Plot: Hugo ist noch komplett von der Rolle, was den seltsamen Traum betrifft, den er hatte.
Exkurse: Mobilität der Zukunft, Erste Hilfe, Friendzone


Vorspann

Alles viel zu kompliziert. Meine Stirn rastet in meiner aufgestützten Hand ein; wobei, eigentlich kann ich auch meine Füße hier nach oben legen und mich einigermaßen bequem in die Ecke lehnen, die das Tribünengestänge hier formt. Keine halben Sachen machen! Gut, es ist kein Bett, aber relativ bequem. Nur mal ganz kurz!  Und mit einem herzhaften Gähnen schließe ich die Augenlider. Das anfängliche Schwarz verschiebt sich langsam dank der Halogenlampen in ein Dunkelgrau.

Kati

Abgestürzt

„Du hättest mich nicht so zu schütteln brauchen! Dann wär ich nicht vor lauter Schreck vom Stuhl auf den Boden gerutscht. Mann, tut mir der Schädel weh. Dieser Beton ist echt hart“, jammert Hugo.

Wir haben uns zum Parkplatz beim Haupteingang durchgekämpft. Die Sonne steht bereits relativ niedrig, als wir erneut versuchen, lautstark die Schuldfrage zu klären.

„Du hättest nur auf mein Rufen reagieren müssen!“, entgegne ich wütend. „Ich hab mir Sorgen gemacht! Du warst ja wie weggetreten, völlig von der Rolle! Und wie soll ich ahnen, dass es Dir mitten am helllichten Tag gelingt, in einem von Neonröhren beleuchteten Vorlesungsraum auf einem Metallgestell und einer Holz-Sitzfläche ein Nickerchen zu halten, aus dem du kaum aufzuwecken bist!“

Kaum macht man’s richtig…

Nach seinem Sturz vor einer Stunde hatte sich Hugo erst dann wieder vom Zwischenboden des Vorlesungssaals aufgerappelt, als ich von Lachen und „Jetzt stell dich nicht so an!“ auf Liebkosungen und gutes Zureden umgestiegen bin. Ganz vorsichtig hab ich Hugos Hinterkopf abgetastet und bin ihm über die feucht-kalte Stirn gestrichen, mit besorgtem Blick. Dadurch ist die Befindlichkeit schlagartig besser geworden. Rotbäckig geradezu! Wie in plötzlichem Fieberwahn hat Hugo davon erzählt, ich hätte ihm gewissermaßen das Leben gerettet. Realität und sein gerade überstandener Alptraum flossen immer wieder ineinander über. Das muss ein bemerkenswerter Traum gewesen sein!

Draußen am Lieferanteneingang hatte uns eine Erste-Hilfe-Drohne erwartet, genau wie Hassan vom Sicherheitsdienst es angekündigt hatte. Mit ein paar bewährten Routinen hat das Gerät die Schnittwunde an meiner Hand versorgt. Zudem konnte dank eines schnellen Scans ausgeschlossen werden, dass an Hugos Hinterkopf größerer Schaden entstanden ist. Noch schnell die Krankenversicherungs-ID übermittelt und schon erhob sich der Brummer wieder in die Luft, steuerte auf kürzestem Weg in Richtung des nächsten Verkehsstrecke und fädelte sich in definierter Höhe in den Verkehr der Flugobjekte ein, die den Himmel mit einem deutlich sichtbaren weitmaschigen schwarzen Netz überziehen.

Die Waffen einer Frau

Hugos gekränkten Stolz konnte die Drohne dabei natürlich weder erfassen noch lindern. Dieser verletzte Hundeblick, mit dem er auf mein Gekicher nach dem Sturz reagiert hat! Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Ob Ayo Recht hat, dass Hugo über beide Ohren in mich verknallt ist? Wir kennen uns doch schon so lange! Trotz seiner beeindruckenden IT-Aktionen kommt er mir immer so hilflos und fast schon naiv vor. Hugo ist ein bisschen der kleine Bruder, den ich mir immer gewünscht habe. Ausgeschlossen, dass der in mich verliebt ist!

Sollte er wirklich in mich verliebt sein, dann sind meine Anruf-Aktionen schon fast ein bisschen gemein, mit denen ich ihn regelmäßig belästige. Andererseits – wir sind Freunde! Wo zieht man da die Grenze? Und wenn ich auf seinen Anruf warten würde, dann müsst ich ja lange warten. Ok, ich rufe auch manchmal an, wenn ich mit Ayo gestritten habe oder mir aus irgendwelchen anderen Gründen die Erfolgserlebnisse ausgehen. Ich mag die Art, wie er mir zuhört, wie er mich durch irgendwelche überraschende Fragen aus dem Konzept und zum Lachen bringt. Und es tut gut, diese Art wie er um mich besorgt ist. Andererseits – wenn’s mir dann wieder besser geht, dann nervt das auch ganz schnell mal. Komisch irgendwie.

Polyamodings?

Vielleicht liegt es ja auch genau daran, dass Hugo fast immer verfügbar ist, wenn ich ihn brauche. Ich mag ihn sehr, aber mir fehlt das Aufregende, mit dem unser Verhältnis in eine neue Dimension gehen könnte. Eine polyamore Beziehung wäre für mich kein Denkverbot, im Gegenteil. Aber bei Hugo kommt die Art von Gefühlen bei mir selten in Wallung.

Von den wenigen Prinzessinnen-Tagen einmal abgesehen, wollte ich mir über Beziehungen am liebsten gar keine Gedanken machen. Es ist ein langer Weg bis hierhin gewesen. Immer noch wird gerade Frauen an tausend Stellen eingeredet, dass vor allem sie die „Beziehungswesen“ sind. Aber das ist doch Bullshit! Ja klar, ich brauche Freundinnen und vor allem auch Freunde. Kerle sind halt einfach unkomplizierter, verrückter, verspielter, einfallsreicher, überraschender – trotz aller gesellschaftlichen Entwicklungen. Mag sein, dass ich da auch gerne mal meine weibliche Waffen einsetze und ja, ich liebe Sex, aber eigentlich will ich nur eine gute Zeit haben, egal ob bei der Arbeit oder privat.

Real Virtuality

Wir sitzen auf den Resten einer Bank, genießen den durch den Verfall noch beeindruckenderen Blick auf das geschwungene Haupt-Portal und teilen uns ein Fläschchen Wasser. Da fängt Hugo schon wieder an: „Im Vorlesungsraum ist alles eingestürzt! Alle Ränge sind weggebrochen. Ich weiß gar nicht, was mit denen in der oberen Etage passiert ist. Ob es Ry überlebt hat?“

„Hey, du hast geträumt“, hole ich Hugo in die Realität zurück. „Aber das war seltsam. Das war genau der gleiche Raum irgendwie. In der Wand gegenüber sind Löcher ins Mauerwerk geschlagen worden, um mehr Licht reinzulassen. Und in den Behelfsräumen unter den Vorlesungsrängen sind alle jetzt tot, die dort gestanden haben. Und dort haben viele gestanden!“

„Dort werden die ganzen Putz-Sachen gelagert und ein Waschbecken ist da drin!“ gebe ich zurück. „Da ist niemand, der tot sein könnte!“

„Und das Mädchen! Es muss das Gleiche gewesen sein, von dem Ayodele erzählt hat! Ich hab sie nur ganz kurz gesehen. Aber dieser gleichzeitig hilflose und doch entschlossene Blick. Sie war als ob sie nicht zu dieser Welt gehören würde. Übernatürlich irgendwie. Viel zu real für einen Traum.“

Erschöpft gebe ich meinen Widerstand auf und nicke nur noch wissend mit dem Kopf. Als Hugo eine kurze nachdenkliche Pause einlegt, werfe ich schnell ein: „Wir müssen zurück zum Wagen. Ich hab versprochen, für das Herbstfest heute Abend noch einen Zwiebelkuchen vorzubereiten!“

Teilautonome Fortbewegung

Schnell sind wir wieder drüben in der Haltebucht und haben alles in meinem Auto verstaut. Erschöpft vom ereignisreichen Nachmittag nehmen wir in der geräumigen Fahrerkabine Platz. Die Kupplungen am Fahrzeug vorne und hinten sind exakt normiert. Ansonsten gibt es inzwischen die seltsamsten Formen, seit die Reisegeschwindigkeit selten hundert Stundenkilometer übersteigt und der Komfort und die Aussicht statt der Windschnittigkeit in den Mittelpunkt des Designs gelangt sind.

Komisch eigentlich, dass man das Auto schon vor langer Zeit „autonomes Mobil“ nannte. Ein Automobil war es doch eigentlich erst seit seiner letzten Entwicklungsstufe, in der man den Steuerknüppel nur noch ausnahmsweise selbst bedienen muss! Ok, im Vergleich zur Pferdekutsche ist das Autos natürlich schon „selbst“ gefahren. Jetzt fuhr es noch dazu auf eine ganz grundsätzliche Weise selbst. Ein Superautomobil.

Das Interieur hatte sich entsprechend zu einer Art zentralem Tisch mit vier Sesseln gewandelt. Bei Bedarf kann von jedem Platz aus eine leichte Datenbrille genutzt und besagter Steuerknüppel verwendet werden. Aber eigentlich braucht man nur noch das große Touch-Display, um den Zielpunkt einzugeben.

Engage

Die Sicherheitsgurte wecken noch ein wenig Nostalgie von früher. Nahezu geräuschlos beschleunigen wir und sind schnell auf dem Zubringer. Zwei unabhängige Systeme erfassen Infrarotsignaturen und andere Fahrzeuge und Flugobjekte und tauschen zu 99% unmerklich Tonnen von Daten aus. Unfälle werden so fast ausgeschlossen. Knautschzonen konnten eingespart werden.
Unsere Fahrt ist bis auf die Geräusche der Reifen fast geräuschlos. Nur in Ausnahmefällen, bei „nicht-maschinellen Verkehrsteilnehmern“ auf möglichem Kollisionskurs macht ein Ton auf uns aufmerksam.

Die Kolonne

Bereits nach wenigen Minuten erscheint vor uns das Ende der nächsten Kolonne. Das Display zeigt an, dass es sich um beachtliche 123 Fahrzeuge samt Zugwagen handelt. Zugwagen? Das ist ein gewinnbringendes neues Standbein für die ehemalige „Deutsche Bahn“! Unsere Fahrt wird heute von einer bekannten Limonaden-Marke gesponsort.
Ein fast nicht bemerkbarer Ruck und eine Animation auf dem Display zeigen, dass der Kupplungsprozess wunderbar funktioniert hat. Der Akku meldet, dass er aufgeladen wird und aus den Daten der entgegenkommenden Kolonnen und Fahrzeuge wird eine Liste potentieller Störungen und eine geschätzte Fahrtzeit berechnet.

Als Kind hab ich Stunden damit verbringen können mitzuverfolgen, wie Fahrzeuge vor Ausfahrten ihre Abkopplung anmelden. Dann beschleunigen die Fahrzeuge davor unmerklich die Geschwindigkeit, während jene dahinter ganz leicht bremsen. Die Abbiegenden wechseln auf die Seitenspur und nun bremst der vordere Teil so lange behutsam ab, bis die Kolonne wieder vollständig verkuppelt ist. In der Zwischenzeit reihen sich ganz hinten an die Kolonne die neuen Mitglieder an.

Fliegen beim Fahren

„Jetzt lass mal dein Filmmaterial sehen!“, drängt Hugo. Schnell habe ich den Quader mit der Kamera herausgekramt. Während einige Terabyte an Daten vom Gerät auf den Mediaserver des Autos überspielt werden, machen unsere Datenbrillen aus dem Aufnahmegerät einen Projektor. Und schon geht er los, der gestochen scharfe dreidimensionale Ritt durch die Uni.

Ganz schnell vergessen wir, dass wir selbst gerade Katis zu Hause „entgegenreiten“. Es sind nur noch knapp 50km bis wir zum „Waldscraper“ gelangen, so heißt Katis „Wohnung“.

Fortsetzung:

Turm der Tiny Houses