• Plot: Ayodele verabredet sich mit Kati, trinkt ein schnelles Frühstück und verlässt das Haus
    Exkurse: Zukünftige Ernährung und Lebensmittelindustrie

Vorspann

Zufrieden schaue ich auf die drei beschrifteten, aufeinandergestellten Petri-Schalen. Wieder ein Datenpunkt im Datenmeer geschafft. Die Datensammelei ist schon mühsam. Andererseits ist die Neugier umso größer, wenn man dann in die Daten-Schatztruhe schaut, um zu sehen, ob drin ist, was man zuvor als Hypothese formuliert hat. Das Formulieren neuer oder weiterführender Hypothesen auf Basis der Daten ist dann ebenso spannend. Mist, ich wollte doch Kati…

Drei Mal ungenau ist genau

Schnell schreibt meine Fingerspitze auf dem Oberschenkel einen Text, während ich diesen parallel dazu leise vor mich hinmurmle. Macht man ja oft so beim Schreiben. Nur dass jetzt beide Informationen, Bewegungen von Muskelpartien im Mund und Finger, ausgewertet werden. Zusammen mit der Auswertung des sprachlichen Kontexts kommen so durch den Abgleich dreier ungenauer Quellen hochgradig genaue Eingaben zustande.

„Heute Abend bei Dir im Waldscraper? Hab bei euch um 20:00Uhr Termin wegen der Kindergarten-Eiche!“

Noch ehe ich die Petrischalen in den Brüter geschoben habe, höre ich über den knochen-übertragenden Kopfhörer ein knappes „Approved“. Madame ist heute in Plauderstimmung!

Ich stell mein Glas unter den Soylent-Spender und drücke den 300ml-Knopf. Das Motorengeräusch verrät, dass gerade das aus vielen Zutaten zusammengesetzte Pulver aus dem großen Vorratsbehälter nach oben befördert wird. Dort wird es mit Wasser und etwas Öl gemischt und ins Glas ausgegeben. Dreihundert Milliliter Flüssigkeit laufen ganz langsam ins Glas, zusammengesetzt aus genau den Nährstoffen, die mein Körper benötigt.

Astronauten-Ernährung

Als ich meine sieben Sachen beisammen habe, ist der bräunliche Mix fertig. Genüsslich trinke ich mein veganes Frühstück Schluck für Schluck. Komisch, auch wenn es jeden Tag fast das Gleiche ist: ich genieße den leicht salzig-nussigen Geschmack, den Biss der Leinsamen und den Crunch der Mandeln und den Chia-Knurps. Aber noch viel mehr genieße ich, dass diese Zwischenmahlzeiten an vielen Orten kostenlos zur Verfügung stehen. Ok, es ist jetzt nicht ganz der Replikator aus Star Trek, aber das Problem des Welthungers ist gelöst. Das ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass tausende Varianten der Rezeptur frei verfügbar existieren, so dass sie überall mit lokalen Ressourcen günstig hergestellt werden kann.

„Bio“ ist glücklicherweise ohnehin der Normalfall heute: Schutz von Mensch und Tier und schonungsvoller Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Alles wird ökologisch und ethisch nachhaltig hergestellt – sonst müsste es deklariert werden und dann würde es kaum einer kaufen.

Reinen Wein

Seit dem „Reinen Wein“-Bündnis ist mühevoll eine symbolische Einigung zwischen Bürger, Staat und Industrie erzielt worden. Inhaltsstoffe sowie zentrale Anbau- oder Produktionsmethoden werden transparent deklariert, ebenso wie bekannte Risiken: Stichwort „Lebensmittelampel“. Die Regierungen versuchen all dies durch Kontrollen sicherzustellen. Und der Konsument, vertreten im Bündnis durch eine Reihe Verbraucherschützer,  verspricht, der Bigotterie abzuschwören. Analogkäse ist zwar vielleicht kein Käse. Wenn er allerdings riecht und schmeckt wie Käse und nicht schädlich ist – wen interessiert’s, solange es auf dem Produkt draufsteht und das Produkt günstiger ist?

Erst neulich hatte Kati das Horrormärchen erzählt, dass früher fast die Hälfte der Menschen, die in der Schweinezucht gearbeitet haben, von multiresistenten Keimen besiedelt waren. Massentierhaltung, subventionierte Hühnchenschenkel für Afrika, All-you-can-drink mit Isoglucose-Getränken, die das Körpergewicht durch die Decke gehen lassen – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Zum Glück liefen einige Entwicklungsstränge zusammen, welche diese Realität einfach mal innerhalb von wenigen Jahrzehnten auf den Kopf stellten.

Die Günstigen und die Teuren

Als Resultat gibt heute einerseits sehr günstige, aber nachhaltig hergestellte industrielle Lebensmittel. Auf der anderen Seite gibt es mit viel Hingabe und handwerklichem Esprit hergestellte teurere Lebensmittel.

Die Günstigen setzt alle wissenschaftlich und technisch legitimen Tricks ein, um Nahrungsmittel günstig zu produzieren, verpflichtet sich aber, neue Produktionsverfahren einerseits fast so streng wie Arzneimittel zu prüfen, alle kritischen Zutaten und Herstellungsverfahren transparent zu deklarieren und den Kunden zur Verfügung zu stellen und zudem die Kunden angemessen an den niedrigen Herstellungskosten durch Preisnachlässe zu beteiligen.

Der teure Sektor wiederum stellt Qualitätsprodukte her, in die steuerlich auch anfallende Kosten für die Gesellschaft eingepreist sind. Letzteres war z.B. der Grund für den Niedergang der Massentierhaltung. Sobald die realen Kosten über den Steuersatz eingepreist waren, ging der Preis durch die astronomische Decke.

Oft entscheidet dann die Situation: will ich gerade einfach nur zeitsparend und günstig satt werden, dann wähle ich Soylent. Will ich mit der Familie gemütlich zu Abend essen oder mit Freunden feiern, dann darf’s gerne langwierig in der gemeinsamen Zubereitung, extra-lecker und teurer sein.

Wer jetzt bei den günstigen Lebensmitteln an Kartoffeln oder Getreide denkt, ist allerdings schief gewickelt.

Unter die Erde schauen du musst

In Millionen von Kellern weltweit wächst eine Vielzahl von ein- und mehrzelligen Pilzen. Sie sind effizient in der Aufzucht und an Vielseitigkeit in den Verarbeitungs- und Verwendungsmöglichkeiten kaum zu schlagen. Dazu kommt ein Mikrobiologie- und Gentechnik-Gesetz, das nach der etwa zehnten Überarbeitung mit einigen Kniffen die Quadratur des Kreises schafft. Die Erzeuger genießen große Spielräume bei der Entwicklung. Aber es gibt auch relativ lange Erprobungsphasen in Isolation und für alle Erzeugnisse gelten umfassende Verbraucher- und Kleinproduzenten-Rechte.

Mist, Kati hat mich mit ihrer extensiven historischen Neugier nach Zusammenhängen angesteckt! Was hatte nochmal schnell den Run auf Pilze und Hefen ausgelöst? Sofort habe ich Hugos – und auch meinen – Lieblingssnack vor Augen: „Zola-Happen“. Wenn Knusprig-Gorgonzolig-Käsig über eine Rosmarin-Note in Cremig-Kirschig übergeht… und dabei mit alledem nichts zu tun hat.

Pilze und Hefen

Es muss die Entdeckung schlechthin gewesen sein, dass man mit bestimmten mehrzelligen Pilzen nahezu jede beliebige Textur erzielen kann (von knusprig bis fleischig bis glupschig), während die modifizierten einzelligen Hefen in der Weiterverarbeitung eine schier unerschöpfliche Vielzahl an Geschmacksrichtungen ermöglichen.

Der Umstand, dass sich beide schon im lebenden Zustand symbiotisch verbinden und auch im verarbeiteten Zustand gut zusammenspielen und dass sich wahlweise Geschmacks-Textur-Kombinationen wie „gorgonzolig-kross“ oder „beerig-glupschig“ schaffen lassen, hat bei vielen eine wahre Goldgräberstimmung ausgelöst. Neue Schnell-Imbisse, Restaurants und Supermarkt-Regale schossen aus dem Boden wie – vorsicht Wortwitz – die Pilze.

Viele der nicht mehr benötigten Parkhäuser, das ist eine andere Geschichte, wurden zu Mikro-Farmen umgebaut. Natürlich nur, wenn dort nicht schon für den Verzehr geeignetes Muskelfleisch gezüchtet wird, die nächste große Neuerung. Die meisten Rumpsteaks mit feiner Fett-Maserung haben heute noch nie ein Rind von innen gesehen.

Genossenschaften mal wieder

Neben den Massenprodukten wird die Hälfte des Marktes von Kleinanbietern versorgt. Diese haben sich zumeist genossenschaftlich zusammengeschlossen und tauschen sich lebhaft zu Zuchtplänen, Zucht-Sets und Rezepturen aus. Zum Teil betreiben sie sogar gemeinschaftlich kleine Gentechnik-Labore.

Auch das ist neu: Wissensgenossenschaften, die aus tausenden Einzel- und Firmenzüchtern bestehen. Sie halten sich gegenseitig über Verbesserungen und Neuerungen auf dem Laufenden. Es geht eben nicht mehr hauptsächlich um Profite, bzw. darum, dass der Nachbar nicht so gute erzielt wie man selbst. Es geht darum, bestmöglich mit geringstem Aufwand den maximalen hochqualitativen Output zu erzielen. Ein weiteres Ziel ist der Erhalt der genetischen Bandbreite.

Mehl und Algen

Dann ist da noch das neue „Mehl“. Nussig ist es, feinkörnig, nur dass es nicht aus Getreide, sondern Insektenlarven, genauer: Mehlwürmern, hergestellt wird. Es war ein bißchen Marketing-Geschick notwendig, aber als erst mal ein schöner Name gefunden war, „Kerfin“, und die Konsistenz nun wirklich nur noch an Mehl und nicht mehr an irgend etwas von einem Insekt erinnerte, konnte der Siegeszug beginnen – zumal das Produkt vitamin- und proteinreich ist. Zudem ist es ähnlich günstig zu haben wie Weizenmehl.

Schließlich macht dann ein viertes Produkt den unterirdischen Bauernhof perfekt – die Alge. Sie verbraucht das überschüssige CO2 und lässt sich ebenfalls zur Nahrungsproduktion verwenden. Oder man verkauft größere Mengen davon an den Staat, der sie dann in alten Kohleschächten zur Verbesserung der CO2-Bilanz einlagert.

Schon früher war im städtischen Untergrund viel los. Heute steppt in zwanzig Metern Tiefe erst recht der automatisierte Bär. Eine Person kann mit drei Kellergeschossen bis zu hundert andere mit wohlschmeckenden vollwertigen Nahrungsmitteln versorgen!

Aufbruch

Der diesige Nebel, der sich zwischen den Bäumen verfangen hat, wirkt sich nicht sonderlich positiv auf meine Stimmung aus. Dennoch bin ich viel zu neugierig, um schlecht gelaunt zu sein. Was haben Hugo und seine Freunde da heute vor und was kann ich dazu beitragen? Hugo hatte mich gefragt, ob ich nicht Moderator sein könne. Sie bräuchten jemand, der schnell Bäume hochklettert und auch mal nen Ast absägt wenn es nötig ist, statt sich nen Kopf zu machen. Wie sollte ich da nicht neugierig sein?
Fortsetzung: Semantische Netze – Entwicklungsaufgaben VI