Plot: “Verliebt sein” – ist das das Anfänger-Streichorchester oder tanzen wir hier gerade zu einer Filmmusik von Stephen King?

Vorspann

Ehe ich zu einem „Joah…“ ansetzen kann, finde ich mich in einem viktorianischen Ballsaal wieder, genau genommen: dem Ballsaal aus Stanley Kubricks Overlook-Hotel. Der Barkeeper in rotem Tuxedo, bleich und mit von Pomade glänzendem schwarzem Haar, jetzt fast menschlich, grinst mich an: „Ich hab mir auch mal was Bequemeres angezogen“.

Mr. Eddy

Wir stehen bzw. sitzen dies- und jenseits des Tresens einer Bar, die einen Teil der Querseite des Ballsaals schmückt. Erlesene Getränke auf kunstvoll verarbeitetem edlen Holz. Vor mir liegt eine Art Zettel aus einem seltsam vergilbten Papier auf dem Tresen. Neugierig betrachtet mich mein Gegenüber, während ich den knappen Satz darauf studiere. Es sind nur ein paar wenige Wörter, mit Tusche und Feder geschrieben, von einer leicht krakeligen männlich wirkenden Handschrift. „Dick Lorent ist tot!“
„Was steht darauf?“ fragt mein Gesprächspartner neugierig. „Hier steht, dass Dick Lorent tot sein soll – wer auch immer das ist.“
Mein Gegenüber legt etwas übertrieben die Stirn in Falten. „Mr. Eddy tot? Neeein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

Einen Schluck aus dem riesigen Whisky-Glas vor mir nehmend, stelle ich verwundert fest, dass nicht das Glas riesig, sondern meine Hände schrecklich klein geraten sind. Ein Blick an mir herunter bestätigt die Beobachtung. Ich bin wieder ein etwa 12jähriger Junge. Damit wäre dann auch geklärt, warum sich dieser Barhocker so verdammt ungemütlich anfühlt, zumal wenn man versucht, den Tresen zu erreichen.

Eine geheime Unabhängigkeitserklärung

„Schau mal da rüber!“ Der Finger zeigt auf einen großen in einen üppigen Barock-Rahmen eingefassten Spiegel neben der Bar. Bin das da im Spiegel ich? Ich damals? Türkis-blau gestreifter Motiv-Pullover – passt! Dünnrandige blau-schwarz-türkise Metall-Brille – passt auch! Der kleine Junge stapelt bunte Bälle und Spielzeug vorsichtig jonglierend in einem großen Schrank. Der im Spiegel sichtbare moosgrüne flauschiger Fußboden und die orange-bunte Blümchen-Tapete ergeben eine harmonische Geschmacksverirrung, die erst Ende der 80er allmählich als solche erkannt werden wird. Das soll wohl in Jahrhunderten vorher auch schon so gewesen sein!

„Papa war grad böse mit ihm! Er hat mal wieder geschimpft. Der Junge solle nicht so viel spielen und mehr für die Schule machen. Sonst fiele beim nächsten Test wieder nur eine Zwei ab. Der Junge hat dieses ständige Kritisieren und Nörgeln und Kontrollieren satt. Viel lieber würde er mal ein Lob hören und dass jemand stolz auf ihn ist. Deshalb hat er soeben eine ebenso schwergewichtige wie folgenschwere Entscheidung getroffen:
Ab jetzt wird nur noch er selbst entscheiden, ob er etwas gut oder schlecht gemacht hat. Er wird sich selbst loben, sich selbst Spiel-Pausen gönnen und sich selbst zur Arbeit knüppeln. An diesem Tag ist der kleine Junge unabhängig geworden, vielleicht sogar ein bisschen zu unabhängig.“

Der kleine Kerl hat inzwischen die Schranktür halb geschlossen und bugsiert durch den schmalen Spalt der Tür auch noch die letzten herumliegenden Sachen, zuletzt auf einem Hocker stehend.
Schließlich schließt er die Türen mit viel Kraft, lockert mit der Hand durch den Spalt greifend hier und da ein Spielzeug, das sich verkeilt hat und schafft es schließlich, den Schrank zu schließen.
Stolz, entschlossen und trotzig verschränkt er die Arme vor dem Oberkörper. Geschafft!

Verliebt

„Ui, schau mal wie süß!“ quiekt der Barkeeper. Der Junge ist ein paar Jahre älter, 15 oder 16 vielleicht. “Bahnt sich da gerade die erste Beziehung an? Schau, wie putzig sie reden! Und jetzt geht er rüber zu seinem Schrank, seinem Allerheiligsten. Guck wie angestrengt er mit dem Fuß die Schranktür blockiert, um seiner Freundin eins seiner wertvollen Spielzeuge zu zeigen. Fast wären ein paar dabei wieder herausgefallen.“

Mit gekünstelt erschrockenem Gesicht flötet er: „Oh, oh, die werden doch nicht etwa…? Ach nee… die reden bloß. Und jetzt gleich… niiiieeedlich… Schaaade,  wieder kein Kuss!”

Nun betritt ein anderer kleiner Junge die Szene. Er verbrüdert sich mit unserem kleinen Protagonisten.

“Ein bester Freund!”, nickt er mir anerkennend zu. “Ich glaub ja fast, die sind beide verliebt und wären beide gern mit dem Mädchen zusammen. Goldig! Da sollte doch, na, na…?“

Natürlich wird auch dem Jungen mit aller Vorsicht ein Spielzeug aus dem  überfrachteten Schrank gereicht. Irgendwie erwecken die Türen  beim Verschließen den Eindruck, als würden sich bereits bei einem kleinen Fehler Berge von Spielsachen einen Weg in die Freiheit bahnen.

Mach mir den Herbert Zimmermann

„Bravo!“ setzt mein Gegenüber unter meinen pikierten Blicken gekünstelt fort und klatscht exaltiert mit den Händen.„Na…naaa… neeeein! Hast du das gesehen? Hast du DAS gesehen? Hach, wie ist doch das Leben ironisch, manchmal!“

Innerlich brodelnd aber äußerlich betont gelangweilt stütze ich das Kinn in die Hand. So folge ich angesäuert von der Belustigung meines Gesprächspartners der Szene. Sie ist mir noch gut im Gedächtnis, auch wenn sie mir hier nicht so dargeboten wird wie ich sie in Erinnerung habe, sondern viel überspitzter in einer grotesken Metapher.

Auf diese Weise aus ganz unterschiedlichen Gründen bewegt, folgen wir dem Schauspiel. Wir werden Zeuge, wie sich gerade eben nicht der Protagonist, sondern sein bester Freund dem Mädchen annähert. Eine tätliche Neckerei von links, ein  auf Tuchfühlung gehendes Zurücknecken von rechts und jetzt, da schon der Körperkontakt hergestellt ist, tritt der wahre Grund der Annäherung zu Tage. Frontaler Angriff von rechts – abgewehrt! Aus dem Hintergrund müsste sich jetzt ein Arm um die Hüfte legen. Augen schließen sich. Kuuuuusss! Kuuuusssss! Kuuuuuuusss! Die Zeit scheint stillzustehen. Und als die Uhren wieder ihre Zeiger weiterbewegen, heißt es: “Aus, aus, aus, der erste und wichtigste Schritt ist gemacht!” Beide verlassen die Szene Arm in Arm. Unsere noch mit der Schranktür beschäftigter Hauptfigur strauchelt, stürzt. Es tost, kracht, klirrt, dotzt und rumpelt.

Refraktärzeit

Mein Gegenüber zückt eine Polaroid-Kamera und schießt johlend einen Schnappschuss, den er mir wedelnd mit den Worten „Für’s Familien-Album!“ herüberreicht. Auf dem langsam Konturen gewinnenden Bild ist der Junge bis über die Nase in einem Berg von Spielsachen begraben und schaut bedröppelt in unsere Richtung.

Nun beginnt er wieder mühsam, Stück für Stück die Sachen in den Schrank zu räumen. Schnell erreicht er wieder einen Zustand, der angestrengtes Bemessen und Jonglieren erfordert.

„Ich schätze, inzwischen schafft er das schneller, oder?“ raunt mir der Barkeeper vielwissend zu. „Aber ich verwette das Trinkgeld des heutigen Abends, dass er zwischenzeitlich immer noch nicht auf die Idee gekommen ist, in diesen Schrank endlich mal vernünftige Fächer einzuziehen.“

Wie ein Weihnachtsbaum

Gelangweilt folge ich dem immer noch anhaltenden Schauspiel. Der Junge ist inzwischen zu einem jungen Mann geworden. Unterbrochen von kurzen Einräum- und langen aufgeräumten Zeiten kommen immer wieder mal Mädchen vorbei. Immer wieder landet entweder nur er oder es landen beide unter dem Berg von Spielsachen.

„Schau nicht so essigsauer!“ tönt es von der Bar herüber. “Dank dieser weitreichenden Entscheidung des kleinen Jungen und dank der Probleme, die er mit seinem Spielzeugschrank hat, hat er schon im frühen Alter Bands und Chöre geleitet, die dort aktiven älteren Damen mit früher Reife verzaubert, Studentengruppen geführt und steht wie ein Weihnachtsbaum da, geschmückt mit vielen Fähigkeiten, Kenntnissen, geschulten Talenten und zum Beruf gemachten Hobbies… keine schlechte Bilanz oder?“

Mit einem Ruck will ich mich vom sysiphusesken Schauspiel abwenden. Der letzte Satz des Barkeepers hat mich ein bisschen besänftigt, auch wenn er sicher ironisch gemeint war.

In Dir ist eine Welt!

Doch im Abwenden sehe ich, wie eine wunderschöne Frau mit lockerem Kopftuch die Szene betritt. Mit ihren großen traurigen Augen wirft sie kurz einen Blick aufs Spielzeug, das schon wieder aus dem Schrank herauszuquellen droht.

„In Dir ist eine Welt!“
„Aber es ist nicht Deine Welt“, murmle ich leise und ein bisschen wehmütig.
„Ich hab dich trotzdem sehr lieb! Du musst den Schrank gar nicht ganz aufmachen.”
“Aber ich will mit Dir doch über jedes Spielzeug sprechen! Ich will neue Spielzeuge mit Dir erfinden! Ich will Spielzeuge mit Dir tauschen!’
“Später! Du wirst sehen. Wir können uns auch erst mal ohne das sehr lieb haben. Vielleicht können wir uns gerade deshalb lieb haben!”

Sobald diese Worte gesprochen sind, verschwindet das Bild im Spiegel.

Ich will erneut einen kräftigen Zug auf diese ganze Seelenschau nehmen, da fällt mir auf, dass sich mein Kiefer ganz anders anfühlt. Als ich aufblicke, schaut aus dem verspiegelten Glas der Bar ein Urzeit-Mensch zurück. Dunkelhäutig, nackt, mit haariger Brust. Wie ein Nymphen-Sittich, der beim Blick in den Spiegel nicht sicher ist, ob es tatsächlich er selbst ist, den er da vor sich hat, wende ich den Kopf und schneide Grimassen. Der vermenschlichte Affe auf der anderen Seite tut das Gleiche.

Fortsetzung: Biologistisch?