Plot: Ayodele erwacht nach einem seltsamen Traum und und beginnt seinen Tag. Dabei streift er gedanklich immer wieder das Thema “Virtuelle Realität”.
Exkurse: Drogen, Kybernetik, Wirtschaft und Umgang mit Flüchtlingen früher und heute.


Ayodele

Vorspann

Das Tosen des Gelächters von zweihundert Personen wallt auf. Die Welle wogt, ohne  zu brechen, während das Mädchen mit riesigen Augen langsam umherschaut. Dabei formt sie mit dem Mund zwei Worte, die wegen des Lärms nicht hörbar sind. Wobei, vielleicht wären sie selbst bei leeren Rängen nicht hörbar gewesen. Dann endlich stolpert sie rückwärts in Richtung Tür. Sie greift mit einer Verrenkung nach der Türklinke, ohne die Bedrohung auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Nun endlich wendet sie sich der Tür zu, lehnt sich nach hinten als gelte es, eine Lokomotive zu ziehen. Die Flüchtende strauchelt fast, als der anfangs schwergängige Mechanismus nachgibt und verschwindet schließlich in Windeseile durch die Öffnung.

Virtuelle Realität

Wie zur Ende eines Films ertönt jetzt die Melodie zum Abspann, Meeresrauschen und Klavierklänge, die immer lauter werden. Lustig! Warum spielt mein Wecker die gleiche… Ach, schon wieder dieser Traum! In den letzten Tagen bin ich mindestends fünf Mal auf diese Art aufgewacht. Mein Traum-Ich kennt den Ablauf bereits so gut, dass es jeweils den nächsten Satz oder die nächste Handlung erwartet. Seltsam ist das alles!

Es dauert noch eine Zeit lang, bis ich gedanklich vom Hörsaal auf meinem Kopfkissen ankomme. Was hat diese bizarre Traumvorlesung zu bedeuten? Ich lege meine Stirn in Falten. Der Vorlesungsraum hat etwas von den Universitätsräumen der Lestén-Universtiät, von denen mir Kati, meine Freundin, Bilder gezeigt hat. Der seltsame Vortrag im Traum hat viel mit einem ihrer Artikel und dem Video zu tun. “Damit du mal einen Eindruck bekommst, worüber es damals so ging, in den Soziologie-Vorlesungen der Lestén!”, hatte Kati spöttisch gesagt.

Damals, damit meinte sie wohl die Zeit, in der mal wieder dank einer Vielzahl von Krisenherden die Flüchtlingszahlen gestiegen waren. Nach etlichen Jahren hässlicher fremdenfeindlicher Konfrontation hatte schließlich ausgerechnet die Wirtschaft dafür gesorgt, den Konflikt zu entschärfen. Konzerne wie Lestén, aber auch viele Kleinunternehmen waren froh über Arbeiter, die hungrig waren auf Wohlstand und Sicherheit.

Erst vor einigen Tagen noch hatte ich Kati gegenüber meinem Ärger Luft gemacht. Wie konnte man ein paar hundert Jahre lang Menschen nur auf ihre Rolle als Konsumenten und Human-Ressource reduzieren?! Katis Standpunkt wollte mir nicht so richtig einleuchten. Menschen als willkommene Arbeitstiere nutzen, statt sie im Mittelmeer ertrinken zu lassen – irgendwie wirkt das aus heutiger Sicht zynisch auf mich.

Postkapitalistische Wissensgesellschaft?

Natürlich wurde unser Streitgespräch gleich verwurstet. Zusammen mit ein paar Projektpartnern und einem Verlag hatte Kati vor einem halben Jahr ein umfangreiches Paket geschnürt: “Der lange Weg”, heißt es. Es geht darum, die historische Entwicklung zu dokumentieren, wie sich die Grundausrichtung der Gesellschaft in den letzten zweihundert Jahren geändert hat. Vor allem: was hat diese Paradigmenwechsel ausgelöst?

Lange hatte sich der Mensch und der Staat dem Ziel untergeordnet, dass die Wirtschaft am Laufen bleibt. Wachstum, Wachstum, Wachstum! Es war völlig normal, dass sich Leute bis zum Ausgebranntsein aufarbeiten oder lustlos tagein, tagaus ihren Dienst nach Vorschrift absolvieren. Schon den Schülern hat man es eingebläut:”Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps! Lernen muss keinen Spaß machen. Und Arbeit erst recht nicht!”

Heute liegt der Fokus auf dem Einzelnen und seinen Erfahrungen, seinen besonderen Sensibilitäten, seinem Können und Wissen. Erst danach kommt der Staat, der vornehmlich die Aufgabe hat, Freiheiten zu garantieren. Erst an letzter, aber natürlich dennoch wichtiger Stelle kommt die Wirtschaft. Die Sensation ist: sie brummt dadurch umso mehr. Sie brummt anders, aber sie brummt. Wie hieß nochmal schnell dieser Finanzminister? Ich komm nicht drauf. Jedenfalls hat er den Satz geprägt:
“Wer hätte gedacht, dass wir die Wirtschaft erst mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen ‘abwürgen’ müssen, bevor sie so richtig zum Leben erwacht?!”

Auf jeden Fall spielen bei Katis Recherchen zur Lestén Universität hochauflösende 3D-Aufnahmen eine Rolle, die dann für einen Bildband, ein Spiel und eine Performance verwendet werden sollen. Das Universitätsgebäude, das Kati heute mit unserem gemeinsamen Freund Hugo aufsuchen wird, ist dabei ein zentrales Setting, weil es den Übergang von der kapitalistischen zur postkapitalistischen Wissensgesellschaft markiert.

Wenn ich doch nur gewusst hätte, dass das Korrekturlesen von Katis Beiträgen in meinem Unterbewusstsein solche hohen Wellen schlägt!

Pubertät

Etwa fünf Minuten lang tanze ich noch behaglich wie ein Korken im Wasser zwischen Wachsein und Schlaf. Dann massiere ich eine Stelle an meinem rückwärtigen oberen Hals. Dort ist ein Sensor implantiert, der den Stromkreis einer vom Körper selbst gespeisten Batterie anwirft. Diese Batterie schickt nun eine spezielle Folge von Impulsen in das so genannte Aufsteigende Retikuläre Aktivierende System (ARAS) in meinem Hirnstamm. Fast augenblicklich spüre ich, wie die Müdigkeit von mir abfällt und meine Lebensgeister vollends erwachen.

Pubertät – wo man sich früher über Klamotten oder über Tattoos von den Eltern distanziert hat, sind es heute chirurgische Eingriffe. Wobei, das klingt vielleicht etwas übertrieben. Gemeint sind kleine, relativ ungefährliche kybernetische Eingriffe, welche die flinken Finger eines Cyber-Artists in einem Studio an einem vornehmen. Im Falle des “Arousers” war das völlig harmlos. Der Arouser ist eine winzige, kaum sichtbare Titan-Nadel, die in die Nähe des ARAS gestochen wird. Begleitet wird die Nadel von einem Metall-Plättchen, das unter die Haut geschoben werden muss. Die leicht erneut zu öffnende bioversiegelte Naht hab ich mir dann noch in Drachen-Form machen lassen. Ein kleines optisches Statement muss sein.

Der anstrengendste Teil des Eingriffs war, dass ich mir mehrere Monate lang von meinen Eltern anhören musste, wie unglaublich leichtsinnig ich sei. Regelrecht kreuzverhört wurde ich, im Bemühen, Details über dieses verbrecherische mobile Studio herauszufinden, bei dem ich den Eingriff habe vornehmen lassen. Ob ich verrückt wäre, mein ganzes Geld dorthin zu tragen! Vor allem: Was hätte alles passieren können! Diese Kriminellen! Diese Kybernetik! Man darf doch nicht an seinem Körper “herumpfuschen”!

Das Mädchen

Mir geht das Mädchen aus dem Traum nicht aus dem Kopf. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich behaupten, ihre Erscheinung sei wesentlich detaillierter als der Rest des Traums, wie ein Porträt vor einem verschwommenen Hintergrund auf einer alten Fotografie.

Die Entschlossenheit in ihren Augen wurde erst getrübt durch den sarkastischen Genickschlag des Professors. Ein Berg an Enttäuschung war es, der sich in diesen zwei vermutlich tonlos ausgesprochenen Worten Bahn brach. Unwillkürlich imitiere ich die Bewegung ihrer Lippen, ohne dabei sinnvolle Wörter zu produzieren. Das Verrückteste aber ist, dass sich das alles nun schon so oft wiederholt hat, dass ich mich inzwischen gar nicht mehr anzustrengen brauche, um den Traum luzide mitzuerleben. Nur verändern kann ich ihn nicht.

Aber jetzt raus aus den Federn! Ich schüttle das Bettzeug aus, ziehe das gesamte Bett mit der Seilwinde an die knapp drei Meter hohe Decke und lasse die seitlichen Metallbolzen einrasten. Dann öffne ich die Boden- und Deckenluken. Die Zierleisten gleiten nach oben und innerhalb kürzester Zeit wird mittels der nun entstandenen Öffnungen die Luft ausgetauscht. Auch ein Großteil des angesammelten Staubes verlässt meine Bleibe auf diesem Wege.

Frühsport

Ein kurzer Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass es heute ein verregneter Tag werden wird. Allerdings muss ich zugeben, dass aus den höheren Etagen eines Baumhauses betrachtet selbst dieses Wetter einen gewissen Reiz hat. Zwischen herbstlich orange gefärbten Baumkronen hängt schwer der wattige Dampf des grau-regnerischen Himmels. Schade, gestern war das Wetter noch so gut.

Frühsport! Routiniert spule ich mein Programm ab. Ich liebe Kraftübungen, bei denen das Gewicht des eigenen Körpers genutzt wird und dadurch kaum Hilfsmittel nötig sind. Die einzige Ausnahme stellt die Klimmzug-Stange dar, die ich im Türrahmen befestigt hab.

Irgendwie lässt es mir keine Ruhe, dass jemand wie Hugo zwar perfekt über die Vorzüge solcher Programme informiert ist, aber es einfach nicht schafft, sie durchzuhalten. So schwer ist das doch nicht! Andererseits wäre es für mich ein kaum überbrückbares Hindernis, wenn ich so lange wie Hugo still sitzen müsste, um irgendwelche abstrakten Probleme zu lösen. Faszinierend wie das Gleiche für den einen sehr leicht zu erledigen ist, während es für den anderen das größte Mühsal der Welt darstellt.

Dabei wäre es gerade für den Bewegungsmuffel Hugo hilfreich, um ein paar überflüssige Pfunde loszuwerden. Schließlich führt nicht unbedingt viel Bewegung von bereits ausgebildeten Muskeln zu viel Energieverbrauch, sondern der erhöhte Energieumsatz ist es, wenn Muskeln trainiert werden, die sonst kaum beansprucht werden. Und davon gibt es gerade am Oberkörper so viele! Oh Gott, habe ich gerade echt an Hugos Körbchengröße gedacht? Ich grinse. Die Liegestütze bringen mich heute auf komische Gedanken.

Mit Freunden bewusst das Sein erweitern

Bin ich froh, dass die kleine Psilocybin-Session am Earthship gestern keinerlei Kater hinterlassen hat. Sogar mit dem Einschlafen hat es rechtzeitig geklappt. Aber wir haben ja auch schon früh angefangen. Mit ein paar Freunden haben wir während eines sehr unterhaltsamen Abends die neue Züchtung probiert. Hugo war auch dabei. Max, der Arme, musste die undankbare Rolle des Aufpassers übernehmen. Ist zwar unwahrscheinlich, dass da jemand am Rad dreht, aber es wäre kurzsichtig, da nicht jemanden dabei zu haben, der bei klarem Verstand ist und der auf allen Stufen der Eskalationsleiter unterstützen kann: von gut Zureden bis Sanitäter holen, gewissermaßen.

Jedenfalls hatte Hugo gestern einen Bad Trip, ein bisschen zumindest. Irgendwie geht es ihm gerade ziemlich an die Nieren, dass er noch nie eine Freundin hatte. Und genau in dieser Unruhe hat ihn gestern wohl eiskalt das Psilocybin erwischt. Und schon wird aus der düsteren Wirklichkeit eine noch undurchsichtigere virtuelle Realität. Wobei, ich bin mir gar nicht sicher, ob es für ihn so unangenehm war. Er schien gewissermaßen, ein intensives Gespräch mit sich selbst zu führen. Gut, er hat am Ende dieses Gesprächs einen Teil von sich symbolisch umgebracht, ermordet, ihn ausbluten lassen. So war zumindest unsere Deutung seiner pantomimischen Darstellung. Aber es erschien auch uns so, als hätte Hugo das Richtige getan. Angefeuert haben wir ihn gerade zu. Bizarr! Dick Lorent is dead!
Naja, mal schauen dann gleich, wie es ihm geht.

“Wie viele Liegestütze hab ich schon?”

“42”, antwortet ein kleiner grauer Kasten auf dem Schreibtisch. “Bildschirm einschalten?” “Ja!”, ächze ich.

Medizin: gut! Drogen bäh!

Kaum zu glauben, wie lange man die aus wissenschaftlicher Sicht unsinnige Unterscheidung in “gute Medizin” und “böse Drogen” aufrechterhalten hat. “Böse Drogen”, das sind die ohne Beipackzettel und ohne ärztliche Unterschrift.  Von Drogen wird man abhängig. Von Medizin nicht! Hm, dann gab es da aber natürlich auch noch die Medikamenten-Abhängigkeit, doof! Das passt jetzt so gar nicht ins Konzept.

Zum Ausgleich kommen auch zum Team der “Guten” noch ein paar Substanzen dazu. Alkohol! Wo wären wir ohne 40 bis 100 Liter “Hausbier” für treue Brauereiangestellte. Wem sollen 70 Liter Bier im Monat schon schaden? Das ist doch ein “Nahrungsmittel”, ein Kulturgut! Droge? Und Nikotin ist doch auch nur eine Bagatelle und keine Droge, oder?
Lustig, wirklich lustig!

Heute hat sich zum Glück auf voller Linie durchgesetzt, was Experten in diesem Bereich sehr lange Zeit vorgeschlagen haben: Legalisierung! Es macht keinen Sinn, irgendwelche Klatschmohn- oder Koka-Felder abzubrennen. Die Bauern gehen halt pleite und die Mafia zieht weiter. Es bringt auch nix, der Hydra Köpfe abzuschlagen. Nur Resozialisierung der Dealer im Gefängnis hilft. Zudem, den Markt durch schlechte Preise und leichte Zugänglichkeit kaputt zu machen – das hilft auch.

Viel zu lange war das Problem, dass es doch nicht sein darf, dass Sozialpädagogen, Ärzte, Apotheker und Gärtner die Hauptrollen im Drogen-Actionfilm spielen… In einem Drogen-Actionfilm müssen politische Hardliner und harte Cops die Hauptrollen spielen! Welch kapitaler Denkfehler!

Ihr Zertifikat ist leider abgelaufen!

Wir selbst bieten im Walddorf Zertifizierungsseminare an. Diese Kurszertifikate sind die Voraussetzung dafür, dass jemand in Apotheken an bestimmte Substanzgruppen unter Vorlage der Krankenkassen-Karte heranzukommen. “Sie möchten ein Opiat? Darf ich ihr Zertifikat und Ihre Krankenkassen-Karte sehen?” So einfach ist das.

Ich schwitze ein wenig. Vier Crunches noch.

In den Schulungen werden die Teilnehmer erst geschockt und dann informiert. Was kann passieren und wie kann man es verhindern? Was passiert da in mir und was kann das auf lange Sicht mit mir machen? Worauf muss ich achtgeben? Welche Stellen können mir helfen? In dieser Reihenfolge wird das Thema bearbeitet. Auch für Alkohol und Nikotin, zwei der in ihren Folgen schlimmsten Drogen, sind solche Zertifikate obligatorisch, auch wenn sie in diesem Fall nicht in der Apotheke, sondern im Supermarkt oder am Automaten vorgezeigt werden müssen – oder ab einer bestimmten Stärke und Abgabemenge im Restaurant.

Die Zertifikate müssen jedes Jahr erneuert werden. Dadurch, dass jeder Kauf registriert ist, können Gelegenheitsnutzer und gefährdete Konsumenten gut voneinander getrennt werden. So bekommen Gelegenheitsnutzer beim nächsten Mal lediglich eine kurze Auffrischung und vielleicht auch ein paar neue Studienergebnisse mit auf den Weg. Intensivere Nutzer kommen in spezielle Kurse, in denen Ärzte über Neben- und Langzeitwirkungen sprechen und sich die Teilnehmer über Erlebnisse austauschen. Oft schließen an die Veranstaltung auch eine Lebensberatung oder ein Coaching an. Kümmern ist wichtig. Alternativen aufzeigen ist wichtig. Aber ein Verbot, das bringt nix.

Vom Saruman zum Gandalf

Die Ergebnisse der Legalisierung? Berauschend! Auch wenn die Zahl der niedrigfrequenten Konsumenten gestiegen ist, sind die Zahlen für die hochfrequenten Nutzer in den Keller gerauscht. Das mag auch daran liegen, dass es die unterschiedlichsten hochwirksamen Entzugsprogramme gibt, seit genügend Geld dazu da ist. Bei diesen ist auch die Gängelung und übermäßige Kontrolle komplett weggefallen, die viele Nicht-Hardcore-Konsumenten sehr abgeschreckt hat.

Ein paar der früheren Höllensubstanzen haben sich sogar vom Saruman zum Gandalf gewandelt. Psilocybin zum Beispiel, die Substanz, die mit so genannten “Magic Mushrooms” aufgenommen wird, ist ein anerkanntes Antidepressivum. Auch die Substitution für Opiate hat noch einige drastische Entwicklungen hingelegt. Die modernen Nachfolger des alten Opiats Buprenorphin werden bei manchen Klienten inzwischen auch therapeutisch eingesetzt, z.B. in schwer depressiven oder gar suizidalen Phasen. Das Opiat übernimmt gewissermaßen die Funktion eines sozialen Regenmantels, an dem Selbstwertbedrohliches abperlt. Ohne diesen Mantel hätten sonst giftige Bemerkungen, z.B. des Arbeitskollegen, mitten ins Ziel getroffen und dort über Tage ihr Gift in Selbstzweifeln verbreitet. Jetzt kann dank des Wirkstoffs erst mal wieder ein geregelter Tag mit vielen Erfolgserlebnissen in Angriff genommen werden und dann wird die Dosis einfach stückweise auf Null reduziert.

Noch mindestens fünfzehn Klimmzüge, uff!

Finale

Das wichtigste ist ohnehin, dass sich durch das Bedingungslose Grundeinkommen im Ganzen die Einstellung zur Arbeit geändert hat. Wer heute unter schlechten Bedingungen in einem Job für zu wenig Geld arbeitet, von dem er nicht weiß, warum er ihn überhaupt tun soll, den schickt man zum Psychiater. Mit dem kann etwas nicht stimmen!
Vermutlich ist es genau dieser Wegfall von unsinnigem Wettbewerb, Frust, Widerwillen und Bedeutungsleere, der den größten Effekt auf die Einnahme von “Drogen” hatte.

Drei, zwei, eins – ich ächze. Null, minus eins, minus… minus… zw… fast wäre noch eine Wiederholung gegangen. Erschöpft sacke ich auf den Fußboden. Immer wenn ich mich sehr verausgabt habe, spür ich die Nadel pochen, die in meiner Medulla Oblongata steckt.

Apropos Arouser: Es gab kein mobiles Studio, bzw. war das Studio eigentlich das Badezimmer eines Freundes, dessen Eltern gerade nicht im Haus waren. Wir waren umfangreich informiert, dank 3D-Brille und einer professionellen Computersimulation. Die virtuelle Realität half uns gewissermaßen, jedes Detail vorzubereiten und dann den Emitter genau an die Stelle zu schieben, die für den Wachmach-Effekt verantwortlich ist. Und weil ich mir immer noch unsicher war, haben wir schließlich sogar an einer frischen Schweineschwarte trainiert! Ja, gruselig. Wobei, eigentlich nicht. Wir waren mutig, neugierig und vorsichtig – drei gute Eigenschaften, eigentlich!

Wach und gut gelaunt statt Morgentran! Ich finde, es hat sich gelohnt, auch wenn es natürlich aus elterlicher Perspektive ein bisschen leichtsinnig war. Erst beim Blick auf meinen Arm, der aussieht, wie eine sehr behutsam gerupfte Gans, merke ich, wie verdammt kalt es mir ist. Ich brauch ne Dusche!

Fortsetzung: Mein Baum – Entwicklungsaufgaben III

Erstmals veröffentlicht am 6. Dez 2015 @ 23:18