Neulich ist mir im Anti-Uni-Blog der Begriff „unendliches Spiel“ über den Weg gelaufen. Fast wäre es mir nicht mehr gelungen zu bremsen.

„Spiel“ oder „Spielplatz“ sind Metaphern, die mir oft in den Sinn kommen, wenn ich über g20k nachdenke. Ist es nicht genau das, gewissermaßen auf einem großen Projekt- und Aktivitätenspielplatz zu spielen? Naja, es ist natürlich ein sehr ernsthaftes Spiel, zuweilen.

Eine der Besonderheiten beim Spielen ist ja, dass es – zumindest im kindlichen Sinne – keinen Zweck verfolgt, keinen Nutzen hat. Ist das vielleicht die Fähigkeit der Dilettanten, in dem was sie tun nicht unbedingt einen äußeren Nutzen erkennen zu müssen?

Wenn ich bislang nach möglichen Unterscheidungskriterien zwischen Dilettanten und Nicht-Dilettanten gesucht habe, dann habe ich meist vor allem an die Motivation, die Beweggründe gedacht, etwas zu tun. Diese Beweggründe, bzw. ob sie aus einem selbst kommen oder von außen, haben nicht zuletzt Barbuto und Scholl, 1998 untersucht und sind empirisch zur Unterscheidung von externen und internen Motivationsquellen gekommen:

Intrinsische vs. extrinsische Motivation

Der Dilettant, also der sich wortwörtlich „erfreuende“, wird – so meine Anwendung ihrer Theorie auf das Thema –  überwiegend von intrinsischer Motivation angetrieben, also betreibt er etwas entweder aus Begeisterung heraus und empfindet dabei Spaß und/oder eine Sache ist für ihn sehr sinnstiftend, befriedigend und er verfolgt ein Ideal damit. Wenn dieser Prototyp von einem Dilettanten also z.B. Flüchtingen hilft, Studien durchführt oder wenn er Möbel schreinert oder Computerprogramme schreibt, dann geht es zumindest nicht in erster Linie darum, damit Geld zu verdienen oder Macht zu erwerben, sondern darum, Spaß zu haben, Sinn zu empfinden und ein Ideal zu verfolgen.

Der Nicht-Dilettant, also der, dessen Verhalten aus Sicht dieses Blogs oft je nach Situation zu Stirnrunzeln, Kopfschütteln, Erblassen oder Heul-Krämpfen führt, wird – so wiederum meine Anwendung der Thesen – oft von extrinsischen Beweggründen geleitet: die Karriereleiter aufsteigen, mehr Geld verdienen, den anderen zeigen wo’s lang geht (Macht). Oder es geht natürlich darum, gut bei den Kollegen oder den Vorgesetzten oder Eltern wegzukommen und nix Falsches zu sagen einerseits (Zugehörigkeit), bzw. Ziele von außen zu den eigenen Zielen zu machen, frei nach dem Motto: wenn ich schon selbst keine Ziele hab, dann erfülle ich wenigstens die der Abteilung, der Organisation oder des Unternehmens.

Endliches & und unendliches Spiel…

Eine interessante weitere Sichtweise hab ich in einem Gast-Beitrag von Moritz Bierling im „Anti-Uni“-Blog erhalten. Es geht um „endliche und unendliche Spiele“,  ein Konzept von James P. Carse. Carse ist Professor Emeritus der Geschichte und Literatur an der New York University. Das Interessante dabei ist, dass der Spiel-Ansatz nicht in erster Linie die Beweggründe betrachtet. Es geht also nicht darum, ob eine Motivation von innen oder von außen kommt. Der Ansatz betrachtet viel mehr den Gegenstand, auf den sich die Motivation richtet:

Ist Fußball in erster Linie ein Mittel zum Zweck oder ist der Sport eine Beschäftigung, die seinen Betreibern vermutlich niemals langweilig wird? Programmiere ich in erster Linie, um Geld zu verdienen oder haben Text-Maschinen meine Faszination gefesselt?

Hier kommen wir dann auch ganz schnell in das Fahrwasser eines Mihály Csíkszentmihályi, der versucht hat, dem so genannten „Flow-Erlebnis“ auf die Spur zu kommen.

Kurzdefinition von endlichem und unendlichem Spiel für den Diskurs-Handwerkskasten

Ein endliches Spiel ist begrenzt, hat einen klaren Start- und Endpunkt, hat Regeln, die über Sieg und Niederlage entscheiden sowie über die (meist limitierte) Aufnahme neuer Spieler.
Ein unendliches Spiel hat keine klar definierten Grenzen und die Regeln werden nur eingehalten, solange sie für das Weiterspielen nützlich sind, d.h. das Spiel kann sich verändern. Neue Spieler können hinzukommen. Das Ziel ist es, weiterspielen zu können.

Endliches & und unendliches Spiel bezogen auf das eigene Leben

Nun hat Moritz Bierling diese zwei Spiel-Ansätze in diesem Gastbeitrag auf das eigene Leben bezogen. Lässt Du Dir von außen endliche Spiele aufdrücken, die dann schlimmstenfalls für das ganze Leben gelten? Drückst Du Dir am Ende selbst eine Reihe von endlichen Spielen auf?
Ich darf meine Eltern nicht enttäuschen! Poah, mein Schwager ist jünger als ich, hat aber schon drei Teams, die unter ihm arbeiten! Ich muss immer eine gute Mutter sein! Ich muss meine Familie über meine Bedürfnisse stellen! Meinen Kollegen werden ich zeigen, wer hier die größten Fachkenntnisse hat! Die Rechnungsprüfungsabteilung vom Müller wird noch ihr heiteres Wunder erleben! Mathe brauch ich für ein gutes Abitur! Ich muss die Erwartungen meines Lehrers erfüllen!

Dem gegenüber steht dann das eigene Leben als unendliches Spiel. Nicht das Erreichen einer bestimmten Ziellinie ist wichtig. Auf ein erfülltes, als sinnvoll empfundenes Leben mit viel Spaß kommt es an. Und während dieses Spiels kommen immer mal wieder neue Leute dazu und es ändern sich immer mal wieder Regeln und Zielsetzungen.

Aus einer Ratgeber-Perspektive ist das sicherlich der hilfreichste Bezug. Einen weiteren Bezug finde ich aber fast noch spannender:

Endliches & und unendliches Spiel bezogen auf einzelne Lebensaspekte und die Weltpolitik

Manchmal ist vielleicht die größte Fähigkeit auch das größte „Problem“. Es ist toll, aber es lässt einen auch so ein bisschen allein auf weiter Flur stehen, wenn es einem gelingt, bei sehr vielen Themen, mit Ausnahme der meisten Sportarten, in ein unendliches Spiel zu geraten. Das können Programmier-Paradigmen, historische Entwicklungen, Fremdsprachen, schwer verdauliche literarische Schinken, mathematische Problemstellungen oder chemische Abläufe sein. Selbst hinsichtlich der Steuererklärung bin ich nicht völlig davor gefeit, nach einiger Zeit doch eine gewisse Faszination für das Thema zu empfinden. Ich vermute, dass mich genau das zu einem „Dilettanten“ macht.

Die Außenwelt wiederum nervt dadurch, dass sie auch noch das schönste Thema in ein endliches Spiel verwandeln will:

Spiele, wie sie sind und wie sie sein sollten

 

Finite Spiele, die nerven Infinite Spiele, wie sie sein sollten
Europa spielt „Wer hat die dicksten Eier und lässt die wenigsten Flüchtlinge rein?“ Europa spielt „Wie verteilen wir langfristig Flüchtlinge bei uns gerecht und wie verhindern wir, dass es Flüchtlinge gibt?“
Die Schule spielt „Wer schafft die nächste Klausur als bestes?“ Die Schule spielt „Wie helfen wir unseren Schülern einen Platz im infiniten Spiel ‚Leben und Entdecken‘ zu finden?
Der Prof spielt „Welcher meiner Studenten zitiert genau meine Ansichten am besten bei der Prüfung?“ Der Prof spielt „Welcher meiner Studenten hat begriffen, dass es sich bei Thema ‚XY‘ um ein unendliches Spiel handelt und wer hat in diesem Spiel den meisten Spaß und schon am meisten gelernt?“
Monsanto spielt „Ich will, dass alle Bauern ihr Saatgut bei mir kaufen!“ Viele Länder verbieten Monsanto und Konsorten zu spielen und gründen einen Fond und vielleicht eine Forschungsgenossenschaft, damit Bauern und kleine Betriebe vielfältiges vielseitiges neues Saatgut züchten können.
Der Kollege spielt „Wie krieg ich’s hin, dass Du möglichst viel von meiner Arbeit machst?“ Dem Kollegen wird vermittelt, dass es bei der Arbeit um ein infinites Spiel geht und wenn er das nicht begreift, dann muss er woanders einen Dummen suchen.
Die Nachbar-Abteilung spielt: „Wie schaffen wir’s, dass wir bei der jährlichen Bewertung besser wegkommen als die Laffen einen Raum weiter?“ Beide Abteilungen werden gemischt und eine „Agile-Transformation“ findet statt, so dass finite Grabenkämpfe in ein infinites Spiel umgestaltet werden können.

Gerade im Sport wird andererseits erkennbar, dass ein unendliches Spiel nicht unbedingt Langweile und Friede-Freude-Eierkuchen bedeuten muss. Natürlich kann man auch mal wettstreiten und sich messen, natürlich sind auch manchmal Timelines und Nervenkitzel genau das, was gebraucht wird. Es ist nur essentiell, dass allen Beteiligten klar ist, dass es eigentlich darum geht, ein unendliches Spiel zu spielen.

Das wiederum ist eine geniale…

… Definition von g20k

g20k ist ein Framework, das versucht zu erreichen, dass Menschen

  • , möglichst nur solche, die ein unendliches Spiel spielen wollen und die ihr Leben als unendliches Spiel begreifen,
  • mit Regeln, die zum aktuellen Zeitpunkt ein Spielen mit dem größten Spaß und Ergebnis ermöglichen

ein Spiel spielen, dessen grobe Zielsetzung ist, dabei

  • gemeinsam an Projekten im Bereich Wissenschaft, Technik, Kultur, Kunst, Gesellschaft und Politik zu arbeiten,
  • Spaß zu haben,
  • nie aufzuhören zu lernen,
  • Sinn zu empfinden
  • neue Wege zu beschreiten und ggf. unnütz gewordene Regeln in Frage zu stellen

Erwirtschaftete Mittel sollten neben der Verwendung zur Existenzsicherung der Beteiligten wieder in gemeinsame Projekttöpfe fließen.

Da es Dilettanten vermutlich in jedem Land der Erde gibt, ist es schließlich das letzte  vage Ziel, dieses g20k-Spiel in jedem Land der Erde zu spielen. Natürlich muss man es jeweils an den dortigen gesetzlichen und kulturellen Rahmen anpassen.