ich hier aus botanischer oder architektonischer oder bautechnischer Sicht kompletten Nonsense erzähle. Sollte etwas nicht nur „sehr Unwahrscheindliches“ oder „nett, aber unrealistisch!“ sein, sondern „schlichtweg nicht möglich“ oder „falsch“, dann freu ich mich sehr über eine Info dazu!

Quellenverweis:
Foto „TinyHouse“ von Van Bo Le-Mentzel;
Webseite: TinyHouse University
Facebook: TinyHouse University Berlin