Die Frage erscheint trivial, ist es aber nicht: was verdammt noch mal soll dieses Gespinst von g20k eigentlich sein?


Eine Sekte?

♦ Gaaaaanz kalt. Viel zu individualistisch, demokratisch, wissenschaftlich orientiert, kulturell vielfältig und fest davon überzeugt, dass Relgion privat ist und die Geschicke dieser Welt möglichst wenig beeinflussen sollte. Könnte allerdings sein, dass g20k am ehesten agnostisch / atheistisch eingestellte Menschen anzieht.

Eine Partei?

Auch noch kalt. Es geht bezüglich verschiedener Themen nicht darum, eine gemeinsame Haltung einzunehmen, sondern die jeweilige individuelle Haltung an gemeinsamen Maßstäben (gemeinwohl-orientiert, empirisch belegt, …) zu messen. Und es geht darum, nicht nur im Bereich des Theoretischen und Verbalen zu bleiben, sondern mit Spaß etwas zu schaffen, auszuprobieren, zu lernen, nachzumachen, zu erfinden. Es könnte allerdings sein, dass man bei g20k am ehesten Menschen mit einer liberal-linken politischen Haltung finden wird.

Eine Loge?

Hmmm. Ja, weil es darum geht, Menschen mit einer ähnlichen Gesinnung zu finden, die etwas bewegen wollen. Dadurch, dass sich diese Menschen in unserer Welt vermutlich etwas fremd fühlen – zumindest tut das der Autor, wird vermutlich auch der Gruppe aus Sicht des Normalos etwas Geheimnisvolles, Seltsames anhaften. Das ist aber gar nicht Absicht. Könnte allerdings sein, dass es irgendwann vielleicht ein Zeichen gibt, an dem man sich gegenseitig erkennen kann… Hat ja auch etwas Cooles, so eine Loge… wer allerdings Kult, Aufnahme-Ritual und sonstiges Klimbim erwartet, möge lieber doch ein paar einschlägige Filme kucken.

Ein Service-Club, eine karitative Gruppe?

Vermutlich werden viele, die dazukommen, Berufe haben und sicher wird’s kein Schaden sein, wenn diese Berufe möglichst vielfältig sind. Und sicher wird es an vielen Stellen auch darum gehen, zu dienen, im Sinne von helfen, unterrichten, sich kümmern, Pespektiven aufzeigen, vielleicht sogar spenden.
Aber das Helfen ist nicht der Zweck. Denn selbst wenn es heute allen Menschen körperlich und psychisch gut ginge und alle ein minimales Maß an Sorgen hätten, die spannenden Fragen würden doch dann erst anfangen: Wann fliegen wir zum Mars? Wann siedeln wir auf dem Boden des Meeres? Wann können wir unsere Städte unter der Erde verschwinden lassen oder in riesige Wälder verwandeln? Wann können wir fliegen? Wohin soll die digitale Entwicklung gehen? Was ist möglich? Was ist sinnvoll? Was wollen wir? Und wie können wir klein damit anfangen?

Eine NGO oder ein gemeinnütziger Verein oder eine Genossenschaft oder eine Firma oder eine DIY-Gruppe?

Ich hoffe, dass g20k selbst ein gemeinnütziger Verein wird, der sich einerseits selbst in viele Vereine, Genossenschaften, kleine Firmen und DIY-Gruppen aufsplitten wird und wiederum mit vielen Vereinen, Genossenschaften, Firmen und DIY-Gruppen assoziiert sein wird.

Warum nicht gleich dem CCC anschließen?

Ja, in der Tat scheint mir vieles, was beim Chaos Computer Club oder auf Hacker-Konferenzen abgeht, ein bisschen in die Richtung zu gehen, die ich mir vorstelle. Auch der Spirit ist vermutlich an einigen Ecken sehr ähnlich.
Letztlich sind es meine (relativ sporadischen und wenigen) Hacker-Kontakte, die mich vorsichtig werden lassen und auf Basis derer ich mich frage, wie man’s vielleicht auch anders angehen könnte:

  • Braucht es einen gefährlich-bedrohlicher Matrix-Neo-Nimbus oder die anonymistische Aura eines “Remember, remember, the fifth of November“, um die Welt Stückchen für Stückchen auf den Kopf zu stellen? Hat das nicht mehr mit den feuchten Träumen pickeliger Teenager als mit der Wirklichkeit zu tun?
    Fände es cool, ohne eine solche Aura auszukommen. Hätte nix dagegen, wenn “Brigitte” oder “Für Sie” den Aktivitäten in den D-Häusern einen Artikel widmet.
  • Mag ich Menschen, die sich und ihre Kollegen als permanente Weltenretter begreifen? Ja, es gibt schwere Bugs, bei denen kann man Herzbluten bekommen, auch hinsichtlich ihrer Auswirkungen, aber hat sich jemals ein Borkenkäfer-Bekämpfer als Weltenretter hochstilisiert? Stirbt Daesch (aka IS), weil man seine Webseiten abschießt oder weil ihm niemand mehr Öl abkauft?
    Ich glaube, die meisten heroischen Dinge in dieser Welt sind nicht durch heroische Leistungen einzelner Intelligenzbestien zu erreichen, sondern durch die langfristige Leistung, mit Spaß zusammenarbeitender demütiger und am besten noch interdisziplinärer Teams.
  • Sicher, wir brauchen auch hyper-intelligente Kaputt-Macher, die sich dann an die Öffentlichkeit wenden. Aber ich sähe viel lieber Millionen von Bauherren, Maurern und Architekten, die etwas Geiles aufbauen – in der IT, in der Gesellschaft, in der Kunst oder in der Natur. Und das gar nicht, um sich als Held im Zelt feiern zu lassen, sondern weil’s wichtig ist, dass etwas erreicht wurde.
  • Eine weitere Herausforderung besteht vermutlich darin, die Balance zwischen Männlein und Weiblein ausgeglichen zu halten und so gar nicht erst in die Nähe dessen zu kommen, dass eine Horde Testosteron-geschwängerter Superhirne um ein paar nicht eben gleichgestellte Groupies herumturnt und diese durch Heldentaten zu bezirzen versucht. Prof. Britta Schinzel lässt grüßen.

Möge man mir meine polemisierenden Äußerungen verzeihen – oder auch nicht. Bin auch gerne dazu bereit, mein Bild zu relativieren oder meinen Horizont zu öffnen. Aber bislang ist genau das mein Eindruck, den ich von der Hacker-Zunft bislang erheischen konnte.

Ein Framework…

Laut Wikipedia ist ein Framework im IT-Sinne “selbst noch kein fertiges Programm, sondern stellt den Rahmen zur Verfügung, innerhalb dessen der Programmierer eine Anwendung erstellt, wobei u. a. durch die in dem Framework verwendeten Entwurfsmuster auch die Struktur der individuellen Anwendung beeinflusst wird.
Das trifft es vermutlich am besten. g20k gibt einen Rahmen vor, für Eigenschaften, Gesinnung und Verhaltensmaßstäbe, die seine Mitglieder mitbringen sollten, sowie für die Projekte und Aktionen und Organisationselemente, die unter seinem Dach stattfinden, sowie für die Gruppen, mit denen es assoziiert wird.

Es ist ein Rahmenwerk, für Künstler/Wissenschaftler/Politiker/Wirtschaftler/Lehrer/Techniker, die jeweils Künstler/Wissenschaftler/Politiker/Wirtschaftler/Lehrer/Techniker besser verstehen wollen, gut finden, mit ihnen zusammenarbeiten, zwischen ihnen Brücken bauen wollen, denen Arbeit und vor allem Spaß an der Arbeit wichtig sind und die damit etwas Sinnvolles machen wollen. Es sind Menschen, die sich nicht allein fühlen wollen, aber auch nicht zu sehr einem Gruppenzwang unterliegen möchten. Es sind Menschen, die vom Jetzt ausgehen und sich fragen, wie es auch noch ganz anders sein könnte.

… unter dem sich noch keiner versammelt.

Jepp, schönes theoretisches Herumgerede. Aber solange es keine Mitstreiter und fertiggestellte Projekte gibt, bleibt g20k was es heute ist – ein Kunstprojekt, in dem ein kautzig gewordener Typ seine Zukunftshoffnungen festhält und hofft, dass es vielleicht irgend jemanden interessiert.

g20k