Prolog

Die dunkle Seite der Macht

“Ach, wäre das schön, wenn man Nazis abschieben könnte!”, denkt sich so mancher. Aber wohin nur?!

Wenn heute jemand allen ernstes meint, alle Probleme würden sich von selbst lösen, wenn nur alle “Ausländer” das Land verließen, dann fragt man sich schon, ob das überhaupt mit Land und Verfassung und Lebensrealität vereinbar ist. Kann es da überhaupt Kompromisse geben? Sind solche Menschen überhaupt durch irgend etwas von ihrer Verbitterung oder Verblendung zu befreien?

Man könnte ja so perfide sein und auf den Gedanken kommen: Wäre es nicht schön, wenn es einen Ort gäbe, wo man alle die, die so denken, abschieben könnte? Vermutlich würden die feinen Herren und Damen “Artamanen” sogar freiwillig gehen. Und bei den anderen könnte man sagen “Wenn Du das wirklich ernst meinst, dann heul mir hier nicht die Ohren voll, lieber Reichsbürger, sondern geh nach Dingsbums und zeig uns, dass Du nicht nur Reden schwingen kannst! Kaiser bist du ja schon. Deine Gefolgschaft wartet! Und nehm diese Plastikausweise hier mit!”

Die helle Seite der Macht

Sprachlos ist man aber auch bei anderen Diskussionen. Nicht zuletzt beim Bedingungslosen Grundeinkommen stößt jede lebhafte Debatte früher oder später an den Punkt, wo jemand meint, dass man es halt ausprobieren müsste. Aber ohne dass es all zu viel Schaden anrichten kann, wenn es schief geht. Hm. Ja, das müsste man machen. *Stille*

Wenn man sich nun vorstellte, es gäbe tatsächlich so einen Ort, wo man vieles in dieser Hinsicht ausprobieren könnte, dann galoppieren die Gedanken förmlich. Rein mit dem großen Schöpflöffel in den Topf mit den Gutmenschen-Ideen und dann drauf auf den Teller, was geht!

Gedankenexperiment, Gedankenwelten

Damit hätten wir dann schon zwei Ortschaften, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Oder gäbe es am Ende noch mehr Ortschaften? Sind es noch mehr als diese zwei Pole, die heute zu kühnen Gedankenspielen verleiten? Die Ackermanns dieser Welt vielleicht? Nah, schätze die haben in der Realwelt bereits ihr ideales Biotop gefunden.

Wettbewerb

Der Sinn des Ganzen

Wie fassen wir etwas, das es nicht gibt? Was kann uns aus den eingefahrenen Spuren unserer Wunschträume katapultieren? Wie gelangen wir in neue Umgebungen, beginnen mit Ideen vertraut zu werden und zu spielen? Was führt dazu, dass sich ein Bauchgefühl entwickelt oder der Mut etwas anzupacken?

Wir müssen Utopien habhaft werden, sie durchspielen, nicht nur im Schönen, sondern auch im Schlimmen. Wir müssen uns vorstellen, was passiert, wenn gute Vorsätze in ihr Gegenteil pervertieren. Nur dann, wenn wir all diese Varianten im Kopf haben, sind wir vermutlich in der Lage zu sagen: “das wollen wir probieren” oder “das müssen wir unterbinden”.

Was könnte der Rahmen sein für so eine Gedankenwelt?

Ich schlage mal den folgenden Rahmen vor:


Die Regierung plant ein gewaltiges Pilotprojekt. Zwei weit auseinanderliegende weitestgehend entvölkerte dörfliche Gebiete im Osten Deutschlands sollen in zwei Jahren zu autonomen Verwaltungsbezirken werden. Die Gebiete sind geografisch maximal ähnlich und dazu relativ weit auseinanderliegend.

Die Regierung verpflichtet sich, beide Areale für zwei Jahre mit Strom, Nahrung, Wasser, Abwasser und Saatgut zu versorgen. Pro Person erfolgt in diesem Zeitraum  eine Auszahlung von 300€ pro Monat.

Darüber hinaus steht es den Arealen frei, mit ihrer Umwelt zu verhandeln. Mit der EU sowie im Grundgesetz sind Ausnahmeregelungen vereinbart, welche die zwei Areale von allen Verpflichtungen entbinden. Es könnte beispielsweise auch die Todesstrafe eingeführt werden, würde es die Administration des jeweiligen Bereiches so wünschen. Die Folge wäre höchstwahrscheinlich, dass die Umgebung die wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen bis auf die Rumpf-Vereinbarungen einstellt.

Grenzkontrollen sind zunächst an beiden Arealen geplant, schließlich will man den unkontrollierten Zu- und Abzug von Menschen verhindern. Auch der Zulauf von Waffen soll möglichst verhindert werden. Eigene Waffen bauen, das geht natürlich.  Zum Glück sind noch genügend Zäune vom letzten G7-Gipfel übrig.

Jedes Jahr gibt es eine Art “Volkszählung”, in der jeder Einwohner durch eine Art Schleuse vor dem Areal geht und dort 20 Sekunden bleibt. Jeder hat zumindest dort die Möglichkeit, das Areal zu verlassen. Oder etwas zu erzählen, das er sonst nicht offen sagen kann.
Wird diese Volkszählung verhindert oder tauchen Bewohner bei der Zählung nicht auf, dann wird das Areal geräumt.

Für den Notfall hat die Bundespolizei zugesagt, beide Areale innerhalb weniger Tage räumen zu können. Die Bundeswehr ist bereit zu helfen, sollte dies bei zu viel Gegenwehr erforderlich sein.

Es findet sich jeweils eine Assoziation von Gruppen, die sich bereit erklären, die Besiedelung vorzubereiten. Während in der einen Dachorganisation eher Linksautonome zusammenschließen, sind in der anderen Reichsbürger, Ethno-pluralisten und “Besorgte Bürger” vertreten.

Die Masse der neutralen Zuschauer außerhalb der beiden Areale

Natürlich könnten auch “die außerhalb der Areale” Thema sein. Gäbe es Journalisten, die sich in die Areale wagen? Gäbe es Fernseh-Shows, die das Dschungel-Camp an Popularität ablösen würden? Urlaub auf dem Nazi-Bauernhof? Ein Drogen-Selbsterfahrungswochenende nach dem Abitur?


Ein minimalstes Inkrement

In der IT gibt es das Paradigma der minimalen Inkremente. Das bedeutet z.B. dass ich im Zweifel nicht erst das riskante Produkt baue, sondern die späteren Kunden erst mal mit einer grafischen Oberfläche ohne Funktion spielen lasse. Oder noch einfacher: wir nehmen für den Anfang ein einfaches Papier-Modell. Erst wenn die Ergebnisse zuversichtlich stimmen, gehe ich zur nächst-aufwändigeren Form  weiter.

Bevor man nun so eine Sonderzone tatsächlich aus dem Boden stampfte, gäbe es natürlich auch hier verschiedene “minimalere Inkremente”. Das vielleicht minimalste wäre das Mittel der Kunst. Künstler stellen sich, womöglich basierend auf Fakten und empirischen Zusammenhängen, vor, an welchen Stellen es funktionieren und an welchen es haken würde. Sie basteln Komödien, Detailstudien, Tragödien, Thriller, die das eine oder das andere Beispiel beleuchten, sein Funktionieren oder Scheitern belegen.

Der Rezipient würde eintauchen in die Welten, würde abwägen lernen, zu Einsichten kommen, neugierig werden oder beginnen zu zweifeln.

Und ganz praktisch?

Eingereicht werden können Hörspiele, Bilder, Kurzgeschichten, Romane, (Kurz-)Filme oder Musik, die Stoffe aufgreifen, welche mit jeweils einem der beiden Lager zu tun haben. Auch Computerspiele oder Fantasy-Rollenspiele und weitere hier nicht aufgezählten Formen wären möglich.

Der Zeitpunkt, den das Kunstwerk beschreibt, ist beliebig, von der Vorbereitungszeit bis zur Besiedelung und gerne weit darüber hinaus.

Und dann?

Das Gedankenwelten-Projekt könnte auf längere Zeit (mehrere Jahre) ausgelegt sein. So könnten Werke die Entstehung anderer Werke begünstigen.

Die Autoren müssten urheberrechtlich erlauben, dass ihre Szenerien und Figuren auch von anderen Autoren verwendet werden dürfen, damit sich Werke aufeinander beziehen, miteinander spielen, in einen Dialog miteinander treten können.

Ein Kuratorium würde dort, wo es möglich erscheint ähnliche Stoffe in Zusammenarbeit mit den Künstlern kombinieren. Vielleicht gäbe es immer wieder Preise für das beste Einzelkunstwerk und eine ganze Reihe weiterer Preise für verschiedene Arten von besten Gesamtkunstwerken.

Über eine gemeinsame Plattform würden alle Artefakte beworben und vermarktet.

Hm… auch neugierig, wie das laufen würde?

Dann brauchen wir “nur” noch einen Initiator, der das – entsprechende Reichweite im Künstler-Milieu vorausgesetzt – durchführen und pushen könnte.